Es gibt keine Entwarnung!

26. Oktober 2021. Vor sieben Jahren brachten Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi am Residenztheater ein dokumentarisches Theaterprojekt über die Opfer der Terrorgruppe NSU heraus. Nun folgt an selber Stelle mit "Urteile (revisited)" eine Ergänzung der Produktion.

Von Thomas Rothschild

Es gibt keine Entwarnung!

von Thomas Rothschild

München, 22. Oktober 2021. Wer bei den Stichwörtern "Urteile" und "Prozess" an ein Gerichtsdrama denkt, geht in die Irre. Zwar bezieht sich das Stück von Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi auf einen Prozess, aber nicht um die dort gesprochenen Urteile geht es in erster Linie. Die sollen sich vielmehr die Zuschauer selbst bilden.

Was das Münchner Residenztheater im Marstall anbietet, entzieht sich den vertrauten Kategorien. Es basiert auf dem Abend, der 2014, noch in der Intendanz Kušej, unter dem Titel Urteile am gleichen Ort auf die Spielfläche kam, aber es ist keine Wiederaufnahme: Alle drei Darsteller*innen wurden ausgetauscht, das karge Bühnenbild wurde modifiziert, und auch für die Dramaturgie wird ein anderer Name genannt. Es ist keine Fortsetzung, sondern – der Zusatz "revisited" signalisiert es – der Versuch einer Ergänzung aus dem Wissensstand von 2021. 2014 hatte der Prozess gegen den NSU, den so genannten Nationalsozialistischen Untergrund, eben erst begonnen, mittlerweile ist er seit drei Jahren abgeschlossen.

In der Tradition eines Peter Weiss

"Urteile (revisited) – Nach dem Prozess" ist keine Neuinszenierung, die Beteiligten sprechen von einem Reenactment der sieben Jahre alten Uraufführung. Schon der Vorgänger war, was man gemeinhin Reenactment nennt, nämlich eine Nachahmung faktischer Ereignisse und realer Personen durch Schauspieler*innen nach dem Modell, das in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg exemplarisch von Peter Weiss und Heinar Kipphardt und dann durch die Fernseh-Dokudramen von Heinrich Breloer geprägt wurde und welches das Düsseldorfer Theaterkollektiv Pièrre.Vers erst kürzlich mit seinem Stück über den Majdanek-Prozess von 1975 bis 1981 revitalisiert hat. Die aktuelle Premiere wäre somit ein Reenactment eines Reenactments.

Sie findet im Rahmen einer bundesweiten Aktion statt, die vom 21. Oktober bis zum 7. November 2021 unter dem Titel "Kein Schlussstrich!" Theaterprojekte über den NSU vorstellt (siehe zum Thema: Onur Suzan Nobrega, Matthias Quent, Jonas Zipf (Hg.): Rassismus. Macht. Vergessen). Anders als an den Majdanek-Prozess freilich, dürfte die Erinnerung an den NSU-Prozess für die Zuschauer, sofern sie nicht Augen und Ohren verschließen, noch lebendig sein. Das Reenactment kann also an der Wirklichkeitserfahrung gemessen werden.

Urteile revisited 3 560 c Birgit Hupfeld Sie erzählen vom Terror: Delschad Numan Khorschid, Thomas Reisinger und Myriam Schröder © Birgit Hupfeld

Delschad Numan Khorschid, Thomas Reisinger und Myriam Schröder "spielen" jeweils mehrere Rollen, unabhängig vom Geschlecht. Anders aber als bei Weiss, Kipphardt oder Breloer führen sie keine szenischen Dialoge, sondern erzählen abwechselnd im Präteritum, größtenteils frontal zum Publikum. Die Erweiterung gegenüber der Fassung von 2014 hat einen geringen Umfang – sie nimmt nur zehn von den achtzig Minuten der Aufführung in Anspruch – und konstituiert auch keine neue Sicht auf die Ereignisse. Der Bruder eines Opfers und ein Rechtsanwalt bekunden ihre Enttäuschung über das Urteil. Viel mehr hatten die Autorinnen offenbar dazu nicht zu sagen. Das jedenfalls ist der Eindruck, den die dokumentarische Methode mit ihren freiwilligen Beschränkungen hinterlässt: Der Verzicht auf eine Außensicht, auf Analyse und Kommentar, verharrt auf der Position der Hilf- und Ratlosigkeit der Beteiligten.

