Genug vom Jetzt

Berlin, 22. Oktober 2021. Das Monologfestival des TD Berlin steht unter dem Motto Fantastische Zeiten. Autor:innen und Kollektive laden ein zu Expeditionen in die Zukunft – und in die unendlichen Weiten der Identität.

Von Stephanie Drees

Genug vom Jetzt

von Stephanie Drees

Berlin 22. Oktober 2021.Spezialisierungen. Es liegt nahe, dass es in der Zukunft (wie viel es davon geben wird, sei erstmal dahingestellt) auch viel um sie gehen wird: Welches Spezialwissen wirst du einbringen in ein Zeitalter, das – eine mögliche Variante – den Superreichen gehören wird? Solchen wie Jeff Bezos und Elon Musk zum Beispiel, deren Lebensalltag sich außerhalb dieses Planeten abspielen könnte. In Raumstationen, beispielsweise, in denen partiell auch die Kunst ihren Platz hätte, gar vielleicht ihre berühmten Frei- und Spielräume einzubringen wüsste. Temporär. Frei nach dem Motto: "Jetzt ist Kunst, nachher ist wieder Scheiße" – die Dietmar-Dath-Version des guten alten "Brot und Spiele".

Dath, Science-Fiction-Autor und Redakteur der FAZ, hält den Eröffnungsvortrag des Monologfestivals im TD Berlin. Freilich hält er ihn im affirmativsten Sinne für die Kunst, für das Theater und sein Potential "rauszugehen". Er tut das in einer freien Spielstätte, die bis vor einigen Monaten noch offiziell "Theaterdiscounter" hieß und in einer ehemaligen DDR-Postfernmeldezentrale wohnt. Viel Postdramatisches, Performatives wird hier gezeigt, Genre-Entgrenzungen und Versuche über die Zukunft dessen, was wir Theater nennen. Kurzum einer dieser Orte, die hier und da noch ein wenig von der Luft des Einstigen atmen und gerade deswegen auratisch wirken. Die Mauern schlucken etwas von der Hipness der Avantgarde.

"Fantastische Zeiten" ist das Überthema des neuntägigen Festivals, das sich seit 2007 immer wieder aufmacht, dem Format "Monolog" den Staub vom Leibe zu pusten, es zu erweitern, mit ihm zu spielen. Die Mehrheit der Produktionen wurden eigens in Kooperation mit und für das Festival erarbeitet.

Monolog MONO21 keyvisual 3 560Das Monologfestival wagt einen Blick in die Zukunft © TD Berlin

Hier spricht nicht mehr ein Mensch von der Rampe herunter, es sollen Künstler:innen-Positionen und kollektive Arbeitsweisen präsentiert werden. Dazu kann man das Kurator:innen-Duo Janette Mickan und Michael Müller beglückwünschen, es ist eine spannende künstlerische Setzung, zu der aber am Eröffnungsabend auch schnell klar wird: Die Binnen-Spannung dieses Festivals lebt nicht von den einzelnen Arbeiten, sondern ergibt sich in ihren Bezügen zueinander. Und so ist es clever, den Eröffnungsabend mit dem Experten der Textkaskaden und intertextuellen Verweise beginnen zu lassen. Dietmar Dath liefert Theorie-Input, die folgenden zwei Performances ästhetisch-sinnliche Erlebnisse. Letztere sind dabei mal stärker, mal schwächer auf der Brust.

Entspann dich mal!

Clever ist auch, dass der Abend mit Entschleunigung beginnt. Im dritten Stock erwartet einen das "Last Resort" des Performer-Teams um Jos Porath & Marie S. Zwinzscher. Freundliche junge Menschen in pastellfarbenen Animateur-Outfits geleiten in einen Raum der Entspannung und durchoptimierten Entschleunigung. Ein bisschen Reinigung, ein bisschen "Klingeling" neben den Ohren mittels stressabsorbierender Glöckchen, ein bisschen Ruheraum, ein paar Tropfen bewusstseinserweiternder Drogen als Goodie (keine Sorge, es sind nur verdünnte ätherische Öle. So hofft zumindest die Verfasserin dieser Zeilen). In kurzen Einzelsitzungen laden die Performer:innen zu gesäuselten Fantasiereisen.

Über die Videoleinwand laufen Bilder von weidenden Kühen, untertitelt vom unique selling point des Resorts: "Ein beruhigender Ort, der darauf spezialisiert ist, Schwermütigkeit zu lindern". Zusätzlich gibt es Imperativlyrik aus dem Regal des Achtsamkeitsmarketings: "Streife deine Dickhäutigkeit ab und werde mit offenen Armen empfangen." Gesagt, getan: In kurzer Zeit hat man sich zur Expertin der Dünnhäutigkeit spezialisiert. "Mehr emotionales Investment!", zitiert auch Dietmar Dath in seinem Vortrag die Mantren der Managementkunde.

