Sunshine auf dem Vulkan

von Stefan Forth

Hamburg, 25. September 2021. So weit ist es nun also gekommen mit René Pollesch. Kaum ist der Mann Intendant der Berliner Volksbühne, lässt er auch schon sein Feindbild par excellence zu sich ins Theater: eine authentische Kuh. Ein zugegebenermaßen prachtvolles Exemplar dieser Gattung hat in Polleschs neuester Diskursschleifenumdrehung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg einen bemerkenswerten Gastauftritt. Dabei enttäuscht der Meister des staunend-ironischen Welthinterfragens an diesem Uraufführungsabend unter dem Titel "J'accuse" seine Fans nicht.

Sophie Rois trifft die authentische Kuh

Die Kuh heißt Sunshine, wiegt sicher etliche hundert Kilo und steht mit hoher Wahrscheinlichkeit normalerweise unweit von Hamburg im Westerauer Stall von Philipp Ellerbrock, den ein Mobilfunkmanager mal den "digitalste(n) Landwirt Deutschlands" genannt hat. Ähnlich wie viele menschliche Schauspielerinnen ist sie also irgendwie zwangsverflochten mit dem kapitalistischen System, "noch so 'ne durchsubventionierte Verliererin", wie Bühnenkollegin Sophie Rois das virtuos pointiert ausdrückt.

Allerdings scheint Sunshine im Deutschen Schauspielhaus dennoch überhaupt keine Ambitionen zu haben, irgendeine gefühlsduselige Rolle zu übernehmen, mit der sich das Publikum dann mitleidsvoll identifizieren könnte. Und so passt sie dann in ihrer stoisch widerkäuenden Art doch wieder fast perfekt ins Pollesch-Universum: eine authentische Kuh auf der Weide, aber nicht auf der Bühne.

Jaccuse 1 ThomasAurin uCowgirl Sachiko Hara zückt den Revolver. Im Hintergrund: Marie Rosa Tietjen, Sophie Rois, Angelika Richter © Thomas Aurin

Wer Pollesch kennt, merkt spätestens an dieser Stelle: Dieser leidenschaftlich getriebene Theatermacher bleibt sich auch als Gastregisseur in Hamburg weiter treu. Geschichten werden höchstens fetzenhaft angedeutet, Figuren fallen in sich zusammen, sobald man Reste davon zu erkennen glaubt, und an jeder Ecke lässt sich eine Anspielung auf irgendwas erkennen, wenn man denn drauf kommt – und wenn nicht, ist es halb so wild. Beim Titel "J'accuse" etwa, den Sophie Rois immer wieder auf Deutsch als "Ich klage an" hysterisch in den Bühnenraum brüllt, mag der eine oder die andere vielleicht an einen offenen Brief denken, in dem der französische Schriftsteller Émile Zola Ende des 19. Jahrhunderts Machtmissbrauch anprangerte. Gleichzeitig erinnert das ganze Geschrei aber natürlich auch an die aufgeregte Debattenkultur unserer Zeit.

Welche Daseinsberechtigung hat die Kunst?

Wo es leicht wäre, mit dem Finger auf andere zu zeigen, fängt Pollesch mit seinen Leuten allerdings wie so oft erstmal im eigenen Kosmos an, beim "Gelaber von der eigenen Daseinsberechtigung". Da geht's dann so ganz nebenbei ans Eingemachte, wenn plötzlich die vermeintliche Selbstverständlichkeit auf dem Prüfstand steht, der zufolge Kunst systemrelevant sei.

Worin genau besteht denn eigentlich der Mehrwert etwa des Theaters für eine Gesellschaft? Vielleicht nicht gerade darin, das System in Frage zu stellen, statt für das System relevant zu sein? Lässt sich der Wert eines künstlerischen Prozesses ernsthaft messen und überprüfen, also zum Beispiel "ob die Darstellung deiner Nora wertvoller war, als die Cappuccinos, die Du jemals in dich reingeschüttet hast"? Und was ist eigentlich mit den Theaterleitern, zu denen der Regisseur des Abends schließlich neuerdings auch gehört? "Glaubt denn irgendjemand, dass Intendanten auf irgendeiner Position im normalen Management draußen irgendwas zu Stande bringen würden?" Selbstkritik gehört hier zum Handwerk.

Jaccuse 4 ThomasAurin uDiskursfreudig: Sophie Rois mit Marie Rosa Tietjen © Thomas Aurin

Sich in den reißenden Fluss dieser heillos offensiven Gedankenkaskaden zu stürzen, macht ebenso viel Spaß, wie es weh tut. In seinen besten Momenten gehört dieser Abend ganz beiläufig zum Klügsten, Kontroversesten, Lustigsten, Lässigsten und Schmerzhaftesten, was das deutschsprachige Theater bis jetzt zum Zustand unserer Gesellschaft in Zeiten der Pandemie auf die Bühne gebracht hat. Leider vergaloppiert sich Pollesch auf dem Weg dorthin stellenweise auch mal – mit einer teils doch etwas statisch und länglich geratenen Westernshow, die den Rahmen der Wortsalven des Abends abgeben soll.

