Traum der verschmelzenden Grenzen

von Esther Slevogt

Berlin, 27. August 2021. Am Ende sieht es so aus, als wäre erreicht, was die junge Frau sich die ganze Zeit gewünscht hat: dass sie ihrer Mutter und ihrer Großmutter, also den beiden Frauen, die ihre Identität so nachhaltig grundieren, einmal im gleichen Alter in der gleichen Zeit begegnen könnte: im Teenageralter, wo zwischen Kindheit und Erwachsensein noch ein offener, utopischer Raum der Träume liegt. Die Träume der beiden Frauen noch einmal zu spüren ist die Hoffnung.

Und da stehen sie also jetzt und wagen schüchterne Tanzschritte, jeweils im Stil ihrer Zeit. Erst jede für sich, dann bewegen sie sich aufeinander zu: im braven rosa Kleid der angepassten 1960er Jahre in der DDR die Frau, die einmal die Großmutter der Protagonistin wird, im Punk-Look und den passenden schroffen Tanzbewegungen der 1980er Jahre die rebellische Mutter. Beide junge Frauen sind weiß. Die dritte, die für die dritte Generation dieser Frauenlinie steht, tastet sich mit behutsamen Hip-Hop-Moves an die Situation heran. Sie ist schwarz, weil sie einen angolanischen Vater hat.

Drei Frauen und ein Zwillingsbruder

Einen Umgang mit dieser Differenz zu finden, die einen Riss in ihrer Identität ebenso wie die schmerzhafte Schattenlinie bildet, die sie von Mutter und Großmutter trennt, ist ein Motiv in Olivia Wenzels Roman "1000 Serpentinen Angst", den Anta Helena Recke nun für die Bühne adaptiert hat. Der Zwillingsbruder der namenlosen Protagonistin ist an dieser Differenz zu Grunde gegangen und nahm sich mit neunzehn Jahre das Leben. Trotzdem ist er immer wieder anwesend an diesem Abend, der in einem Raum angesiedelt ist, in dem die Zeiten ineinander fallen.

1000serpentinenangst 1 UteLangkafel maifoto uZwischen den Zeiten, Identitäten vereinen: das Ensemble in "1000 Serpentinen Angst" © Ute Langkafel / Maifoto

Marta Dychenko hat dafür einen Guckkasten gebaut, dessen Begrenzungen gleichzeitig Projektionsflächen sind und von bewegten Bildern abstrakter Strukturen immer wieder aufgelöst werden. Manchmal lösen sich auch die Figuren in diesen Projektionen auf. Der Eindruck einer Traumzeit entsteht, in der die Figuren in verschiedensten Lebensphasen zu erleben sind. Ganz am Anfang lässt der zärtliche Blick der Regisseurin auf diesen Stoff uns dem Geschwisterpaar als Kinder begegnen, die in Schlafanzügen in den viel zu großen Schuhen ihrer Mutter über die Bühne stöckeln, die sie mal wieder alleine gelassen hat.

Herkunft bereisen

Olivia Wenzels Roman ist eine wagemutige, ungestüme und schmerzhafte Reise durch Zeiten, Länder und Identitätskonstruktionen. Erzählt wird von einer Kindheit und Jugend auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, von Rassismuserfahrungen und der Einsamkeit, die es für sie immer wieder bedeutet, dass die Norm weiß ist und sie selbst dieser Norm nicht entspricht – auch im Angesicht der eigenen Mutter und Großmutter.

1000serpentinenangst 4 UteLangkafel maifoto uBegegnung in zwei Lebensphasen: Abak Safaei-Rad und Shari Asha Crosson © Ute Langkafel / Maifoto 

Gleichzeitig nimmt sich die Protagonistin als freier und privilegierter wahr als die beiden anderen Frauen, deren gescheiterten Träumen und zerschellten Lebensplänen sie nun nachspürt. Sie reist, erlebt sich in den USA plötzlich als selbstverständlichen Teil der Schwarzen Community. Doch ehe sie sich in dieser Erfahrung einrichten kann, lässt die Einsicht alles wieder einstürzen, dass ihre Blackness eine andere ist, als die vom Grauen der Sklaverei geprägte in den USA. Dass sie keinen Anspruch hat, das für sich zu adaptieren.

