Am großen Entfremdungskörper

von Janis El-Bira

Berlin, 16. September 2021. Von Karl Marx wird kolportiert, er sei als junger Mann gerne in den Zirkus gegangen. Wenn die Geschichte stimmt, dann dürften dem Denker die Kühnheiten von Seiltänzern und Messerwerfern wohl schön und schrecklich zugleich vorgekommen sein. Schön als Möglichkeitsschau des zur Fantasie begabten Menschen. Schrecklich aber, weil die ihrer Arbeit entfremdeten Menschmaschinen des Industriezeitalters in den scheinbar unbegrenzt strapazierfähigen Artisten-Körpern schon angelegt waren. Aber das Schöne wird ja erst des Schrecklichen Anfang, wenn das Schreckliche dann da ist. Vorher ist es einfach nur schön.

Menschen, Viren, Sensationen

Um Karl Marx geht es eigentlich nicht an diesem bis ins Detail heftig auf Retro gestimmten Eröffnungsabend für René Polleschs Intendanz an der Berliner Volksbühne. Aber ums Anfangen und noch viel mehr um den Zirkus. Der ist überall. Schon auf dem Rosa-Luxemburg-Platz begrüßen Wagen und Zelt, es leuchtet wie bei Roncalli an Weihnachten. Doch noch vor Beginn ist erst einmal Radau. Ein paar Verschallerte machen Anti-Corona-Krawall, wollen das Theater von innen verrammeln. Schließlich muss die Polizei eingreifen, es gibt sogar eine kleine Verfolgungsjagd. Menschen, Viren, Sensationen."Da hinten ist die Hölle los wegen einer neuen Kunstrichtung!", wird Martin Wuttke später auf der Bühne rufen, und es ist da schon nicht mehr das erste Mal, dass ein eigentlich jeder Tagesaktualität entrückter Pollesch-Text als unmittelbarer Gegenwartskommentar lesbar erscheint.

Kunststücke mit Karnickel

Der Vorhang, den der Titel verspricht, und den Leonard Neumann, Sohn des 2015 verstorbenen Volksbühnen-Masterminds Bert Neumann, traumschön in die weiße Weite des Hauses gehängt hat, dieser Vorhang hatte zu jenem Zeitpunkt bereits erste Kunststücke vollführt, sich zu einem, again, Zirkuszelt gespitzt und zum einladenden Steppkissen geballt. Ein echtes Karnickel würde er später noch auf die Bühne zaubern und Susanne Bredehöft unter seinen Fittichen anmutig zu Kate Bush tanzen lassen. Er ist vom Text mythisch beschworenes Obdach, Spiel- und Projektionsfläche, und dann doch wieder bloß ein Vorhang, der sich hängenlässt.

Aufstieg und Fall eines Vorhangs5 600 ChristianThiel cMythisch beschworenes Obdach: Susanne Bredehöft und Martin Wuttke unterm Multifunktions-Vorhang © Christian Thiel

Gut abgehangen zeigen sich auch die Pollesch-Geschöpfe, denen Schmerz und Lust am falschen Leben im richtigen Theater unverändert rege die Zunge lösen. Aber dem neuen Stück merkt man dann doch an, dass es weiß, was die Stunde geschlagen hat. Das hier will bei aller vorgeschobenen Low-Keyness Größeres aufrollen als die mitunter zu einer sehr eigenen Art von Possierlichkeit geronnenen Pollesch-Arbeiten am Deutschen Theater. Will hin sogar zu Tolstoi, den Wuttke als Anarchisten-Greis mit Gehstock anzitieren darf, während ihm Margarita Breitkreiz und Kathrin Angerer als junge Revolutionäre die Aufwartung machen.

Anschmachten in graziöser Verspultheit

Tolstoi wird – wie andersherum die riesigen historischen Fotografien eines Artisten-Paars links und rechts der Bühne – zum Hinweisgeber für Polleschs Auskultationen am großen Entfremdungskörper. Denn wo Tolstoi die im eigenen Werk angelegten Revolutionsgewalten im Leben mit Skepsis sah, vom Schreiben nicht restlos ins Sein übersetzen wollte, da erscheinen gerade die Zirkusmenschen in Kraft und Können ganz bei sich. Zirkus bedeutet schließlich die Inszenierung von Realität – und damit das genaue Gegenteil vom bürgerlichen Repräsentationstheater, Polleschs liebstem Feind. Kathrin Angerer darf die beiden Foto-Artisten entsprechend immer wieder in unnachahmlich graziöser Verspultheit anschmachten und dabei Sätze sagen, die ebenso unnachahmlich Pollesch sind: "Dein Lächeln zeigt mir, dass dahinter wenigstens Betrieb ist."

