Die Welt, wie sie ihnen gefällt

13. November 2021. Einem Frauen-Quartett ermöglicht die Autorin Gerhild Steinbuch den feministischen Neustart. Und hat dafür eine Komödie von Aristophanes überschrieben. Regisseurin Christina Tscharyiski liest auf dieser Grundlage mit akkuratem Chorsprech, einigem Gesang und viel Beinarbeit der Gegenwart die Leviten.

Von Shirin Sojitrawalla

13. November 2021. Science-Fiction auf dem Theater macht selten was her. Hier entpuppt sich der aufgeblasene, künstlich intelligente Wissenschaftler Sean Keller als einfacher "Uwe aus der Kiste". Ein Mann (Uwe Zerwer) wächst aus einem Pappkarton. Eher lahm und kein Vergleich zum fidelen Frauenquartett, das die Frage nach Macht und Weltherrschaft von hinten aufzäumt. "Alles auf Anfang!"

Hinterm Dauerlächeln gefriert die Wut

Gerhild Steinbuch hat sich für ihren Stückauftrag am Schauspiel Frankfurt Aristophanes' aus der Zeit gefallene und sehr aus der Mode gekommene Komödie "Die Weibervolksversammlung" (392 v. Chr.) vorgeknöpft und sie mit gestrigen und heutigen feministischen Diskursen überschrieben. Make Feminism great again. Bei Aristophanes nehmen die Frauen die Macht an sich und gestalten die Welt, wie sie ihnen gefällt. Das steht ihnen gut an und geht trotzdem nicht gut aus. Im Schauspiel Frankfurt stand das Stück zuletzt in der Spielzeit 1996/97 auf dem Spielplan, in der Regie von Amélie Niermeyer. Ein derb buntes Spektakel, das keine Rücksicht nahm.

In letzter Zeit Wut 4 FelixGruenschloss uLäuft rund bei der Firma "Nice": Melanie Straub, Isaak Dentler, Sarah Grunert © Felix Grünschloß

Heute geht es gesitteter zu. Doch auch bei Steinbuch machen die Frauen zu Anfang das, was Frauen oft tun: Dreck weg. Konkret: Sie fischen inkriminierte Fotos aus dem "Internetz": Tierquälerei, Hakenkreuze, Penisse. Schmutzarbeit eben. Lebensnotwendig und mies bezahlt. Ihr Firmenchef ist ein Horst, den Isaak Dentler als bewegliches, bärtiges Moppelchen hinschlurft. Die Firma heißt "Nice" und alle sind hemmungslos gut drauf. Doch unterm Dauerlächeln der Frauen gefriert die Wut. Eine Art Gesundheitsuhr, die Wünsche wahr macht, erlaubt ihnen den Neustart. Codewort Reboot. Akustischer Swoosh und los geht’s zurück ins Reich der Amazonen. War damals wirklich alles besser?

Floskeln der Gegenwart

Steinbuch entwirft ein Panorama feministischen Kampfgeistes, der von der schlichten Forderung nach Betriebsräten bis zur Vernichtung der holden Männlichkeit reicht. Mit hübschen Pointen, englisch deutschem Zeitgeist und kulturellen Verweisen nach hier und dort klopft sie die antike Vorlage ab. Regisseurin Christina Tscharyiski, die das Stück vorgeschlagen hatte, macht daraus einen spleenig freundlichen Abend. Sarah Sassen hat ihr die Bühne als abgewohntes Plenum in Holzfurnier ausgekleidet, Svenja Gassen die Figuren sehr individuell eingekleidet. Alle tragen sie Hosen, mal kürzer, mal weiter.

In letzter Zeit Wut 2 FelixGruenschloss uDie wollen nur spielen oder Auftritt der Amazonen: Melanie Straub, Tanja Merlin Graf, Uwe Zerwer, Sarah Grunert, Katharina Linder © Felix Grünschloß

Melanie Straub verrenkt sich darin als zackig zickiges Feenwesen, Sarah Grunert spricht das Wort "Männer" aus, als spritze sie Gift und gratwandert als überakzentuierte Alles-Checkerin umher, während Katharina Linder die robuste zweite Welle der Frauenbewegung verkörpert. Die an diesem Abend durchweg umwerfende Tanja Merlin Graf ist mal quietschendes Küken, mal herrlich widerständiges Manga-Mädchen-Gespenst. Das tolle Quartett trägt zuweilen schwer an den Floskeln der Gegenwart. Alte weiße Männer – gähn. Ficken, ficken, ficken. Schon bei Aristophanes ging's in dieser Hinsicht zur Sache.

