logo_nachtkritik_klein.png
Drucken

Die Verpflanzung der Arten

von Gabi Hift

Wien, 14. September 2021. Es ist nicht, was Sie denken! Oder was ich jedenfalls dachte: Oh je, ein Stück über Korallen und das Sterben, das wird womöglich ein ehrenwerter, aber hölzerner Versuch, mich erzieherisch aufzurütteln. Aber es ist alles völlig anders und ein großes Vergnügen!

Schillernd

Das Stück ist ein federleichtes, melancholisches, witziges poetisches Impromptu. SCHILLERND. Es beginnt mit einem Chor (Chor: alle = Koralle), der von einer unerhörten Begebenheit berichtet: Zwei, wollen ins Theater, in ein Stück von Schiller und als sie ankommen steht da, wo früher das Theater war, ein riesiges Korallenriff und schillert – der beste Schiller aller Zeiten.

KoralliKorallo1 560 BettinaFrenzel uUmsiedlung mit Gefühl und Selbsterforschung © Bettina Frenzel

Die fünf Darsteller:innen glänzen in Taftkostümen in allen Schattierungen der Korallenröte und mäandern zwischen verschiedenen Figuren, und zwei Erzählsträngen: Im ersten geht es um ein Wesen, mal Mensch mal Koralle, das zu seinem eigenen Besten umgesiedelt werden soll, aber partout nicht will. Das ist mal ein Korallenriff, das an eine neue Stelle verpflanzt werden soll, wo es die Klimaerwärmung überleben könnte, mal ein alter Mensch, den seine Kinder, mit allerlei Tricks in ein Pflegeheim locken wollen, weil es zu Hause einfach nicht mehr geht. Die zweite Geschichte ist eine Reise nach Griechenland, die die fünf unternehmen, um Altertümer zu besichtigen und dabei in einer Tempelanlage oder vielleicht doch in einem Millionen Jahre alten lebenden Korallenriff landen. Auf dieser Reise versuchen sie, selbst zu einer symbiotischen Gruppe nach Muster eines Korallenriffs zu werden.

Vom Tun zum Fühlen

Die Schauspieler:innen gleiten mit vollendeter Leichtigkeit zwischen den Geschichten und den Figuren hin und her. Leitfaden sind ihre Versuche, nicht nur das Richtige zu TUN – denn vom Intellekt her wüssten sie ja, was das richtige ist – sondern einen Weg zu finden um das richtige zu FÜHLEN. Das würde sie dann dazu drängen das Richtige zu tun. Dabei machen sie sich über ihre eigenen Schrullen lustig – aber nicht auf zynische Weise, sondern quasi sanft verzweifelt. Die Truppe geht bei ihrer Selbsterforschung mit großer Ehrlichkeit zu Werk. Sie stellen sich nicht moralisch über das Publikum und verkünden mahnend: "Du musst dein Leben ändern" damit unsere Spezies nicht demnächst mitsamt den meisten anderen von diesem Planeten verschwindet. Sondern sie stecken in denselben Dilemmata wie alle und sprechen sie aus: "Es ist ja auch entsetzlich. Aber manchmal, also ich kenn das von mir, dass manchmal meine emotionale Reaktion hinter meinen Erwartungen an mich zurückbleibt."

Das trifft genau, was wahrscheinlich jeder gutwillige Mensch schon einmal über sich selbst gedacht und sich dann dafür geniert hat.

Wienerischer Witz

Für das alles findet Milena Michalek zusammen mit ihrem Ensemble eine großartige Sprache und herrliche Bilder. Die Texte haben einen funkelnden Witz, sie haben etwas Wienerisches, nicht im Sinne von Dialekt, sondern in ihrem bewusst unterspannten, dunklen, in den Ekel verliebten Gestus. Alle Figuren sind verzweifelt, bleiben aber dabei lässig. Der Humor erinnert an die Brenner-Romane von Wolf Haas; das In-sich-selbst-Versponnene der Figuren auch an die frühen Stücke von Botho Strauß (als der noch großartig war).

KoralliKorallo 560 BettinaFrenzel uVersponnen im Hier und Jetzt  © Bettina Frenzel

Die Schauspieler:innen haben alle hintereinander einen brillanten Auftritt als Protagonist:in in der Rolle des alten Mannes oder der alten Frau, die sich gegen ihre Kinder wehrt. Christoph Radakovits windet sich mit seinen langen Gliedmaßen in abstrusen Verrenkungen aus der Situation heraus. Und ähnelt dabei geradezu unheimlich Sheldon aus "The Big Bang Theory". Die passt überhaupt gut zu dieser Gruppe aus fünf in ihre Hirne verwickelten Intelligenzbestien, die aber emotional auf einem eher kindlichen Stand steckengeblieben sind. Es gibt keine sexuelle Anziehung zwischen ihnen und auch keine Kämpfe um Erfolg, nur stadtneurotische, sympathische Versuche der Kameraderie.

Contessa Tristezza trifft Senhor Saft

Aline-Sarah Kunisch als Contessa Tristezza studiert ihre eigene Depression mit kühlem Interesse. Mit ihren riesigen schwarz umrandeten Augen sieht sie aus wie ein Stummfilmstar der zwanziger Jahre, der aber ununterbrochen plappert und sich wünscht, es möge doch jemand "Halt die Schnauze" zu ihr sagen. Das müsste aber auf Augenhöhe sein. "Das ist ein HALT DIE SCHNAUZE geben und nehmen. Alles andere wäre ja irre." Als dann Daniel Wagner als Senhor Saft zu ihr sagt "Jetzt halt doch mal den Suppenschlitz", liefern sich die beiden ein Beschimpfungsduell, das den Sexismusdiskurs durcheinanderwirbelt, dass man ganz schwindlig wird.

