Schluss mit "Höher, schnell, weiter!"

15. September 2021. Ex-Kultursenatorin Adrienne Goehler und Manuel Rivera vom Potsdamer Institut für Nachhaltigkeitsforschung (IASS) haben einen Entwurf für einen Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit (FÄN) vorgelegt, der die Zusammenarbeit von Kunst und Wissenschaft längerfristig fördern soll.

Interview Elena Philipp und Christian Rakow

 

Das Konzeptpapier zum FÄN hat inzwischen 127 Unterstützer:innen aus verschiedensten gesellschaftlichen Feldern gefunden, darunter Ex-Umweltminister Klaus Töpfer, Transformationsökonomin Maja Göpel, Klimaforscherin Antje Boetius sowie Kunst- und Theatermacher:innen wie Olafur Eliasson, Sasha Waltz, Milo Rau, Kathrin Röggla oder Amelie Deuflhard.

Über die Ziele und Realisierungsmöglichkeiten des FÄN sprachen Elena Philipp und Christian Rakow mit den Initiator:innen Adrienne Goehler und Manuel Rivera vom IASS.

Können Sie mit einem Satz umreißen, was der Fokus des avisierten Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit ist?

Adrienne Goehler: Wir möchten neue Formen der Zusammenarbeit im Sinne der nötigen Transformation ermutigen, die auch zu Veränderung und möglichen Erweiterungen von Kunst wie Wissenschaft führen.

AdrienneGoehler 600 Wenke Seemann uAdrienne Goehler © Wenke SeemannManuel Rivera: Es geht um ganz praktische Veränderungen in gesellschaftlichen Bereichen wie Stadtentwicklung oder Produktdesign. Und darum, Beteiligungsformen anders zu verstehen, sie mit den planetaren Herausforderungen anders in Verbindung zu bringen. Diese Veränderungen können nicht technische Aufgaben bleiben, sondern bedürfen der Gestaltung. Und das ist die Domäne von Künstler:innen. Die Wissenschaften wiederum bringen durch ihre Art, die Dinge zu abstrahieren, die sachliche und systemische Komplexität in diese Projekte hinein.

Wie passt sich das Vorhaben in die Struktur und Projekte des IASS ein?

Rivera: Wir sind bisher ein Projekt, finanziert durch das Land Brandenburg und das BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung, Anm. d. Red.), und hatten sehr viel Beinfreiheit, in Beratungsrollen einzutreten. Das hat uns in der Arbeit mit künstlerischen Akteur:innen geholfen. Mit dem Jungen Ensemble Berlin z. B, haben wir ein Projekt zu Haydns "Schöpfung" gemacht und gefragt, was sich in den zweihundert Jahren seit der Uraufführung verschoben hat und was wir jetzt damit im Anthropozän machen. Aber wir konnten aus den intensiven Dialogen und Begegnungen kein neues Musikstück oder Konzertformat, aber auch keine neue Geschichte entwickeln.

Goehler: Weil es keinen FÄN gab.

Rivera: Genau, weil es keinen FÄN gab. Das wäre jetzt der nächste Schritt: zu fragen, wie "Die Schöpfung" heute aussähe. In meinen Augen soll der FÄN Prototypen schaffen und ein Verständnis davon schärfen, was es für Modi und Ergebnisse von Kunst-Wissenschafts-Kooperationen geben kann.

Wer ist der primäre Adressat dieses interdisziplinär ausgerichteten Fonds? Eher Wissenschaftler:innen, die ihre Forschung in künstlerischen Prozessen abbilden wollen? Oder Künstler:innen, die sich mit Expert:innenen verknüpfen?

Goehler: Adressiert sind Künstler:innen wie Wissenschaftler:innen gleichermaßen. Daher sollen auch die Kultur-, Wissenschafts- und Umweltministerien das Vorhaben alimentieren. Neben dem Interdisziplinären ist mir wichtig, dass die Projekte deutlich mehr Zeit brauchen. Das ist eine meiner Erfahrungen als Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds. Die permanente Antragstellung und die Messung der Kunst an ihrem Output bedeuten eine Verschleuderung von menschlichen und finanziellen Ressourcen. Das "Höher, schneller, weiter, mehr" des Kapitalismus hat sich tief in die Kunst eingegraben.