Das ist das Problem

Ein Rechtsanwalt bringt es auf den Punkt: "Es gibt eben keine Entwarnung nach NSU, im Gegenteil. Ja, es gibt immer wieder Nazi-Gruppierungen und Strukturen die dafür sorgen, dass Menschen in Deutschland ermordet oder schwer verletzt werden. Das haben wir bei all diesen Geschehnissen, all diesen mörderischen Attentaten gesehen. Und natürlich fühlen die sich auch durch den Aufstieg der AfD und anderen rechten Parteien gestärkt. Und die Ermittler und die Politik stellen sehr schnell darauf ab, dass das 'verwirrte Einzeltäter' gewesen sein sollen und eben nicht, dass das Strukturen sind." Und seine Kollegin erkennt zutreffend: "Das ist das Problem... institutioneller Rassismus."

Urteile revisited 1 560 c Birgit Hupfeld Nachrichten aus einer Vergangenheit, die nicht vergeht © Birgit Hupfeld

"Urteile (revisited) – Nach dem Prozess" ist ein Abend, der einem, mit einem Klischee gesprochen, "unter die Haut geht". Und irgendetwas liefe auch schief, wenn einen der NSU und was er bedeutet kalt ließe. Spätestens wenn sich am Schluss die Menschen, deren Aussagen verwertet wurden, mit ihren Darstellern verneigen, wird klar, dass die Wirklichkeit mehr zählt als das Reenactment. Es gibt gute Argumente für Theater als Kunstanstrengung, die sich weigert, die Realität bloß zu verdoppeln. Das will das Reenactment nicht sein, und man muss es an seinen Ansprüchen messen. Nirgends ist die Kunst so nah am Leben wie in Stücken dieses Genres. Man sollte aber bei aller Liebe zum Theater nicht vergessen, wo die echten Morde stattfinden, wo sie bekämpft werden müssen. Und: "Urteile" ist ein Stück über die Opfer, nicht über die Täter – also eben kein Gerichtsdrama. Es wäre freilich verhängnisvoll, wenn man das eine gegen das andere ausspielte. Die Einfühlung in die Opfer und die Ergründung der Tätermotive sind gleichermaßen wichtig.

Kunst und Wirklichkeit

Die Produktion bedient sich der Technik der Montage. Antworten in Interviews und Statements werden, teils von den drei Schauspielern nachgesprochen, teils als O-Ton zugespielt, übergangslos aneinander gereiht. Der O-Ton ist kein originär theatrales Kunstmittel. Er behauptet seinen Platz im Hörfunk, wo er denn oft inflationär und fetischhaft genutzt wird. Im (Dokumentar-)Theater hat er den Nachteil, körperlos, also unsichtbar zu sein, und den Vorzug der Authentizität.

Vor sieben Jahren schrieb Armin Lehmann im Tagesspiegel: "Theater in Deutschland, sagen junge Theaterleute von heute, werde überwiegend unter ästhetischen Kategorien bewertet. Über Umpfenbach und ihr Projekt ist zu hören: 'In einem so lebensleeren, satten, in Formalismen dahinästhetisierenden Theaterbetrieb ist eine solche Theatermacherin erfrischend.'"'

Ist das, bei aller Wertschätzung für die Autorin und Regisseurin, richtig? Ist es 2021 noch richtig? Von der Antwort auf diese Frage, von der Entscheidung, ob man das, falls es zutrifft, gut oder schlecht findet, hängt es ab, ob man sich mehr oder weniger Theater vom Format "Urteile (revisited)" wünscht. Eine mögliche Alternative wäre: unter ästhetischen Kategorien bewertetes Theater und zugleich unter politischen Kategorien bewertete Wirklichkeit. Und beides mit äußerster Radikalität.

 

Urteile (revisited) – Nach dem Prozess
Ein dokumentarisches Theaterprojekt über die Opfer des NSU in München von Christine Umpfenbach und Azar Mortazavi
Regie: Christine Umpfenbach, Recherche: Tunay Önder, Bühne und Kostüme Evi Bauer, Musik: Azhar Naim Kamal, Licht: Monika Pangerl, Dramaturgie: Michael Billenkamp.
Mit: Delschad Numan Khorschid, Thomas Reisinger, Myriam Schröder.
Premiere am 21. Oktober 2021
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (

 

Zur Nachtkritik der ursprünglichen Produktion Urteile aus dem Jahr 2014 aus dem Jahr 2014

 

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