Zwei Schiffbrüchige, ein Wrack

von Stephanie Drees

Berlin, 12. September 2021. Eigentlich beginnt alles am Ende. Oder auch den Enden. An mindestens zwei stehen diese beiden Frauen: Ihre Beziehung muss schon bessere Tage erlebt haben, es herrscht große, in Weiß getunkte Kommunikationskälte.

Die Augenpartien, fast das halbe Gesicht haben sie mit weißer Farbe beschmiert. In heller Hose und T-Shirt stehen sie da, die eine hat die platinblonde Langhaarperücke noch auf, bei der anderen sieht man eine Nylon-Unterziehhaube über den verschwitzten Haaren kleben. Sie sehen aus, als kämen sie von einer wirklich anstrengenden Duo-Nummer auf irgendeiner Kleinkunst-Bühne dieses Landes, zwei Hauptdarstellerinnen einer Schmierenkomödie, ein Paar, das irgendwie durch ist mit allem: Mit der Welt, mit sich, mit der Darstellung von etwas. Ein riesiges Bildnis mit ihren Gesichtern hängt im Hintergrund, gedruckt auf Stoff. Kalkweiß geschminkte Haut, lachsfarben umrandete Münder und Augen, Schlafzimmerblick. Doch die Zeiten, in denen man nebeneinander auf Bildern posierte, scheinen vorbei. Neben den beiden, am Bühnenrand: ein Harfenspieler.

Wo geht's raus aus der toxischen Beziehung?

Und dann ist da das zweite Ende: Wir stehen kurz vor Schluss einer berühmten Geschichte, einer Bühnengeschichte. In Henrik Ibsens Stück "Nora oder Ein Puppenheim" gibt es diese legendäre Szene, bevor Nora, dieses einst häusliche Heimchen, ihrem Torvald – zum allerersten Mal in der Geschichte ihrer Beziehung – den Marsch bläst, die Wahrheit über ihr toxisches Beziehungskonstrukt aus sich rauskotzt. Unerwartet zwar, wohl auch für die Zuschauer:innen der ersten Vorstellungen dieses einstigen Skandalwerkes, aber, und das ist der eigentlich spannende Punkt: in schonungsloser Ehrlichkeit. Eigentlich hätte an dieser Stelle alles gut sein können: Das Problem mit der Erpressung durch den Fiestypen Krogstad ist gelöst, das bürgerliche Fassadenleben scheint gekittet, alles könnte so weitergehen wir bisher, Kinder, Küche, Koitus, Kommunikationsunfähigkeit. Ausgerechnet da hat Nora, in Ibsens Text bis dahin eine ihre Rolle sittsam erfüllende Trophy Wife, die Schnauze voll und schmeißt alles hin. Verlässt dieses beidseitig-narzisstische Beziehungskonstrukt, in dem der eine die andere klein hält und die eine den anderen permanent bestätigt. Abhängig waren beide voneinander, eh klar.

Nooraa2 600 DavidBaltzerHarlekins in Katerstimmung: Julia Riedler und Svenja Liesau © David Baltzer / Bildbühne

Und eigentlich fängt auf der Bühne des Gorkis erst an dieser Stelle, bei dieser Frage alles an: Kann es ein Entrinnen aus dieser Abhängigkeit, ein Aufbrechen dieses Fassadenlebens geben? Wir sind im Theater, genauer gesagt bei Leonie Böhm. Berühmte Werke der Weltliteratur, gerne solche, deren Autor:innen bereits tot sind, legt sie bis auf die Knochen eines Beziehungskonstrukts frei, das sie besonders interessiert. Besonders eindrücklich gelang das zuletzt bei der zum Theatertreffen 2021 eingeladenen Inszenierung von "Medea*", in der sie die weltberühmte Mythen-Mutter, verkörpert von der grandiosen Maja Beckmann, in einer Höhle aus weißen Laken der verletzlichen Menschlichkeit preisgab, sie einen emotionalen Prozess durchlaufen ließ, der aller Monstrosität trotzte.