Schatten und Muster

Wenzel verwendet im Roman einen atemberaubenden dialogischen Stil. Immer ist die Protagonistin im Gespräch. Mit Kim, ihrer Geliebten, mit der sie Vietnam bereist. Mit ihrem Therapeuten, der ihre Angststörung behandelt. Mit anderen Stimmen, die jede gerade erlangte Gewissheit schnell wieder zum Einsturz bringen, die befragen und herausfordern. Meist bleibt unklar, wer hier gerade mit ihr spricht. Der tote Bruder? Die Mutter als junges Mädchen? Ihr Alter-Ego?

1000serpentinenangst 2 UteLangkafel maifoto uShari Asha Crosson im Bühnenbild von Marta Dyachenko © Ute Langkafel / Maifoto

Anta Helena Recke hat aus den 350-Seiten des Romans den Strang mit der Familiengeschichte destilliert. Die Geschichte der Großmutter, die in der jungen DDR noch auf Befreiung aus dem bedrückenden, virilen Arbeitermilieu hofft, in dem sie aufgewachsen ist. Stewardess werden will und dann zu früh schwanger wird. Die rebellische Mutter, eine Punkerin, die ebenfalls mit 17 Zwillinge bekommt, dem gleichaltrigen angolanischen Vater ihrer Kinder dann nicht nach Angola nachreisen kann und in Stasi-Haft fast zerbrochen wird. Jetzt, Anfang Fünfzig, ist die Mutter immer noch Punk und zeigt Spuren der Verwahrlosung, die Ariane Andereggen genüsslich zelebriert. Shari Asha Crosson als ihre Tochter ist urban perfekt zivilisiert und steht der Mutter entsprechen fremd gegenüber. Hier gibt's möglicherweise vor allem eine soziale Differenz. Später übernimmt Abak Safaei-Rad den Tochter-Part und schaltet einen Moll-Gang herunter. Moses Leo spielt den Bruder als charismatischen Schatten. Hanh Mai Thi Tran mischt im grünen Businessanzug als schnippische Geliebte Kim immer wieder die Szene auf.

Verflüssigte Bilder

Insgesamt sieben Schauspieler:innen und zehn Statist:innen performen den Text in unterschiedlichen Formationen. Manchmal wird das Bild von Jeremy Nedd und Joana Tischkau in choreografischen Versuchsanordnungen aufgelöst, ohne dass sich genau erklärt, warum dieses Verfahren hier gewählt wurde.

Denn im Wesentlichen bleibt der Zugriff auf den Stoff linear und vereinfachend. Motive oder Gedanken aus Wenzels irisierenden Reflexionsschleifen werden sporadisch an diese Familienaufstellung angelagert, fungieren nun aber eher als Kommentare, Statements oder historische Zeitzeichen. Doch damit verlieren sie ihr Störpotenzial. Es gibt immer wieder poetische oder suggestive Momente, die sich vor allem dem satten Sound von Frieder Blume und dem Bühnenbild verdanken, das sich, je weiter der Abend voranschreitet, immer mehr in eine Videoinstallation verwandelt, die alle Bilder verflüssigt. Trotzdem, an die schillernde Komplexität und den Gedankenreichtum des Romans reicht der Abend nicht heran.

 

1000 Serpentinen Angst
von Olivia Wenzel
Uraufführung
Regie: Anta Helena Recke, Mitarbeit Konzept & Fassung / Co-Regie: Hieu Hoang, Choreografie / Co-Regie: Jeremy Nedd, Joana Tischkau, Mitarbeit Konzept & Fassung: Ensemble, Bühne: Marta Dyachenko, Sound: Frieder Blume, Kostüm, Pola Kardum, Video: Marta Dyachenko, Matteo Taramelli, Dramaturgie: Valerie Göhring.
Mit: Ariane Andereggen, Shari Asha Crosson, Moses Leo, Hanh Mai Thi Tran, Falilou Seck, Tim Freudensprung, Abak Safaei-Rad. Statist:innen: Lou Czaia, Harun Demir, Frida Gabriel, Mathilad Garcia, Kianda Leo, Said Damien Schindler, Luzie Spangenberg, "Thuli" Lilia Nokuthula Adu Skähr, Sopie-Ailien Timptner.
Premiere am 27. August 2021 im Maxim Gorki Theater Berlin
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

 

Kritikenrundschau

"Olivia Wenzels Roman ist als geschickte literarische Selbstbefragung verfasst, als skeptischer, herausfordernder Dialog, den die Hauptfigur mit sich selbst führt", meint André Mumot im Deutschlandfunk Kultur (27.8.2021). In Anta Helena Reckes Inszenierung werde dieser "aufs ganze Ensemble verteilt", wobei die "fabelhafte" Shari Asha Crosson "Identifikationsfigur des Abends" sei. Allerdings scheine Recke "besorgt, ihre Inszenierung könne dann doch zu gefällig, zu konventionell geraten", weshalb diese mitunter wie eine "unzugängliche Kältekammer distanzierter Erinnerungen" wirke.

