Last Woman Standing

von Falk Schreiber

Bremen, 10. September 2021. Nach einer knappen Stunde "Marquise von O." fragt Judith Goldberg, ob man vielleicht vorspulen wolle. Dann schmeichelt sich mit Dieses Mädchen von der Hamburger Band Die Heiterkeit ein geschmackssicher ausgewählter Popsong in die Inszenierung: "Dieses Mädchen bin ich / mit einem anderen Gesicht / mit einem anderen Namen / und mit anderen Haaren." Und auf der Hinterbühne geht es zur Sache. Jemand wird abgeschlachtet, zu melancholischem Indiepop.

Sadistische Freude

Der Einsatz von "Dieses Mädchen" ist wichtig für Elsa-Sophie Jachs Bremer Uraufführung von Enis Macis Mashup aus Heinrich von Kleist und Russ Meyer mit dem komplizierten Titel "Wüst. Oder die Marquise von O.... – Faster Pussycat! Kill! Kill!" Weil der Abend bis zu diesem Punkt einfach nur eine Klassikeradaption ist, die einen kanonischen Stoff auf eine zeitlose Sphäre spiegelt, in der distanziertes Hipstertum den Inhalt mit popkulturell beschlagenem Camp (Belle Santos' Kostüme insbesondere bei den Männerfiguren!) überwölbt. Aber im Moment des Vorspulens stellt Jach klar, dass sie einen Schritt weitergeht, dass jetzt etwas Neues erzählt wird. Ohne dass das vorher Erzählte an ein Ende gekommen ist: "Dieses Mädchen bin ich / mit einem anderen Gesicht.

Wuest 560 JoergLandsberg uWer ist dieses Mädchen? Judith Goldberg, Sofia Elena Borsani, Justus Ritter, Carlotta Freyer, Mirjam Rast © Jörg Landsberg

Man kann Kleists "Marquise von O." als Geschichte weiblicher Selbstermächtigung lesen. Eine junge Frau wird ohnmächtig vergewaltigt und daraufhin von ihrer Familie verstoßen, aber statt dass sie für den unterstellten Fehltritt um Verzeihung bittet, handelt sie und sucht den Vater ihrer Leibesfrucht. Und auch Russ Meyers 1966 entstandenes B-Movie "Faster Pussycat! Kill! Kill!" (in der Bundesrepublik unter dem gelinde gesagt schwachsinnigen Verleihtitel "Die Satansweiber von Tittfield" in den Bahnhofskinos) ist eine Geschichte weiblichen Empowerments: Drei von Grund auf böse Frauen ziehen durch die Wüste und verweigern sich konsequent jeglicher Opferrolle. Und wenn ihnen heteronormative Strukturen (ein All-American-Pärchen etwa, das den Fehler begeht, sich mit dem Trio anzulegen) oder überhaupt Männer über den Weg laufen, dann werden die mit sadistischer Freude umgenietet. Reizend.

Immer hübsch beiläufig

Durch das Vorspulen wird diese Verbindung manifest. Die Marquise (die Carlotta Freyer mit erstens überirdischer Schönheit und zweitens kaum erträglicher Lethargie spielt) hat sich auf die gesellschaftlichen Zwänge eingelassen, hat ihren Vergewaltiger (Emil Borgeest) geheiratet und ist auf Flitterwochen in der Wüste. Wo ihr das Killerinnentrio über den Weg läuft und den Bräutigam kurzerhand umbringt. Einschub: Die Premiere musste von Donnerstag auf Freitag verschoben werden, weil Mirjam Rast sich bei der Generalprobe verletzt hatte, doch trotz Verschiebung kann die Schauspielerin nur mit Stützschuh und Stock spielen. Aber wenigstens ist der Stock ein Requisit, mit dem sich wirkungsvoll Männerfleisch quälen lässt. Das nur als Hinweis, mit welcher Lust an Grausamkeit hier agiert wird.

Eine Lust, die den Abend dann doch in zwei klar unterscheidbare Teile spaltet, auch wenn Macis Vorlage die Kontinuität der Geschichte betont. Man spürt, dass mit der Novelle "Die Marquise von O." ein Prosatext auf der Bühne zu sehen ist, und man spürt auch, dass Jachs Inszenierung gar kein Interesse daran hat, für diese Prosa eine dramatische Form zu finden. Heißt: Die drei Killerinnen von Meyer schlüpfen bei Kleist in die Erzählerinnenrolle und berichten, was passiert, während die übrigen Schauspieler:innen hin und wieder wörtliche Rede performen und dabei peinlich genau darauf achten, bloß nicht aus Versehen Figuren zu formen.

