Oh schöne Petromelancholie

von Leopold Lippert

Frankfurt, 16. September 2021. Es beginnt mit einer Filmpremiere. Der rote Teppich ist vorm Schauspiel Frankfurt ausgerollt, und ein klappriger Oldtimer fährt vor. Vater James Arnold Ross, Ölmagnat, Filmproduzent und bekanntes Tatort-Gesicht (Wolfram Koch), macht Impro-Klamauk mit den willigen Passant*innen am Willy-Brandt-Platz. Dem Sohn Bunny (Torsten Flassig) ist das alles peinlich. Er weiß auch schon, dass der Film scheiße ausgehen wird: Am Ende wird das ganze Öl verbrannt sein, alle wissen Bescheid, doch trotzdem spielen alle artig mit. Auch uns im Publikum bleibt keine Wahl als mitzuspielen: denn während draußen die Action passiert, sitzen wir drinnen im Saal fest, 3G-geprüft und dicht maskiert, und gucken auf die große Leinwand.

Systemkritik aus der Klapperkiste

Jan-Christoph Gockel hat sich Upton Sinclairs Muckraker-Roman "Öl!" (1927) über die frühe kalifornische Ölindustrie schon 2013 in Heidelberg vorgenommen, doch während damals das Publikum interaktiv beim Ölfeldschachern beteiligt war, bleibt es diesmal hilflos außen vor. Oder besser gesagt: innen drin, derweil die Schauspieler*innen, live gefilmt von Benjamin Lüdtke und Eike Zuleeg, die Straße, das Foyer, die Bar zur Bühne umfunktionieren. Das Gefühl der fehlenden individuellen Handlungsoptionen ist dann auch bezeichnend für die große Systemkritik, die da in der roten Klapperkiste auf uns zurollt, die Abrechnung mit dem aus Öl gebauten langen 20. Jahrhundert, mit seinen Autostraßen und seinen Kriegen, mit seinen Ausbeutungsmechanismen und seiner Umweltzerstörung, und mit seinen unheiligen Allianzen zwischen Kapitalismus und Religion, zwischen Produktion auf kalifornischen Ölfeldern und kultureller Repräsentation im Hollywoodkino. Nicht umsonst war das Ausrufezeichen schon im Romantitel.

Oel2 560 Thomas Aurin u Repräsentation von Hollywood: Wolfram Koch, Ensemble © Thomas Aurin

Und heute? Am liebsten würde man nochmal von vorn beginnen, frei nach Arnold Schwarzenegger, der vom Band sehr austrokalifornisch herumfantasiert, er wäre gerne der Terminator, und zwar "in real life, to be able to travel back in time and stop all fossil fuels when they were discovered". Also bitteschön, Zeit zurückgespult: So beginnt dann doch eine Öl-Entdecker-Geschichte auf der Bühne, auch wenn es erzählerisch da gar nicht so viel zu holen gibt: Ein Vater-Sohn Konflikt, eine klassenübergreifende Jungsfreundschaft zwischen Bunny und dem Arbeiter Paul (André Meyer), die zunehmende Ausbeutung der Arbeiter*innen und ein Streik (der auch ein Bühnenstreik wird, mit peinlichen Pausen und grellem Saallicht), und eine Affäre namens Ruth Watkins (Lotte Schubert), und dann noch eine namens Vee Tracy (Caroline Dietrich), deren Loyalität vor allem deswegen nicht ganz klar ist, weil sie vom Vater bezahlte Schauspielerin ist.

Totgesagte leben spektakulär

Man kennt diese Dynamiken irgendwie, nicht zuletzt aus Filmen wie Fritz Langs Metropolis, im selben Jahr erschienen wie Upton Sinclairs Roman. Und "Metropolis" ist auch jener Film, den Bunny und Ruth im Autokino popcornmampfend schauen. Und… das sind schon ziemlich viele Verweise, die da übereinandergestapelt werden, so dass auch Bunny zugeben muss, "also das springt alles hin und her. Vor allem frage ich mich, auf welcher Ebene wir beide eigentlich sind?"
Das mit den Ebenen ist für uns Zuschauer*innen auch nicht immer ganz klar, aber darum geht es Gockel wohl auch nicht. Viel eher schon geht es darum, eine Abschiedsstimmung einzufangen, einen Abgesang, den er im Zwischentitel "Petromelancholie" nennt (ein Begriff der Kulturwissenschaftlerin Stephanie LeMenager): die Trauer um all das, was das Öl für unseren Alltag bedeutet (hat), als Rohstoff, dessen "molekulare Mobilmachung" (so der Chemiker a.k.a. Barkeeper McEnnis, auch gespielt von Caroline Dietrich) all die Annehmlichkeiten der Petromoderne ermöglicht hat. Es ist ein Abgesang auf eine Lebensform, die angeblich im Sterben liegt, und wie es so ist mit Totgesagten, dann eben doch noch ein letztes Mal spektakulär sein will.