Johanna Wolff spielt eine wunderbare Szene, in der die alte, demente Frau desorientiert ausbüchst, sich mitten auf der Straße auf den Boden legt und gleich darauf denkt, sie sei ein Kind und müsse in die Schule.

KoralliKorallo2 560 BettinaFrenzel uHier wird es hart: "Ich sterbe! Ihr sterbt mich. © Bettina Frenzel

Besonders berührend ist dann Rahel Ohm. Während die vier "Jungen" (um die dreißig Jährigen) schon mit einer bestimmten lockeren Verfremdungstechnik auf die Welt gekommen zu sein scheinen, dem rasanten coolen Screwball-Stil des neuen Jahrtausends, ist Rahel Ohm eine Schauspielerinnen Generation älter und spielt die Situation der alten Frau einerseits realistischer andererseits überhöht, und das geht einem sehr an die Nieren. Sie sagt (wie alle in der Doppelrolle Mensch/Koralle): "Ihr habt MEINEN MEIN MEER BENUTZT UM AUF DIE WELT ZU KOMMEN. HABT IHR MEINE ORGANE AUSGELEIERT MEINEN BODEN IHR. SEID JETZT GROSS UND WOLLT MICH WEG SCHICKEN. HAB ICH EUCH SOWAS GELEHRT? Ich möchte nicht bekümmert werden. Geh mal tschüss geht mal alle. Raus! Raus. Geht einfach, lasst mich. Ich sterbe! Ihr sterbt mich."

Hier wird es wirklich hart – und entfernt sich weit vom aus dem Handgelenk geschüttelte Versuch, sich über den Umweg einer alten Verwandten, die ins Pflegeheim muss, vorzustellen, was eine Koralle fühlen könnte, die umgesiedelt wird. Aber gerade dass es nicht aufgeht, dass es nicht hingebogen wird, sondern auseinanderklafft, macht das Unternehmen so interessant. Das Mitgefühl mit Menschen bleibt etwas völlig anderes als die spielerische Vorstellung von Korallengefühlen.

Künstlerisch redlich

Am Ende versuchen die fünf sich nach Art einer Koralle symbiotisch zusammenzuschließen, wissen aber nicht, wie das gehen könnte. "Was steht uns im Weg?" fragen sie in den Saal, während das Licht ausgeht. Und weil das so direkt gefragt wird, antwortet man im Kopf sofort: "die Nützlichkeit. Für eine Symbiose müsstet Ihr füreinander nützlich sein, als Sexualpartner oder im gemeinsamen Kampf gegen Naturgewalten oder gegen Feinde. Das mit dem friedlichen passiven Beieinandersein ist eine naive idealistische Vorstellung."

Und so führt man innerlich das Gespräch mit den Künstler:innen und mit sich selbst weiter. Mit derselben Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit, die der Abend hatte. Er bietet keine Lösung für das Entwickeln von Gefühlen, die es einem leichter machen würden, den Klimawandel zu bekämpfen. Stattdessen schenkt er einem – neben großem Vergnügen – etwas Seltenes: künstlerische Redlichkeit. So sind die Künstler:innen für die Zuschauer:innen nützlich – und wir alle auf dem Weg zur Symbiose.



Koralli Korallo
von Milena Michalek und Ensemble
Regie: Milena Michalek, Ausstattung: Sina Manthey, Dramaturgie & Assistenz: Elena Höbarth, Mitarbeit Ausstattung: Luna Becker.
Mit: Aline-Sarah Kunisch, Rahel Ohm, Christoph Radakovits, Daniel Wagner, Johanna Wolff.
Premiere am 14. September 2021
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.kosmostheater.at

 

Kritikenrundschau

Der Text wurde von Regisseurin Milena Michalek gemeinsam mit dem Ensemble entwickelt. Und so betreffen die melancholisch 'schillernden' Geschichten dieses Abends auch alle Figuren – Menschen und Korallen, schreibt Angela Heide in der Wiener Zeitung (16.9.3021). Und verhandeln ziemlich viel, was in eine in schlingernde Farbkuben getauchte Ruinenwelt führe. Fazit: "Alles an dieser poetisch mäandernden Inszenierung mutet an der Oberfläche humorvoll, skurril bis absurd an und ist dabei tiefsitzend traurig und zutiefst verletzlich. Eben doch: funkelnd schön."

Im Kosmos-Theater tragen die sich auf Expedition befindlichen Vagabunden alsbald auch undefinierbare, krakenähnliche Arme  Haben sie sich den Korallen anverwandelt? Ihre 'unmenschlichen' Bewegungen und Gesten legen es nahe, schreibt Margarete Affenzeller im Wiener Standard (16.9.2021). "Spannungsreich an diesem kompakten Abend ist tatsächlich die künstliche Körperlichkeit, die das Grüppchen an den Tag legt." Der Abend werde dann am stärksten, wenn er seine Behauptungen in Pollesch'scher Manier in scheinbar unendliche, absurde Möglichkeiten weiterdreht.