Die Götter müssen verrückt sein

5. November 2021. Für ihr vogelkundliches Menschenpanorama "Bookpink" (2018) wurde die Autorin Caren Jeß vielfach ausgezeichnet. Nun steigt sie noch eine Etage höher und schaut aus der Perspektive der Ewigen auf das hocherregte Treiben hier unten. Daniel Foerster inszenierte die Grazer Uraufführung als Hochgeschwindigkeits-Theater der tausend schlagenden Türen.

Von Reinhard Kriechbaum

 

Graz, 5. November 2021. Total schräge Vögel haben wir damals in der Bühnen-Fabel "Bookpink" kennengelernt. In Sketch-Form haben sie ihre Befindlichkeiten hinaus tiriliert und bei aller Eigenbrötlerei der Einzelnen hat sich das Gezwitschere zu einem anschaulichen Puzzle-Bild heutiger Befindlichkeiten summiert. Nun hat man Caren Jeß wieder nach Graz eingeladen, mit ihrem neuen Bühnentext "Eleos. Eine Empörung in 36 Miniaturen". Diesmal eine durch und durch disparate, vielleicht sogar verquere Szenenfolge, die darauf abzielt, Lebenswelt als Ganzes abzubilden. Die mag bunt und individual-maximiert sein, aber Caren Jeß leitet uns auch diesmal an, ein wenig genauer hinzuschauen. Und siehe da, unter dem Brennglas wird die Welt nicht differenzierter, sondern kompakter.

Wo selbst Smileys geneidet werden

Ungeduld und Stress, Ego-Zentriertheit und Intoleranz, Häme und Pöbelei – die Schlagwortliste ist unübersehbar lang entlang einer Spirale der Erregung, an deren oberen Ende ungebremste Wut steht. Die 36 Miniaturen laufen letztlich auf Eines hinaus: All diese kleinen Szenen lassen uns ahnen, warum so viele unserer Zeitgenossen gar so aufgeregt gackern. Nicht nur in den sozialen Medien. Das Zu-Ende-Denken ist nicht so gefragt, dafür steht die Selbst-Inszenierung ganz obdenauf im Verhaltenskodex. Was anfangen mit Menschen, die einander sogar Smileys neiden und ihre Fotos, bevor sie sie online stellen, von einer App nachbessern lassen?

Caren Jeß hat ein Talent, Alltagsbeobachtungen zuzuspitzen und ad absurdum zu führen. Da werden wir Zeugen von Gesprächen, die nicht über Satzanfänge hinauskommen. Oder von solchen, bei denen sich die Gesprächspartner hoffnungslos in Allgemeinplätzen verheddern. "Alles geht plural", sagt einer, "aber nur grammatikalisch", argwöhnt sein Gegenüber. "Ich seh es nur in meinen Dreams" klagt einer. Macht nichts, Hauptsache irgendwie "mega".

"Eleos." Für den Titel braucht's einen Exkurs ins alte Griechenland. "Eleos und Phobos bedeuten in der Poetik des Aristoteles Jammern und Schaudern", klärt uns die Autorin im Programmfolder auf. In der Mythologie ist Eleos aber auch Personifikation des Mitleids. Jammerei und Misericordias – nicht ganz daneben als Bedeutungspaar.

Eleos4 1000 LexKarellyJammern und Schaudern ob der allgemeinen Überdrehtheit: Ensemble aus "Eleos" © Lex Karelly

Die Mythologie greift Daniel Foerster, Regisseur der Grazer Uraufführung, auf. Er führt uns Götter vor. Eher Halb- oder Viertelgötter. Göttern gleich jedenfalls basteln sie in einer Wellness-Umgebung am schönen Schein, am gesellschaftlich properen Selbstbild. So sehr sie auch alles rundherum nervt, so krass die Gespräche danebengehen – wenn sich die Kamera nähert, machen sie ein Pokerface, feixen vor scheinbarem Glück. Und die Kamera ist immer gegenwärtig. Timo Neubauer, der sie führt, ist eigentlich Hauptperson in einem beispiellos atemlosen, aber minutiös synchronisierten Spektakel.

