Unvorstellbare Gefahr

22. August 2021. Schon in den letzten Jahren wurde die Situation für das Theater in Afghanistan immer schwieriger. Wir haben mit einem Theatermacher aus Kabul gesprochen, der seinen Namen nicht nennen will, um seine in Afghanistan zurückgebliebene Familie nicht zu gefährden. Er hat das Land schon vor einigen Jahren verlassen, weil seine Theaterarbeit nur noch unter Lebensgefahr möglich war. Esther Slevogt hat ihn zur Situation befragt.

 

Sie sind ein Schauspieler aus Afghanistan und leben seit einigen Jahren in Deutschland. Um Ihre Familie in Afghanistan zu schützen, wollen Sie Ihren Namen nicht veröffentlichen. nachtkritik.de kennt ihn natürlich. Wie geht es Freunden und Familie in Afghanistan im Moment?

Ich bin 24 Stunden am Tag im Gespräch mit meiner Familie, mit Freunden und Kollegen. Seit Tagen habe ich nicht mehr geschlafen. Es ist alles zu besorgniserregend und bedrohlich. Es gibt zu viele Probleme. Es gibt kein Geld, die Banken sind geschlossen, die meisten Botschaften auch. Es gibt keine Möglichkeit, Kabul und Afghanistan zu verlassen. Die Taliban zeigen ihr verdammtes Gesicht in den Medien, aber jede Nacht kontrollieren und durchsuchen sie Haus für Haus: wer für die Regierung arbeitet, wer für Ausländer arbeitet, wer für die Kunst arbeitet, wer Ingenieur ist, wer Politiker oder Mitglied des Parlaments. Meine Familie und Freunde in Kabul haben große Angst. Sie versuchen, zu Hause zu bleiben. Niemand kann Kabul im Moment verlassen, es gibt keine Flüge. Trotzdem geht es meinen Freunden und meiner Familie den Umständen entsprechend gut. Ich bin froh, dass sie noch am Leben sind. Ich hoffe, dass sie so bald wie möglich das Land verlassen können. Denn sie fürchten um ihr Leben.

 

Sind Sie in Kontakt mit der Theaterszene in Afghanistan? Was hören Sie von den Kollegen dort?

Jeden Tag und jede Nacht spreche ich mit meinen Kollegen und Künstlern darüber, wie gefährdet Künstler in Afghanistan jetzt sind, dass kein Theater mehr geöffnet ist. Alle Künstler, Theatercompanien und Schauspieler würden Afghanistan gerne verlassen. Weil die Taliban jetzt dort sind und es keine Hoffnung und keine Zukunft für sie gibt. Einer meiner Freunde, der ein Familienvisum für ein europäisches Land hat, versucht seit vier Nächten, zum Flughafen zu durchzukommen, aber er schafft es nicht.

 

Das Theatermachen war schon in den letzten Jahren in Afghanistan sehr schwierig, die Arbeit war immer sehr gefährlich. Sie selbst sind nach einem Anschlag auf Ihr Theater nach Deutschland gekommen. Können Sie kurz beschreiben, welche Rolle das Theater in den letzten Jahren in der afghanischen Gesellschaft gespielt hat?

Als ich Afghanistan verlassen habe, gab es noch einige aktive Theatergruppen – obwohl die meisten Künstler schon seit einem Bombenanschlag während einer Aufführung im French Institute of Afghanistan im Dezember 2014 Angst hatten und nicht mehr in die Provinzen zu Gastspielen gefahren sind. Noch in den Jahren 2010 und 2011 sind wir durch viele Provinzen Afghanistans getourt. Schon damals war es gefährlich. Nach 2014 wurde es immer schwieriger. Wir hatten zum Beispiel ein Projekt zum Thema Kinderrechte, das von der UNICEF und dem Goethe-Institut unterstützt wurde, und traten damit in Schulen auf. Aber das wurde immer schwieriger und unsicherer. Deshalb konnten meine Freunde und Kollegen unsere beiden Theater nicht mehr weiterführen: eine Theater- und ein Puppentheatergruppe. Die Menschen in Afghanistan lieben das Theater. Unsere Aufführungen waren immer positiv. Es ging um Kinderrechte, Umwelt, Gesundheit, um schöne Geschichten aus der ganzen Welt, wie "Der kleine Prinz", den wir seit 2010 aufgeführt haben, und so weiter. Aber jetzt werden die Taliban keine künstlerischen Aktivitäten in Afghanistan mehr zulassen. 

 

Wie schätzen Sie die Zukunft Afghanistans im Allgemeinen und die des Theaters im Besonderen ein?

Khasha Jawan Nazar Mohammad Khasha, gezeichnet am 27. Juli 2021 nach seinem gewaltsamen Tod. © Farand Safi. Hier ein Handyfilm auf Twitter, der den Entführten in der Gewalt der Taliban zeigt und ein Bericht in der TagesschauEs ist schwer zu sagen, wie unsere Zukunft aussieht. Sie liegt nicht in unserer Hand. Doch solange die Taliban in Kabul sind, wird es keine Kunst- und Theateraktivitäten geben, da bin ich mir sicher. Denn Kunst und Theater bilden die Menschen, und das wollen die Taliban nicht. Es werden noch mehr Gefahren auf Künstler zukommen. Vielleicht haben sie gehört, dass die Taliban vor kurzem Nazar Mohammad Khasha, den berühmten Comedian aus Kandahar, entführt und brutal ermordet haben. Ich möchte dieses Bild von ihm mit Ihnen teilen, das in den sozialen Netzwerken verbreitet wird. Bitte veröffentlichen Sie es.

 

Wie kann die Unterstützung aus Deutschland aussehen? Welche Erwartungen haben Sie an die Theaterszene hier? Wie kann Hilfe geleistet werden?

Es gibt von meiner Seite nur eine Idee: Möglichkeit schaffen, Künstlern und Journalisten zu helfen, ein europäisches Visum zu bekommen, damit sie nach Europa kommen können. Wenn es wieder Frieden in Afghanistan gibt, bin ich sicher, dass wir alle dorthin zurückkehren werden, um zu helfen, unsere Kultur und Kunst zu unterstützen und wieder aufzubauen. Ich vermisse meine Auftritte, meine Theaterarbeit in Kabul und hoffe auf eine bessere Zukunft in einem friedlichen Afghanistan.

Es ist zu schwer zu akzeptieren, dass die Taliban zurückgekehrt sind: Weil es künftig keine Medien geben wird, keine Menschenrechte, keine Frauenrechte, keine Kinderrechte, keine Frauenaktivitäten, keine Kunst, kein Theater, kein Kino, keine Musik, keine Konzerte, keine Demokratie. Die Taliban werden alle kulturellen Dinge in Afghanistan zerstören, so wie sie es 2001 mit der Sprengung der Buddha-Statuen in der Provinz Bamyan oder der Plünderung des Nationalmuseums in Kabul getan haben. Bitte helfen Sie unseren afghanischen Flüchtlingen und schieben Sie sie nicht ab. Bitte kümmern Sie sich um Afghanistan. Bitte lassen Sie uns nicht allein.

 

Das Interview wurde in Englisch geführt und ins Deutsche übersetzt.

 
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