Freigeister frieren nicht

4. November 2021. "Es geht um das Leben", schreien die Spieler um Regisseur Sebastian Hartmann und geben viereinhalb Stunden lang alles, was sie haben: hämmernde Monologe, treibende Musik, Bilderwucht, Schwarz, Rot, Nebel, Huldigungen an den Technogott. Und Opfergaben an den Kunstfreiheitsdiskurs unserer Tage.

Von Anna Fastabend

Berlin, 4. November 2021. So, Freunde, das war eine lange Nacht. Während anderswo Fußballfans im Innenhof marodierten, so erzählte es eine Zuschauerin aus Reihe Fünf, verschossen drinnen die acht Darsteller:innen bei der Premiere von "Der Idiot" nach dem Roman von Fjodor Dostojewskij in einer Inszenierung von Sebastian Hartmann sämtliche Platzpatronen, die das Deutsche Theater Berlin in seiner Requisite gelagert hatte. Das war wahrlich nichts für zarte Gemüter, so manche:r hatte sich vorher noch schnell Lärmschutzstöpsel in die Ohren gestopft. Gegen das unangenehme Gefühl, das dabei aufkam, immerhin hatte der US-amerikanische Schauspieler Alec Baldwin doch gerade erst versehentlich seine Kamerafrau mit einer falsch präparierten Waffe erschossen, gab es freilich kein so simples Gegenmittel. Außer man ist in einer der beiden Pausen dieses fast viereinhalbstündigen Abends gegangen, wovon durchaus rege Gebrauch gemacht wurde.

Schule des positiven Denkens

Und was soll man sagen, die guten Leute, die geflohen sind, hatten Recht. Denn bis zum ersten Drittel war es geil, das zweite war so mittel und das letzte hätte man sich auch sparen können – aber von vorn. Was diesen Abend so bemerkenswert macht, ist, dass man dabei das Gefühl hatte, tief in die Seele seines Regisseurs zu blicken – auch wenn das natürlich eine Anmaßung ist, die an dieser Stelle aber gerne unternommen wird. Denn allein die hier aufgefahrenen Theatermittel von schwebenden Häuserteilen über wild flimmernde Filmmontagen bis zu jeder Menge Kunstblut legen die Vermutung nahe, dass Hartmann einfach ganz dolle Angst hat, dass die Häuser wegen der aktuell steigenden Inzidenzen bald wieder zumachen. Und wenn sie, wie das DT, weiter daran festhalten, dass die Zuschauer:innen wegen der angeblich so tollen Lüftung bei voll besetztem Saal die Maske abnehmen dürfen, wird das wohl auch so sein.

Doch was soll die Korinthenkackerei, wenn es doch auf der Bühne um das Leben geht, das wir alle angeblich gar nicht richtig leben, weil wir von einer Stresssituation zur nächsten hetzen, ohne auch nur einmal auf den hübschen Baum zu blicken, der da vor uns wächst. So oder so ähnlich wird es einem während der Aufführung nämlich immer und immer wieder eingebläut, fast als befände man sich in einem Seminar für positives Denken oder in einer Sekte oder in einer ähnlich naiven, zu sehr im Schwarz-weiß verhafteten Veranstaltung.

Treibende Musik und krass ästhetische Bilder

Und wie es bei solchen Veranstaltungen nun mal so ist, findet man sie auch erstmal richtig gut, weil einem die Kalendersprüche, die vorgetragen werden, zunächst unheimlich schlüssig erscheinen: "Es geht um das Leben, einzig und allein um das Leben – um das Entdecken des Lebens, ununterbrochen und ewig", schreit Elias Arens zu Beginn der Aufführung von der Rampe ins Publikum, und man denkt: Ja, genau so ist es! Und um die Liebe geht es auch!! Und um das Zwischenmenschliche!!! Die Begegnung!!!! Weil man ja gar nicht weiß, ob nach dem Leben noch etwas kommt!!!!! Das erzählen einem auch die Darsteller:innen in nicht enden wollenden Monologen, hämmern es einem ins Hirn, zu treibender Musik und vielen krass ästhetischen Bildern. Alles dreht sich, alles bewegt sich: Schwarz, Rot, Nebel, bisschen Pippi Langstrumpf, bisschen Sisyphos oder Bar 25 (Technogott hab’ sie selig!).