Aufstieg und Fall eines Vorhangs4 600 ChristianThiel cDen Tod im Nacken und hoch hinaus © Christian Thiel

Zwischen Tolstoi und Zirkus plaudert sich bald auch noch denkbar viel zusammen. Vom Anfangen und Aufhören, den junggebliebenen Alten und frühalten Jungen, Regisseurs-Selbstbezichtigungen ("Nicht rauchen!") und bis hin zur spezifischen Problematik des Neuen. Es geht um Film-im-Theater-im-Film, um Kubismus, Roboter und prekäre Verhältnisse und um jede Menge Vorhang-Metaphysik mit Theorieeinsprechern nach Jean-Luc Nancy. Martin Wuttke sitzt in Gestalt eines Umschnall-Skeletts wortwörtlich der Tod im Nacken, Kathrin Angerer lässt sich royal die Füße waschen, Margarita Breitkreiz zelebriert die Pollesch-klassischen Pausen, in denen das Sprechen dem Körper stets um eine Silbe voraus zu sein scheint. Die Pollesch-Sprechenden bleiben wie eh und je Abgehängte auf den Autobahnen ihrer eigenen Hirnströme.

In schwebender Eleganz

Nichts davon ist neu, nichts gänzlich außergewöhnlich, aber man schaut und hört es an diesem Ort dann doch gerne. Und wie sich dieser Text auf eine sehr unterschwellige Weise an fast all die unzähligen Dinge schmiegen will, die in den letzten Jahren über Fluch und Erbe dieses Hauses gesagt worden sind, und wie er das mitunter schafft, ohne dabei irgendeiner Konkretion zu verfallen, das hat eine schwebende Eleganz. Es schien ja fast ein Witz, dass ausgerechnet Pollesch mit einem eigenen Stück den Aufschlag machen würde, hatte er doch seine Volksbühnen-Intendanz in allen Verlautbarungen vorab ins Zeichen des großen "Wir" gestellt. Jetzt ist klar, dass es natürlich niemand sonst hätte machen können. Weil man es sich leisten können muss, der Dauerausbeutung eines auf Neuigkeitswerte abonnierten Betriebs wenigstens ästhetisch ein Zeichen der Entspannung entgegenzusetzen. Und mit Marx in den Zirkus zu gehen.

 

Aufstieg und Fall eines Vorhangs und sein Leben dazwischen
von René Pollesch
Uraufführung
Regie: René Pollesch, Bühne & Kostüme: Leonard Neumann, Licht: Frank Novak, Ton: Klaus Dobbrick, Kamera: Benjamin Hartlöhner, Tonangel: Abdoul Kader Traoré, Dramaturgie: Johanna Kobusch.
Mit: Kathrin Angerer, Susanne Bredehöft, Margarita Breitkreiz, Martin Wuttke.
Premiere am 16. September 2021
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.volksbuehne.berlin 

 

Kritikenrundschau

"Müdes Backstage-Geplauder" hat Peter Laudenbach von der Süddeutschen Zeitung (18.9.2021) beobachtet. Lässig könne man diese "Unterspanntheit" finden: "Statt Pauken und Trompeten und Manifeste zum Neustart zu bemühen, wird die eigene Ratlosigkeit ausgestellt. Aber eine Inszenierung, die selbst die Beteiligten nur so halb zu interessieren scheint, ist vielleicht nicht der beste Auftakt für eine neue Intendanz", so Laudenbach. Zudem käme nach der Pollesch-Premiere abgesehen von zwei Koproduktionen erst einmal nicht viel im Programm: "Den Rest müssen das Jugendtheater P14, Lesungen und Rockkonzerte bestreiten, während Pollesch seine nächste Premiere Ende September am Hamburger Schauspielhaus zeigt." Ob der Regisseur so "das einst ausstrahlungsstärkste Theater des Landes reanimieren" könne, wie Laudenbach zufolge als große Frage über dem Volksbühnen-Neustart stehe? "Es wirkt ein wenig, als sei der Hauptzweck der Volksbühne als sich selbst regulierendes System, dass es sich alle Beteiligten nett miteinander machen – das Theater als Family&Friends-Programm, dessen Ergebnisse das Publikum aus reiner Großzügigkeit betrachten darf."