Oel1 560 Thomas Aurin uAnspielen gegen den Tod: Torsten Flassig, Caroline Dietrich © Thomas Aurin

Das Spektakel bekommen wir, und zwar eines der alten Schule, schön anzuschauen, mit allem, was die Gewerke so zu bieten haben (Bühne: Julia Kurzweg): Sprühregen, Stroboskop, Wasser- äh, Ölschlacht auf der Bühne, wohlig vibrierendes Bassgewummere, Emostreicher, Bühne auseinander nehmen und wieder zusammenbauen, riesige leuchtende Hollywoodbuchstaben (also ein paar davon zumindest, HOLOYD), Airstream-Trailer, mit großer Geste performte alte Indiepopsongs, ein echtes rotes Vintage-Auto, das zwar nicht mehr fährt, aber sich vorzüglich herumschieben lässt. Dazu Kostüme (Amit Epstein) quer durch alle sozialen Schichten: Arbeiteronesie, Pelzmäntel, Gummistiefel, Varietéglitzer, Cowboyhüte, Pastorenanzug. Und eben die präzise geschnittenen Live-Videobilder und -Töne von drinnen und draußen, und manchmal sogar beides zugleich, zwischen Saaltür und Angel.

Die Jahrmillionen explodieren

Dazu darf Wolfram Koch als Patriarch mit weit ausladenden Armen klotzen statt kleckern, und es fallen Sätze wie "Jahrmillionen explodieren in Sekundenbruchteilen und katapultieren uns weiter und weiter, in Sekunden verbrennt die seit Urzeiten gespeicherte Energie und offenbart sich uns!" Nicht nur die Jahrmillionen explodieren, am Ende tun das sogar per Videoprojektion die Frankfurter Bürotürme, so 9/11-in-Mainhattan-mäßig. Es ist ein nicht immer ganz schlüssiges Theater des Exzesses, das Gockel da aufbietet, so wie das Jahrhundert des Öls ein nicht immer ganz schlüssiges Jahrhundert des Exzesses war. Ob ein solches Verschwendungsspektakel wirklich bald an sein Ende kommen wird, werden wir ja dann sehen.

 

Öl!
Nach dem Roman von Upton Sinclair
Bühnenfassung von Jan-Christoph Gockel sowie von Katrin Spira und Ensemble
Regie: Jan-Christoph Gockel, Bühne: Julia Kurzweg, Kostüme: Amit Epstein, Musik und Hörspiel: Matthias Grübel, Videokonzept und Bildgestaltung: Eike Zuleeg, Dramaturgie: Katrin Spira, Licht: Marcel Heyde, Live-Kamera: Benjamin Lüdtke und Eike Zuleeg.
Mit: Caroline Dietrich, Torsten Flassig, Wolfram Koch, André Meyer, Lotte Schubert, Andreas Vögler.
Premiere am 16. September 2021
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.schauspielfrankfurt.de


Kritikenrundschau

Leicht wäre es für Jan-Christoph Gockel gewesen, aus dem Roman "Öl!" ein Stück Vorwurf zu inszenieren, es läge ja alles so schön auf der Hand, schreibt Christiane Lutz in der Süddeutschen Zeitung (online am 17.9.2021, 17.17 Uhr). Doch er lasse sich nicht verführen, einen moralisierenden Kommentar zur Klimakrise abzugeben. "Seinen Inszenierungen ist immer eine große Freude am Theaterzauber anzumerken. Wahrscheinlich fährt er aus dieser Begeisterung heraus stets eher zu viel auf, als zu wenig. Auch diesmal sparen er und Bühnenbildnerin Julia Kurzweg nicht an Effekten." Er stapele munter Bild- und Referenzebenen, "es gibt genug, worauf man sich einlassen kann".

"Leichtgängig, aber helle und ein bisschen durchgeknallt, aber unter dem Strich verblüffend unpolitisch", schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (online 17.9.2021, 17.27 Uhr). Gockel biete alternativ zur Romannacherzählung eine schillernde Revue, "die die Grenzen von Zeit, Ort und Identität so überschreitet und durcheinanderwirbelt, dass einem der Atem stocken kann". Dass er alle Euphorie herunterdimme sei neben dem völligen Verzicht auf einen Handlungsablauf und auf politische Analyse aber auch "die Tücke dieses so beschwingten Abends".

 
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