"Eine Inszenierung, die mehr Kunstinstallation als Einfühlungsangebot ist", hat Patrick Wildermann gesehen und schreibt im Tagesspiegel (29.8.2021): "Recke, ihre Co-Regisseurin Joana Tischkau und Choreograf Jeremy Nedd setzen einen Zustand der Ortlosigkeit, des permanenten Transits und der schwer auszuhaltenden Gleichzeitigkeiten ins Bild – von Diskriminiertsein und Privilegiertsein etwa." Die Frage, was es bedeutet, sich als nicht-weiße Person permanent zu einer Umgebung verhalten zu müssen, die einen als fremd labelt, sei zentral in "1000 Serpentinen Angst". "Recke bespielt sie durchaus in ihrer Inszenierung, deren klug verdichtete Fassung zusammen mit Hieu Hoang entstanden ist. Vor allem aber verhandelt sie das Motiv von Entwurzelung und damit Bodenlosigkeit am Beispiel der Familiengeschichte, die Wenzel, gebürtige Weimarerin, in Schlaglichtern aufscheinen lässt. (…) Was Reckes Inszenierung durchzieht, ist ein Moll-temperiertes, Bloch'sches Heimatweh: der Ort, an dem noch niemand war, aber der allen in die Kindheit scheint."

"Identität entzieht sich hier den Labels, schwarz, queer, deutsch", gibt Simone Reber auf BR2 (29.8.2021) zu Protokoll. "Schade nur, dass Anta Helena Recke kaum szenische Begegnungen auf der Bühne entstehen lässt und die Choreografie nicht die innere Zerrissenheit des Textes aufnimmt. Die rasante Sprache des Buches wird durch die indirekte Rede verlangsamt." Wenn am Ende Großmutter, Mutter und Ich-Erzählerin als Fünfzehnjährige miteinander tanzen, sei das "ein versöhnliches, aber kein starkes Bild", so Reber.

"Dass die Roman-Inszenierung Anta Helena Reckes im Gorki-Theater vor allem ein theaterkritischer Abend werden würde, konnte man erwarten. Dass sie nun aber radikal auf die visuelle Löschtaste drückt und Wenzels 'autofiktive' Lebenserzählung, die vor allem ein Kampf um die vor- und zurückspulenden Bilder im Kopf der Protagonistin ist, als einzige große Bildstörung auf die Bühne bringt, ist doch überraschend", schreibt Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (30.8.2021). "Leer, weiß und breit gerahmt bleibt alles an diesem Abend. (…) So bevölkern zwar sieben muntere Spieler die Bühne, laufen auch angeregt im Pixelschnee umher, doch bleibt ihr schattenhaftes Aufsagetheater vor allem abstrakt."

In der Süddeutschen Zeitung (online 31.7.2021, 16:07 Uhr) enthält sich Anna Fastabend weitgehend eines Urteils, versetzt sich aber in die Protagonist:innen hinein: "Immer wieder" gäbe es Momente, "die einen kalt erwischen". Gerade habe man sich noch über den halb selbstironischen, halb zynischen Kommentar zum "Interracial Gangbang" gefreut ... So dauere es einen Moment, "bis man begreift, dass es dieselbe Unberechenbarkeit ist, mit der von Rassismus Betroffene täglich leben".

"Ansprechend als ästhetisches Ereignis" empfindet Elena Philipp im Freitag (3.9.2021) diese Romanadaption und "auch in der Produktionsweise exemplarisch". Denn: "In einem noch immer weiß geprägten Theaterbetrieb, der seit Jahren über Rassismus debattiert, ist die Inszenierung ein Beweis, dass Diversität möglich ist. Beiläufig und zugleich sorgfältig zusammengestellt wirkt die Besetzung, die auf Entsprechungen zwischen den kulturellen Hintergründen der Spieler*innen mit ihren Figuren achtet, dies aber nicht weiter thematisiert. Überhaupt kommt die Inszenierung lässig und selbstbewusst daher – da ist sie, die neue Generation am Stadt- und Staatstheater, die intersektionales Denken, Multiperspektivität und Arbeiten auf Augenhöhe im Alltag anstrebt."

 

 
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