Trinkt keiner einen mit?

6. November 2021. Das Theater an der Ruhr versucht sich auch ohne Lockdown an einem live gestreamten Online-Format. In der von Tobias Stöttner eingerichteten ersten Folge einer Serie nach Romanen des legendären Exzess-Spezialisten Hunter S. Thompson wird denkbar häufig das Glas gehoben.

Von Max Florian Kühlem

6. November 2021. Trotz allem findet man sie am Theater noch: Die Jungs, für die es offenbar nichts Größeres gibt, als zum Soundtrack von, sagen wir, Tom Waits oder Johnny Cash einen an der Welt leidenden, us-amerikanischen Mann mit Schnurrbart und/oder Baseball-Kappe auf die Bühne zu bringen, der alkoholschwanger bedeutungsvolle Worte gebiert. So konnte man es jedenfalls in der ersten Folge von "Rum Diary" erleben. Obwohl gerade wieder alle ins Theater dürfen, versucht sich das Theater an der Ruhr am Format einer Online-Live-Serie nach Hunter S. Thompson. Dem Trend entgegen also – quasi in alle Richtungen. 

Kehrseite des American Dream

In der ersten Folge darf man vielleicht die Latte noch nicht so hoch legen – aber die Lücke, die bei diesem Projekt zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft, ist schon ziemlich groß. In "The Rum Diary", dem ersten, aber lange verschollenen und erst Ende des vergangenen Jahrhunderts veröffentlichten Roman des Beat-Schriftstellers und Gonzo-Journalisten, beschreibe er "die Kehrseite des American Dream. Ein Traum von Freiheit, der in Gier und Drogenexzessen mündet: Wirklichkeit und Gehirngespinste vermischen sich", lässt sich dem Infotext zur Online-Serie entnehmen, bei der Regieassistent Tobias Stöttner Regie führt.

Der Anspruch: In der Folge behauptet die Ankündigung eine Verbindung zur Gegenwart. "Realitätsflucht auch heute: Verschwörungstheorien, Bildgewitter und Promi-News beherrschen den digitalen Raum und zunehmend unsere Wahrnehmung. Und auch der aktuelle Traum der Freiheit wird heute im Internet geträumt: Jeder kann reich werden, ob durch Bitcoins oder als Influencer." Entstehen sollen "theatrale Collagen", basierend auf Thompsons Romanen  "The Rum Diary" und "Fear and Loathing in Las Vegas" – und zwar als "kollektiver Trip", bei dem das Publikum "die Möglichkeit hat, in Echtzeit Bilder, Videos, Sounds und Texte einzuschicken" und die Frage zu stellen: "Welchen Traum leben wir?"

Auf das gute Leben

Die Wirklichkeit: Als die erste Folge des Live-Streams nach rund 45 Minuten endet, schreibt eine der zwei oder drei User*innen, die im Chatfenster Applaus gespendet haben (sie nennt sich Gina Tonic): "Der 'kollektive' Trip endet hier ohne dass er angefangen hat." Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Zu sehen war eine One-Man-Show von Steffen Reuber in einem weißen Projektionsraum mit spärlichen Requisiten (Whisky-Tumbler, Tisch, Schreibmaschine), der den Anfang von "The Rum Diary" spielt – ganz ohne erkennbarem Bezug zu den medialen Trends oder Diskursen der Gegenwart.

rum diary 1 805 screenshotQuellenforschung: Steffen Reuber in "Rum Diary #1" @ Max Florian Kühlem (Screenshot)

"Lasst uns die Gläser heben auf die animalischen Freuden und den Eskapismus. Auf das gute Leben, was immer es sei und wo immer es sich zufällig finden lässt", tönt er mit getönter Brille, Baseball-Kappe abgebrochener Zigarettenspitze. Im Hintergrund läuft "American Pie" von Don McLean, dann "Heartattack And Vine" von Tom Waits. Im Hintergrund scheint ein schwarz-weiß-Foto auf, das wohl symbolisieren soll, wie gut der echte Hunter S. Thompson hier visuell getroffen ist. Die Träume seiner Alter-Ego-Figur: "Genug Geld haben, um mir guten Scotch und gutes Essen zu kaufen. Im Bett bleiben, wenn das Wetter scheiße ist." Dazu zieht der Darsteller eine Nase Koks. Die Projektoren schicken eine Palme auf die Wand. "Ja, sowas!" Ein neuer Traum entsteht: Leben in Puerto Rico. Als Schreiberling. Für ein heruntergekommenes Blatt.

#TourDeForce

In dem weißen Raum dieser Online-Serie ist viel Raum für Sehnsucht. Zum Beispiel nach den Bildern der Verfilmung mit Johnny Depp, die diese ganze Szenerie ja bereits 2011 in den schönsten Farben, fiebrigen Halluzinationen und wunderbar dreckigen Interieurs für die Bildschirme dieser Welt aufbereitet hat. Und es ist Raum für Fragezeichen: Was ist denn nun mit dem kollektiven Trip, mit den Eingaben der Zuschauer*innen?

Technisch war das so gedacht, dass sie ihre Eindrücke oder Assoziationen zu den Fragen "Was ist Deine Hoffnung, was ist Dein dunkler Verdacht? Wohin geht Deine und unsere Tour de Force?" unter dem Hashtag #tourdeforce auf Twitter posten. Das hat offenbar niemand gemacht. Aber natürlich kann, was nicht ist, ja noch werden: Sechs monatlich gezeigte Folgen soll die Serie lang werden, in denen sich sechs Darsteller*innen auf Thompsons Suche nach Identität begeben. Am 2. Dezember wird die nächste, gestreamt unter dem Titel "Freakpower". Vielleicht ist dann ja wieder Lockdown und die ausgesperrten Theaterfans lechzen nach jeder Form der Interaktion, die sie kriegen können.

Rum Diary #1
Eine Online-Live-Serie nach Hunter S. Thompson
Regie: Tobias Stöttner, Licht/Live-Video: Fritz Dumcius, Kamera: Kemal Kilicli, Cinematography: Konny Keller, Kostüm: Katharina Lautsch, Bühne: Jochen Jahncke.
Mit: Steffen Reuber.
Premiere am 5. November 2021
Dauer: 45 Minuten, keine Pause

www.theater-an-der-ruhr.de

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