Konfliktbearbeitung im Puppenheim

Eine ähnliche Schatulle hat Böhm nun für diesen Abend im Berliner Maxim Gorki Theater gemeinsam mit den beiden Schauspielerinnen Svenja Liesau und Julia Riedler gebastelt. Die beiden performen viel und schauspielen wenig, sie zeigen zwei Menschen, die sich voreinander entblößen müssen, um sich wahrnehmen zu können, sich im wahrsten Sinne nackt machen. Daher ist es nur konsequent, dass die beiden Frauen auf der Bühne nach und nach immer mehr von sich zeigen, die vierte Wand durchbrechen, direkt ins Publikum sprechen, einen Brautstrauß werfen, fast einen Zuschauer treffen und Stefan, den freundlichen Harfenisten, um Hilfe bitten.

Nooraa1 600 DavidBaltzerFüreinander tanzen © David Baltzer / Bildbühne

Ab und an werfen sie sich Teile aus dem Originaltext entgegen, da sagt Julia Riedler zu ihrer Partnerin, diesem zweiten Teil des Traurige-Clown-Duos: "Wir sind fremde Leut'. Ich fühle mich wie in einem Puppenheim." Vieles, die Sprachfetzen zu Anfang und die später an diesem Abend einsetzenden Dialoge, kommen offensichtlich aus der Improvisation, sind nur an Ibsens Textvorlage angelehnt. Die beiden tanzen füreinander, stellen sich Aufgaben. Schlussendlich reißen sie das Laken mit dem ikonischen Paarbild herunter, es soll zum überdimensionalen Wolkenkuckucksheim und schließlich zum Wirbelwind werden, den, mit Haken an der Decke befestigt, alle drei Spieler:innen rennend umkreisen, die Stoffbahnen hinter sich herziehend.

Zusammen sind wir weniger allein

Was passiert in diesen eineinhalb Stunden? Nicht besonders viel, außer einer auf der Bühne ausgelebten Utopie: Eine Annäherung, eine Offenbarung der Ichs, die tatsächlich zu einem Neuanfang führt. Radikale Ehrlichkeit und Selbstentblößung. Anfangs voll von passiver Aggressivität verschanzt sich Svenja Liesau im Körper einer Python, deren Bühnenaugen rot leuchten können und Julia Riedler versucht mit einem pantomimischen Flötenkonzert, sie da rauszuholen. Schmerzende Popsongs werden leise und schief angestimmt, in ihrer Verzweiflung kotzt die eine fast auf die andere – doch dann setzt sich irgendwann die Poesie der Umarmung durch. "Du musst meine Widerwärtigkeit auf dich nehmen", sagt Julia Riedler. Zwei Schiffbrüchige auf einem Wrack sind schließlich besser als eine allein.

Nooraa3 600 DavidBaltzerWichtig ist der peinliche Moment. © David Baltzer / Bildbühne

Es gibt einige berührende Momente in dieser sanften Paartherapie-Komödie, dieser fröhlich-freudianischen Versuchsanordnung über das emotionale Hosen-runter-Lassen und sein psychodynamisches Potential für ein anderes Miteinander. Leider gibt es ebenso viele Längen, unterspannte Momente, und solche, in denen man sich fragt, ob sie wirklich nur Unbeholfenheit ausstellen – oder sich unangenehm anfühlen, weil sie lax gearbeitet sind. Und so charmant wie Svenja Liesau und Julia Riedler stellenweise performen, so ganz überträgt sich der Glaube an den Neubeginn dann doch nicht, versackt die Spannung in übertriebenen Gesten und kleinen Einlagen: einer Pinguin-Imitationen, einem Lauf durch das Publikum mit Nebelmaschine. Die Inszenierung hebt nie vom Boden ab, ein wenig so, als sei sie nie ganz fertig geworden. Das ist schade, auch, weil sie recht mutig ein Statement in den Raum stellt: Wichtig ist der peinliche Moment für das Gelingen der Liebe.

