Die wahren Abenteuer sind im Kopf

von Nikolaus Merck

Berlin, 24. Mai 2007. Luise Miller wartet schon. Wenn die Zuschauer ihre Plätze einnehmen, sitzt sie auf einem weißen Abstelltisch. Wandert auf der Bühne umher. Schaut beseelt. Ein bescheidenes Mädchen im Jeanskleid, arm, gottesfürchtig, gar nicht anspruchsvoll. Ihr Pech, dass sie sich mit Ferdinand wirklich den falschen ausgesucht hat.

Der ist ein rascher, leidenschaftlicher Gesell, bloß: ein bisschen sehr in sein Verliebtsein verliebt. Und: ein Weichei. Gegen seine Mama, die Präsidentin, lehnt er sich wohl auf, aber wenn Luises Papa im Kinderzimmer erscheint, dann muss der nur schweigen und schauen, schon zieht Ferdinand mit eingezogenem Schwanz ab.

Florian Fiedler, seit dieser Spielzeit als Leiter der schmidtstraße12 des Frankfurter Schauspiels Nachfolger von Armin Petras, erzählt "Kabale und Liebe" ganz und gar aus der Perspektive Luises, die als Zeugin der Anklage dauernd auf der Spielstatt präsent bleibt. Die Bühne ist ein schwarzes Seelen- und Traumloch, das von einem Baustellen-Schwingtor verschlossen wird. Alles, was dahinter geschieht, lässt sich hoch oben an der verspiegelten Decke beobachten.

Die Kluft zwischen Nadelstreif und Kunstleder
Nicht, dass dort Entscheidendes vorginge, nur gelegentlich malt eine Figur eine Zwischenüberschrift mit Rasierschaum auf den Boden. Das Wesentliche geschieht im Licht und viel ist es nicht. Fiedler reduziert Schillers ausgreifenden Vorwurf auf die Liebesgeschichte. Die als Soldaten ins Ausland verkauften Untertanen sind gestrichen, die unüberwindbaren Klassenschranken zwischen Bürgern und Adel auf die Kluft zwischen billig mafiösem Nadelstreif und Kunstlederjoppe verzwergt.

Übrig bleiben Generationskonflikte als Klippen, an denen sich kindliche Brauseköpfe den Schädel einrennen. Nur, was heißt hier schon Brauseköpfe? Die Gesellschaft auf der Bühne des Gorki ist erschreckend durchschnittlich. Luise, bei Hanna Eichel ein kräftiges, ein wenig tapsiges Mädchen, dessen charakteristische Handbewegungen im verlegenen Haar-hinters-Ohr-Streichen und Haarspitzen-Eindrehen bestehen, hat noch die ärgsten Probleme. Ihr Papa (Robert Kuchenbuch) ist Trinker, und er liebt sie. Mehr und handgreiflicher als es statthaft wäre. Und sie liebt ihn wieder. Dieses schwierige Thema beutet die Aufführung jedoch nur als Oberflächenreiz aus.

Knatsch auch im Hause Walter, wo anders als bei Schiller eine Präsidentin (Ruth Reinecke) die Anzughosen anhat. Mama will nur das Beste für den Sprössling, zum Beispiel die Karriere fördernde Heirat mit Lady Milford, der Mätresse des regierenden Herzogs. Ferdinand (Florian Stetter) wäre dem sicherlich nicht abgeneigt, zumal die Lady nur ein bisschen auf die Tränentube drücken muss und schon nähert er sich ihr mit Leidenschaft, aber er mag Mutters Art nicht, ihm die Frauen auszusuchen und gleichsam wie gebratene Tauben in den Mund zu stopfen.

Bösartig ausschlagende Leberwurst
Und so geht das hin. Man tanzt ein bisschen, deklamiert Schiller-Verse, manchmal verbinden sie sich mit den Alltagskostümen, manchmal beisst sich das, Lady Milford (Hilke Altefrohne) übt glamouröse Posen. Wenn die Leidenschaften lodern, geht ein Cassetten-Recorder zu Bruch. Dass der Regisseur gerade mal 30 Jahre alt ist, sieht man der Aufführung weiß Gott nicht an. Von jugendlichem Überschwang keine Spur. Allenfalls spaßig wird sie gelegentlich an den Rändern.

Der famose Ronald Kukulies spielt Wurm, den Zweitbewerber um Luises Liebe, mit einem gefährlichen Hang zur beleidigten und dann bösartig ausschlagenden Leberwurst. Michael Klammer zeigt den peinlichen Hofmarschall Kalb komisch verwirrt und notorisch überfordert vor. Auf hundert Minuten hat Fiedler die Vorlage zusammengestrichen. Ohne große Rücksicht auf nachvollziehbaren Verlauf hüpft er von einem rhetorischen Gipfel zum nächsten. Dazwischen liegen die Spannungslöcher, in denen die Aufführung mit Mann und Maus zu versinken droht. 

