Das Leben als biblische Baustelle

von Andreas Wilink

Bochum, 8. Oktober 2021. Der Teufel sitzt bereits beim Abendmahl – der Hintergrund der Bühne im Schauspielhaus Bochum abgehängt mit einer Baustellen-Plane – und lässt sich's schmecken. Nicht für lange. Schon klappert die Irrenhauswärterin mit den Schlüsseln. Der Teufel hat auch das erste Wort. Das, was er sagt, könnte Jesus im Munde geführt haben, vielleicht in jenem Augenblick auf Golgatha, als ihm entfuhr: "Eli, Eli, lama sabachthani" (Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen). Der Teufel, der Woland heißt und undercover in Moskau erscheint, räsoniert darüber, "wie der Mensch etwas lenken kann, wenn er – ganz zu schweigen von seiner Unfähigkeit, einen wie auch immer gearteten Plan für die lächerlich kurze Frist von nur, sagen wir, tausend Jahren zu erstellen – nicht in der Lage ist, seinen eigenen morgigen Tag im Voraus zu verwalten?". So fühlt Luzifer sich in der Pflicht, es zu richten.

Exzentrische Burleske

Aberwitzig diabolisch ist, was "Meister und Margarita" auftischt, von Michail Bulgakow in seinem Todesjahr 1940 vollendet. Das faustische Hauptwerk erzählt über sein Sowjetrussland und, simultan als Roman im Roman, die biblische Geschichte des Jüngers Levi Matthäus, der den das Gute im Menschen sehenden Gottessohn liebt und dem mörderischen Gottvater flucht, sowie die des Pontius Pilatus. Der Römer, dessen Frage "Quid est veritas?" unsterblich wurde und die in Bochum Steven Scharf tückisch betont, hat bei Bulgakow unter anderem auch wegen seines Geheimdienstchefs gewisse Ähnlichkeit mit dem roten Zaren im Kreml. Lesen muss man das Buch – ganz Russland tat und tut es – als Satire, Allegorie, exzentrische Burleske und mystische Fantasie und Utopie.

Passion 4 ArminSmailovic uIrrlichternder Fabelstoff auf der Via Dolorosa:  Jing Xiang, Konstantin Bühler, Karin Moog © Armin Smailovic

Regisseur Robert Borgmann tut gleichfalls etwas Irrwitziges, indem er sein äußerst knapp gehaltenes Bulgakow-Exzerpt mit Johann Sebastian Bachs Matthäus-Passion zu kombinieren vorgibt. Vom Ergebnis betrachtet: mit Dünkel und aus Hoffart. Bindeglieder sind das Personal der Passion: Jesus, Judas, Roms Statthalter und der Evangelist selbst, dessen Christus-Legende unter Verdacht steht, weil der Apostel seinen Rabbi aus Nazareth missversteht bzw. in seinem Text willentlich falschen Karfreitagszauber betreibt. A propos: "Erlösung dem Erlöser", Wagners enigmatisches Parsifal-Schlusswort, besitzt es nicht auch Gültigkeit für den gottverlassenen Gottessohn am Kreuz wie für den "Meister"-Schriftsteller Bulgakow und seine irrlichternden Gestalten?

Trübselig schief

Die epische, meditativ veranlagte Matthäus-Passion, die im Schluss-Choral "Wir setzen uns mit Tränen nieder" machtvoll aufrauscht, so dass es nicht wunder nimmt, dass andere Künste ihn aufgegriffen und etwa Martin Scorsese als Prolog seines Mafiafilms "Casino" benutzt haben, errichtet eine eigene bittersüße Klagewelt. Macht es Sinn, den theatralen Fabelstoff Bulgakows mit Bachs streng lutherischer Leidens-Darbringung zu mischen, außer eine Inszenierung wolle mit diesem abwegigen Zwiegespräch eine Volte im Sinne Bulgakows schlagen?

Passion 1 ArminSmailovic uLeiern beim letzten Abendmal: Jing Xiang, Karin Moog, Pierre Bokma, Alexander Wertmann © Armin Smailovic

Wenn die Ensemble-Stimmen Choräle und Arien zu Live-Orgelklang in gewolltem Dilettantismus (deshalb nicht minder hörschädigend) trübselig schief leiern, dazu Gesichter mit falschen Bärten schneiden und in Krippenspiel-Manier Männchen machen (auch die Weibchen), ist das nicht mal Monty Python's. Da ist Milo Rau weiter gekommen und über Pasolinis Matera hinaus. Das nur nebenbei gesagt.