NOORRRRAAAAAAAA
nach "Nora oder Ein Puppenheim" von Henrik Ibsen
Inszenierung: Leonie Böhm, Bühne: Zahava Rodrigo, Kostüme: Magdalena Schön, Helen Stein, Lichtdesign: Lutz Deppe, Livemusik: Stefan Czura, Dramaturgie: Tarun Kade, Clara Probst.
Mit: Svenja Liesau, Julia Riedler.
Premiere am 12. September 2021
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

Man müsse "Nora oder Ein Puppenheim" kennen, um der Ausgangssituation dieses Abends folgen zu können, meint Tobi Müller im Deutschlandfunk Kultur (12.9.2021). "Bildungsinklusiv", wie manche andere Abende am Maxim Gorki Theater, sei dieser nicht. "Eine Art emotionale Schadensaufnahme" sieht der Kritiker in Leonie Böhms Inszenierung. Eine "emotionale Angelegenheit" sei das Spiel der beiden Schauspier:innen, gar "emotional verformt" seien alle Figuren vom "großen K", dem Kapitalismus, stellt Müller als These in den Raum. Nicht nur die Frauen, alle leiden – und in dieser Hinsicht seien die Geschlechterkonzepte "interessant" fluide, findet der Kritiker. Das ganze Drama werde "nach innen verlegt". Leonie Böhm docke mit ihrer Inszenierung auch an Jetztzeit-Phänomene wie die Verschiebung sozialer Konventionen an: die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit verschiebe sich. Nicht alle Passagen seien freiwillig komisch, hier und da könne man der Inszenierung vielleicht den Stempel "Kuscheltheater" aufdrücken, doch das Thema der "Emotionalisierung des öffentlichen Raumes" sei eines unserer Zeit, was die Regisseurin mit ihrem Team versucht habe aufzugreifen.

Eine "naive Phantasie" sei diese Idee vom Theater als "hoffnunsgvollem 'soft space', wie es auf dem Programmzettel heißt", findet Ute Bühsing im rbb Inforadio. Die Beschwörung einer "Gemeinschaft der Schiffbrüchigen", die Leonie Böhm gemeinsam mit den an Grenzen der Verausgabung gehenden Schauspieler:innen inszeniere, sei "im Ansatz grundsympathisch". Aber: Als Spielphantasie dieser Nora, die bei Böhm auch "sonstwie heißen könnte", wenig nachvollziehbar, findet die Rezensentin. Ibsens Sozialdrama werde hier auf privaten Schmerz und dessen Überwindung reduziert.

Böhm gönne den beiden Figuren Nora und Helmer (ihrem Mann) den Schritt in die Freiheit nicht, "zumindest nicht ohne ausführliche und ehrliche Auseinandersetzung", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (13.9.2021, €). Das gesellschaftliche Korsett werde in dieser Inszenierung ignoriert, das Theater erscheine als "geschützter paartherapeutischer Raum". Auf diese Weise verliere der Konflikt seine tragische Wucht, "woraus leider folgt, dass die Entwicklung dessen, was auf der Bühne stattfindet, nicht folgerichtig, sondern willkürlich erscheint". Die Stimmung kippe ins scheinbar Private, man rutsche als Zuschauer:in "immer wieder in die Voyeursrolle". Die beiden Schauspielerinnen spielten zwar "mit scharfgestelltem emotionalen Sensorium und großer Schambereitschaft". Doch in den finalen Seufzer, den sie am Schluss von sich geben, wolle man als Zuschauer:in am liebsten einstimmen, lautet das wenig überzeugte finale Urteil des Kritikers.

"Heute gleiten die abendfüllenden Eheprobleme des norwegischen Mittelstandsehepaars glatt und achtsam in ein intimbeziehungstechnisches 'Wir kriegen das hin' hinüber", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (16.9.2021). "Die beiden Schauspielerinnen finden sich nach knapp neunzig Minuten Beziehungsaufarbeitung erschöpft, aber alles andere als unglücklich zusammen mit dem Musiker Stefan Czura in einer weichen, bühnenfüllenden Art Sitz-Liege-Sack." Entgegen dem Branchentrend zur dramatischen Überschreibung gehe Böhm den umgekehrten Weg: "Sie hält an den kanonischen Texten fest, schafft dabei im Idealfall aber tatsächlich das Kunststück, sie wie die spontane Äußerung eines Zeitgenossen klingen zu lassen." An der Inszenierungsoberfläche sehe das nach dem letzten Performance-Schrei aus und "ihre Arbeiten wirken wie das Ergebnis eines kollektiven Tiefengrabungsprozesses, in dem alle Mitwirkenden diejenigen Themen und Motive zutage gefördert haben".

 

 

 

 
Kommentar schreiben