Am Ende heißt es: Alle Spotlights und Blicke auf Luise!, die den Doppelselbstmord mit vergifteter Limonade im Alleingang vollzieht. Vielleicht hat alles nur in Luises Einbildung stattgefunden und wir waren zu Gast in einem blühende Fantasien ausbrütenden, spätpubertären Hirn- und Seelenkasterl? Die ziemlich laue Geschichte, die Fiedler und die Seinen erzählt haben, war jedenfalls danach.

 

Kabale und Liebe
von Friedrich Schiller
Regie: Florian Fiedler, Bühne: Annette Riedel, Kostüme: Selina Peyer.
Mit: Hanna Eichel, Robert Kuchenbuch, Ruth Reinecke, Florian Stetter, Hilke Altefrohne, Ronald Kukulies, Michael Klammer.

www.gorki.de

 

Kritikenrundschau

In der taz (26.5.2007) beschreibt Irene Grüter zunächst die leicht irre Szenerie am Premierenabend im Maxim Gorki Theater: "Draußen hochsommerliche Schwüle, drinnen wird gehustet, als sei es tiefster Januar. Zwar nicht von Anfang an, doch als die Pausen in der Inszenierung länger werden, geht die Fraktion der Kampfhuster zum Angriff über." Dann benennt sie, um was es Fiedler gegangen ist: "Nicht die Standesschranken, sondern das inzestuöse Verhältnis zu den Eltern steht in der Inszenierung von Florian Fiedler zwischen den Liebenden, und darum hat Ferdinand keinen patriarchalischen Papa, sondern eine sanfte, zärtlich intrigante blonde Mama." Schließlich erfährt die Vorgehensweise des Regisseurs sanfte Kritik: "Kurzatmig, mit verspielten Nettigkeiten hüpft die Inszenierung von Florian Fiedler, Jahrgang 77 und zur Zeit Hausregisseur am Frankfurter Schauspiel, von Szene zu Szene. Es werden Herzchen gesprayt und Tänzchen gemacht, als wäre jung und verliebt sein nichts als ein billiger Scherz. ... Die Dimension des Aufbegehrens gegen Autoritäten, gegen erstarrte Strukturen hat Fiedler jedenfalls nicht interessiert."

Ulrich Seidler charakterisiert das Anliegen der Inszenierung in der Berliner Zeitung (26.5.2007) folgendermaßen: "Aus Schillers Gesellschaftskritik ist ein Psychose-Unfall geworden." Im Einzelnen merkt Seidler an: "Der 30-jährige Regisseur Florian Fiedler, der für seine luftlochreiche Inszenierung das Stück auf seine Schlüsseldialoge zusammengestrichen hat, stellt den Standeskonflikt zurück. ... Fiedler interessiert sich vor allem für den Generationskonflikt: Hier Ferdinands (Florian Stetter) ausgelebte Aufruhr gegen sein Elternhaus – vertreten, anders als bei Schiller, durch die Mutter (Ruth Reinecke). Dort die unemanzipiert bleibende Luise, erdrückt von besitzergreifender Vaterliebe, die bei Fiedler – er mag es offenbar deutlich – stark inzestuöse Züge trägt."

In der Berliner Morgenpost (26.5.2007) macht sich Peter Hans Göpfert lustig: "Fiedler nimmt nämlich die Fürsten-Geliebte Milford beim Wort: "Wir Frauenzimmer können nur zwischen Herrschen und Dienen wählen". Weshalb der Regisseur dann den Präsident in eine Präsidentin verwandele, Ruth Reinecke müsse "schnoddrige Lippe zum bösen Spiel" machen, Hanna Eichel sei eine "ziemlich handfeste und lautstarke Luise im Jeans-Kittelkleid" und im übrigen sei hier darstellerisch "jeder so ulkig oder oberflächlich, wie er gerade kann."

Auf Welt online (30.5.2007) vergleicht Matthias Heine die beiden Aufführungen von "Kabale und Liebe" in Zürich, von David Bösch inszeniert, und in Berlin, Regie Florian Fiedler. Während Heine Böschs Arbeit bescheinigt, von allen Anbiederungsversuchen Abstand genommen und eine der schönsten Aufführungen der Saison vorgelegt zu haben, zeige die Berliner Inszenierung "einen Schiller für skeptisch Vertrottelte". Sie wolle nicht wahrhaben, dass es "etwas geben könnte, dass größer und schöner ist als ihre banale Alltagserfahrung."

Gunnar Decker beschwert sich im Neuen Deutschland (31.5.2007) bitterlich über die Schiller-Vereinfachung, die Florian Fiedler zur "Schiller-Vernichtung" geriet. "Irgendwo zwischen »Verbotener Liebe« und »Gute Zeiten, schlechte Zeiten«", sei der Ort dieser Veranstaltung, die Schiller auf Rütli-Schul-Niveau herabbringe und so ihr Publikum nicht ernst nähme. "Bei dieser »Kabale und Liebe« treffen Gedankenarmut und Herzensträgheit auf handwerkliches Unvermögen", jedes Schultheater besitze mehr Erkenntnislust herauszufinden, was echt und was falsch am Idealismus sei, schimpft Herr Decker und schließt: "Das Trauerspiel, das wir hier am Gorki-Theater zu sehen bekommen, ist das der Banalisierung, also purer Theaterverhinderung."

 
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