Es ist interessant: Oft, wenn die Menschen nach vorne schauen, schauen sie auch in die Vergangenheit. Das ist an diesem Abend bei Dietmar Dath so, der über die "Zukunft des Theaters oder das Theater der Zukunft" unter anderem mithilfe von Theorien zum "lizard brain" – dem Teil unseres Gehirns, der als Erbe der Urzeit-Reptilien noch im Kampf- und Fluchtmodus läuft – nachdenkt. Und seinen Vortrag (oder "Voooortraaaag") in niedlich-traditionsbewusster Weise mit Einsätzen eines Plüsch-Reptils aus dem Kasperl-Theater flankiert, das "Antifaschismus" ins Mikro brüllt. Ja, das ist albern, aber manchmal lässt einen die Albernheit das Bittere der Gegenwart besser aushalten. Aber genug vom Jetzt.

Es geht an diesem Abend auch viel um das Vergangene und das Zukünftige. Um Erinnerung, die Traumata, die mit ihm einhergehen können – und ihr ermächtigendes Potential. Die Performance "Protect & Survive" ist als Kooperation der drei britischen Künstler:innen von "Zealtotale" und den Performance-Althelden "Gob Squad" entstanden. Ausgangspunkt waren die Essays der Autorin, Aktivistin und berühmten Akteurin der Schwarzen Frauenbewegung Audre Lorde. Sie ist auch die Erfinderin von Thesen, die Soziolog:innen heute unter dem Begriff "Intersektionalität" fassen: der Überschneidung verschiedener gesellschaftlicher (Diskriminierungs-)kategorien.

Weck deine innere Gottheit!

Es tritt auf: eine Königin in weißer, schimmernder Robe und einem Fascinator voller Federn auf dem Kopf. Die Schleppe zieht sie hinter sich her, würdevoll deutet sie den aufgestandenen Grüppchen des Publikums, sich zu setzen. Sie erzählt. Was sie ist, welche Gegensätze sie vereint: "Cunt, Bitch, Queen". Im Hintergrund: Videoeinspieler von tanzenden Frauen in grüner Landschaft, Ahnen in langen Roben und mit bunt geschminkten Gesichtern. Frauen der Schwarzen Kultur.

Dann wird sie von der Königin zur Erzählerin der eigenen Geschichte: "I am the intersection", sagt Jessica Butler ins Publikum, zieht sich die Robe aus und berichtet in Leggins und Top von einem Besuch bei einer "Therapeutin", die mit ihr das über Generationen weitergegebene Trauma bearbeitet und die "innere Gottheit" geweckt habe. Dann veranlasst sie das Publikum, diese mittels Meditationsklopfen gegen Handgelenke und Schläfen auch zu finden (die ganz eigene Gottheit, versteht sich).

Doch schlussendlich geht's nicht um Transzendenz oder gar pathosgesättigte Esoterik, der Göttin sei Dank. Die Arbeit dreht sich um das Erheben der Stimme und das Befreiungspotential, dass im Sich-Zeigen, der Offenbarung der eigenen Geschichte liegt. Und auch um das Aushalten dessen, was Identität bedeutet: Das Ich in seiner Brüchigkeit und Zerstückelung auszuhalten und dabei ganz zu bleiben.

Es ist eine kleine, multimediale Arbeit und Jessica Butler eine starke Performerin. Etwas unentschlossen zwischen ernsthafter Auseinandersetzung und ironischer Nabelschau kreist die Arbeit um ihre Themen. Eine Kraft überträgt sich immer dann, wenn die Frauen auf der Bühne und in den Videos Gefühle jenseits des wörtlichen Erzählens durch den Körper laufen lassen.

Monolog 2 560 StuhlerEggertFriederich Ein Tag im Universum c StuhlerEggertFriederichIn unendlichen Weiten © Stuhler Eggert Friederich

"Ein Tag im Universum" von Nele Stuhler, Laura Eggert und​ Lisa Friederich bekennt sich dagegen zur Innerlichkeit. Textfragmente, das Schreiben über das Schreiben, das Überschreiben und Schreiben in verschiedenen Wirklichkeiten: Inspiriert von Christa Wolfs berühmten Großprojekt "Ein Tag im Jahr" hat die Dramatikerin und Regisseurin Nele Stuhler mit ihrem Text ein Kaleidoskop des Erzählens angefertigt. Inszeniert hat ihn für diesen Abend die Regisseurin Laura Eggert, auch die Musik kommt von ihr. Es ist DER eine Tag im Jahr (bei Christa Wolf der 27. September), an dem eine namenlose Autorin immer wieder Notate anfertigt.

Und immer das Meer

"Was nicht aufgeschrieben wird, verschwindet im Nebel", spricht Lisa Charlotte Friederich hinter der Wand eines Containers ins Mikro. Dann steht sie vor den Zuschauenden, beschreibt Alltag und Alltagsbanalitäten, das Wetter, die Kleidung der Menschen in einer Jahreszeit der Übergänge. Hinter ihr die Videoleinwand, sie zeigt Bilder voller Wasser- und Meeressymbolik, Fische, Quallen, Haie, ein Aquarium. Auch der Tod spukt mal in den verschachtelten Text hinein. Oder wohnt er gar in ihm?

