Bös', diese Brühe

von Elena Philipp

Berlin, 18. August 2021. Charmieren, drohen, locken, rasen, jammern, sinnieren, auftrumpfen – man käme mit Verben gar nicht hinterher, versuchte man das Spiel von Stefanie Reinsperger in ihrem minutenlangen "Schwarzwasser"-Monolog sprachlich nachzuvollziehen. Euphorisch lächelnd, lädt sie wie eine Fernsehpredigerin zum Zuhören; als Opfer politischer Anwürfe streckt sie uns ihre mit Wunden bemalten Handflächen entgegen; und wie eine irre Killerin schaut sie gesenkten Kopfes unter Haarfransen hervor. Jeder Satz eine neue Haltung: Gespielt ist das so dicht und vieldeutig wie Elfriede Jelineks Theatertext geschrieben ist. Reinsperger bringt ihn als Teil eines Frauenquartetts in der Inszenierung von Christina Tscharyiski auf die Bühne. Und dafür gibt es am Neuen Haus des Berliner Ensembles: Zwischenapplaus.

Toxisch bezirpst die Machtfigur

Viel Stoff steckt, wie immer, in Jelineks Vorlage. Ihre Klage über Österreichs Regierungen, korrupte Politiker und die schwarz-blaue Schwundstufe der Demokratie verdrillt sie mit dem Erstarken der Neuen Rechten: "Deutschland marschiert auch schon wieder". Euripides’ "Bakchen" weben ihre Efeukränze durch den Text, und die Besessenheit der Gottesanhängerinnen spiegelt den Rausch der Völkischen, die, so Jelinek, gewaltvoll handeln, sich rhetorisch aber zum Opfer stilisieren. "Hier, in der Kabine, können Sie Ihre Kleider ablegen und Ihre Stimme abgeben und Menschen abschaffen", klingt Politiker-Zynismus in "Schwarzwasser", und Stefanie Reinsperger gibt dazu die in ein antikisierendes Wickelgewand gekleidete, bezirzend-bedrohliche Machtfigur. Bös’ ist die Brühe, die sich hier zusammenbraut, so toxisch wie das Abwasser aus den titelgebenden Toiletten.

Schwarzwasser5 600 Matthias Horn uVölkischer Textrausch: Stefanie Reinsperger, Cynthia Micas, Claude De Demo, Bettina Hoppe © Matthias Horn

Visuell verorten Christina Tscharyiski und ihr Frauenteam das Geschehen im edel prolligen Milieu des Ibiza-Videos, welches Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache 2020 das Amt kostete. Auf einer Couchgarnitur, die dem entlarvenden Video abgeschaut ist, lümmeln die vier Spielerinnen breitbeinig hinter Wodkaflaschen und Red Bull-Büchsen. "Hier unsere Straße, die ist doch schön, oder?", grient Bettina Hoppe über Ausverkauf und Abkassieren.

Es leuchtet der Polit-Popanz

Claude de Demo in weißem Anzug raucht vollendet lässig eine Zigarette, auf einem der Airbnb-Villa entlehnten Ledersessel und Stefanie Reinsperger hat sich ihre Polit-Popanz-Krawatte um die pink gefärbte Jelinek-Frisur geschlungen, um sich volllaufen zu lassen. Die Elite der austriakischen Rechten in ihrem natürlichen Umfeld. "Cult" steht in Frakturschrift wie ein Logo im Bühnenhintergrund. Und rot leuchten die Augen der Ratten-Fledermaus mit zähnebleckendem Wolfskopf, die übergroß auf der Bühne von Dominique Wiesbauer hockt. Assoziationen und Aussageebenen überlagern einander.

Alice Weidel und Alexander Gauland in Comicbunt

Videos in affirmativer Optik unterstreichen die Kernbotschaft: Politisches Personal versagt, mit Pomp, und viele finden es trotzdem super. Zu brachial wummerndem Ibiza-Techno, live gespielt von Laura Landergott, Maya Postepski und Jessyca R. Hauser, nicken auf dem Screen Alice Weidel und Alexander Gauland als comicbunte Trachtenfiguren im Takt. Björn Höcke reckt mit starren Zombieaugen seinen Arm, und während Donald Trump seinen Wahlkampftanz schwänzelt, wiegt eine überlebensgroß projizierte Elfriede Jelinek lächelnd ihren Kopf. Pink und Palmen evozieren den Pauschalurlaub. Grotesk und doch zum Mitwippen.