Gleich drei Leute waren für die Ausstattung zuständig, Mariam Haas, Lydia Huller und Robert Sievert. Sie haben die Spielfläche im Haus Zwei fast total zugebaut. Nur ein kleiner Schlitz vorne gewährt Einblick. Was drinnen passiert, wird draußen an eine der Kulissenwände projiziert. Aber es gibt viele Türen, und die werden mehr genutzt als in einer Screwball-Comedy. So wie die Autorin gerne mit Metaphern spielt, steht diese Ausstattung sinnbidlich dafür, dass diese Selbstdarsteller mit dem Innen und Außen ihrer Persönlichkeit so ganz und gar nicht zurechtkommen.

Wie diese "Göttinnen" und "Götter" aussehen! Bei entsprechender philologischer Vorbildung kann sich das Publikum ans Identifizieren machen, aber das ist nicht essentiell. Man kriegt schon mit, dass bei diesen acht Protagonisten Schein und Sein so gar nicht zusammenpassen. Eine flugs ins Absurde gedrehte "Normalität", das hat schon was, auch wenn Autorin und Regisseur versuchen, in anderthalb Stunden so ziemlich alle Fehlentwicklungen unserer Gesellschaft zumindest anzusprechen. Es schwirrt einem der Kopf am Ende.

Am Ende gibt's Falafel im Brot

Was die acht Darstellerinnen und Darsteller leisten, ist gewaltig. Es herrscht ja sagenhaft viel Turbulenz auf kleinstem Raum, und doch finden immer die richtigen Leute zusammen oder durchs richtige Türl hinein und heraus. Es wird heftig gerappt, getanzt, geturnt. Die Musik ist allgegenwärtig, das legt die Musikalität von Caren Jeß' Sprache nahe. Die Exaltiertheit, die Grimasse – das hat System, ist Stilmittel.

Wohin das geordnete Tohuwabohu führen könnte, kann und mag man sich nach anderthalb Stunden eigentlich gar nicht vorstellen. Doch dann: "Halloumi, Falafel in Brot" und "Hähnchen mit Pommes" – wenn's ums Ordern beim Food-Zusteller geht, sind sie alle ein Herz und eine Seele. Geht ja!

 

Eleos. Eine Empörung in 36 Miniaturen
von Caren Jeß
Regie: Daniel Foerster, Bühne & Kostüme: Mariam Haas, Lydia Huller, Robert Sievert, Musik: Jan Preißler, Video: Simon Baucks, Live-Kamera: Timo Neubauer, Dramaturgie: Franziska Betz.
Mit: Henriette Blumenau, Daria von Loewenich, Sarah Sophia Meyer, Oliver Chomik, Nico Link, Alexej Lochmann, Raphael Muff, Susanne Konstanze Weber.
Premiere (Uraufführung) am 4. November 2021
Dauer: 1 Stunde 35 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus-graz.com

 

Kritikenrundschau 

Als "gewitzte Sprachmusik" betitelt Hermann Götz den uraufgeführten Text in der Kleinen Zeitung (6.11.21). "Der virtuos komponierte Text verleitet, so ließe sich vermuten, zu puristischer Interpretation, jedoch: Regisseur Daniel Foerster interessiert genau das Gegenteil. Und das ist gut so." Dabei setze sich "das große und grandios spielwütige Ensemble in jeder Szene in Szene, als wärs seine letzte." Das Ergebnis: macht süchtig.

"Klein, aber fein" nennt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (9.11.2021) in einem breit angelegten Bericht über das Programm für zeitgenössische Dramatik am Schauspiel Graz dieses Stück. Es sei "eine sprachkünstlerische Wutarie, eine Kakofonie heutiger Erregung und Entrüstung, in den Köpfen, den Herzen, den sozialen Begegnungen und (a)sozialen Medien". Mitunter wirke es in seiner Musikalität und in den Anleihen bei der Konkreten Poesie "ein bisschen überambitioniert, zeugt aber von großer sprachlicher Versiertheit und Verspieltheit".

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