5 nach 12

von Frank G. Kurzhals

Hannover, 9. Oktober 2021. Unser aller Zukunft, sie wurde durch falsche Entscheidungen in der Vergangenheit verspielt. Allerdings: Jammern hilft nicht. Deshalb gibt sich das Schauspielhaus in Hannover kämpferisch. Als gäbe es noch etwas zu retten. Und inszeniert in der Regie von Marie Bues die "Klimatrilogie" des Österreichers Thomas Köck, der genau diese Erzählung von falschen ökonomischen Entscheidungen und deren unentrinnbaren ökologischen Folgen für die Menschheit in assoziationsreiche Geschichten gefasst hat.

Kein Kolonialismus ohne Kapitalismus

Dafür wurden in Hannover die drei Teile seines zwischen 2014 und 2017 geschriebenen Opus "Klimatrilogie", nämlich "paradies fluten", "paradies hungern" und "paradies spielen", zu einer einzigen, knapp drei Stunden füllenden Fassung zusammengefügt. Entstanden ist ein "Best of Köck" in einer sehr österreichisch-wohligen Art von Kaffeehaus-Melange. Etwas starker Espresso, viel liebliche Milch und noch mehr Schaum – und damit es nicht zu genussvoll schauerlich wird, immer mal wieder eiskaltes Wasser separat.

Gleich die erste Seite des Programmheftes verrät den Leitsatz des Abends, der wie gemeißelt, weiß auf Grün, und seitenfüllend plakativ daherkommt. Es ist ein apodiktisches Zitat von Priyamvada Gopal, Professorin für Postkolonialismus in Cambridge: "Es gibt keinen Kolonialismus ohne Kapitalismus". Das passt perfekt, denn Kapitalismus, Kolonialismus und die bereits angekommene Klimakatastrophe werden hier, in der Klimatrilogie, zu Synonymen. Es ist längst nicht mehr 5 vor 12, sondern 5 nach.

Klimatrilogie 2 KerstinSchomburg uGlitzerwesen aus der Zeitkapsel, auf Erdenbesuch © Kerstin Schomburg

Die Welt existiert nicht mehr. Zwei parzenartige Wesen, übersät mit Disko-Glitzersteinchen (Kostüme: Amit Epstein), die gerade mit ihren Zeitkapseln auf der verbrannten Erde gelandet sind, "Die von der Vorhersehung Übersehene" (Tabitha Frehner) und "Die von der Prophezeihung Vergessene" (Caroline Junghans), versuchen den Faden der Erinnerung aufzunehmen und zu ergründen, was das mal war, die Erde mit ihrem verloschenen Leben.

Gummibarone und die Gesellschaft der Hoffnungslosen

Dabei stoßen sie auf Gummibarone, die im brasilianischen Amazonas wüten, auf einen an den Ausbeutungsstrukturen verzweifelnden Architekten, der für die Neureichen dort eine Oper bauen soll, entdecken aber auch viele andere über die Welt verteilte Schicksale, die von einer glücklichen Zukunft in einer längst zerrütteten Gegenwart träumen. Ob es nun der dem Joch der Lohnarbeit entflohene und mittlerweile selbständige und zugleich insolvente Automechaniker ist – mit grotesker Verzweiflung gespielt von Bernhard Conrad –, oder ob es die kleine, in einem ICE in irrer Geschwindigkeit fahrende Gesellschaft der Hoffnungslosen ist, die an allen Bahnhöfen vorbeisaust und nirgendwo mehr ankommen kann.

