15 Städte, 15 Tatorte

4. November 2021. Das Theaterprojekt "Kein Schlussstrich!" erinnert bundesweit an die Mordserie des NSU. Filmemacher Ayhan Salar reiste an 15 beteiligte Orte. Sein Film "Kein Schlussstrich! Stimmen aus dem Gegennetzwerk" läuft bis Samstag, 6. November, 24 Uhr im nachtkritikstream.

15 Städte, 15 Tatorte

1. November 2021. Im September und Oktober 2021 laufen die Vorbereitungen für das bundesweite, dezentrale Theaterprojekt Kein Schlussstrich! auf Hochtouren. Institutionen aus 15 Städten proben und planen für ein gemeinsames Vorhaben, das an das Bekanntwerden der Mordserie des NSU vor zehn Jahren erinnert. Der Filmemacher Ayhan Salar reist in die beteiligten Orte und begegnet Künstler:innen, die ihren eigenen Zugang zum NSU-Komplex und den Themenfeldern Rassismus und Rechtsextremismus suchen und verfolgen. Er befragt Aktivist:innen und Verantwortliche der Kultureinrichtungen rund um die Schlüsselorte des NSU-Komplexes. Sie erzählen von ihrer Motivation, sich an dem Projekt zu beteiligen, von ihrer sonstigen Arbeit und ihren Erwartungen an eine Gesellschaft, die sich ihrer Verantwortung nicht entziehen darf. Wir zeigen Kein Schlussstrich! Stimmen aus dem Gegennetzwerk im nachtkritikstream von Donnerstag, 4. November 13 Uhr bis Samstag, den 6. November, 24 Uhr.

Auf der Website von Kein Schlussstrich! heißt es zu dem Projekt:

"Im Herbst 2021 jähren sich die Ermordungen von Abdurrahim Özüdoğru, Habil Kılıç und Süleyman Taşköprü zum 20. Mal. Diese Jahrestage finden inmitten einer Zeit statt, in der sich der Hass in den Parlamenten wie auf der Straße wieder Bahn bricht.

Die Mordserie des sog. Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) wurde nach dem Öffentlichwerden im Jahr 2011 in Teilen der Gesellschaft als einzigartiges Phänomen rechter Gewalt wahrgenommen. Doch lässt sich heute nicht leugnen, dass die Verbrechen des NSU als Speerspitze und Vorreiter eines wiedererstarkten rassistischen, antisemitischen und sich auf vielfache weitere Arten ausdrückenden menschenverachtenden Denkens und Handelns gelesen werden müssen.

Kein Vergessen!

Auch zehn Jahre später sind die Hintergründe des NSU-Komplex immer noch unklar: Die Fragen nach den Verstrickungen behördlicher Organe, nach Mitwisser- und Mittäterschaft sind – trotz des langjährigen Prozesses – nach wie vor nicht befriedigend beantwortet. Der offene und latente Rassismus in Ermittlungsbehörden, das Erstarken und die Unterstützung durch ein wachsendes rechtsextremes Umfeld (re-)traumatisieren die Betroffenen und die Familien der Opfer bis heute.

Was wir brauchen, um eine solidarische und freie Gesellschaft zu stärken, ist neben Wissen über die Formen und Folgen von Rassismus und Empathie für Opfer und Betroffene auch ein sicherer (Diskurs-)Raum für die Ängste, Erfahrungen und Anliegen von Menschen, die Rassismus erfahren. Rassistische Gewalt in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen, die vereinzelt für öffentliches Entsetzen sorgt, meist aber medial unbeachtet bleibt, ist leider Alltag in der Bundesrepublik Deutschland.

Kein Einzelfall!

Die Morde an Enver Şimşek (2000), Abdurrahim Özüdoğru (2001) und İsmail Yaşar (2005) in Nürnberg, Habil Kılıç (2001) und Theodoros Boulgarides (2005) in München, Süleyman Taşköprü (2001) in Hamburg, Mehmet Turgut (2004) in Rostock, Mehmet Kubaşik (2006) in Dortmund, Halit Yozgat (2006) in Kassel und Michèle Kiesewetter (2007) in Heilbronn sowie weitere Überfälle und Anschläge, wie beispielsweise 2001 und 2004 in Köln, stehen nicht nur stellvertretend für die unzähligen Fälle rechtsextremer und rassistischer Gewalt in Deutschland nach 1945.

Sie sind Sinnbild für Wegsehen, strukturelle Empathielosigkeit mit dem Schmerz der Angehörigen, Verdrängen, fehlenden Aufklärungswillen und falsche Verdächtigungen. Sie sind auch Sinnbild für den massiven Vertrauensverlust in staatliche Institutionen und Sicherheitsbehörden, von denen sich viele Menschen in Deutschland, insbesondere Menschen mit Migrationsgeschichte und BIPoc, unbeschützt und im Stich gelassen fühlen. Die Liste mit offenen Fragen zum NSU-Komplex ist lang, nur sehr unbefriedigend konnten die Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern sowie der Münchener Prozess, inklusive der im Frühjahr 2020 veröffentlichten schriftlichen Urteilsbegründung, Licht ins Dunkel bringen.

Kein Schlussstrich!