Boah, ist das schön, denkt man, bisschen kitschig, aber so, so schön… Bis man irgendwann schreiend wegrennen will, was ja einige, wie gesagt, auch getan haben, zwar ohne zu schreien, außer einmal Buh, aber das war es dann auch schon. Ansonsten gibt es viel Szenenapplaus, etwa als Niklas Wetzel in dem irren Tempo eines Literatur-Youtubers die Handlung von Dostojewskijs 950-Seiten-Schinken zusammenfasst, der von einem jungen Mann handelt, der zu gut für diese Welt ist, weil er sie aus den Augen eines Kindes betrachtet, und sich in Sankt Petersburg dummerweise in eine Frau verliebt, die sich lieber seinem Rivalen zuwendet und von diesem erdolcht wird (R.I.P arme Nastassja! PS: Rogoschin geschenkt. Aber war Myschkin wirklich so ein toller Typ? Frage für eine Freundin…).

idiot 2331Rasende Romanerzähler: Birgit Unterweger und Niklas Wetzel in der Projektion © Arno Declair

Das alles ist natürlich eine Seifenoper sondergleichen, aber eine für Intellektuelle, die diesen Roman bis heute vergöttern. So auch Hartmann, der aber, wie es für ihn typisch ist, nichts von Werktreue hält und die Geschichte deshalb lediglich als Folie verwendet, um seine Botschaft vom freigeistigen Leben unters Volk zu bringen. Und so erlebt man in der ersten Hälfte eine bezaubernde Ansammlung von Lebenskünstler:innen, die Adriana Braga Peretzki in transparent schimmernde Gewänder gesteckt hat. Sie singen einzelne Strophen von Popsongs, tanzen zu dicken Technobässen, wiegen sich zu der Klaviermusik von Arno Waschk und legen sich müde und nach Zuneigung sehnend die Köpfe auf die Schultern. Zwei riesige Tipis gibt es auch, die feuerwehrrote Fassade eines Klassizismusbaus, Anekdoten über gefallene Menschen, einen echten Hund, der wie jedes Tier auf der Bühne erstmal zur Verzückung im Publikum führt, außerdem aufwendig produzierte Animationen, die müde Pferde und Katzen in Menschenbetten zeigen, ach ja, und Hitler wird am Ende des Abends auch nochmal aus der Mottenkiste geholt. Weil: Tiere und Hitler gehen immer.

Sehnsucht nach Freiheit, Ekstase und Unbeschwertheit

Was allerdings weniger geht, ist die laxe Umgangsweise mit sensibel diskutierten Zeichen. Befänden wir uns in einem anderen Land, könnte man die exotistische Metapher vom Edlen Wilden, der hier durch die Zelte, aus denen auch gerne mal Tierlaute kommen, und den überbordenden Federschmuck angedeutet wird, nicht mehr so einfach bringen. Doch Hartmann schert sich nicht um solche Kleinigkeiten in seiner Fantasie, dass nur Kindermund Wahrheit kundtut und sich die Welt da draußen auch sonst gegen Freigeister wie ihn verschworen zu haben scheint.

Nix als Verbote, wohin man auch blickt. Jetzt ist nicht mal mehr das Theater davor gefeit, dass diese ganzen Feminist:innen und Antirassist:innen einem den Spaß verderben. Wo bleibt die Freiheit in der Kunst?, scheint er mit seiner Inszenierung fragen zu wollen, als Ruth Reinecke mitten in eine Szene platzt, in der Linda Pöppel nach ihrem großen Auftritt in luftiger Höhe in einem blutigen Plastikbeutel ausharrt, während Elias Arens nackt auf Manuel Harders Schoß liegt. Reinecke ruft empört: "Linda friert!", und alle stimmen mit ein und regen sich über die Nacktheit von Arens auf, womit sie ganz offensichtlich auf den aktuellen Diskurs über Machtmissbrauch am Theater und die Grenzen von Kunst anspielen, der sicherlich an manchen Stellen zu undifferenziert geführt wird, aber selbstverständlich seine Berechtigung hat.

Spätestens dies ist der Moment des Abends, an dem das Ganze kippt. Denn mit einem Mal meint man, nicht nur die Sehnsucht nach Freiheit, Ekstase und Unbeschwertheit, die wir ja alle teilen, zu erkennen, sondern zugleich einen Unwillen dazu, sie auch denjenigen zuzugestehen, für die die freie Entfaltung lange Zeit undenkbar war. Doch wenn die jetzt auch endlich mal ein Wörtchen mitreden wollen, sollte man als gestandener Regisseur nicht so rumjammern.