Wie soll so ein Fonds diese Projektlogik überwinden?

Goehler: Für mich macht es einen substanziellen Unterschied, ob ich zwei- oder dreimal im Jahr diese Illusionsmaschine anwerfen muss, weil ich mich bei verschiedenen Fördertröpfen bewerbe, oder ob ich mich zwei, zweieinhalb, drei Jahre mit einem Thema auseinandersetzen kann. Wir denken, zwischen Projekt-Hopperei und Verstetigung bis zur Versteinerung muss noch etwas liegen.

Der Hebel sind damit die Förderzeiträume, die man verlängert?

Rivera: Der FÄN ist außerdem als Lernplattform gedacht. Projekte können hier als Prototypen funktionieren, aus denen heraus sich dann wieder Institutionen gründen.

FridaysForFuture BerlinMit den Protesten von Fridays For Future (hier eine Aktion auf der Oberbaumbrücke Berlin im März 2021) sind Klima- und Nachhaltigkeitsfragen ins Zentrum der Politik gerückt. © Fridays For Future / flickr.com

Welche Funktion hat Kunst in diesem Rahmen? Muss man nicht dem Vorwurf begegnen, dass Kunst hier als Träger anderer Sinn- und Wissensformen instrumentalisiert wird?

Goehler: Na ja, es wird ja niemand gezwungen, sich beim FÄN zu bewerben. Künstler:innen können sich, glaube ich, selber ganz gut davor bewahren, funktionalisiert zu werden. Sinnigerweise gab es bei Kunstfunktionär:innen die Frage, ob der FÄN nicht gegen die Kunstfreiheit gerichtet sei, nicht bei Künstler:innen; von denen habe ich viele gesprochen, die alle sagen: Können wir das bitte selbst entscheiden?

Es ist leicht zu sagen, die Künstler:innen müssen sich ja nicht bewerben. Aber es läuft auch auf eine Mittelumschichtung hinaus, wenn man zum Beispiel Mittel des Kulturministeriums einsetzt. Kunst steht sonst im Abstand zur Alltagsrationalität, hier nimmt sie eine stärker inhaltliche, unterstützende Rolle in der Wissensbildung ein.

Goehler: Kunst ist hier Teil eines Verfahrens und nicht instrumentalisiert. Es geht um eine Umverteilung für erweiterte Inhalte. Ich habe mit dem FÄN ganz früh bei der Kulturstiftung des Bundes angefragt, denn sie schien mir eigentlich die natürliche Partnerin zu sein. Damals sagte die Leiterin der KSB "Wir haben jetzt drei Jahre Nachhaltigkeit gemacht, nun liegt der Fokus auf Subsahara." Verstehen Sie, was ich meine? In solchen Vorstellungen liegt die Funktionalisierung viel näher. Mit dem FÄN geht es darum, etwas herauszukriegen, andere – transformative - Zusammenkünfte zu ermöglichen. Wir können nicht in den alten Gefäßen das alte Denken fortsetzen.

ManuelRivera IASS uManuel Rivera © Lotte OstermannRivera: Und falls Künstler:innen sich aus welchen Gründen auch immer instrumentalisiert fühlen, sollte diese Kritik in die Weiterentwicklung der (Förderrichtlinien)-Kriterien eingespeist werden. Das betrifft übrigens die Wissenschaftler:innen ganz genauso. Es gibt natürlich auch die Tendenz, Wissenschaft zu instrumentalisieren, nämlich als bloßes Material für Kunst.

