Der Sprengmeister bittet zum Tanz

13. November 2021. An der Elbe ist ein neuer Castorf angesagt. Fünf Stunden Reise ins London des 19. Jahrhunderts, zu Dämmergestalten, Geheimagenten und anarchistischen Umstürzlern. Und von dort ins koloniale Herz der Finsternis. Joseph Conrad liefert den Stoff, und ein Topensemble um Charly Hübner und Paul Behren verfeuert ihn.

Von Stefan Forth

13. November 2021. Was für ein Totentanz! Am Deutschen Schauspielhaus Hamburg trägt Frank Castorf jede Hoffnung auf eine bessere Welt mit Nachdruck zu Grabe. Sein neuester Bühnenmarathon "Der Geheimagent" nach dem gleichnamigen Roman von Joseph Conrad ist mal wieder ein echter Kraftakt für Ensemble, Technik und Publikum.

Auf nebligen Gassen in London

Dabei sieht die ganze Sache zu Beginn relativ harmlos aus, ja fast schon konventionell: Aleksandar Denić hat auf die tiefe Drehbühne im Großen Haus ein geradezu realistisches Abbild zentraler Handlungsorte der Stoffvorlage gebaut. Aus den Kaminschloten der viktorianischen Londoner Backsteinhäuser dampft und qualmt es in einer Tour. Immer wieder ziehen dicke Nebelschwaden durch enge, düstere Gassen des 19. Jahrhunderts bis ins Publikum.

In dieser schummerig-schattigen Atmosphäre flammen denn nach und nach auch tatsächlich fast alle zentralen Motive aus Conrads Roman grell auf: Wer den verwinkelten Gängen dieses Abends folgen kann, erfährt vom erbärmlichen menschlichen Versagen des fetten Faulpelzes Adolf Verloc, der sich vor allem deshalb von einer ausländischen Macht als Geheimagent hat anwerben lassen, weil ihm diese Arbeit so schön bequem erschien. Als sein Auftraggeber aber eines Tages statt schriftlicher Informationen über rote Revolutionäre nun endlich einen echten Anschlag fordert, ist es mit dem gemütlichen Agentenleben vorbei. Statt von tatkräftigen Terroristen ist Verloc nämlich von großmäuligen Gernegroßganoven umgeben, die den Umsturz lieber predigen statt ihn auszuführen.

Geheimagent 2 ThomasAurin uRacheengel im Anflug: Angelika Richter durchstreift das Viktorianische London © Thomas Aurin

In einer Welt selbstbezogener Männer sind es die Frauen und der geistig zurückgebliebene Stevie, die zu so etwas wie Empathie, Mitgefühl oder Solidarität fähig sind. Dadurch werden sie aber auch schnell zu Opfern – oder Täter:innen. Was fürchterlich klischeehaft klingt, verweist die Inszenierung mit verspielter bis brachialer Ironie in die Welt rührseliger Altherrenfantasien: Anne Müller und Angelika Richter sind kraftstrotzende, schillernde Racheengel, die mal die schwarze Braut und dann wieder eine Domina in Ketten geben. Letztere weiß sich Charly Hübners Verloc nicht zuletzt mit einer ordentlichen Portion Wick VapoRub gefügig zu machen.

Überhaupt: Der Abend strotzt vor subversiver Sinnlichkeit! Egal ob sich der verführerisch schöne Genosse Ossipon des Matti Krause an den bombenbauenden Sprengstoffexperten "der Professor" heranmacht oder ob sich Josef Ostendorfs Kriminaldirektor von Charly Hübners Innenminister Ethelred unbeholfen tänzelnd rückwärtig an die Wand pressen lässt – immer geht es auch um die Erotik von Macht, Gefahr und Abhängigkeit. Mal absurd komisch, mal leise berührend.

Und immer wieder stirbt ein Mensch, und immer wieder gerät der Abschied zu einer wuchtigen, musikalischen Zeremonie. Tränen und Schmerz – voyeuristisch nah herangezoomt von Castorfs gewohnt genialem Kamerateam um Andreas Deinert und Severin Renke. Sehr lebendige Verneigungen vor der Endlichkeit von Menschen und Ideen sind das. Bis am Schluss der Tod selbst zum Tanz bittet.