Science-Fiction und Western

Inspiration hierfür ist der Science Fiction-Film "Westworld" aus den 1970er Jahren, der Jahrzehnte später als Pay TV-Serie wiederauferstanden ist: Urlauber*innen können sich in einer Art Vergnügungspark in vergangene Zeiten zurückversetzen lassen, wo sie etwa bei Saloon-Schießereien Roboterwesen töten dürfen, die so programmiert sind, dass sie das Spiel verlieren müssen. Bis die Technologie und mit ihr der ganze Spaß außer Kontrolle gerät, bis also das angeblich risikofreie, durchinszenierte Dasein seine Gefahren offenbart. Dicker aufgetragen geht's schon fast nicht mehr.

Jaccuse 3 ThomasAurin uUmgepustet: Sophie Rois, Eva Maria Nikolaus und Sachiko Hara vor dem Bühnenbildgerippe von Barbara Steiner © Thomas Aurin

Und trotzdem kreist der erste Teil des Abends erstaunlich lange und erstaunlich textlastig um genau dieses Motiv. Das (abgesehen von Landwirt Ellerbrock) ausschließlich weibliche Ensemble turnt derweil in Jeanslatzhosen und Cowboyhüten auf einem bunt stilisiertem Vulkan herum, auf dem sich neben vorzeitlichen Höhlenzeichnungen unter anderem auch noch ein leuchtendes Kreuz, ein aufgemalter Wasserfall und ein paar neonfarbene Handabrücke befinden. Eine verschmitzt verspielt augenzwinkernde Mischung aus Kulisse und Kunstinstallation, die Barbara Steiner da gebaut hat, auf der dann aber zeitweise doch eher wenig passiert. Auch wenn – "peng, peng" – immer mal wieder jemand auf jemand anderen schießt.

Abtransport der Leichen

Mit einem Mal aber dreht sich dieser Vulkan, und Männer in weißen Overalls mit FFP2-Masken vor den Gesichtern und Schutzüberzügen auf den Schuhen fangen an, die scheinbar leblosen Körper der Spieler*innen auf Bühnenwagen zu stapeln, um sie abzutransportieren. Da drängt sich der Horror von heute so unmittelbar ins Theater, dass die böse Fratze hinter der Diskurskomödie offenbar wird. Die ist hier vielleicht auch deshalb deutlicher zu erkennen als sonst bei Pollesch, weil der Regisseur für seine Verhältnisse vergleichsweise wenig Tempo macht.

Auch wenn dieser Abend dabei manchmal fast ins Stocken gerät, ist er doch ein Ereignis. Eine große Teamleistung mit tollen, abgeklärt abgedrehten Frauen wie Sophie Rois, Angelika Richter und Marie Rosa Tietjen. Ein fast schon unheimlich lebendiger Kraftakt eines Theatermachers, der erst anderthalb Wochen vor dieser Uraufführung seinen Einstand als Intendant gegeben hat. Beeindruckend!

 

J'accuse!
von René Pollesch
Regie: René Pollesch, Kostüme: Tabea Braun, Bühne: Barbara Steiner, Licht: Rebekka Dahnke, Dramaturgie: Sybille Meier.
Mit: Sachiko Hara, Eva Maria Nikolaus, Angelika Richter, Sophie Rois, Marie Rosa Tietjen und Sunshine mit Philipp Ellerbrock.
Premiere am 25. September 2021
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de


Kritikenrundschau

René Polleschs Inszenierung gelingt als turbulenter Theorieslalom zwischen den "unterschiedlichsten Triggerpunkten, die sich ihren autonomen Spielraum wie ihre anarchische Kontextfreiheit im 'Kommunikationsmedium Kunst' schafft", schreibt Irene Bazinger in der FAZ (29.9.2021). Zu den vielen Themenkomplexen, mit denen hier lustvoll-absurd jongliert wird, gehören theaterspezifische Anspielungen bis hin zur am Schluss aufgeworfenen Frage, ob wohl "Intendanten auf irgendeiner Position im normalen Management da draußen etwas zustande bringen würden". Fazit: "Was für ein kluger Spaß! Was für ein schönes Theater!"

"Einen klugen Kommentar zur Lage der Kunst" und dazu einen "amüsanten Theaterabend" hat Annette Stiekele gesehen und schreibt im Hamburger Abendblatt (27.9.2021): "Der Abend ist nachdenklich, bissig und dabei erkenntnisreich und vergnüglich auch für all jene, die die zahlreichen philosophischen und popkulturellen Anspielungen nicht auf Anhieb durchleuchten."

"Die Bonmots fliegen nur so durch die Luft wie die Schüsse aus den Knarren", schreibt Heiko Kammerhoff in der Hamburger Morgenpost (27.9.2021). "Nach 75 Minuten unterhaltsamem, schrägem Theater ist klar: Das ist ein authentischer Pollesch."

Stefan Grund von der Welt (27.9.2021) identifiziert folgende Botschaft: Letztlich komme es auf die eigene Haltung an. "Die Haltung zum Leben, die Haltung zur Kunst, die Haltung zur Nutztierhaltung. Und in der Kunst geht es um die Kunst, die als Selbstzweck mit gesellschaftlichem Kollateralnutzen gelten darf. Bloß keine Haltungsschäden." Das habe Réne Pollesch sehr schön verdeutlicht. "Und die fünf Schauspielerinnen, der Bauer und die Kuh vor dem Vulkan haben die Erklärung sehr unterhaltsam unter’s Volk gebracht."

 

 
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