Endlicher Spaß

2. November 2021. Der handgreifliche Trubel um den Drachenlord erschüttert die Öffentlichkeit according to Youtube. Wer ist hier Opfer, wer Täter? Greift eine solche Unterscheidung überhaupt noch im deliranten Zeitalter der umkämpften Aufmerksamkeitsreserven? 

Von Janis El-Bira

Endlicher Spaß

von Janis El-Bira

2. November 2021. Einige Wochen wird mein YouTube-Algorithmus wohl brauchen, um sich zu erholen. Seit der kontroversen Verurteilung des Mannes, der sich auf der Videoplattform der "Drachenlord" nennt, und die bei mir eine anfallsartige Beschäftigung mit dem merkwürdigen Fall ausgelöst hat, nisten sich hier jedenfalls lauter seltsame Charaktere auf der Kachelwand ein. Fast ausschließlich sind es Videos junger Männer, dem Anschein nach oft eben erst der Pubertät entwachsen. Und mit ihnen kommen die Themen: Games und Autos, Technikkram und vor allem jede Menge Satire, Videos über Videos und Re-Uploads von offenbar in der Zielgruppe längst Bekanntem.

Zu viel Engergy-Brause im Blut

Fixstern dieses Paralleluniversums ist eben jener YouTuber Drachenlord, den ein Fall von Körperverletzung nun für zwei Jahre bewährungslos hinter Gitter bringen soll. Eigentlich heißt er natürlich anders, und dass hinlänglich bekannt ist, wie er tatsächlich heißt, ist ein Teil des Problems. Denn die Geschichte des Drachenlords ist vielleicht der verstörendste, sicherlich aber komplexeste Fall von Cybermobbing im deutschsprachigen Internet.

NAC Kolumne Janis El Bira V3Für die glücklich Ahnungslosen: Beim Drachenlord handelt es sich um einen Video-Blogger und erkennbaren Metal-Fan aus dem fränkischen Raum, dessen pfundiges Erscheinungsbild, stark dialektgefärbte Sprache und mitunter hirnverbrannte Aussagen (er bezeichnete den Holocaust einst als eine "nice Sache", wofür er sich später entschuldigte) im Netz eine riesige Subkultur gestiftet haben, die sich in Follower und Hater spaltet. Und seitdem der Drachenlord einmal seine Anschrift preisgab, auf dass eben jene Hater vorbeikommen und er "die Scheiße aus ihnen herausprügeln" möge, nehmen diese die Einladung in bizarrer Regelmäßigkeit an und stehen in seinem 40-Seelen-Kaff leibhaftig am Gartenzaun. Eine picklige, randalierende Troll-Armee mit viel zu viel Energy-Brause im Blut.

Die Schlechtigkeit des digital vernetzten Menschen

Die Details des seit Jahren andauernden Falls, in dem es mehrfach zu Straftaten und Gerichtsprozessen kam, erspare ich Ihnen. Nachlesen konnte man sie kürzlich in einem schäumenden Text des Journalisten Sascha Lobo beim SPIEGEL. Lobo nahm die Verurteilung des Drachenlords zum Anlass für eine Generalabrechnung mit der Schlechtigkeit des digital vernetzten Menschen und eines machtlosen Justizsystems, nach deren Lektüre man eigentlich gerne duschen oder wenigstens den Laptop zuschleudern wollte. Bei ihm ist der Drachenlord ein Märtyrer, ein fränkischer Laurentius, der von sadistischen Hatern geröstet wird. Bis hin zu jenem tatsächlich ekelhaften "Prank", für den sie ihm über Wochen eine vermeintliche Freundin vor die Webcam gesetzt hatten, und die ihn schließlich bei einem per Livestream übertragenen Heiratsantrag grausam demütigen sollte.

Drachengame und Merchandise

Wer sich die Qualen (und es sind beträchtliche!) zumutet, die Videos des Drachenlords und seiner Hater zu sichten, kann darin aber auch einen Menschen erkennen, der die Selbstinszenierung als "last man standing" weidlich ausschlachtet. Wie in einem Western von Sam Peckinpah hockt der Drachenlord verschanzt in seinem Haus und präsentiert die Tools und Gadgets, mit denen er nächtliche "Besuche" seiner Hater dokumentiert und abwehrt. Er lebt mit ihnen in einem verfluchten, aber aufmerksamkeitsbewährten und damit klickzahlförderlichen Abhängigkeitsverhältnis. Indem er auf alles eingeht, was ihm vor die Haustür gekübelt wird, bestärkt er noch die Durchgeknalltesten unter seinen Gegnern in der Überzeugung, dass alles "nur ein Spiel" sei. "Drachengame" nennen diese entsprechend auch das Gesamtpaket, das mittlerweile neben den Videos und Pilgerfahrten sogar Merchandise mit dem Konterfei des "Drachen" umfasst.

Anders als auf Schulhöfen früher

Die Markierung als Spiel gibt den einen Absicherung in ihren Quälereien, dem anderen nimmt sie sie. Denn mehrfach schon, auch im jüngsten Urteil, scheinen sich Gerichte an der dünnen Trennscheibe zwischen Spiel und Ernst die Nase blutig zu drücken. Die um sich greifende "Gamification" der Wirklichkeit jedenfalls unterscheidet nicht zwischen Mobbern und Gemobbten, solange beide den Raum eines Spiels nicht verlassen, dessen Regeln dehnbar erscheinen.

Vielleicht nicht zufällig verbringen alle am "Drachengame" Beteiligten ihre Zeit fast ausschließlich auf maximal gamifizierten Oberflächen, die durch unmittelbare Belohnung in Form von Likes und Abos die Dopaminwerte nach oben schnellen lassen. Von "schnellbereiteter Zustimmung" und "maßlosem Übertreiben in Lob und Tadel" schrieb einst der in Ehren verblichene Kulturtheoretiker und Antifaschist Johan Huizinga in seinem Klassiker "Homo ludens" über die Infantilisierung der Gegenwart. Das war 1938. Man mag das heute eigentlich so nicht wiederholen, kein Klagelied auf die Gaming-Kultur singen und sowieso nicht kulturpessimistisch werden. Aber früher, meine ich, war das Spiel auf dem Schulhof im Normalfall wenigstens vorbei, wenn einer weinte. Heute beendet es der Knast.

 

Janis El-Bira ist Redakteur bei nachtkritik.de. In seiner Kolumne Straßentheater schreibt er über Inszeniertes jenseits der Darstellenden Künste: Räume, Architektur, Öffentlichkeit, Personen – und gelegentlich auch über die Irritationen, die sie auslösen.

 

In seiner letzten Kolumne analysierte Janis El-Bira den explosionshaften Anstieg von Ödipus-Inszenierungen auf den Bühnen unserer Tage.

 

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