Sinnlich und überbordend

Ein erstklassiges Ensemble sorgt an diesem Abend immer wieder für emotionale Dichte. Paul Behren zum Beispiel empfiehlt sich von Szene zu Szene für einen Schauspielpreis nach dem nächsten: Wie behutsam nachdenklich und liebevoll er den degenerierten Stevie gibt, wie draufgängerisch verloren er wenig später den anarchistischen Sprengstoffmeister anlegt, nur um sich zwischendurch immer mal wieder melancholisch lächelnd ans Keyboard zu setzen – das ist schon große Kunst.

Und der fantastische Matti Krause ist am Premierenabend ohnehin noch mehr als sonst die Wandelbarkeit in Person, indem er ganz lässig neben seinen eigenen Figuren auch noch die Rollen eines erkrankten Kollegen übernimmt.

Geheimagent 3 ThomasAurin uAnarchische Draufgänger: Paul Behren, Matti Krause und Angelika Richter © Thomas Aurin

Sinnlichkeit und Spielfreude können aber nicht verhindern, dass sich die Inszenierung besonders im ersten Teil immer wieder im überbordend Ungefähren verliert. Der Abend ist eindeutig zu lang geraten – und zwar nicht allein deshalb, weil die Premiere gut fünf Stunden dauerte (das könnte ja auch schön sein). Regie und Dramaturgie haben sich aber augenscheinlich von kaum einer Idee trennen können – egal ob sie nun trägt und zu Ende gedacht ist oder nicht.

Klar: Castorf montiert praktisch immer wüst Romansplitter, Pamphlete, Videoeinspielungen, Biblisches und Songs mehr oder weniger übergangslos in seinen Ursprungsstoff. Das ist sein Erfolgsrezept. Und es spricht auch per se nichts dagegen, diesen "Geheimagent(en)" um einen anspielungsreichen kapitalismuskritischen Par Force-Ritt durch Leben und Werk des Autors Joseph Conrad zu erweitern – von der Ukraine über Frankreich und Afrika bis nach Großbritannien. Wenn einem denn dazu auch wirklich immer etwas einfällt. Andernfalls kann die ganze Zitiererei schnell aufgesetzt wirken.

Lang ist nicht groß

Ziemlich uninspiriert und statisch gerät zum Beispiel der Ausflug in Conrads wohl berühmteste Erzählung "Herz der Finsternis", der Vorlage für den Film "Apocalypse Now". Im Hamburger Schauspielhaus erzählt man sich die kolonialen Grausamkeiten bequem in Empire-Sesseln sitzend – bis es unvermittelt weitergeht mit der Kolportagegeschichte um Geheimagent Verloc. Wer die Romanvorlage nicht kennt, dürfte überdies an diesem Abend gut damit beschäftigt sein, deren Handlungssträngen zumindest halbwegs zu folgen.

Castorfs "Geheimagent" ist eine Überwältigungsmaschine. Sie schnurrt verlässlich über ihren Stoff hinweg und nimmt alles mit, was kommt. Eine Portion Sand im Getriebe hätte ihr vermutlich gut getan, etwas mehr Reibung, ein Agent Provocateur. Dann wäre vielleicht mehr Sprengstoff drin gewesen an diesem langen Abend.

 

Der Geheimagent
von Joseph Conrad
Regie: Frank Castorf, Bühne: Aleksandar Denić, Kostüme: Adriana Braga Peretzki, künstlerische Produktionsleitung: Sebastian Klink, Live-Kamera: Andreas Deinert, Severin Renke, Stand-In Live-Kamera: Martin Prinoth, Video- und Liveschnitt: Alexander Grasseck, Marek Lukow, Licht: Lothar Baumgarte, Sounddesign: William Minke, Tonangler: Michael Genter, Jochen Laube, Dramaturgie: Patric Seibert.
Mit: Paul Behren, Charly Hübner, Matti Krause, Anne Müller, Josef Ostendorf, Angelika Richter, vor der Premiere erkrankt: Michael Weber (Rollenübernahmen durch Matti Krause).
Premiere am 12. November 2021
Dauer: 5 Stunden, eine Pause

