7 Uhr 45. Aufwachen!

von Esther Boldt 

Frankfurt am Main, 23. Mai 2007. Aus der Stille, aus dem Dunkel entsteht das Theater von Wanda Golonka. Zu Anfang herrscht vollkommene Dunkelheit, dann flammen zwei Scheinwerfer auf: Vorne rechts auf der nackten Bühne steht Martin Butzke, in schwarzer Hose und weißem Hemd.

Hinten links sitzt die Pianistin Laura Konjetzky am Boden, vor ihr, in den Boden eingelassen, ein schwarzer Flügel. Sie beginnt zu spielen, atonale Akkorde, ein rechter Krach nach der Stille, ein minutenlanger Disput. Erst als sie sich unterbricht und mit pathetisch erhobenen Armen in der Bewegung erstarrt, spricht Martin Butzke: "Sagen und nicht wissen./ Hemd. Dieser geschlossene Mund."

Bereits beim Lesen von Jean Daives "Erzählung des Gleichgewichts 4.W" drängt es einen, die Worte laut zu sprechen, sie zu formen, eine Struktur zu suchen. Die Frankfurter Choreografin und Regisseurin Wanda Golonka brachte die 1985 erschienene "Erzählung" nun auf die Bühne und stattete sie mit sparsamer Poesie aus. Sie kannte den Text des französischen Autors und Celan-Übersetzers bereits lange, und als er Ende vergangenen Jahres in einer Übersetzung von Werner Hamacher auf Deutsch herauskam, wurde er kurzfristig in den Spielplan des Schauspiels Frankfurt aufgenommen. Eine Uraufführung.

Ein Stocken, Springen, Kreisen
Sprache ist bei Golonka häufig ein Fremdkörper, den es zu abzutasten gilt – sei es in Sarah Kanes "Gier" oder einem Briefwechsel von Paul Celan und Ilana Shmueli. Körperbewegung und verbale Sprache inszeniert sie als konflikthaftes Verhältnis, das glücken kann, es aber selten tut. Insofern erscheint die Textwahl konsequent. Die "Erzählung" ist nicht narrativ, sie gleicht in ihrer Struktur vielmehr einem Gedicht mit ungleich langen Strophen. Eines der Hauptmotive ist das Zur-Sprache-Kommen, das sprachliche Unvermögen. Daives Text stockt und springt, kreist um die immergleichen Elemente, ohne dass sie zwangsläufig an Klarheit gewinnen.

Die "Erzählung des Gleichgewichts" richtet sich gewissermaßen ein in dem brüchigen Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit und versucht nicht, die Diskrepanz zu negieren. Sie ist elliptisch, bedient sich der Auslassung und der Zulassung einer Auslassung. "Aber der Text/ ist. Züge. Punkte. Ohne/ Bild." Einige Momente aus der Kindheit eines siebenjährigen Jungen flackern auf, die Geburt der verhassten Schwester, die Partitur des Vaters, die Muttermilch. Es werden Pakete versandt mit Familienmitgliedern darin oder mit Texten, es wird geträumt und erwacht. Es wird die Berggasse in Wien erwähnt, in der Sigmund Freud seine Praxis hatte, eine Couch und Lacans berühmter "Spiegel als Bildner der Ich-Funktion": "Er stellt einen Spiegel/ zwischen seinen Vater und seine Kindheit." Doch hier wird keine Psychoanalyse betrieben, höchstens an ihr entlang erzählt, in einer mit der Erzählung selbst ringenden, schlingernden Bewegung.

Diese "Erzählung" wird bei Wanda Golonka zum Zwiegespräch aus Text und Musik, Schauspieler und Pianistin. Bald wird der Flügel an Seilen aus dem Bühnenboden hinaufgezogen, ein schwebendes Objekt im Raum, auf einer Schaukel folgt Konjetzky, und dann hängen sie da, die Klavierspielerin und ihr Instrument, ohne Boden unter den Füßen im forschenden Dialog, bei dem sie sich aus unterschiedlichen Richtungen annähern. Mal wird die Schaukel höher gezogen und Konjetzky spielt mit den nackten Füßen, mal steigt der Flügel und sie muss sich auf die Schaukel stellen, sich gewissermaßen aufspreizen zwischen ihrem wackligen Standpunkt und der Klaviatur.

