Senioren im Sitzstreik

von Georg Petermichl

Wien, 6. November 2008. Es ist, als orientierten sich die Wiener Theater bei der Publikumspflege neuerdings an der Jahreszeit. Sowohl das Wiener Volkstheater als auch die Kammerspiele des Theaters in der Josefstadt bieten in diesem Herbst Stücke übers Altsein mit altbekannten Wiener Publikumslieblingen. Wiedererkennung soll die Herzen eines betagten Publikums öffnen, wenn sich Altstars in Zweierkonstellationen gegenseitig angiften. Sie tun das natürlich liebevoll: im Volkstheater Harald Serafin und Peter Weck als ausgediente Komödianten in "Sonny Boys" und jetzt auch Helmuth Lohner und Otto Schenk (Jahrgang 1933 bzw. 1930) in Lionel Goldsteins "Halpern & Johnson" in den Kammerspielen.

Dem Vernehmen nach soll es ausgesprochen schwierig gewesen sein, Weck bzw. Lohner für die Sprechbühne zurückzugewinnen. Schon im Vorfeld konnten damit die Nostalgiewerte geboostet werden. Weitere Parallelen zwischen Volkstheater und Josefstadt: Beide Übungen in Rentnerexzentrik sind schaumgebremst. Das Publikum ist trotzdem begeistert, auch wenn es ausgiebig angemurmelt wird, auch wenn die Figuren auf statische, grummelige Greise reduziert sind.

Späte Spiele, symbolische Schatten

Halpern (Otto Schenk) hat gerade seine Frau Flo zu Grabe getragen. Seine letzten Grußworte sind im Staccato gedruckst, der ganze Körper bebt synchron dabei. Ein jüdisches Begräbnis, dem sieben Tage tiefer Trauer folgen. Schnittblumen, als Zeichen "natürlicher Freude" sind ein absoluter Fauxpas. Trotzdem steht ein "Goi" im Abseits mit einem Blumenstrauß in der Hand, ist völlig unbekannt und gibt sich doch als Trauergast aus.

So förmlich und deplatziert wie Johnson (Helmuth Lohner) in dieser Begräbnisszene herumsteht und auch noch auf einem weiteren Treffen besteht, so verstörend verwechslungsreich geht es weiter. Einige Wochen später richtet er für Halpern ein Bestechungspicknick mit Pastrami-Sandwiches und Jack Daniel's auf der Parkbank aus. Sie sitzen über einem Laubfeld, oben thront ein Himmel aus buntem Blattwerk, sein Schatten wird auf die weiße Hohlkehle im Hintergrund geworfen. Damit hat Bühnenbildner Rolf Langenfass das Soll an symbolischer Vergänglichkeit mehr als erfüllt und gleichzeitig einen ästhetischen Battleground für Seniorenkämpfe geschaffen. Denn Johnson will den Witwer über seine jahrzehntelange Verbundenheit zu Flo aufklären.

Aufpolieren des zerknautschten Daseins

In den Äther, der die beiden zu verbinden scheint – gewählte Sprache, bodengewandte Blicke, Sentimentalität und Altmänner-Autismus – tritt also etwas, das schließlich doch für Verstimmung sorgen könnte. Johnson hat sich für seine Beichte zunächst in sich zusammengefaltet, kaut an den Brillenbügeln, kratzt sich unsicher das schüttere Haar. Halpern dagegen unterbricht seine störrische Zurückgelehntheit zunehmend mit cholerischen Anfällen, verliert sich in Kraftausdrücken.

Klar, schließlich steht im Raum, dass seine Flo fünfzig Jahre lang ein Doppelleben geführt und ihn mit einer tiefen Freundschaft zu diesem Unbekannten betrogen hat. Beim gegenseitigen Aufklärungsunterricht malen die beiden statt dessen nun aber gemeinsam ein gefühlvoll-detailliertes Bild der Verstorbenen aus und polieren ihr zerknautschtes Dasein nicht nur daran, sondern auch aneinander und an der beidseitigen humorvollen Wortenergie.

Letztlich nur Dauer statt Trauer

Alles wartet unter diesen Vorzeichen darauf, dass Schenk und Lohner ihre liebevoll gezeichneten Figuren zu neuer Dynamik erwachen lassen. Doch das lässt Regisseur (und Intendant) Herbert Flöttinger nicht zu. Statt dessen nimmt er dem Stück so viel vom Tempo, dass sich die Zwischensequenzen der aufrichtigen Trauer nicht vermitteln. Wenn Johnson als Reminiszenz Flos Lieblingslied krächzt und sich dazu leidmütig abwendet, dann verhallt das im Raum der Gleichförmigkeit. Ebenso gehen auch die von Goldstein gesetzten rhetorischen Akzente unter.

Die Spitzen, mit denen sich die beiden Käuze gegenseitig abkanzeln, sind zwar feinfühlig aus dem Dialog gepickt, sie bleiben aber stumpf in der akzentuierten Betroffenheit, werden verwässert von der Langatmigkeit der Inszenierung. Fazit: Der Abend zeigt Schenk und Lohner gewissermaßen im Sitzstreik gegen die Erfordernisse des Boulevards.

 

Halpern & Johnson
von Lionel Goldstein
deutsch von Ulrike Syha
Deutschsprachige Erstaufführung
Regie: Herbert Föttinger, Bühne: Rolf Langenfass.
Mit: Otto Schenk und Helmuth Lohner.

www.josefstadt.org


Mehr über das Theater in der Josefstadt erfahren Sie bei uns in den Berichten über die Premiere der Judith von Shimoda von Yuzo/Wuolijoki/Brecht im September 2008 und Richard Dressers Wonderful World im April 2008.

 

Kritikenrundschau

Im österreichischen Standard (8.11.) schreibt Isabella Hager (nur allgemeiner Link, dann durchklicken), dass die Auseinandersetzung der beiden Männer, die sich am Grab der Frau bzw. Freundin treffen, nicht durch das Alter der Darsteller, sondern der Figuren "gebremst" sei. Weil sie eben das, was sie miteinander vor 30 Jahren gemacht hätten, nicht mehr machen können. Indes: "Platitüden und Spannungsschwächen der Textvorlage geraten im bravourösen Spiel der beiden ehemaligen Josefstadt-Direktoren zur Gänze in den Hintergrund: Es bleibt der grandiose Auftritt zweier Altmeister."

Im Wiener Kurier (8.11.) lobt  Peter Jarolin die Besetzung des Kontrahenten-Duos mit den beiden Vorgängern des Intendanten-Regisseurs Föttinger. Bei dem Stück handle es sich zwar nur um ein "gut gemachtes Gebrauchsstück", aber als solches biete es den beiden "Erzkomödianten" eine "ideale Spielwiese" für "leise, aber auch tragische Untertöne": "Trocken gesetzte und nie billig geholte Pointen, perfekte verbale Scharaden, aber auch zutiefst humane Regungen – Lohner und Schenk spielen virtuos auf der Klaviatur der Gefühle, entwickeln feinsinnige Charaktere, die man sehr bald ins Herz schließt."

Als Bonus-Track gibt es auch ein Interview mit den Darstellern, in dem sie erzählen, wie Schenk Lohner zur Rolle verführte, was der Regisseur zur Sache beitrug und was die beiden derzeit sonst noch machen.

 

 

 

 

 
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