www.schauspielhaus.de

Kritikenrundschau

"Bühnenanarchist Castorf hat wieder einmal gezaubert, hat in seiner Trickkiste gewühlt, hat einen Roman gefunden, nämlich Joseph Conrads 'Der Geheimagent' von 1907. Einen Krimi-Plot, der sich perfekt eignet für seine Erzählweise, seine multi-aufgesplitterte Theaterwelt in Kinoformat", sagt Peter Helling auf NDR Kultur (14.11.2021). "Paul Behren, Anne Müller, Angelika Richter: Es ist ein Fest des Schauspiels, der starken Figuren, auf schwindelhohen High Heels, im Schottenrock, mit Zylinder, Bart und cooler Kippe." Castorfs "körperliches, pralles Theater" lasse nichts aus. "Erschöpft, völlig reizüberflutet tritt man am Ende zurück auf die Straße."

"Frank Castorf ignoriert in 'Der Geheimagent' konsequent das Thema der Vorlage von Joseph Conrad. Macht aber fast nichts", so der Vorspann von Till Brieglebs Kritik in der Süddeutschen Zeitung (16.11.2021). Könne aus all dem etwas mit Sinn und Verstand werden? "Nein", so Briegleb, aber ein überraschend kurzweiliger Dauervorspann zu einer Geschichte, die sich ständig verflüchtige, bevor sie greifbar werde. Fazit: "Arm an typischem Castorf-Gebrüll, dafür ununterbrochen musikalisch hinterlegt mit Sounds von lustig bis düster ist dieser 'Geheimagent' eine actionreiche Szenenrevue der schönen Andeutungen, eine goldig anarchische Show."

"Das Publikum kann sich den vereinten theatralischen Irrungen und Wirrungen nur hingeben, zu begreifen gibt es nichts. Doch sogar der temporäre Aberwitz, der in manchen Castorf-Inszenierungen erheitern oder oft nerven konnte, bleibt aus", so Irene Bazinger in der FAZ (16.11.21). Stattdessen: "statische, epische Monologe". Somit werde "das Potential, das dieses fabelhafte Ensemble bieten würde", vom Regisseur "eher partiell und gelangweilt" genutzt. Die Rezensentin fasst zusammen: "Viel Nebel, viel Geschwurbel, kurz "ein aufgeblasenes Nichts", wie es einmal im Stück heißt."

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Kommentare

Kommentare  
#1 Geheimagent, Hamburg: überwältigend, großartigJörg 2021-11-13 08:22
Dank an Castorf, die Spieler, Bühne und Kostüm! Was für ein Theater Abend! Einfach nur überwältigend, grossartig!
#2 Geheimagent, Hamburg: wirr und überspanntSolor 2021-11-13 08:34
Wirr, ohne Kenntnis des Romans kaum zu folgen.
Hinreißend wie immer Hübner und Richter .

Sehr viel melodramatisch überspanntes. Der Inhalt bleibt auf der Strecke.

Viel zu lang
#3 Geheimagent, Hamburg: TheatersturmDer Geheimagent 2021-11-13 09:40
Castorf bleibt sich treu! Ein fulminanter Theatersturm! Castorf sei dank!
#4 Geheimagent, Hamburg: ein ErlebnisChristine Fahrenfeld 2021-11-14 11:01
Ein Erlebnis: Live Theater gepaart mit Film und erstklassiger Schauspielhausbesetzung und großartiger Theatertechnik.
#5 Geheimagent, Hamburg: krank und furchtbar schönHannoveraner 2021-11-14 12:23
Diese 5 Stunden verdienen es, zwei Nächte darüber zu schlafen. Auch am dritten Tag bleibt es im Kopf krank: Malade, malade, malade.
Als Zuschauer am Ende dankbar, dass es aufhört. Tut es aber nicht: Malade, …
Überwältigendes Theater mit schauspielerischem Glanz und inhaltlichem - wenn auch unerfreulichem - Tiefgang. Furchtbar schön.

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