Röslein rot, hilf uns aus der Pleite

von Jan Oberländer

Berlin, 7. November 2008. Dem 71-jährigen Achtundsechziger Volker Ludwig wird am 29. November im Stuttgarter Opernhaus der Theaterpreis "Faust" für sein Lebenswerk und seine Verdienste um das Kinder- und Jugendtheater in Deutschland verliehen. Was nicht heißt, dass Ludwig mit irgendetwas abgeschlossen hätte. Gerade gestern wurde sein neues Stück "Rosa" uraufgeführt, natürlich im Grips Theater, dem von Ludwig vor bald 40 Jahren gegründeten und noch immer geleiteten Haus am Berliner Hansaplatz. Inszeniert hat es Ludwigs Co-Autorin, die bewährte Grips-Regisseurin Franziska Steiof.

"Eigentlich müsste man, wenn man das Theater verlässt, für die Revolution sein", hat Ludwig kürzlich im Berliner Tagesspiegel über das Rosa-Luxemburg-Biopic gesagt. Nach gut dreieinhalb Stunden "Schauspiel mit Musik" über Leben, Lieben und politisches Wirken der 1871 im polnischen Zamość geborenen und 1919 in Berlin ermordeten Sozialistin hält sich die Umsturzstimmung allerdings eher in Grenzen. Mal zurückdenken. Auf der Bühne stehen zwei rollbare Treppenpodeste, nach vorne hin ein beweglicher Laufsteg, darunter ein Rasenstückchen als Naturanzeiger. Schlicht und abstrakt.

Proletarier-Tweed und prächtige Bärte

Dafür sehen die Figuren umso eindeutiger aus. Barbara Kremer hat tief in die Kaiserzeit-Kostümkiste gegriffen: Die Schauspieler tragen Proletarier-Tweed und Uniformen, Rüschenkleider und Stehkragen, Schiebermützen und prächtige Bärte. Comicfiguren sind sie, ja, aber historische. Im Stück werden so ziemlich alle Lebensstationen Rosa Luxemburgs durchgespielt: Abitur in Warschau, politische Betätigung, Exil in Zürich, Beginn der Liebe zum Revolutionär Leo Jogiches und später auch einer Handvoll anderer, meist jüngerer Männer. Kongresse und Parteitage in Zürich, Stuttgart, Jena, Umzüge nach Paris, Berlin und Dresden, ab ins Gefängnis, zurück nach Berlin. Immer dabei: der Konflikt der klassenbewussten Revolutionärin Luxemburg mit den "Gewerkschaftsspießern" aus den eigenen SPD-Reihen.

Die Ausführlichkeit mancher Darstellung ermüdet mitunter, insgesamt aber ist der Stoff elegant verknappt. Als Zusammenfassungen und Übergänge dienen Lieder, eine vierköpfige Band bringt Thomas Zaufkes Eigenkompositionen genauso solide rüber wie die alten Arbeiterhymnen. Regine Seidler ist die kleine, hinkende Rosa, mit schwarzer Hochfrisur-Perücke vor, und grauer Hochfrisur-Perücke nach der Pause. Seidler spielt schnell und stark und deutlich, man ist hier schließlich im Grips.

Rosa Luxemburgs politische Ideen, etwa ihr Klassenbewusstsein oder ihr unbedingter Wille zur Revolution, werden verständlich und einleuchtend eingestreut. Doch die – auf dem Programmheft gar mit Porträt im Che-Guevara-Stil – zum Polit-Star hochstilisierte Rosa Luxemburg ist in Ludwigs und Steiofs Stück vor allem deshalb eine interessante Figur, weil sie eben keine abstrakte Revolutionsmaschine ist, sondern leidenschaftlich denkt, fühlt und handelt, liebt und leidet, und weil sie ihre Zerrissenheit spürt: "Ich bin kein Symbol, ich bin ein Mensch!"

