Empowerment als Selbstbehauptung

von Christian Rakow

Berlin, 1. September 2021. Es ist an der Zeit, eine Rose zu werfen. Für Cordelia Wege. Jede Generation hat vielleicht nur ein knappes Dutzend Spieler:innen, denen man getrost jede noch so große Bühne überlassen kann und sie setzen sie unter Hochspannung. Alles verdichtet sich, rückt näher, gewinnt Tiefe, birgt Unruhe, zerwühlt die Nerven, umfließt die Sinne, kommt als Wispern an die Ohrmuschel und entschwebt hoch über den Köpfen.

Existentielle Spielerin

Cordelia Wege mischt wie wenige Klarheit und Risiko. Mitunter wirkt sie streng, als würde sie gerade eine Eischoreographie exerzieren, dann plötzlich wirft sie sich weg, bricht aus, lässt sich fallen und fängt sich mit einem Lächeln wieder auf. Wie auf Kufen läuft sie Verse ab, spürt Rissen nach, gibt uns ein berückendes Gefühl der Leere und des Dunkels, gegen das sich das Leben aufbietet. Eine existenzielle Spielerin durch und durch.

Um die Jahrtausendwende arbeitete Wege an der Berliner Volksbühne, später im legendären Ensemble des Leipziger Centraltheaters. Jahre des physischen, verausgabungsvollen Bühnenspiels. Jetzt ist sie wieder Stammgast in Berliner Häusern: regelmäßig am Deutschen Theater, wo sie unlängst mit einer Turbofassung von Wolfram Lotz‘ Monolog "Die Politiker" die Stuckdecken wegblies. Am Berliner Ensemble kann man sie als gänzlich unsentimentale, toughe Blanche in "Endstation Sehnsucht" schauen. Und jetzt eben neu in dem von ihr selbst ersonnenen Solo "Amok" nach dem gleichnamigen Prosawerk von Stefan Zweig.

Mann-Frau-Machtkampf

Ein gusseisernes Gerüst steht mittig auf der ansonsten leeren Vorderbühne des Berliner Ensembles. Deutet es einen Galgen an? Ein Relikt aus den Zeiten peinlicher Strafgerichtsbarkeit? Wege erscheint zum Intro an der Rampe, grüßt lässig – und lässt sich sogleich von den mitinszenierten Bühnenarbeitern in das Gerüst spannen. An Gurten und Seilen hängt sie nun, erst als Leidensfigur wie Jesus, der Gekreuzigte, von Mantegna gemalt, in monochromer Anmut; dann aber ermächtigt sie sich, richtet sich wie eine Turnerin in den Ringen auf, sehnig und athletisch. Sie hebt das Haupt und hebt mit dem Text an. Wortsalven zunächst, fragmentierte Sätze aus dem Novellenband von Zweig, ehe sie dem Erzählerischen etwas mehr Raum gibt und auf den zentralen Text des Abends zusteuert "Der Amokläufer".

AMOK 13 Matthias Horn 600 querCordelia Wege in "Amok", rechts Live-Musiker Samuel Wiese © Matthias Horn

Zweigs Novelle (von 1922) gibt eine unerhörte Begebenheit aus der Kolonialzeit: Zu einem deutschen Arzt in der Abgeschiedenheit Indonesiens kommt eines Tages eine Britin, um eine Abtreibung vornehmen zu lassen. Es entspinnt sich ein Machtkampf zwischen den beiden; sie bietet ihm kühl ein fürstliches Honorar, er wiegelt ab und verlangt eine sexuelle Gefälligkeit. Es ist "die Gier, eines Hochmuts Herr zu werden… Herr als Mann", die ihn antreibt, heißt es. Sie flieht, er rast ihr hinterher, berauscht wie ein Amokläufer. Der Fortgang der Geschichte soll nicht verraten werden. Es lohnt, einen Blick hineinzuwerfen, weil die Finessen der Bühnenfassung sonst kaum nachvollziehbar werden.

Rebellion gegen das Bühnenbild

Bei Zweig stecken wir inmitten einer reinen Männererzählung. Der Arzt berichtet dem Erzähler auf einem Ozeandampfer von den Geschehnissen im Dschungel; die Frau kommt lediglich als Objekt des Blicks, des Redens, des Urteilens vor. Bei Wege (und ihrem Co-Autoren Johannes Nölting) wird diese Perspektive nach Strich und Faden dekonstruiert. Der Kolonialkontext fällt weg, der Geschlechterkampf wird vergrößert. Die Prosa ist zerlegt, rhythmisiert, in lyrische Folgen überführt. Sie zerrinnt zum Bewusstseinsstrom. Unentwegt mischt sich die Stimme der Britin mit dem Reden des Arztes. "Du willst über mich verfügen", bringt sich Wege als polyphone Erzählerin in Rage und rebelliert gegen ihr selbst geschaffenes Bühnenbild: das Bild der Versklavten am Eisengerüst. Ihre Artikulation ist weiter, die Diktion fest, kein verbaler Amoklauf (das Wort "Amok" fällt nicht einmal), sondern ein selbstmächtiges, an jedem Punkt beherrschtes, herrschendes Sprechen. "Empowerment", dürfte man das wohl nennen: herausgekraxelt aus der literarisch besiegelten Unmündigkeit.