"Erlesene Darstellungsindividualismen für Eingeweihte" und Witze für Leute, die sich nicht für Spießer halten, sah Eva Behrendt, die für Zeit Online (17.9.2021) schreibt. Natürlich sei es hinreißend, Kathi Angerer beim Räsonieren über das Thema Jung und Alt zu lauschen oder Martin Wuttke "im Jogginganzug mit Philipp-Plein-haften Glitzer-Totenkopf-Applikationen dabei zuzusehen, wie ihm ein umgeschnalltes Skelett von hinten auf die Schulter tippt, sobald er zur Zigarette greifen will". Das Premierenpublikum, das zu großen Teilen aus der Generation Pollesch bestehe, mit ihm theatersozialisiert worden und gealtert sei, könne über solche Selbstbezüglichkeiten lachen und weinen. "Aber wovon außer von seinen eigenen Stars in der Manege handelt dieses Theater eigentlich?", fragt die Kritikerin. "Wo weist es in die Zukunft?"

Swingende Lässigkeit bescheinigt dem "Zirkusabend, der Revolutionäre im Rentnerparadies zeigt" Wolfgang Höbel im Spiegel (17.9.2021). "Man wäscht sich gegenseitig die nackten Füße und watscht sich in einer uralten Clownsnummer gegenseitig ab; und zwischendurch sondert man funkelnde, zum Nachdenken animierende Weisheiten ab." Jeglichen jugendlichen Aufbruchsgeist vermeide diese Theatereröffnung. Wie vier Hochspringer:innen, die nach langem Anlauf einen halben Meter unter der aufgelegten Latte durchsegelten, erscheinen Höbel die vier Spieler:innen. Fazit: ein "Roncalli-Event der Theateravantgarde von gestern".

"Enttäuschend lahm" wirkt "das erste Stück eines frischen Beginns" auf Rüdiger Schaper vom Tagesspiegel (17.9.2021). "Es dreht sich um sich selbst, langsam und gemütlich, die Fans sind zufrieden." Schaper sieht, wie andere Kritiker:innen, auch einen widersprüchlichen Fokus auf die Zentralfigur: "Pollesch schreibt, Pollesch inszeniert, Pollesch gibt, er ist der Boss an der Volksbühne, auch wenn er mantramäßig von 'Wir' spricht". Künstlerisch seien das "Insidergeschäfte" und insgesamt "zum Auftakt eine dünne Suppe mit bekannten Einlagen".

Gelassen und selbstbezogen, sei der "Aufstieg und Fall eines Vorhangs" eine der weniger schwungvollen Polleschiaden, schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (17.9.2021) – "was natürlich Absicht ist und ein Statement zu den übermächtigen Erwartungen: Wer sind die Coolsten und Entspanntesten in der Stadt?". Die Vier auf der Bühne gäben sich "sehr ratlos bezüglich dessen, was man von ihnen wollen könnte", so Seidler. "Sie haben eben auch keine Antwort auf die Frage, was sie da eigentlich machen – nach dem Ende der Tragödie und ohne das Training von Profiakrobaten." Charmant und "von fein abgeschmeckter Melancholie", findet der Kritiker den anderthalbstündigen, durchaus wohlgelaunten "Seufzer".

Statt einem Phönix-aus-der-Asche-haftem Saisonstart, sah Bernd Noack in der Neuen Zürcher Zeitung (17.09.2021, 15.42 Uhr) "nur ein neckisches Räsonieren über das Nichts im luftleeren Raum." - "Sicher, das war schon ein echter Pollesch, mit Gags und im Philosophischen gründelnden Sentenzen, mit Sprachwitz und Spiel-Gaudi." - mehr als ein Hingucker sei der titelgebende Vorhang und alles, was sich darunter abspielt - Tolstoi ohrfeigen,  Brecht durch den lauen Kakao ziehen, immer wieder bei den eigenen Eitelkeiten landen - dann aber nicht. "Der Phönix aus der Asche – er steckt noch ein bisschen in ihr fest."

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