Dividenden steigen, Proletarier fallen

"Ach, Röslein rot, hilf uns aus der Pleite!" singen die versammelten Proletarier in Richtung ihrer Hoffnungsträgerin Frau Dr. Luxemburg. Da lacht das Publikum. Haha! Finanzkrise! Eindeutige Bezüge zum Jetzt verkneift die Inszenierung sich jedoch. Die Idee von den Widersprüchen im Kapitalismus, die irgendwann die revolutionäre Explosion herbeiführen, ist Ludwig und Steiof aktuell genug. "Die Dividenden steigen, die Proletarier fallen", heißt es einmal, da tobt gerade der Erste Weltkrieg. Der Satz leuchtet auch heute noch ein. Nicht umsonst verkauft Dietz, der Berliner Marx-Verlag, seine dicken blauen "Kapital"-Bände gerade dieser Tage wie geschnitten Brot.

Das Ende des Stücks ist eindringlich. Ein zwischen den Zähnen hervorberlinerter Monolog eines rauchenden Arbeiters (Daniel Jeroma), der von der brutalen Niederschlagung der Novemberrevolution 1918 durch das vom SPD-Mann (!) Friedrich Ebert einbefohlene Freikorps erzählt. Gewehrkolben, Bajonette, Linkenjagd. Dann wechselt das Licht, und hinter einem weißen Gazevorhang steigen Rosa Luxemburg und ihr Mitrevolutionär Karl Liebknecht (Roland Wolf) langsam die beiden Treppen hinab. Black. Ein Schuss aus dem Off. Man sieht Rosa Luxemburg nicht sterben.


Rosa
Schauspiel mit Musik
von Volker Ludwig und Franziska Steiof
Regie: Franziska Steiof. Musik: Thomas Zaufke. Choreographie: Romy Hochbaum. Bühne: Jan Schröder. Kostüme: Barbara Kremer.
Mit: Sebastian Achilles, Thomas Ahrens, Katja Götz, Michaela Hanser, Daniel Jeroma, Dietrich Lehmann, Robert Neumann, Regine Seidler, Kathrin Osterode, Jörg Westphal, Roland Wolf. Band: Joe Gehlmann, George Kranz, Robert Neumann, Daniel Zenke.

www.grips-theater.de

Zuletzt besprachen wir vom Grips Theater die Produktion Ola meine Schwester von Magdalena Gracewicz im Juni 2008.

 

Kritikenrundschau

Eine Liebeserklärung stemme Volker Ludwig zusammen mit Regisseurin Franziska Steiof auf die Bühne, so Rüdiger Schaper im Tagesspiegel (9.11.2008). "Seit Jahrzehnten hat er sich mit der Idee eines Luxemburg-Stücks getragen. Und das spürt man." "Rosa" ziehe eine Summe all der legendären Grips-Erfolge, die immer schon um berühmte Frauengestalten kreisten. Und was immer man am Ende über "diesen biografisch-historischen Reigen" und "die revolutionären Reminiszenzen", über "linke Ironie und Nostalgie" auch denken mag: "Die Hauptdarstellerin Regine Seidler wärmt das Herz." Der Abend bringe "einen gewaltigen Stoff" auf die Bühne, "urlinke Geschichtsstunde", die "Fakten und Zusammenhänge en masse transportiert und doch eine Menge historisches Wissen voraussetzt". Ludwig erzähle streng "chronologisch, nicht assoziativ". Fazit: Zwar bot die Aufführung Schaper nicht wirklich ein entschiedenes Bild. Doch "Ludwig hat sich etwas Wunderbares, Seltenes bewahrt: die Freiheit, sich vom Schicksal einer Idealistin berühren zu lassen und der eigenen Geschichte treu zu bleiben."