Klimatrilogie 3 KerstinSchomburg uZukunftsträume in einer zerrütteten Gegenwart © Kerstin Schomburg

Nur noch eine Mauer, die der Zug letztlich als Not-Stopp durchbricht, kann ihn aufhalten. Es ist die Wand eines vollbesetzten Theaters, in das er als Endstation Abgrund hineinfährt. Der ganz wundervoll steppende Kondukteur des Zuges (Alban Mondschein), der später auch die hoffnungsvolle Stadionhymne You'll never walk alone mit der Un-Stimme eines schreienden Fans anstimmt, ist dabei Absurdität pur und der anschaulichste Beweis dafür, warum alles auf der Erde in den Abgrund rutschen musste. Die Unfähigkeit zu sehen, zu denken und zu handeln gebiert zwingend Rettungslosigkeit. Des Zuges, der Passagiere, der Welt. Die auf der Bühne in Hannover (Heike Mondschein) aus Räumen im Raum besteht, sie erinnern an mit Gardinen verhängte Umkleidekabinen. Mal riesig, mal klein, und immer wieder fallen die Vorhänge und dahinter ist dann ein großes Nichts, das als ein ewig wiederkehrender Reigen zwischen Revue und Boulevard, Heiterkeit und Absurdität inszeniert ist. Stille Momente der Reflexion wechseln mit Phasen des Klamauks ab.

Die Geschichte durch Geschichten erzählen

Mit der Erde wird als riesigem und überraschend leichtem und pechschwarzem Ball gespielt, bis sie zu taumeln beginnt, dann wird sie unbeachtet, als gäbe es davon noch viele, auf der leeren Bühne liegen gelassen. Das sind alles schöne Symbol-Bilder, um die es auch Thomas Köck in seiner Klimatrilogie geht: Geschichte durch Geschichten lebendig zu halten, Zusammenhänge nicht verlorengehen zu lassen. Und zwar die zwischen Ökonomie und Ökologie. Wenn daraus, wie in Hannover, eine leicht überzuckerte Melange entsteht, fehlt die Bitterkeit. So war es vor allem ein engagierter Fridays for Future-Auflauf – but on a higher level.

 

Klimatrilogie
von Thomas Köck
Regie: Marie Bues, Bühne: Heike Mondschein, Kostüme: Amit Epstein, Choreografie: Bahar Meriç, Musikalische Leitung: Johannes Frick, Dramaturgie: Mazlum Nergiz.
Mit: Bernhard Conrad, Tabitha Frehner, Johannes Frick, Alrun Hofert, Caroline Junghanns, Birte Leest, Kaspar Locher, Nicolas Matthews, Alban Mondschein, Amelle Schwerk.
Premiere am 9. Oktober 2021
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.staatstheater-hannover.de

 

Kritikenrundschau

"Die 'Klimatrilogie' ist ein erstaunlicher Mix verschiedener Miniaturen und ein hochinteressantes Wortklangkunstwerk", schreibt Ronald Meyer-Arlt in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (11.10.2021). Ein "großartiges Bilderbuch" sei das, in dem Regisseurin Marie Bues "ganz unangestrengt" herumblättere, "manchmal witzig, meist traurig und immer politisch", findet der Kritiker, der resümiert: "Dazu ist das Theater da."

Thomas Köck erzähle davon, "wie der Mensch erst den Menschen, dann die Natur und schließlich sich selbst ausbeutete", so Stefan Gohlisch in der Neuen Presse (11.10.2021). Ein "Brocken" sei das gleichwohl, "der erst einmal bewältigt werden muss: auf der Bühne und vom Publikum", aber das gelinge an einem Abend, der auch durch Gesang, Tanz und freies Spiel "das kollektive Gedächtnis mit archaischen Empfindungen des Miteinanders" überschreibe, so Gohlisch.

"Der Text und seine Belebung sind so klug wie unterhaltsam und lassen auf Heike Mondscheins von Licht und Vorhängen dominierter Bühne auch treffsicher die großen Bilder weitgehend beiseite, an die der Text ja ohnehin nicht glauben will", schreibt Jan-Paul Koopmann in der taz (12.10.2021). "Nur an der Verdichtung der Trilogie kommen Zweifel auf, weil die so wahnsinnig dicht eben gar nicht ist, sondern über weite Strecken doch nur den Steinbruch an Material vergrößert – an dem bei Köck aber ohnhein kein Mangel bestand."

 
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