Die Systemfrage als Fehler im System

Interessanter ist das utopische Potenzial des Ganzen. "Komm, wir gründen einen Staat", jammerte Konstantin Wecker einst verheißungsvoll. In Frankfurt ist es natürlich ein Staat der Frauen. Doch mit dem Zusammenhalt ist es so eine Sache. Das Zauberwort "Solidarität" bildet gewissermaßen den schlüpfrigen Bodensatz des Stücks. In munteren 90 Minuten, mit akkuratem Chorsprech, einigem Gesang und viel Beinarbeit liest der Abend der Gegenwart die Leviten.

Dabei bleibt er insgesamt arg zahm. Die Wut im Titel wirkt behauptet, Konflikte drehen sich im Schongang, niemand flippt richtig aus. Ein bisschen angriffslustiger und nicht so nach allen Seiten abgesichert hätte es schon sein dürfen. "I tried to be a joyful feminist but I was very angry" zitiert Steinbuch Agnès Varda und stellt den Satz als Motto voran. Doch ihr Stück und dieser Abend zeugen mehr von Joy als von Anger. Es fehlt ein bisschen der Biss. Alles bleibt amüsant, auch wenn's auf die Frage "Wer macht den Dreck weg?" zuläuft wie in ein offenes Messer. Die olle Systemfrage als Fehler im System. Die Losung/Lösung ist klar: Let's reboot! Letzter Ausweg Neustart.

 

In letzter Zeit Wut
von Gerhild Steinbuch
Regie: Christina Tscharyiski, Bühne: Sarah Sassen, Kostüme: Svenja Gassen, Dramaturgie: Alexander Leiffheidt.
Mit: Sarah Grunert, Tanja Merlin Graf, Katharina Linder, Melanie Straub, Isaak Dentler, Uwe Zerwer.
Premiere am 12. November 2021
Dauer: 1 Stunde und 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielfrankfurt.de


Kritikenrundschau

In der Frankfurter Rundschau (14.11.21) schreibt Sylvia Staude zum stückimmanenten Scheitern von Utopien: "So einfach sind die Dinge eben nicht mit einer grundlegenden Veränderung der Gesellschaft. Und Gerhild Steinbuch macht sie in "In letzter Zeit Wut" nicht weniger komplex. Spielt mit Gleichberechtigungs- und anderen Miseren auf diversen Realitätsebenen, wirbelt sie herum, schärft sie an in knapper Sprache." Sie schlage sich dabei durchaus "auf die Seite der Frauen, indem sie sie Grund haben lässt zur Klage (Horst, Hässlichkeit & Hungerlohn)". Die Figuren sprächen im Chor, seien deshalb aber noch lange nicht einer Meinung. "Schwesterlich geht anders." 

Katrin Ullmann zieht in der taz (16.11.21) das Fazit: "In diesen Texttiraden ver­puffen Sätze wie "Wir glauben nicht an die Kraft der Geschichten – Wir glauben an unsere Kraft", ertrinken feministische Anliegen in Wortwasserfällen. Mit einem guten Ensemble, Witz, Humor und Nebel ist dieser muntere Abend am Ende nicht mehr als Horsts Firmenname: "nice"."

"Viel Feminismustheorie steckt in diesem diskurslastigen Stück, verbunden mit der Frage, wie solidarisch sind Frauen eigentlich? Und wer macht am Ende den Dreck weg?", schreibt Christine Dössel in einem längeren Artikel über Science-Fiction-Stücke für die Süddeutsche Zeitung (30.11.2021). Aber wie sich die Frankfurter Akteure in der "braven Kehraus-Regie von Christina Tscharyiski" an diesen Fragen abarbeiten, bleibe denn doch "zu zahm, zu lahm".

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