Vieles bleibt angerissen, versinkt im wahrsten Sinne, während Friederich Wasser in ein durchsichtiges, quadratisches Becken kippt, ein Radio darin versenkt und Octopus's Garden von den Beatles anstimmt.

Wird letztlich alles so enden? Das Meer hat's gegeben, das Meer wird's nehmen? Sollten wir alle anfangen, das eigene Tagebuch der letzten Dinge zu beginnen? Allzu bleiern fügen sich die Textfragmente und Bilder in dieser Arbeit aneinander. Vielleicht wäre an dieser Stelle etwas mehr "emotionales Investment" gar nicht schlecht gewesen. Allein: Noch ist viel Kunst.

 

Fantastische Zeiten – Monologfestival 2021

Wie die Zukunft ihre Menschen spielt
von Dietmar Dath

Last Resort

von Jos Porath und Marie S Zwinzscher
Performance: Marcel Eid, Jos Porath, Raphael Souza-Sá, Laurean Wagner, Marie S Zwinzscher; Künstlerische Leitung Jos Porath, Marie S Zwinzscher
Koproduktion Monologfestival 2021 ‒ TD Berlin

Protect & Survive
von Jessica Butler, Chelsea-Lea Wilson, Joy Denise Quaye-Mensah (Zealtotale), in Kollaboration mit Sarah Thom (Gob Squad)
Live Performerin in Berlin: Jessica Butler; Sound Design Chelsea-Lea Wilson; Video-Schnitt Joy Denise Quaye-Mensah. Koproduktion Monologfestival 2021 – TD Berlin Gefördert von Arts Council England / De Montfort University Leicester

Ein Tag im Universum
von Nele Stuhler, Laura Eggert und​ Lisa Charlotte Friederich
Regie und Musik: Laura Eggert, Performance: Lisa Charlotte Friederich, Text: Nele Stuhler, Künstlerische Mitarbeit: Lisa Schettel; Dramaturgie: Sonja Risse; Ausstattung: Claudia Noack.
Koproduktion Monologfestival 2021 – TD Berlin

https://monologfestival.de
https://td.berlin

 

Kritikenrundschau

Ute Büsing im rbb24 (22.10.21, 14:24 Uhr) legt die Messlatte hoch: "Dass die kleine Form, der literarisch-performative-tänzerische Einzelbeitrag, ganz groß sein und große Wirkung hinterlassen kann, hat das Monologfestival schon oft bewiesen." Bei den Arbeiten des Eröffnungsabends würden etwa "die Vorstellungskraft und der hoffnungsvolle Blick nach Vorne gefeiert", sich spielerisch mit der virtuellen Realität auseinander gesetzt und Sog entwickelt. Die Rezensentin endet mit einer Empfehlung: Am besten wirke die "Kraft der Fantasiewelten" , wenn man sich tatsächlich auf mehrere der kurzen Inszenierungen hintereinander einließe.

 

 

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Monologfestival, Berlin: EröffnungKonrad Kögler 2021-10-23 22:33
Die Performance "Protect & Survive", die das Frauen-Kollektiv Zealtotale aus dem britischen Leicester gemeinsam mit Sarah Thom von den Freie Szene-Promis Gob Squad entwickelte, surft zielsicher auf den Themen angesagter feministischer, soziologischer und kulturwissenschaftlicher Theorien. Die Arbeit wirkt durchaus sympathisch, aber oft auch beliebig. Empowerment- und Selbsterfahrungs-Performances dieser Art hat das Publikum schon häufiger gesehen.

Ein stiller, kleiner Text über das Schreiben und Erinnern ist „Ein Tag im Universum“ von Nele Stuhler, den Lisa Charlotte Friederich auf der TD-Bühne und im Live-Stream performte. Inspiriert von Christa Wolfs sehr lesenswertem Langzeit-Tagebuch-Essay-Projekt „Ein Tag im Jahr“, die jährlich am 27. September über ihr Leben, ihre Gesundheit, ihren Beruf als Schriftstellerin und die Weltlage reflektierte, verfasste Stuhler ihren Beitrag zum Monologfestival.

Sie schlug dabei einen viel nachdenklicheren, weniger aufgedrehten Ton an als zuletzt bei ihrer recht klamaukigen Groteske „Gaia googelt nicht„, die im Frühsommer im Innenhof des Deutschen Theaters lief. Zum leitmotivisch eingespielten Beatles-Song „Octopus´s Garden“ entsteht an diesem Abend eine nachdenkliche Meditation über das Schreiben und Erinnern, in der sich Alltagsbeobachtungen, manch Banales und interessante Gedanken mischen.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2021/10/22/monologfestival-2021-td-berlin-kritik/

Kommentar schreiben