Regie-Kauderwelsch

Immerhin, Pierre Bokma als Woland und Steven Scharf als Meister blicken in Abgründe, und Abgründiges spricht aus ihnen – momentweise und für Schrecksekunden. Bekanntlich kann es bei Verrückten sehr vernünftig zugehen. Nach einer Stunde wird der ganze Requisiten-Plunder abgeräumt und zusammengeschoben. Die Bühne, nun unter fahlem Gewölk, öffnet sich zur Schädelstätte, zum Ballsaal, zum Teufelswerk, zur Beziehungskiste, an der Margarita (Gina Haller) in den Seilen hängt, um den Kammer-Kasten über die eigene Achse zu ziehen und danach als Ekstatikerin einen robusten Monolog über Sprach- und Machtkritik zu halten.

Borgmanns Idee mag gewesen sein, das Disparate des Bulgakow-Romans in differierende Spielformen und szenische Offerten zu übertragen: zu sehen aber ist Regie-Kauderwelsch. Gesprochen wird übrigens ein Esperanto russischer, estnischer, chinesischer, englischer, niederländischer, wienerischer, deutscher etc. Zunge – entsprechend der Herkünfte oder Steckenpferde der Mitspielenden. Man nimmt es zur Kenntnis – und das Übersetzungs-Laufband zu Hilfe.

Passion 3 ArminSmailovic uIn Abgründe blicken: Jele Brückner, Gina Haller, Pierre Bokma © Armin Smailovic

Die zweite endlose Hälfte – Gretchen-Komödie mit Margarita und hochhackiger, gelackter, steil outrierter Höllenbrut samt Behemoth, dem hofnärrischen Kater Wolands – veranstaltet eine deklassierte Walpurgisnacht, die zum Politkabarett ausartet und darin jedes moralische Gleichgewicht zum Kippen bringt.

Die Tränen des Kritikers

Denn plötzlich und unerwartet bietet Borgmann auf: Beate Zschäpe, Präsident Ceausescu, die 1945 hingerichtete KZ-Bestie Imma Greese, Josef Fritzl und andere Armsünderlein und Gerne-Größen, als wär’s ein Stück von Jelinek oder Goetz. Weil aber Mephisto gemäß Goethe "Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft", ist, werden Margaritas Wünsche erfüllt, sie hat ihren "Meister" wieder und entkommt mit ihm aus der Banalität von Partnerschaftskrise und pillow talk in einen halluzinogen paradiesischen Zustand.

Pathos und Parodie, Passion und Politzirkus, Kitsch und Hohn vertragen sich, zumindest hier, herzlich schlecht. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Der Kritiker behält die Faust in der Tasche und setzt sich mit Tränen nieder.

 

Passion I und II
nach "Meister und Margarita" von Michael Bulgakow (Übersetzung: Alexander Nitzberg) und Johann Sebastian Bachs "Matthäus-Passion"
Regie, Bühne und Musik: Robert Borgmann, Kostüm: Magdalene Schön, Helen Stein, Lichtdesign: Carsten Rüger, Dramaturgie: Andrea Obst.
Mit: Pierre Bokma, Jele Brückner, Konstantin Bühler, Boris Gurevich, Gina Haller, Risto Kübar, Karin Moog, Steven Scharf, Isabell Weiland, Alexander Wertmann, Jing Xiang, Ruud Zielhorst.
Premiere am 8. Oktober 2021
Dauer: 3 Stunde 15 Minuten, eine Pause

www.schauspielhausbochum.de

Kritikenrundschau

"Hier ist es die Passionsgeschichte Jesu, die von Geisteskranken nachgespielt wird, freilich in der verfremdenden Lesart Bulgakows", schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (12.10.2021). "Ist das Borgmanns blanker Ernst? Oder ist es sein Verständnis von Meister Bulgakows parodistischen Techniken, die er nun einigermaßen bedenkenlos auf die Bühne überträgt?" fragt der Kritiker. Es gebe durchaus packende Szenen an diesem vollgepackten Theaterabend, "nach der Pause räumt Borgmann die Bühne auf. Anstelle der Psychiatrieszene sehen wir nun ein leeres Zimmer auf einem Podest: Haller ist Margarita, und die Meister-Margarita-Geschichte wird nun in einer gefühlt anderen Temperatur abgehandelt." Fazit: "Der Theatermacher Robert Borgmann hat sehr viel Ehrgeiz und tausend Einfälle, aber die Idee dahinter wird nicht sichtbar. Da spielt das Schauspiel Bochum den L'art-pour-l'art-Blues."

"Schon in Bulgakows 600-Seiten-Wälzer sind Realität und Fiktion nie ganz auseinanderzuhalten", schreibt Sven Westernströer in der WAZ (10.10.2021): "Diese Steilvorlage nimmt der Regisseur geschickt auf." Allerdings lasteten "die vielen Regieeinfälle, von denen nicht wenige mit heißer Nadel gestrickt zu sein scheinen", nach kurzer Zeit "bleiern auf der Aufführung". Da werde die Geduld der Zuschauer vor allem nach der Pause "hartnäckig" geprüft. Das Ensemble aber sei "elektrisierend gut".

 

 
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