Ein Ausstellen und Abschmecken
Martin Butzke deklamiert den Text nicht, er spricht ihn einfach, aber grandios. Er stellt ihn aus und schmeckt ihn ab, und in diesem Sprechen auf der Skala zwischen Flüstern und Schreien gewinnt die Sprache an Klang, während mit Butzke sein Körper durchgeht: Mit ausschlagenden Gliedmaßen marschiert er immer wieder an der vierten Wand entlang oder geradewegs in den Bühnenhintergrund, sein Erzähler ist ein Getriebener und ein Suchender, der einen Reigen um sich selbst tanzt. Und ein Träumender: "7 Uhr 45. Aufwachen!" Rote Luftballons können zum Herz werden oder zu Brüsten, weiße Hemden fallen auf die Bühne und dienen als Schürzen oder als Kissen, mit dem ein Mikrofon erstickt wird. Ein spärliches und doch reiches, höchst flüchtiges Tableau, das sich dort über eine Stunde abspielt, abstrakt und intensiv, bei dem Texte zu Musik gemacht werden und die Musik zum Text – beide sind unselbstverständlich, beide gilt es zu erkunden, ohne dass am Ende eine fixierbare Eroberung zu machen wäre: "Sie/ lächelt ihn an. Verlangt das Verschwinden/ abzulegen oder auszustellen".

 

Erzählung des Gleichgewichts 4.W.
nach einer Erzählung von Jean Daives. Übersetzung Werner Hammacher
Regie und Choreografie: Wanda Golonka.
Mit Laura Konjetzky und Martin Butzke.

www.schauspielfrankfurt.de

 

Kritikenrundschau 

Michael Hierholz begrüßt in der Rhein-Main-Zeitung der FAZ (24.5.2007) den "Tanz der Signifikanten". Sprachliche Materie, Körper und die Objekte verlören im Theater "die Erdenschwere und verbünden sich mit dem Unbewussten". Wanda Golonkas Aufführung böte ein "im Halbdunkel zelebriertes Endspiel voller deutungsresistenter Chiffren. Ein Traumtheater."

Peter Michalzik schreibt in der Frankfurter Rundschau (24.5.2007) zunächst über die Musik: "Die 6. Klaviersonate der vor kurzem verstorbenen russischen Komponistin Galina Ustwolskaja ist wie ein unangespitzter Pfahl, der unter regelmäßigen Hammerschlägen in einen ausgetrockneten Boden gerammt wird." Der Text von Daive strebe nach "einem Hochenergiezustand der erinnernden Gehirnarbeit."
Der Schauspieler Martin Butzke, so Michalzik weiter, spreche "hochgetuned, wobei er sich durch Phasen der Stille und Konzentration, durch charmante Kontaktaufnahmen mit dem Publikum und durch vielfältige stilisierte Gänge und die Gliedmaßen herausschleudernde Bewegungen unterbricht." Das Gleichgewicht sei für den Abend die entscheidende Frage. Laura Konjetzky nehme "die Energie des Beginns … in die Töne hinüber, mit denen sie Butzkes Sätze kommentiert, konterkariert oder austariert."
Trotzdem stecke im  Arrangement "etwas Angestrengtes, ein wenig Überforciertes. Es wirkt so, als sei viel Hirnschmalz auf etwas verwendet worden, was am Ende doch nur auf der formalen Ebene bleibt."

In der Frankfurter Neuen Presse kreidet Elisabeth Schmidtke-Börner der Regisseurin Wanda Golonka an: "Eine fesselnde und schlüssige Begegnung von Grübler und Musikerin ist ihr mit diesen Momentaufnahmen von Gefühlsausbrüchen nicht gelungen. Nur selten verdichten sich diese, nur selten blitzt Poesie auf."

Auch Eva-Elisabeth Fischer in der Süddeutschen Zeitung (25.5.2007) ist tief beeindruckt von dem Auftreten der Pianistin Laura Konjetzky: "Die meiste Zeit hängt sie vor baumelndem Flügel, auf einer Schaukel an Stahlseilen. Das Schwanken merkt man ihrem Spiel nicht an. Denn sie hat, was man eine Pranke nennt. Mit gezielter Wucht hämmert sie auf die Tastatur ein." Konjetzky gelinge etwas Überraschendes: "Sie schweigt und spricht doch von einem einst modischen Befund – der weiblichen Hysterie." Der Text, formal reduziert, erzähle doch einen ganzen Lebensroman. "Golonka greift einzelne Elemente und Begriffe auf, macht aus ihnen symbolhafte Bilder." Ein roter Bart um den Mund des Schauspielers Martin Butzke mache aus diesem, "so simpel wie obszön, eine weibliche Scham".

Stefan Michalzik schreibt auf Offenbach Post online (26.5.2007): "Wanda Golonka fordert die Wahrnehmung in ganz besonderer Weise. Zwar stehen die Elemente ihrer Komposition nicht beziehungslos da. Im Gegenteil. Doch konkurrieren sie lebhaft miteinander um die Aufmerksamkeit, die mitunter an die Grenzen ihrer Teilbarkeit stößt. Derart, dass der Text bisweilen Gefahr läuft, zum Beiwerk zu verkümmern. Das ist heikel. Den Wert dieses eindrücklichen Theatererlebnisses aber mindert es - paradoxerweise - nur marginal."

 

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