Auf Initiative von Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur in enger Zusammenarbeit mit der Kuratorin Ayşe Güleç, den Dramaturgen Tunçay Kulaoğlu und Simon Meienreis sowie dem Soziologen Matthias Quent hat sich ein Kooperationsnetz von Theatern und Institutionen aus 15 Städten zusammengeschlossen, um gemeinsam das interdisziplinäre Theaterprojekt Kein Schlussstrich! zu realisieren – mit dem Anliegen, die Taten und Hintergründe des NSU künstlerisch zu thematisieren. Beteiligt sind Akteure in den Städten, in denen zehn Bürger:innen von Rassisten ermordet wurden, wie auch jene Städte, in denen die Täter:innen des NSU aufwuchsen, Aufenthalt oder Unterstützung fanden.

Mit Inszenierungen, Ausstellungen, Konzerten und musikalischen Interventionen im öffentlichen Raum, Lesungen, Diskussionen, Workshops u.v.m. möchte Kein Schlussstrich! die Perspektiven der Familien der Opfer und (post-)migrantischen Communities in den Fokus der Öffentlichkeit bringen und die Auseinandersetzung mit dem institutionellen und strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft anregen. Auch an die Geschehnisse und Folgen der Anschläge in Halle, Hanau und Kassel, die den Rechtsterrorismus und Rassismus in erschütternder Weise bezeugen, möchte das Projekt erinnern.

Licht ins Dunkel e.V.

Kein Schlussstrich! wird durch den Verein Licht ins Dunkel e.V. realisiert, der im September 2020 gegründet wurde. Die Projektträger sind der ASA-FF e.V. in Chemnitz, die Theater Chemnitz, das Dietrich-Keuning-Haus Dortmund (in Trägerschaft der Kulturbetriebe der Stadt Dortmund), das Landestheater Eisenach / Meininger Staatstheater, Kampnagel Hamburg, das Theater Heilbronn, JenaKultur, das Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena (in Trägerschaft der Amadeu Antonio Stiftung), Theaterhaus Jena, Staatstheater Kassel, Schauspiel Köln, Münchner Kammerspiele und Real München e.V., Staatstheater Nürnberg, Theater Plauen-Zwickau, Volkstheater Rostock, Theater Rudolstadt, Deutsches Nationaltheater und Staatstkapelle Weimar."

Kein Schlussstrich! Stimmen aus dem Gegennetzwerk
Dokumentarfilm von Ayhan Salar
Auftragsarbeit für das bundesweite Theaterprojekt "Kein Schlussstrich!" zum NSU-Komplex
Regie: Ayhan Salar; Ton: Özgur Yıldız, Diego Caetano Guerra, Andreas Dutschke, Björn Schubert; Kamera und Schnitt: Ayhan Salar; Musik: Marc Sinan; Produzent: Simon Meienreis. eine Produktion von Licht ins Dunkel e.V. im Rahmen von "Kein Schlussstrich!" 
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten

Kein Schlussstrich! wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes, das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“, die Bundeszentrale für politische Bildung, die Innovationsförderung der Stadt Jena, die Staatskanzlei Thüringen, das Kulturreferat der Stadt München, den Geschäftsbereich Kultur der Stadt Nürnberg, die Behörde für Kultur und Medien Hamburg, das Hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst, die Ernst-Abbe-Stiftung, die GLS Treuhand Dachstiftung für Individuelles Schenken, die Landeszentrale für politische Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen, die Stadt Kassel, die Impulsregion Erfurt Weimar Jena, die Initiative „The Power of the Arts“ der Philip Morris GmbH, die Rudolf Augstein Stiftung, die Carl Zeiss AG, das Thüringer Ministerium für Umwelt, Energie und Naturschutz, die Amadeu Antonio Stiftung, die Stadt Köln sowie die mitwirkenden Theater und Institutionen als Träger des Projekts.

www.kein-schlussstrich.de

 

Mehr dazu: 

+ Nachtkritik vom 28. Oktober 2021: Manifest(o) – Jenaer Philharmonie – Marc Sinans polytopisches Oratorium wird zum Brennpunkt des dezentralen Theaterprojekts "Kein Schlussstrich!" über die NSU-Verbrechen

+ Nachtkritik vom 22. Oktober 2021: Wolken.Heim. / Rechnitz (Der Würgeengel) / Das schweigende Mädchen – Staatstheater Nürnberg – Jan Philipp Gloger inszeniert drei Stücke von Elfriede Jelinek als großes Geschichtsbewältigungs-Triptychon

+ Nachtkritik vom 21. Oktober 2021: Urteile (revisited) - Nach dem Prozess – Residenztheater München – Christine Umpfenbach ergänzt ihre dokumentarische Arbeit über die Opfer der Terrorgruppe NSU

+ Nachtkritik vom 25. August 2021: 438 Tage NSU-Prozess – Kunstfest Weimar – Nuran David Çalış' Gerichtsprozess-Reenactment eröffnet das Weimarer Festival

+ Nachtkritik vom 14. Mai 2021: NSU 2.0. – Schauspiel Frankfurt – Nuran David Calis warnt in seinem Theaterfilm vor Selbsttäuschung in Sachen Gefahr von rechts

 

 

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