Achtung Hochspannung!

von Wolfgang Behrens

5. Oktober 2021. Kürzlich führte ein Schauspieler bei mir Beschwerde. Aufs Zornigste. Er wusste um meine Vergangenheit als Kritiker und nahm mich ins Gebet, stellvertretend für alle Kritiker:innen dieser Erde. Er hatte in einem großen Stück groß gespielt – nicht die Titelrolle, aber doch eine bedeutende –, er hatte seine ganze Energie in diese Rolle geschossen und die Seele noch gleich hintendrein geworfen. Und als zwei Tage später die Rezensionen erschienen, wurde er nicht erwähnt. Mit keiner Silbe.

Komplexe Teamleistung

Kurze Zeit später sprach ich mit einem Regisseur. Auch er wusste um meine Vergangenheit als Kritiker und nahm mich ins Gebet, stellvertretend für alle Kritiker:innen dieser Erde. Wie oft habe er sich intelligente Konzepte erdacht und bildmächtige, eigenwillige Wege durch hinlänglich bekannte Klassiker gebahnt – wenn aber zwei Tage später die Kritiken erschienen seien, habe er allzu oft nur eine Inhaltangabe des Stücks gefunden, verbunden mit einer langatmigen Würdigung aller Schauspieler:innen, die ihre jeweiligen Charaktere "sehr präsent", "stark" oder "anrührend" dargestellt hätten. Vom Konzept und von den Bildern keine Rede.

kolumne 2p behrensIch wand mich angesichts dieser Vorwürfe etwas hin und wider, verteidigte die Ex-Kolleg:innen halbherzig und dachte an meine Zeit, als ich noch ein Kritiker war. Als ich in jedem Text, den ich zu schreiben hatte, an genau jenem Spannungsfeld litt, das der Schauspieler und der Regisseur aufmachten: Wie tariere ich meine Kritik so aus, dass sowohl das große Ganze geschildert als auch die Einzelleistungen hervorgehoben werden?

Man kann nun mit Recht einwenden, dass Letzteres vielleicht gar nicht die Aufgabe der Kritik sei: Vollständigkeit kann es ohnehin nicht geben, und die Rezensent:innen treten ja auch nicht an, um die Eitelkeit der Darsteller:innen zu befriedigen, sondern um den Leser:innen von einem Kunstereignis zu künden. Allerdings verkennt eine Kritik, die alles einem Superhirn am Regiepult und vielleicht noch ein oder zwei Ausstatter:innen zuschreibt, den immensen Anteil, den gerade die Einzelleistungen am Gelingen des Ganzen haben. Theater ist nun einmal eine komplexe Teamleistung, und diese nicht zu benennen, schrammt auch irgendwie am Gegenstand vorbei.

Beschreibung auf Beschreibung türmen?

Den Schauspieler jedenfalls habe ich damit zu trösten versucht, dass ich ihm von mir erzählte. Dass ich mir als Kritiker am Anfang immer vorgenommen hätte, alle und alles zu erwähnen. Doch dann sei irgendwann der Augenblick gekommen, in dem das leere Blatt Papier vor einem gelegen resp. einen der weiße Bildschirm angestarrt und eine Erzählung verlangt habe. Und wenn schließlich der erste Absatz einer Kritik den Gang der Argumentation vorgezeichnet habe, seien plötzlich alle guten Vorhaben von einem abgefallen. Was jetzt nicht mehr in die Geschichte gepasst habe, anhand derer ich einen Theaterabend entschlüsseln wollte, sei im Zweifelsfall gekappt worden.

Hätte ich etwa – ein fiktives Beispiel – die Beziehung von Faust und Mephisto als zentrale Achse einer Inszenierung ausgemacht, dann habe das Gretchen schon einmal zu kurz kommen können. Und wenn die Szene mit Gretchens Bruder Valentin vielleicht sogar meine Interpretation des Abends ein wenig gestört habe – warum nicht einfach weglassen? Anspruch auf Vollständigkeit, siehe oben, könne ja sowieso keiner erheben.

Ich erzählte dem Schauspieler, dass der Wunsch, einen in sich konsistenten, einen "schönen" Text zu schreiben, zwar oft zu tatsächlich gut und süffig zu lesenden Kritiken führe, aber auch zu Kritiken, die ihren Gegenstand weniger reich darstellten, als sie es könnten. Der Preis für eine adäquatere Abbildung des Reichtums der Aufführungen sei hingegen häufig, dass die Kritiken schlichtweg nicht zum Punkt kämen, sondern Beschreibung auf Beschreibung türmten.

Plötzliche Einigkeit

So oder so ähnlich versuchte ich dem Schauspieler zu erklären, warum auch ich manchmal etwas oder jemanden, das oder den ich für erwähnenswert hielt, unter den Tisch habe fallen lassen. Auch wenn ich mich dabei nicht gut fühlte.

Auch für den Regisseur übrigens hatte ich zuletzt noch einen Trost bereit. Ich erzählte ihm, dass ich solche Kritiken, die an eine Inhaltsangabe des Stücks ein paar wertende Schauspieleraufzählungen anschlössen, hunderte Male für die Kritikenrundschauen von nachtkritik.de zusammengefasst hätte. Ich erzählte ihm, wie ich sie gehasst hätte, weil das für mich einfach schlecht geschriebene Kritiken gewesen seien. Und in unserer plötzlichen Einigkeit verzieh er mir großmütig, stellvertretend für alle Kritiker:innen dieser Erde.

 

Wolfgang Behrens, Jahrgang 1970, ist seit der Spielzeit 2017/18 Dramaturg am Staatstheater Wiesbaden. Zuvor war er Redakteur bei nachtkritik.de. Er studierte Musikwissenschaft, Philosophie und Mathematik in Berlin. Für seine Kolumne "Als ich noch ein Kritiker war" wühlt er unter anderem in seinem reichen Theateranekdotenschatz.

 

In seiner letzten Kolumne widmete sich Wolfgang Behrens einigen Missverständnissen bei der pandemiegeschuldeten Digitalisierung des Theaters.

 
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