Schwarzwasser7 600 Matthias Horn uFahrt auf zähnebleckendem Wolfskopf: Cynthia Miacas, Stefanie Reinsperger, Claude De Demo, Bettina Hoppe © Matthias Horn

So unterstreichen die Theatermittel die Komplexität von Jelineks Text. Beherzt ist Christina Tscharyiskis Zugriff, und zugleich bleibt die Inszenierung dem Text treu, folgt seinen Windungen und überträgt sie in ein wendiges, ironisch distanziertes Spiel, das direkt die Zuschauer:innen adressiert. Sinnfällig wird das auch in Bettina Hoppes Rede ans Volk vulgo Publikum. Am Rednerpult räsoniert sie großspurig über die Flexibilität der Gesetze, die "schon zu uns passen" müssten. "Das Recht muß unseren Befehlen Folge leisten, denn unsere Befehle sind richtig." Und während sie den bedenklichen Inhalten Raum gibt, sich zu entfalten, zieht sie die Hybris der Heißdüsigen hoch, haarscharf am Rande des Klamauks entlang. In der Rolle und sie zugleich kommentierend – großer V-Effekt am Hause Brechts. Lachen und Applaus. "Schwarzwasser"? Ist hier gelungene feministische Aufklärungs-Unterhaltung.

 

Schwarzwasser
von Elfriede Jelinek
Regie: Christina Tscharyiski, Bühnenbild & Video: Dominique Wiesbauer, Kostüme: Svenja Gassen, Künstlerische Beratung: Clara Topic-Matutin, Musik: Laura Landergott, Jessyca R. Hauser.
Mit: Claude De Demo, Bettina Hoppe, Cynthia Micas, Stefanie Reinsperger, Live-Musik: Laura Landergott, Maya Postepski, Jessyca R. Hauser.
Premiere am 18. August 2021
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

Jelinek "legt die toxische und faschistische Struktur der Grammatik frei, die die Welt in Subjekt und Objekt unterteilt und damit in ein Machtgefüge presst. Die so entstehende Hierarchie zwischen Täter und Opfer, Jäger und Beute, Schuld und Klage – und die ihr traditionell zugeordnete Bipolarität der Geschlechter – überführt Jelinek mit ihren syntaktischen Kurzschlüssen und wortspielerischen Überwucherungen in erhellende Sinnlosigkeit. Das ist vor allem Denksport und hält einen ewig jung, munter und kampfbereit", berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (20.8.2021). Den "gelungenen Abend" am BE rechnet der Kritiker vor allem der Vortragskunst der Darstellerinnen an: "Die Virtuosität dieser Olympionikinnen, ihre Konzentrationsfähigkeit, Kraft und denkerische Beweglichkeit verlangen einem Bewunderung ab."

Tom Mustroph von der taz (20.8.2021) fühlt sich "wie in einer weiteren Präsentation von Produkten einer an Elfriede Jelinek trainierten Sprach-KI, die die Memes Ibiza, Strache, Korruption und Machtrausch verarbeitet und von professionellen Stimmen in die Welt gepustet wird." Jelineks "Wühlen in der Sprache, dieses permanente Aufklappen immer neuer Bedeutungsfenster durch kleinste Verschiebungen" werde "zu einem Strom, der zwar gewaltig aus den Mündern quillt, der aber zu selten eine schlüssige Form erfährt. Nur bei Reinsperger, der gebürtigen Wienerin, erhält die Sprache jenen grantelig-nörgelnden Unterton, der das Jelinek’sche Umdrehen von Worten und Sinneinheiten geradezu natürlich wirken lässt und über die gelegentlichen Kalauer hinaus auch ganz gefährlich witzig macht."

"Ein kraftvoller, klug inszenierter Abend", ist es für Felix Müller von der Morgenpost (20.8.2021). Jelinek biete "eine hochassoziative Suada, die lustvoll die Widersprüche machtlüsterner Rede karikiert, die Bedeutungsebenen permanent flackern lässt, bewusst semantische Verwirrung in Kauf nimmt und eine erstaunliche Zahl guter Kalauer versammelt." Tscharyiskis Inszenierung wird als "kongenial" bezeichnet. "Sehr eindrucksvoll, wie die Schauspielerinnen diese Textflut, die ohne chronologische Ordnung auf uns einstürzt, zu bändigen wissen."

 

 
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