Was geht es mich an?

von Ulrike Gondorf

Dortmund, 9. November 2008. Der letzte Satz ist beinah der erschreckendste an diesem beklemmenden Theaterabend: "Tja, da hab ich halt nichts gemacht", sagt der junge Mann. Ganz leichtes Erstaunen schwingt mit in seiner Stimme, eine winzige Verunsicherung. Aber eigentlich war das doch ganz o.k.

Er ist an einer Gruppe von Männern, die nackt auf dem Fußboden lagen, vorbeigegangen. Ohne zu fragen, ohne etwas zu unternehmen. Schließlich wird schon irgendjemand gewusst haben, warum das so ist. Und schließlich hätten die Leute sich ja auch wehren können. Also werden sie wohl einverstanden gewesen sein mit ihrer Lage, wahrscheinlich auch selbst daran schuld. Fazit: Was ging es ihn an?

Verbrechen und Verführung

Es hätte keinen besseren Tag für die Uraufführung des Stücks "experiment" geben können als den 9. November, den Jahrestag der Pogromnacht von 1938. Wie leicht die Toleranzschwelle gegenüber der Gewalt sinkt, wie schnell im Gegenzug die Gewaltbereitschaft wächst, wie fatal Autoritätshörigkeit und Egoismus diesen Mechanismus beschleunigen – darüber haben uns die Ereignisse dieser Nacht eine (hoffentlich) unvergessliche Lektion erteilt: Ein erstes Fanal der Verbrechen, die auch noch möglich werden sollten. "Tja, da hab ich halt nichts gemacht." Dieser Satz wird wohl in Gedanken oder Worten hunderttausendfach ausgesprochen worden sein in Deutschland am 10. November 1938.

Auch wenn die Fakten jedermann bekannt sind – eigentlich verstehen, sich in die Köpfe der Menschen hineinversetzen, kann man kaum. Ereignisse wie die Pogromnacht laufen allem zuwider, was man als "normal" bezeichnen würde, und lange hat die Geschichtsschreibung eine "dämonische" Verführung oder eine extreme Bedrohung und Unterdrückung des Einzelnen durch das System als Erklärung herangezogen dafür, dass alle Dämme von Anstand und Menschlichkeit so gänzlich zusammenbrechen konnten.

Pflicht und Willkür

Offensichtlich ist die Wahrheit viel schlimmer. 1971 machte der Psychologieprofessor Philip Zimbardo an der renommierten Stanford-Universität ein wissenschaftliches Experiment, das uns die menschliche Gattung in ihrer ganzen Schrecklichkeit vorführte. Er wählte ganz "normale", unauffällige Versuchspersonen und teilte sie im Losverfahren in zwei Gruppen: die einen waren Häftlinge, die anderen Gefängnisaufseher.

Die simulierte Gefängnissituation geriet schon nach wenigen Tagen völlig außer Kontrolle: die "Häftlinge" zerfleischten sich gegenseitig gnadenlos, um den eigenen Vorteil zu sichern. Die "Aufseher" drifteten immer tiefer in willkürliche, brutale, ja, sadistische Verhaltensweisen, solange sie glaubten, durch ihre "Pflicht" zur Disziplinierung der Gefangenen dazu berechtigt zu sein. Um den Kreislauf der Gewalt zu durchbrechen, musste das Experiment nach wenigen Tagen vorzeitig abgebrochen werden.

Die Dramatisierung von Hermann Schmidt-Rahmer, dessen Regiearbeiten seit Jahren das Schauspiel Dortmund mitprägen, führt uns zunächst in die Welt der "Gefangenen", zeigt uns, wie sie unter den Bedingungen der Haftsituation jede Selbstkontrolle und alle eingespielten sozialen Verhaltensmuster verlieren; einige drehen durch, andere reißen die Führungsrolle an sich und machen die Gruppe von sich abhängig. Misstrauen und Rivalität steigern sich zu blankem Hass.

Immer wieder lässt der Autor und Regisseur Schmidt-Rahmer die Akteure aus der Situation heraustreten und in Video-Interviews ihre Einschätzung und Bewertung nach Ende des "Experiments" geben. Das nachträgliche Unverständnis und der "Filmriss", die aus den meisten Einlassungen sprechen, vertiefen das Erschrecken über die Szenen. Im Stil des dokumentarischen Theaters folgt der Ablauf des Stücks den Protokollen des Experiments, die Szenen stehen vereinzelt wie fragmentarische Ausschnitte aus den einzelnen Tagen, die jeweils zu Beginn einer Sequenz angesagt werden.

