Was vom Leben übrig bleibt 

von Katrin Ullmann

Hamburg, 23. August 2021. Ein Rosenstrauch, ein Wäscheständer, eine Waschmaschine. Ein Massage-Sessel, ein Ventilator, ein Fernseher. Ein Radiator, ein Tisch, ein paar Plastikstühle und ein halbes Dutzend Koffer. Am Ende stehen all diese Dinge, Requisiten eines Lebens, beieinander. Gestapelt, aneinander geschoben und schwarz stehen sie auf dem Bühnenpodest. Gerade so, als würde gleich ein Umzugswagen kommen. Dazwischen leuchten trotzig zwei Pullover. Hellrot und Rosa. Saša Stanišićs Ich-Erzähler und seine Großmutter Kristina. Als bunte Flecken in dieser Dunkelheit sind sie vielleicht die letzten Hüter der Erinnerungen. Hinter ihren Rücken singt Balkan-Traurigkeit vorbei. Ein letzter Wortwechsel noch, einer über das Sterben, und das Stück ist aus.

Beim Sammeln der Erinnerungen

Sebastian Nübling hat Stanišićs Roman "Herkunft" auf die Bühne des Thalia Theaters in der Gaußstraße gebracht. Dieses 2019 erschienene Werk, für das Stanišić mit dem Deutschen Buchpreis geehrt wurde, dieses Buch über seine Heimat Jugoslawien (1978 wurde er in Višegrad geboren), und über sein Leben in Deutschland (seit 1992). Es ist eines über Sprache, Schwarzarbeit und Sommer im Emmertsgrund, eines über Flucht, Fremdheit und Familiengeschichten. Und es ist auch, das schreibt der Autor im Klappentext, "ein Abschied von meiner dementen Großmutter. Während ich Erinnerungen sammle, verliert sie ihre."

Herkunft4 560 KrafftAngerer uKleine Familienaufstellung: Lisa Hagmeister und Sebastian Zimmler © Krafft Angerer

Die Begegnungen und Beinah-Dialoge zwischen Großmutter und Enkel sind ein zentrales Element des Buches und vielleicht sogar dessen einziger rote Faden. Entsprechend naheliegend sind sie für eine Bühnenfassung, wie sie die Dramaturgin Julia Lochte erstellt hat, vorausgesetzt man will die Geschichte(n) nicht im Monolog verlieren. Dass Sebastian Nübling die beiden Hauptrollen mit Sebastian Zimmler und Lisa Hagmeister (beide um die 40) nahezu gleichaltrig besetzt, ist an diesem Abend dann auch schon die verrückteste Regie-Idee.

Damals und Jetzt zugleich

Na klar kann Hagmeister mit ihrer mädchenhaften Zerbrechlichkeit ganz wunderbar eine demente Großmutter spielen, die sich nurmehr vorsichtig tastend über die Bühne bewegt und sich mit kratziger Stimme immer mal wieder einen schönen Kaffee herbeiwünscht. Na klar ist sie dabei allem Fremden und Fremdgewordenen gegenüber extrem skeptisch. Schiebt misstrauisch ihre Unterlippe vor, wiegt sich abwesend in ihrem Sessel, findet in ihrem Stiefeln eine Goldkette, verschüttet jede Menge Schnaps und inspiziert ihre Mokkatasse so genau, als sähe sie diese zum ersten Mal. Hin und wieder entsteht durch diese kontra-Besetzung sogar eine Spur Spannung, die dann von der Vergänglichkeit des Lebens erzählt. Vom Damals und vom Jetzt zugleich.

Herkunft2 560 KrafftAngerer uTrinken und Tappen im Dunkeln © Krafft Angerer

Stanišićs Buch ist melancholisch und heiter, ist persönlich, historisch und entwaffnend ehrlich. Er reiht darin Erinnerungsfetzen an Schwermut. Erfolgserlebnisse an Enttäuschungen. Fast wie nebenbei erzählt der Autor vom Vielvölkerstaat Jugoslawien, von Geflüchteten-Schicksalen, von Ankunft mit Akzent und von Jobs im Niedriglohnsegment. Er erzählt vom Krieg, von Klassenlisten zur Segregation, Sehnsüchten und Fremdheit, aber auch von Wellensittichen, und von den eigenen "interessanten Gefühlen" für die Englischlehrerin. Er macht das Große im Kleinen spürbar, das Politische im Privaten. Man liest den Text gern. Schmunzelnd, nachdenklich, ertappt.

Leerer Raum voller Koffer

Man kann "Herkunft" auf die Bühne bringen. Etwa so wie Sebastian Nübling es tut. Mit einem guten Ensemble und einer Musik voller Balkanrhythmen (Polina Lapkovskaja). Mit Lisa Hagmeister und Sebastian Zimmler. Mit Vernesa Berbo, die traurig schöne Lieder singt. Und mit Maike Knirsch, die spielend eine Vielzahl an Figuren skizziert. Man kann Dialoge bauen, die dann doch wie Vorträge wirken, man kann Spielszenen einflechten mit Pionierschwüren und glitzernden Cheerleader-Puscheln, man kann die Bässe wummern lassen und mit blinkenden Turnschuhen dazu tanzen. Man kann Volkslieder singen, Domino-Steine verschütten und einzelne Textstellen ins Bosnische übertragen. Man kann den "Jugo" mit einer Daunenblousonjacke ausstatten (Kostüme: Pacale Martin) und mit vielen Rollkoffern im leeren Raum (Bühne: Evi Bauer) von Heimatlosigkeit erzählen. Man – also in diesem Fall Sebastian Nübling und Team – kann das alles machen. Und ja, man kann sich das alles anschauen. Man kann aber auch einfach das Buch lesen. Meine Empfehlung.

 

Herkunft
von Saša Stanišić
Regie: Sebastian Nübling; Bühne: Evi Bauer; Kostüme: Pascale Martin; Dramaturgie: Julia Lochte; Musik: Polina Lapkovskaja (Pollyester).
Mit: Lisa Hagmeister, Maike Knirsch, Sebastian Zimmler, Vernesa Berbo.
Premiere am 22. August 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

"Sensationell knochig und verbissen" spiele Lisa Hagmeister die Großmutter, findet Peter Helling vom NDR (23.8.2021). "Regisseur Sebastian Nübling inszeniert eine Art Erinnerungsparcours. Indem das Stück Jahreszahlen mit persönlicher Bedeutung für den Autor nachbuchstabiert, wird es aber zum Fotoalbum, bildet ab, anstatt erlebbar zu machen. Das ist schön anzusehen, bleibt aber Rückschau und zieht sich in die Länge." Bis zum Ende: "Wenn Großmutter und Saša am Ende auf der Bühne sitzen, umstellt von schwarzen Dingen wie Schatten, dann lebt der Abend plötzlich. Weil Herkunft ein Ort im Hier und Jetzt wird."

"Nübling und seine Schauspieler vermögen es, für etwas so Komplexes und Fragiles wie die Mehrzahl von 'Heimat' Räume und Bilder zu finden – und eben nicht bloß Bilder, sondern Stimmungen," schreibt Maike Schiller im Hamburger Abendblatt (23.8.2021). "Die Sehnsucht, die Absurdität, das Kaputte, das Fassungs­lose, das Feinnervige – alles existiert hier gleichberechtigt nebeneinander. Für einen Theaterabend kann man sich eigentlich nicht viel mehr wünschen."

 
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