Die Kraft der Wahrheit

18. Oktober 2021. Johan Simons inszeniert die Sophokles-Überschreibung "Ödipus, Herrscher" von Mieke Koenen, Elsie de Brauw und Susanne Winnacker.

Von Martin Krumbholz

Die Kraft der Wahrheit

von Martin Krumbholz

Bochum, 17. Oktober 2021. Versteht man es richtig, dann sind in dieser Bochumer Sophokles-Adaption wir, das Publikum, der Chor der alten thebanischen Männer. Auf der Bühne gibt es ihn jedenfalls nicht. Blutrot ist sie anfangs ausgeleuchtet, spiegelglatt der Fußboden, das Hubpodest fährt hinauf und senkt sich ab, ein Kubus, der als Videoscreen dient, schwebt über allem. Steven Scharf spielt den Titelhelden. Eben hat er aus dem Mund seines Schwagers Kreon (Stefan Hunstein) erfahren, dass die Götter noch eine Rechnung mit Theben offen haben. Scharf hat sich demonstrativ andächtig vor Kreon auf den Boden gesetzt, um ihm zuzuhören. Ganz weit offen die Ohren. Dann tritt er an die Rampe, zieht nervös am Saum seines blauen Sakkos und richtet einen Appell an uns, das Volk der Thebaner sozusagen. Wir sollten doch gefälligst den Kerl herausrücken, der den alten Laios, seinen Vorgänger, erschlagen hat. Ob wir denn eine Idee hätten. Dann würde uns kein Haar gekrümmt. Sonst aber, wenn wir uns etwa einbildeten, wir könnten den Freveltäter decken …

Der Blinde und der Seher

Scharf spielt das natürlich großartig. Wie er die Lippen zusammenpresst, wie er sich an sich selbst festhält, indem er uns, die üblichen Verdächtigen im Publikum, fixiert, das ist kaum zu überbieten. Ähnlich wenig später in der Begegnung mit dem blinden Seher Theiresias. Den spielt der wunderbare Pierre Bokma in einem schwarzen Rüschenrock. Es ist wohl die beste Szene des ganzen Abends. Eine offensive Energie prallt auf eine defensive. Bokma blinzelt mit den Augenlidern, es ist der einzige Hinweis auf seinen Zustand. Mehr ist auch nicht nötig. Ödipus' Ressentiment gegen seine Seherkunst kontert Theiresias mit der "Kraft der Wahrheit". Da ist er seiner Sache ganz sicher, er lässt sich vom Herrschergebaren des als jähzornig bekannten Autokraten nicht eine Sekunde lang einschüchtern. Er hat sich nicht aufgedrängt, er wurde hergebeten, und jetzt sagt er, was er zu sagen hat. Am Schluss: "Dann geh ich jetzt…?" Die Ironie, die aus dieser lakonischen Floskel schwappt, müsste Ödipus eigentlich schon von der Bildfläche schwemmen.

OedipusHerrscher3 1000 MichaelSaupSteven Scharf (Ödipus) und Pierre Bokma (Theiresias), im Hintergrund Stefan Hunstein und Sarah Moeschler © Michael Saup

Jedenfalls wird es eng für ihn. Der "Wahnsinn", den er Theiresias' Rede attestiert, beginnt ihm selbst aus dem Hirn zu tropfen. Ganz cool, mit subtiler Ironie erklärt Kreon, dem Ödipus Verschwörungsabsichten unterstellt, er hätte keinerlei Ambitionen auf den Thron, er genieße bereits als Nicht-Fürst fast alle Privilegien eines Fürsten. Iokaste, Kreons Schwester und Ödipus' Frau, versucht den Streit der Männer in der Art einer Mediatorin zu schlichten. Es wirkt sehr familiär, sehr herzensschlicht, wie Iokaste, gespielt von Elsie de Brauw, hier eingreift.

Iokaste als Schlüsselfigur

Der Bochumer Abend, den Johan Simons inszeniert hat und für den Mieke Koenen, Elsie de Brauw und Susanne Winnacker das Skript geschrieben haben, rückt nun Iokaste in den Mittelpunkt und nähert sich seiner feministischen Agenda. Aber: ausgerechnet Iokaste? Bei Sophokles ist sie so ziemlich die fragwürdigste Figur. Da haben zwei zwanzig Jahre zusammengelebt, haben vier Kinder miteinander gezeugt und sind offenbar nie auf die Idee gekommen, über das "spurlose Verschwinden" des Laios, wie es einmal heißt, nachzudenken. Jetzt, da die Vergangenheit zurückkehrt, gebärdet Iokaste sich als Agnostikerin, die über das Orakel spottet, das sei alles nur Geschwätz, und übrigens wolle sie nur Ödipus' Bestes. Dabei weiß sie es längst besser. Sie begreift immer einen Tick schneller als ihr Mann. Der will den Fall aufklären, während sie ihn verschleiern will.