Wuest1 560 JoergLandsberg uVorspulen von Kleist zu Russ Meyer: Justus Ritter +  Christian Freund © Jörg Landsberg

Das ist hübsch beiläufig entwickelt, manchmal mehr Literaturwissenschaft als Theater ("Die Ohnmacht kann als Metapher für innere Zerrissenheit gelten. Die Protagonistin würde gerne, aber darf nicht", wird der zentrale Punkt beziehungsweise Gedankenstrich bei Kleist kommentiert), aber warum auch nicht – Felix Rothenhäusler hat so ein Theater am selben Ort immerhin zu einer Art Markenzeichen gemacht. Manchmal driftet die Beiläufigkeit ins Kalauerhafte ab, dann bejammert Freyers Marquise ihr Schicksal mit "Ich bin klein, mein Herz ist rein, trotzdem muss ne Hebamme sein" – das macht die Vergewaltigung zum Witz, und das ist eigentlich nicht das Niveau dieses Abends.

Zeitsprung von 158 Jahren

Doch indem sie schließlich in einen Gewaltexzess mündet, indem sie im Vorspulen von Kleist zu Meyer der Inszenierung ihren seminarhaften Charakter nimmt, gibt Jach beiden Stoffen ihre Würde zurück. Ja, vielleicht wird hier wirklich eine fortlaufende Geschichte erzählt, aber den Zeitsprung von 158 Jahren von Kleist zu Meyer sollte man trotzdem nicht ignorieren. Marlene Lockemanns Bühne jedenfalls wird zum Action-Spielfeld, eine bedrückende Szene zu einem (vielleicht ein bisschen zu langen) Live-Film, und am Ende lebt nur noch die Marquise: Last Woman Standing. Und Macis Stück eröffnet hier nicht einmal den (bei Meyer noch pflichtschuldig eingeschobenen) Ausweg in die Zweierbeziehung. "Ich will keine andre Ehre mehr als meine Schande" sagt die Heldin, selbstbewusst und einsam. Und vielleicht ist die Figur so tatsächlich nach einem Zwischenstop im Jahr 1966 in der Gegenwart angekommen.

 

Wüst. Oder die Marquise von O.... – Faster Pussycat! Kill! Kill!
von Enis Maci nach Heinrich von Kleist und Russ Meyer
Regie: Elsa-Sophie Jach, Bühne: Marlene Lockemann, Kostüme: Belle Santos, Licht: Joachim Grindel, Live-Kamera: Cantufan Klose, Musik: Max Kühn, Dramaturgie: Theresa Schlesinger
Mit: Emil Borgeest, Sofia Elena Borsani, Carlotta Freyer, Judith Goldberg, Mirjam Rast, Justus Ritter
Uraufführung am 10. September 2021
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

Ein Abend voller "lustigen Trashs" sei diese Inszenierung, berichtet Katrin Ullmann im Deutschlandfunk Kultur (10.9.2021). Eine Persiflage, "heiter und klug gemacht", so die Kritikerin. Der Graf F. beispielsweise sei eine "wunderbare Lachnummer in seiner ganzen besitzergreifenden Männlichkeit". Vor allem im ersten Teil sei dieser Abend auch mehr als Witzelei, vor allem, weil die Dramatikerin Enis Maci Kleists "spröde Sprache" herunterbreche auf einen "wunderbar ironischen Erzählstil" – besonders an diesen Stellen funktioniere die Inszenierung, sei "unaufgeregt lehrreich". Schade sei, dass im zweiten Teil vor allem der Film von Russ Meyer nacherzählt werde, dies wirke "ein bisschen statisch". Aber: Der Abend habe nichtsdestotrotz "großen Charme", bilanziert die Rezensentin.

"Eine gelungene Mischung aus Literatur und Action", so Christine Gorny im Radiosender Bremen zwei (13.9.2021). In der Gemeinschaftsproduktion der Autorin Enis Maci und der Regisseurin Elsa-Sophie Jach radikalisieren sich die Marquise und die Pussycats gemeinsam und überwinden weibliche Opferrollen in einem Zeitsprung von über 150 Jahren. Fazit: "Ein anspruchsvolles Konzept mit spielerischer Leichtigkeit umgesetzt – mit viel Witz und stimmigen Details."

Mitunter zu nah an den Texten, "fast zu detailliert", erzählen die Dar­stel­le­r*in­nen die beiden Geschichten aus, findet Benno Schirrmeister in der taz (15.9.2021). Dieses Konzept zerfalle ein wenig, meint der Kritiker. Doch: Die Autorin Enis Maci bringe Texte "ohne Rücksicht auf dünkelhafte Niveau-Behauptungen" in Dialog. Nämlich "die kanonische Novelle und das B-Movie, das seit den 1980er-Jahren oft als feministische Empowerment-Story gelesen wird". Es werden laut dem Kritiker die Slapstick-Momente zu "erfüllenden Theateraugenblicken". Er sieht "blitzartige Witzchen" und "wunderschöne Tanzeinlagen" von Emil Borgeest, die alle mitreißen. Vordergründig sei vieles "saukomisch". "Aber es ist eben mehr als das. Und deshalb richtig gut", schließt der Rezensent sein zufriedenes Urteil.

 
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