 

Der Idiot
nach Fjodor Dostojewski
Regie und Bühne: Sebastian Hartmann, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, Musik: Samuel Wiese, Bildregie: Voxi Bärenklau, Animation: Tilo Baumgärtel, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Elias Arens, Bea Brocks, Manuel Harder, Peter René Lüdicke, Linda Pöppel, Ruth Reinecke, Birgit Unterweger, Niklas Wetzel, Live Musik: Arno Waschk, Samuel Wiese.
Premiere am 3. November 2021
Dauer: 4 Stunden 20 Minuten, zwei Pausen

www.deutschestheater.de



Kritikenrundschau

"Vor allem im ersten Teil der langen Aufführung wird vergleichsweise viel umhergerannt und gestikuliert, so als hätte man sich in eine schwache Castorf-Arbeit der Nuller Jahre verirrt," so Eberhard Spreng in der Sendung "Kultur heute" beim Deutschlandfunk (4.11.2021). "Nachdem im ersten Teil noch Momente einer melancholischen, ja fast sentimentalen Weltverlorenheit zu sehen waren, steigert sich der Abend in seiner Mitte dramatisch zu einem mächtigen christlichen Opferbild." Immer wieder breche sich das Reale mit der theatralen Realität. Und kurz ergibt das aus Sicht dieses Kritikers starke assoziative Bilder. "Aber der unentwegte Wechsel von Geschwätz und Predigt, von Hampeln und Handeln ermüdet, weil er diesmal keinen dramatischen Bogen, keinen suggestiven Flow erzeugt."

"Der Regisseur Sebastian Hartmann verfügt über die Gabe, Augenblicke zu Ewigkeiten werden zu lassen", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (4.11.2021). "Man ist sich nur nicht sicher, ob man in diesen Abgründen der Zeit wirklich 'alles' begreift oder vielleicht doch nur nichts." Die Inszenierung produziere jedenfalls "eine spezielle und ungemein edle Form der Qual, die eine besondere Form der Willigkeit des Publikums voraussetzt und natürlich, dass es den Roman kennt, seine Details und seine Essenz, wenn es schon nicht in ihm lebt, wie der Regisseur und sein Ensemble in den letzten Wochen."

"Wozu vier Stunden Theater unter der Überschrift 'Der Idiot, nach Fjodor Dostojewskij' inszenieren und dem Publikum zumuten, wenn einen die drei wesentlichen Komponenten eines erzählenden Romans überhaupt nicht interessieren: die Menschen, die Handlung, die Sprache?", fragt sich Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (4.11.2021) und sah "keine Figuren, keine Zusammenhänge und keine Geschichte", dafür eine Menge "Behauptungsgebrüll".

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Idiot, Berlin: Kritik-GenussMomunk 2021-11-04 10:39
Oh, was für ein Genuss ist dieser Text von Anna Fastabend. Könnte die Nachtkritik-Redaktion Frau Fastabend, ihr Einverständnis vorausgesetzt (...), von nun an immer Hartmann-Abende besprechen lassen?
#2 Idiot, Berlin: Fake-AkzentLS 2021-11-04 12:01
@1: Ich bin auch dafür. Der russische Fake-Akzent von Niklas Wetzel taucht hier leider nicht auf, aber ansonsten: Sehr witzig zu lesen und leider sehr auf den Punkt.
#3 Idiot, Berlin: kein Kritik-GenussDr. A.Gundlach 2021-11-04 15:05
Nein, ich bin nicht der Meinung, dass Frau Fastabend zu weiteren Hartmann-Inszenierungen die Nachtkritiken schreiben sollte.
Zu ironisch, sehr subjektiv und oberflächlich.
Das ist eine vergebene Chance, da die Nachtkritiken immer zu den schnellsten gehören und- wie bekannt-, die Mehrheit der anderen Medien diese Meinung übernimmt.
#4 Idiot, Berlin: dankbar für ZumutungMichael Laages 2021-11-04 17:24
... dieses schreckliche Sprachverhunzen durch Ge-gender ... und baythway: Beim Fake-Akzent werden auch noch alle Namen falsch betont. Für die Zumutungen durch Regisseure von Hartmanns Kaliber bedanke ich mich in jedem Fall sehr. Die sind ja viel zu selten.
#5 Idiot, Berlin: SelbstbehauptungsgebrüllKonrad Kögler 2021-11-04 19:35
Sehr zäh schleppt sich der Abend bis zu den Buhrufen und der ersten Pause. Vom Bilderrausch der beiden Live-Stream-Inszenierungen "Zauberberg" und "Buch der Unruhe" ist wenig zu spüren, die analoge Arbeit fällt zwei Schritte zurück.