OedipusHerrscher2 1000 MichaelSaupSarah Moeschler, Elsie de Brauw (vorne), Steven Scharf, Stefan Hunstein, Marius Huth, Pierre Bokma (hinten) © Michael Saup

Politische statt ästhetische Entscheidung

War Sophokles ein Frauenfeind? Wohl kaum. Siehe Antigone. Es ist die Dynamik der Fabel, also des zugrundeliegenden Mythos, die diesen Gang der Dinge erzwingt. Ödipus, alles andere als ein netter Mensch, will ihnen auf den Grund kommen, Iokaste, die Elsie de Brauw als einen netten Menschen spielt, will genau das verhindern. Weicht man dieser Konstellation aus, und sei's aus den ehrenwertesten Gründen, gerät das Stück unwiderruflich in eine Schräglage. Dass Iokaste sich nicht erhängt, wie es der Mythos will und wie es Sophokles natürlich verlangt, ist eine politische Entscheidung, keine ästhetisch begründbare. Wenn der geblendete Ödipus seiner Frau am Ende zuruft: "Du solltest dich aufhängen!", ist dies der erste falsche Ton, den man an diesem Abend aus Scharfs Mund hört. Das ist keine gute Erfindung, es beschädigt die Figur, macht sie klein. Und es macht Iokaste zugleich nicht größer. Sie steht als eine kleinliche Gewinnerin da. Sie entgegnet ihm, quasi scheinheilig: "Ich???" Es bleibt das letzte Wort.

Ödipus, Herrscher
nach Sophokles von Mieke Koenen, Elsie de Brauw, Susanne Winnacker
Regie: Johan Simons, Bühne: Nadja Sofie Eller, Kostüm: Greta Goiris, Lichtdesign: Bernd Felder, Musik: Mieko Suzuki, Video: Florian Schaumberger, Dramaturgie: Susanne Winnacker.
Mit: Elsie de Brauw, Steven Scharf, Stefan Hunstein, Pierre Bokma, Sarah Moeschler, Konstantin Bühler, Risto Kübar, Gina Haller, Anne Rietmeijer, Mourad Baaiz, Dominik Dos-Reis.
Premiere am 17. Oktober 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.schauspielbochum.de

 

Kritikenrundschau

"König Ödipus“ des Sophokles, "Inbegriff der Tragödie und ihr vollkommenstes Beispiel, als leises, hoch konzentriertes Kammerspiel auf nahezu leerer Bühne? Hat es das schon einmal gegeben? In dieser Intensität, mit diesen Mitteln?" fragt Hubert Spiegel in der FAZ (6.11.2021). Johan Simons arbeite "mit Licht, sparsamen Videoeinspielungen, elektronischer Musik, die fasziniert, aber auch das Fürchten lehren kann, und einem tollen Ensemble, das sich ganz auf den Text konzentriert und ihm vertraut." Simons habe erkannt, "dass in dem Richter, der immer weiter ermittelt, obwohl er ahnt, dass er selbst der Täter ist, neben Rechtschaffenheit auch ein Körnchen Kohlhaas steckt, ein Körnchen Entsetzlichkeit nämlich."

An antiker Wucht fehle es diesem Abend nicht, schreibt Kritikerin Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (19.10.2021). Dafür sorgen laut Fiedler zwei Künstlerinnen: Die "angesagte" Elektro-Musikerin und DJ Mieko Suzuki kreiere live auf der Bühne "fantastische Klangwellen aus Zirpen, Dröhnen, Knistern und Percussion, die dem Publikum wie dunkle Ahnungen um die Ohren sausen." Die Bühnenbildnerin Nadja Sofie Eller schaffe mit ihrer "spiegelglatten, blutroten Bühne einen einmaligen Raum für düster-schöne Scherenschnitt-Szenerien." Weil die Story hinlänglich bekannt sei, liege die Konzentration des Abends auf der psychologischen und politischen Ebene. Die Inszenierung bleibe abstrakt, antworte auf die Frage nach Bezügen ins Jahr 2021 jedoch indirekt "durch die ernüchterte Traurigkeit, mit der Simons die Mächtigen zeichnet", schreibt die ingesamt überzeugte Kritikerin.

Im WDR (18.10.2021) findet Christoph Orem, dass mit diesem Abend eine "sehr schöne, neue Fassung gemacht worden ist". Iokastes Verweigerung sich zu erhängen könne man in der Überschreibung des Stoffs als "emanzipativen Akt" verstehen. Eine "originelle Version" des Klassikers sei diese Inszenierung und gleichzeitig "schön gespielt und süffig erzählt", berichtet der Rezensent. Spannende zwei Stunden, "die einem gar nicht wie zwei Stunden vorkommen", sah er – mit einem "wahnsinnig tollen Bühnenbild". "Jeder, der noch nie im Theater war, kann hier seinen Anfang finden", schließt Orem seinen begeisterten Bericht.

Johan Simons inszeniere "mit der formalen Strenge eines Oratoriums (unter Auslassen des Chors) den 'Ödipus' nach Sophokles", schreibt Andreas Wilink voller Emphase auf kultur.west (18.10.2021). "Ohne Pomp, vielmehr innig und intim, so dass sich jeder geringe Ton- und Positionswechsel mit Bedeutung auflädt und die Pathosformeln des Leidens am Ende, wie zum Epilog, mit umso größerer Wucht niedergehen auf uns". Eine "zweistündige Konzentrationsübung" sah der Rezensent ohne jeden "hohen, auf Kothurnen gehenden Ton."

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