AMOK 15 Matthias Horn 600 quer© Matthias Horn

Live-Musiker Samuel Wiese unterlegt die wildharrende Darbietung mit einem Mix aus Cello-Requiem und Elektroklangflächen. Wege wechselt nur minimal ihre Positionen, spannt die Muskeln, neigt den Körper. Gegen Ende wird das Gerüst gekippt und Wege sieht nunmehr wie eine Spinne aus, vermutlich eine der männermordenden Sorte. "Wind kommt über die Welt. / Ein Flüstern, ein Wehen. Wehen", heißt es. Ein Abend wie ein Tornado kurz vor dem Ausbruch. Vor dem Umsturz der Verhältnisse.

Amok
nach Stefan Zweig
Regie und Bühne: Cordelia Wege, Mitarbeit Bühne: Katja Pech, Kostüm: Cordelia Wege, Svenja Niehaus, Dramaturgie: Johannes Nölting.
Mit: Cordelia Wege, Live-Musik: Samuel Wiese.
Premiere am 1. September 2021
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

In der Berliner Zeitung (online 2.9.2021, 12:46 Uhr) zollt Ulrich Seidler der Künstlerin Cordelia Wege "Respekt. Sie hat die Textfassung erstellt, die Bühne entworfen, sich selbst inszeniert". Die "installative Qualperformance" erinnert ihn an Florentina Holzingers "Tanz" bei "dem eine Performerin an live gepiercten Rückenhaken unter die Decke gehängt wird". Allerdings, fragt er, "geht es hier um unterdrückte Frauen" oder ist "der Konflikt, den Wege durch ihren Körper jagt, … der zwischen Mensch und Mensch, ich und du"? Cordelia Wege versuche, sich einer Wertung zu verweigern. Sie nehme beide Figuren ernst, leide für beide "unter denselben Bedingungen". Es scheine "ein unveränderbares Schicksal zu sein, dass Menschen einander nicht anders als in einem vernichtenden Machtkampf begehren können".

"Dass das Gegenwartstheater die Cluberfahrung ersetzt, wird nirgends so deutlich wie hier", beschreibt Marie-Luise Goldmann die musikalisch grundierte Atmosphäre dieses Abends in der Welt (3.9.2021). Die "klaustrophobische Enge des Bühnenbildes wird von der Offenheit der Sprache, einem multiperspektivischen Gerede, Gestotter und Geschrei konterkariert", heißt es über den vielstimmigen, virtuosen Vortrag. "Am Berliner Ensemble erscheint Zweigs Novelle existenzieller, gleichzeitig konzentrierter und verlorener. Mehr Spaß macht das Original, aber es ist nicht so, als hätte Wege nichts zu sagen." Der im Zusammenspiel mit den Bühnentechnikern "erzeugte Witz suggeriert eine Parallele zwischen der Schauspielerin und der Protagonistin", die darin verborgene Botschaft laute: "Auch die Schauspielerin Wege ist, so die Meta-Message, trotz Eigenregie, trotz All-Female-Solo-Performance, von dem männlichen Technikerteam abhängig."

Von einer schauspielerischen "Ausnahmeleistung" berichtet Felix Müller in der Morgenpost (3.9.2021). Zweigs Novelle sei hier "nicht werkgetreu nacherzählt, sondern auf seine wesentlichen Motive reduziert und zugleich um eine spannende, zeitgemäße Neudeutung erweitert". In Weges "hochintensiven, wie elektrisch aufgeladenen 75 Minuten, die Samuel Wiese mit hypnotischen Synthiesounds unterlegt", entstehe "ein Duell der inneren Monologe – Projektionen und Missverständnisse werden sichtbar, vor allem aber emotionale Triebkräfte: Sehnsüchte, Ängste, Herrschaftsfantasien, Scham, Verachtung, Freude, auch und immer wieder Ehrfurcht vor der Schönheit der Welt." Fazit: "Gegenwartsnäher und mitreißender" könne man Zweigs "feinnervigen Texte nicht auf die Bühne bringen".

 

 
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