Wesentlich deutlicher wird Peter Hans Göpfert in der Berliner Morgenpost (9.11.2008), der dieser "weichspülerischen Aufarbeitung" der Geschichte Rosa Luxemburgs als "Es-war-einmal-Stoff" wenig abgewinnen kann. Schon Hauptdarstellerin Regine Seidler begeistert ihn wenig, die abziehbildhaft dargestellten Herren Sozialisten noch weniger. Zwar lassen Franziska Steiofs Inszenierung und die "Grips-typische Spiellaune die Sache aus seiner Sicht "weit frischer aussehen", als sie auf dem Papier, also im Stück stehen würde. Allerdings werde "das Genre der biografischen Soap-Revue" der Luxemburg ebenso wenig gerecht, wie es das politisch-historische Umfeld angemessen verdeutlichen könne. Auch hätte Göpfert "gerade von dem Theaterkraftmenschen Volker Ludwig, mit seiner Kabarett-Erfahrung", in diesen Tagen eher "ein ironisch scharfes und witziges Stück" erwartet, das auf "Politik, Wirtschaft, Kriege, Globalisierung und Personen in der Jetztzeit reagiert." Zu seiner Irritation quittierte das Premierenpublikum allerdings "mit allerdankbarstem Beifall" den Abend und seine musikalische Untermalung – neben ein paar alten Arbeiterliedern hat Göpfert "auch reichlich seicht musicalhafte und schnulzige Songs" zu hören bekommen: "'Was mir fehlt, ist das Leben....du-du-du, da-da-da', in dieser Art."

Ohne den "kabarettistischen Dreh" der Songeinlagen wäre die "lange Folge von Diskussionen, Agitationen, Parteitagen, Sozialistenkongressen, Flügelkämpfen und Verhaftungen ... etwas dröge", schreibt Katrin Bettina Müller in der tageszeitung (10.11.2008) über "Rosa". Das Stück sei eine "strikt lineare Erzählung", dem die Verspieltheit von "Linie 1" oder "Eine linke Geschichte" fehle. "Und wie so manches Hollywood-Biopic krankt die Inszenierung daran, sehr viel historische Daten vermitteln zu wollen." Immerhin sei die Rhetorik von Rosa Luxemburgs Sprache, "ihrer Reden, ihrer Briefe in das Stück eingeflossen und tut ihm gut; nicht aber der Galopp, mit dem es durch sein Material hetzt. Gerade weil Luxemburgs Gedanken oft eine Wirklichkeit treffen, die sich in der Gegenwart fortsetzt, ist es schade um den fehlenden Raum, dem nachzuspüren." Die Inszenierung mache wenig aus dem "Wissen um die historische Distanz, reflektiert nicht die Schichten der Rezeption, durch die sie hindurchmuss".

Zwar erinnere der formale Zusammenhalt von Volker Ludwigs "Rosa"-Szenen mit ihrer Auffädelung "exemplarischer Situationen" an Brecht, trotzdem aber würden hier "alle Revolutions- und Sozialismusideen ans saftig Emotionale angestöpselt", meint Dirk Pilz in der Berliner Zeitung (10.11.2008). "Luxemburgs Leben, Denken, Handeln" gerinne "zum Biopic". Bei Regine Seidler sei "Rosa eine beeindruckend kompromisslose, lebenskluge Revoluzzerin, mit der man sofort in den Aufstand ziehen möchte." Das Ganze sei sympathisch, wirke "heute aber seltsam weltfremd, zumal fast alles an diesem Dreistundenabend in historischem, ins Theater- und Revolutionsmuseale entrücktem Kostüm feststeckt. Man möchte dann doch lieber ein Bier, so vertrocknet knattert bei Ludwig und Steiof die Geschichte über die Bretter."

Von Anfang an", so Irene Baziner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (11.10.2008) seien "die ideologischen Fronten (...) zementiert". Das mache die Inszenierung "in ihrer vereinnahmenden Rechtschaffenheit trotz mancher amüsanten Einlage und erfrischenden Respektlosigkeit so ermüdend selbstgefällig". Regine Seidler "ackert sich achtbar und aufrecht durch den linken Edelkitsch", Michaela Hanser sorge "als resolute Clara Zetkin mit trockenem Humor zumindest für ein paar Lacher". Aber ob es wirklich interessiere, dass "die revolutionäre Rosa Luxemburg auch fein bürgerlich von geblümten Gardinen und Messerbänkchen träumte, wenn sich heute ihre Partei zunehmend zum Ladenhüter entwickelt?"

 

 
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