Kein Ring, sie zu knechten

von Stephanie Drees

Berlin, 20. August 2021. Es ist alles schon recht absurd, wenn man es sich recht überlegt. Ein Held, der in Drachenblut badet, ein Held, der von anderen gesteuert wird ob ihrer Habgier. Schön, zwar, blond, stark – aber auch ein instrumentalisierter Depp, furchtlos mit Schmackes in sein Verderben rennend. "Wäre Rapunzel nicht der viel bessere Held?", fragt ein Performer des inklusiven "Theater Thikwa" von der Bühne ins Publikum. Rapunzel, ebenfalls mit viel Engagement und Ehrgeiz ausgestattet, aber pragmatischer. Eine Bratpfanne als Waffe, zumindest in der jüngsten Animationsfilmvariante. Hoch sympathisch, behände, und, diese Art der Faszination schimmert zwischen den Worten des Performers durch: selbstbestimmter.

Anti-Oper mit Siggi und busiger Brünhilde

In Batik- und Glitzerhosen erklärt "Theater Thikwa" also an diesem Abend Richard Wagners Held aus dem "Nibelungenring" den Kampf, stößt ihn von so ziemlich allen Sockeln, die es gibt. Auf einem Klangbett aus Elektroklängen zeigen sie eine Art performative Anti-Oper. Sind dabei mal sie selbst, mal eine Figur aus dem Epos: Zum Beispiel eine "busige Brünhilde", die – so formuliert es Sängerin Cora Frost, die diesem Werk den Opern-Gesang beschert – auch nichts anderes ist, als "so eine Wettbewerbs-Uschi".

glanzkrawall1 600 Peter van Heesen Sopranistin Vera Maria Kremers und das "Omniversal Earkestra" bürsten Richard Wagner gegen den Strich © Peter van Heesen

Gesucht wird dieser "Siggi", wie er in einer Mischung aus Spott und liebevoller Vereinnahmung in verschiedenen künstlerischen Zusammenhängen immer mal wieder genannt wird, an diesem Abend trotzdem, in diversen Variationen. Seine blutigen Spuren, seine Taten, die sich durch Altmeister Wagners Opern-Zyklus ziehen, der im Original etwa sechzehn Stunden lang ist.

Anarchos auf der Lichtenberger Brache

Der anarchistische Drive von "Theater Thikwa" passt wunderbar in das "Berlin is not Am Ring"-Festival, das auf dem Gelände der "Fahrbereitschaft" in Berlin-Lichtenberg stattfindet, diesem Gewerbe- und Kreativhof, dessen Bauten nach wie vor DDR-Atem ausstoßen. Ein inklusives, ein kritisches, ein spartenübergreifendes Festival, das seinem egalitären Anspruch im Line-up tatsächlich gerecht wird.

Während "Theater Thikwa" im Sitzkreis, beziehungsweise -ring (die Ringmetapher erweist sich als äußerst belastbar an diesem Festivalabend, bemerkenswert) den Siegfrieds aus den ureigenen Lebenserfahrungen Denkmäler setzen (der eine Siegfried hat sich erfolgreich dem Jobcenter entzogen und macht jetzt ordentlich money in verrauchten Hinterzimmern mit Kartentricks, der andere ist nun begehrter Stripper in einer Bar) zerlegt die Big Band "Omniversal Earkestra" mit viel Bläserdruck einige der Wagnerschen Motive auf einer anderen Bühne des weitläufigen Geländes. Für derartige Dekonstruktionen und viele weitere eignet sich der Ort hervorragend.

Thikwa1 600 Peter van Heesen uPerformer:innen des inklusiven Theaters Thikwa stürzen Denkmäler des Musiktheaters © Peter van Heesen

Erstaunlicher ist aber, wie stark diese Motive beeindrucken, auch in anderer Darreichungsform Wirkungen erzielen, wie mit ihnen musikpsychologisch gespielt wird. Das Epochale kann eben auch zur Kippfigur werden. Eine Art des fröhlichen Denkmäler-Einreißens: Denkmäler des Musiktheaters, der Kulturgeschichte, des Patriarchats. Hauptsächlich ist es diese Verve, von der vieles hier zehrt und lebt, denn viel Quatsch passiert natürlich auch, das gehört für diese Art des Kunst-Anarchotums dazu. Manchmal ist es richtig guter, mal weniger guter Quatsch.

Furchtlose Festspiele

"Berlin is not Am Ring" ist der dritte Teil einer Art Festivalsaga, die sich das Musiktheater-Kollektiv "glanz&krawall" ausgedacht hat und die es mit verschiedenen Akteur:innen veranstaltet, nach den ersten zwei Teilen "BERLIN is not BAYREUTH" und "BERLIN is not BREGENZ". Dieses Anti-Festspiele-Festspiel hat sich etabliert. Wenn man sich zu späterer Stunde die wilde Revue von "glanz&krawall" anschaut, spürt man die Furchtlosigkeit, mit der Wagner, der, wie es im Programmheft heißt, "patriarchal veranlagte Kapellmeister", hier angegangen wird.

Project Nova Wrestling 600 Peter van Heesen uMännlichkeits-Parodie in der Wrestling-Show von "Project Nova" © Peter van Heesen

Ein Moderator mit Thomas-Gottschalk-Duktus und Thomas-Anders-Styling führt durch eine Nummernrevue, interviewt einen abgehalfterten Schlagergott namens Wotan und bringt nach und nach Musiker:innen-Gestalten aus dem Backstage zu Tage, deren Walkürenritt mit Akkordeon und Xylophon schon bessere Tage erlebt haben muss. Das ist mitunter so unterspannt drüber, dass das parodistische Potential aller Performer:innen gut ausgeschöpft wird. Energetisch dagegen der Rap des "AlberRitch", einer von Siegfrieds Gegenspielern, dem "alles genommen wurde" – vornehmlich der Ring.

Auch an anderer Stelle wird um ihn gekämpft, den Ring der Unterdrückung, den schon Tolkien als Inspiration nahm, um sein Epos zu spinnen. Das Wrestling-Kollektiv "Project Nova" zeigt zwei Showkämpfe, untermalt mit Live-Rockmusik der Band "Weinhardt". Doch was bringt all die zur Schau (und schöner Parodie) gestellte Männlichkeit: Am Ende geht es doch wieder unlauter zu. Der goldene Pappring hängt in den Seilen. Was nützt es: Besser keiner, als einer, der knechtet.

 

Festival Berlin is not Am Ring
Vol 3: Der Ring des Nibelungen

Künstlerische Leitung: Marielle Sterra & Dennis Depta (glanz&krawall)
Mit: Theater Thikwa + Cora Frost, Black Cracker, glanz&krawall, Omniversal Earkestra, Project Nova Wrestling + Weinhardt.
Premiere am 20. August 2021
Dauer: 4 Stunden, keine Pause

www.berlinisnotamring.de
www.glanzundkrawall.de

 

 

 
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