Goehler: Uwe Schneidewind, ehemals Präsident des Wuppertal Instituts und jetzt Wuppertaler Oberbürgermeister, sprach einmal von der "Wissenschaft im Zeitalter ihrer Finanzierbarkeit". Das ist einfach nicht das, was gebraucht wird. Nachhaltigkeit heißt auch, daran zu erinnern, welche Möglichkeiten Wissenschaft und Kunst haben könnten, wenn sie nicht durch sehr eng ausgelegte Förderprogramme instrumentalisiert werden. In der DFG (Deutschen Forschungsgemeinschaft, Anm. d. Red.) haben Fragen der Nachhaltigkeit und Überlappungen aktuell so gut wie keine Chancen. Auch nicht soziale Fragen, die mit den wissenschaftlichen Fakten des Klimawandels zusammenhängen. Für mich ist der FÄN nur ein erster Schritt. Danach müsste es bald einen Topf bei der DFG für diese transdisziplinären Fragen geben.

Wie steht der FÄN zum "Green Culture Fonds", den die Grüne Partei plant und der nachhaltige Umbaumaßnahmen an Theaterbetrieben fördern soll?

Rivera: Die Vorhaben sind komplementär. Deshalb stehen Sie auch in einem Passus des Grünen-Wahlprogramms nebeneinander. Es gibt die betriebsökologische Dimension, in der es um das Reduzieren des Fußabdrucks geht, das die kulturellen Einrichtungen wie Museen und Theater genauso zu leisten haben wie alle anderen Bereiche. Aber es gibt natürlich Schnittstellen zwischen beiden Vorhaben: In dem Moment, in dem ich darüber nachdenke, wie ein Museum seinen Fußabdruck reduziert, denke ich vielleicht auch schon über andere Formen der Präsentation nach und was ich ästhetisch leisten will.

Über welche finanzielle Ausstattung sprechen wir beim FÄN?

Goehler: Ich habe mich immer vom Hauptstadtkulturfonds leiten lassen, der wenig bürokratische Gelder verschlingt und aktuell auf 15 Millionen Euro angewachsen ist. 10 Millionen müssen es also schon sein. Mit Aufwachs-, Erweiterungs- und Kombinationsmöglichkeiten. Die Laufzeit des FÄN könnte zunächst auf 6 Jahre begrenzt werden bei gleichzeitiger wissenschaftlicher Begleitung.

Hängt der Erfolg des FÄN von einer Regierungsbeteiligung der Grünen Partei nach der Wahl ab, oder gibt es auch positive Signale aus den aktuellen Ministerien heraus?

Goehler: Aus den jetzigen Ministerien ist zu hören: Ja, toll, Kunst und Wissenschaft zu verbinden. Großartig! Aber Nachhaltigkeit ist ein zu kleines Thema dafür. Und an anderer Stelle heißt es Corona, Corona, Corona muss sozial, sozial, sozial abgefedert werden.

Rivera: Im parlamentarischen Raum gibt es positive Signale, gerade erst bei der Linksfraktion im Bundestag. Aber na gut, eine Rot-Rot-Grüne Koalition wird’s auf Bundesebene wahrscheinlich nicht werden. Was die Ministerien betrifft: So wie die aktuell aufgestellt sind, bin ich auch eher pessimistisch. Wir werden am 14. Oktober in Berlin eine größere Veranstaltung machen, zu der wir breit im kulturellen und politischen Berlin einladen, um das Konzept noch einmal vorzustellen. Auch in seiner Unfertigkeit, in seinem Noch-Werden, die eine Einladung zum Mitmachen ist.


Mehr zum Fonds Ästhetik und Nachhaltigkeit lesen Sie hier.

Im Oktober 2019 sprach Manuel Rivera auf der von nachtkritik.de, dem IASS Potsdam, der Dramaturgischen Gesellschaft, TD Berlin und der Heinrich Böll Stiftung Berlin gemeinsam veranstalteten Konferenz Klima trifft Theater.

Hier finden Sie das Dossier Theater und Klimakrise.

Die Auftaktveranstaltung Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit findet am 14. Oktober 2021 von 17 bis 19 Uhr im Refugio in Berlin-Neukölln statt.