Perspektivenwechsel und Zuspitzung

Nach sechs Tagen wechselt die Perspektive des Stücks hinüber zu den Gefängniswärtern. Die sieben Schauspieler, die in Krankenhauskitteln, Badelatschen und weißen Kappen die Häftlinge gespielt haben, ziehen Uniformen an und verwandeln sich vor den Augen der Zuschauer in die Aufseher. Die Vorfälle der sechs Tage, die das Experiment dauerte, laufen noch einmal ab: aus ganz gewöhnlichen Menschen werden brutale Folterer, die immer lustvoller ihre Macht auskosten, willkürliche Regeln setzen und deren Verletzung sanktionieren.

Diese Zweiteilung der Handlung hat ihren Preis: sie bringt den Zuschauer um die direkte Möglichkeit, die psychologische Dynamik der Eskalation "Zug um Zug" zu verfolgen. Diese Trennung dürfte pragmatischen Gründen der Realisierbarkeit mit einem überschaubaren Ensemble geschuldet sein. Aber Schmidt-Rahmer gewinnt ihr auch Vorteile ab: zum einen den Reiz der schauspielerischen Verwandlung, den die sieben Darsteller des Ensembles mit Mut und Sensibilität eindrucksvoll nutzen.

Zum anderen aber spitzt sich so das Ergebnis des Stanford-Experiments auch noch einmal sinnfällig zu: die Situation produziert die Verhaltensweisen der Teilnehmer, "böse" oder "gut" sind Kategorien, die entsetzlich schnell in sich zusammenbrechen. Dass der Mensch dem Menschen ein Wolf wäre, empfindet man nach diesem Theaterabend als Euphemismus.

 

experiment. prisoner 819 did a bad thing (UA)
von Hermann Schmidt-Rahmer
Regie: Hermann Schmidt-Rahmer, Bühne: Michaela Springer, Kostüme: Michael Sieberock-Serafimowitsch.
Mit: Alexander Gier, Günther K. Harder, Matthias Hesse, Patrick Jurowski, Michael Kamp, Jakob Schneider, Andreas Vögler.

www.theaterdo.de

 

Kritikenrundschau

Rolf-Werner Pfeiffer versteht die Produktion vor allem als eine über die Eskalation in Gefängnis-Situationen und fragt sich auf dem WAZ-Portal Der Westen (10.11.) "warum Schmidt-Rahmer gerade jetzt mit seinem Stück herauskommt. Guantánamo, sofern es der Auslöser gewesen sein sollte, existiert schon seit Jahren. So 'zeitlos' in den Raum gestellt, muss das Stück sich also gefallen lassen, nach seinen dramatischen Qualitäten befragt zu werden, nach der Psychologie der handelnden Personen, und da wäre sicher einiges besser zu machen. Trotzdem vermag die Inszenierung zu überzeugen."

Schmidt-Rahmer lasse die beiden Gruppen nie aufeinander treffen, "ein Regie-Kniff", der aufgeht, so Andreas Schröter in den Ruhr-Nachrichten (11.11.). Der Kniff verdeutliche, "dass jeder Charakter viele Gesichter hat." Gefangene wie Wärter sehen ihren Job als ausgesprochen einfach an, "doch der Druck wächst auf beiden Seiten, und die Nerven liegen schließlich blank". Die Schauspieler bringen diesen "fortschreitenden Wahnsinn" mit viel Körpereinsatz zwar gut, "aber nicht in jeder Situation perfekt rüber."

Dem Regisseur ist Respekt zu zollen, schreibt Lars L. von der Gönna in der WAZ (12.11.). "Er hat über das Experiment für Dortmunds Theater ein neues Stück geschrieben und inszeniert. Er distanziert sich nach Kräften von den Filmschablonen." Raffiniert montiert sei der Abend, von sieben jungen Herren des Ensembles beeindruckend stark gespielt. Dennoch fehle der getriebenen Szenenfolge die steigende Temperatur. "Man vermisst nicht selten den Druck jenes unausweichlichen Aufstiegs, der die Fallhöhe auszeichnet." Nichtsdestoweniger sei der Abend außergewöhnlich, so das Fazit. "Entziehen kann man sich diesem Lehrstück kaum."

 

 
Kommentar schreiben