Im Mittelteil kommt der Abend auf Betriebstemperatur, es gibt einige virtuose Soli von Niklas Wetzel oder Linda Pöppel, bevor sich der Abend mit der "Linda friert"-Slapstick-Nummer in die zweite Pause rettet.

Der mit 4,5 Stunden viel zu lange Abend ist über weite Strecken nicht mehr als eitles Selbstbehauptungsgebrüll, wie Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung zusammenfasste.

Von dieser Premiere bleiben ansonsten noch die Verve und Ausdauer in Erinnerung, mit der eine Zuschauerin ihre Viren und Aerosole konsequent ohne Maske in den Saal ballerte. Ein Stresstest für die hochgelobten Lüftungsssysteme und ein ungutes Gefühl, ob die "Hygienekonzepte" aufgehen und die Theater für den nächsten Corona-Herbst/Winter ausreichend gewappnet sind.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2021/11/04/der-idiot-sebastian-hartmann-deutsches-theater-berlin-kritik/
#6 Der Idiot, Berlin: GendernGenderfall 2021-11-04 23:34
Hartmann lässt gendern, echt? Super, hätte ich ihm nicht zugetraut. Es ist nie zu spät!
#7 Der Idiot, Berlin: nicht lustigName Pflichtfeld 2021-11-05 16:51
A propos Reihe 5, ich bin der, der dann bei besagter Szene mit der halbnackten Schauspielerin im Plastikbeutel, in dem sie eine gefühlte Ewigkeit ausharren musste gegangen ist, war ja auch schon 22.30 Uhr. Da ist der Abend spätestens gekippt, weil das leider - wie der Abend an sich - überhaupt nicht lustig war (außer für den Regisseur vermute ich). Mit Dostojewski, der sich aufgrund von Verstorbenheit leider nicht mehr wehren kann, hatte diese Inszenierung wenig zu tun. Das war überhaupt das Ärgerlichste, man ging hin, um Dostojewski zu bekommen und erhielt das trübe Innenleben von Sebastian Hartmann (?), in Szenenabfolgen, die an theatraler Grobschlächtigkeit nicht zu überbieten sind. Schon der Beginn: Da kommt ein Schauspieler (welche Rolle er darstellt, erschließt sich bis zum Ende nicht) wild hyperventilierend (warum?) auf die Bühne, und schreit mit sich überschlagender Stimme erst mal 10 Minuten irgendwelche unzusammenhängenden Wortkaskaden ins erwartungsvoll vorgebeugte Publikum, das sogleich rückwärts in die Sitze gedrückt wird. Ein Einladung ans Publikum sieht anders aus. Diese schlimme Grundhaltung der Regie zum Publikum, zu seinen Schauspieler:innen und zum Theater an sich wird dann die nächsten 4 Stunden präsentiert: Mag ich nicht! Schlimm deswegen, weil damit in Berlin viel Geld verbraten werden kann. Weil mit misantrophischem Regie-Ideentheater offenbar immer noch Intendant:innen überzeugt werden können. Schlimm. Darin unterscheidet sich an diesem Abend Hartmann von Dostojewski. Den Letzterer liebte das Leben und die Menschen ebenso sehr, wie er daran verzweifelte. Doch hier davon keine Spur, nur verzweifelte Schauspieler-Einlagen auf dem Niveau einer Abschlußvorführung der Schauspiel-Schule: Bissi lustige Akzent hier, bissi tanze da, bissi in Luft hänge, es hatte was von Leistungsschau einer vergangenen Sowjet-Republik, sehr bemüht, sehr altbacken, nichts Neues. Schlimm auch zu sehen, was die Schauspieler:innen mit sich machen lassen. Sind wir da in der Emanzipation gegenüber der ach so genialen Regie wirklich noch nicht weiter?! Will das wirklich jemand spielen? Glaube ich nicht. Genau in diesem Abend zeigt sich der ganze Zwang des Stadttheaters, das Gegenteil von Freigeistigkeit, das Gegenteil von Freiheit. Da bleibt einem ja die Luft weg. Gut, dass ich mir das Geballere am Ende erspart habe, beste Entscheidung!

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