Familie, ein Irrenhaus

19. November 2021. Kein halbes Jahr nach seinem Erscheinen drängt Christian Krachts verschachtelter Mutter-Sohn-Roman "Eurotrash" in die Theater. Den Anfang macht die Schaubühne, wo Jan Bosse seinen Intimus Joachim Meyerhoff mit Angela Winkler zusammenbringt.

Von Falk Schreiber

19. November 2021. Mutter ist an allem schuld. "Es ist kein Zeichen seelischer Gesundheit, sich an eine total gestörte Familie anpassen zu müssen", das ist ein zentraler Satz in Christian Krachts Roman "Eurotrash", und das ist auch zentral in der Bühnenfassung, die Jan Bosse an der Berliner Schaubühne inszeniert hat. Es geht hier um die Auseinandersetzung mit dem Konzept Familie, und weil Familie bei Kracht in erster Linie die Beziehung zwischen Mutter und Sohn meint, lässt sich das auf die Formel "Mutter ist schuld" herunterbrechen. Eine Formel, die schon bei Freud als misogyn überformt kritisiert wurde, aber das interessiert Kracht nicht.

Vegetation zwischen Wodka und Weißwein

Jedenfalls handelt "Eurotrash" von einem gestörten Mutter-Sohn-Verhältnis. Schriftsteller Christian (!) fährt nach Zürich, um seine Mutter zu besuchen, die in einer verwahrlosten Villa mit Seeblick zwischen Wodka, billigem Weißwein und Tabletten vegetiert. Mit einer Tasche voller Geld aus undurchsichtigen Quellen reisen sie durch die Schweiz: Erst kommen sie im Berner Oberland in einer Esoterik-Nazi-Kommune unter, dann besuchen sie ein Restaurant mit angeblich legendärer Forellenzubereitung, schließlich besteigen sie (okay: sie fahren mit der Seilbahn) einen Berg, auf dem die Mutter Edelweiß pflücken möchte. Und am Ende landen sie wieder in der Nervenheilanstalt Winterthur: Familie, ein Irrenhaus. Und dass Christian jemals aus diesen Verstrickungen entkommen wird, glaubt er selbst nicht.

Es kracht ordentlich

"Eurotrash" ist angefüllt mit Verweisen auf die Biographie des Autors Kracht: einmal wird der Vater als "rechte Hand Axel Springers" erwähnt (Krachts Vater war Generalbevollmächtigter der Axel Springer AG), an anderer Stelle erwähnt der Protagonist, dass er "vor 25 Jahren" eine Geschichte namens "Faserland" geschrieben hätte, die dramatisch am Zürichsee geendet hätte (Krachts Roman "Faserland" erschien 1995, das dramatische Ende spielt freilich am Bodensee, am Zürichsee folgt nur eine Art Epilog, aber egal). Und natürlich kommt man nicht umhin, die Geschichte als Eins-zu-Eins-Übertragung des Autors auf die Figur Christian zu lesen. Zumal Joachim Meyerhoff die ersten Minuten des Abends als Kracht-Double spielt, als bärtigen Schrat im Parka (Kostüme: Kathrin Plath), der die Bühne überhaupt erst für die Aufführung herrichtet.

eurotrash2 Fabian Schellhorn uMutter ist an allem schuld. Oder? | Joachim Meyerhoff und Angela Winkler © Fabian Schellhorn

Was natürlich eine falsche Fährte ist. Es ist für die Literatur Krachts bezeichnend, dass die erste Interpretation in der Regel falsch ist (und die zweite und dritte meistens auch), und Bosses Inszenierung kostet diese Irreführung weidlich aus. Insbesondere Meyerhoff kann also mit diebischer Freude zwischen Autor-Lookalike und Kunstfigur hin- und herswitchen, und dass der Abend dabei nicht im kritisierbar Ungefähren bleibt, sondern auf eine interessante Weise schillert, ist sicher ein Pluspunkt von Bosses Interpretation.

Ein Minuspunkt hingegen ist, dass die darstellerische Leistung einer Großschauspielerin wie Angela Winkler als Mutter vollkommen verschenkt wird: Die bleibt ein maskenhaftes Abziehbild, sarkastisch, fies, ohne die Ambivalenz, die die Christian-Figur zwischen Autorenporträt und Symbol irrlichtern lässt. Mutter ist an allem schuld – auf solch eine einfache Formel lässt sich runterbrechen, was Winkler hier performen darf.

Aktionismus ohne Aktion

Ein weiteres Problem: Szenisch gibt "Eurotrash" wenig her, im Grunde beschreibt Kracht nur die Innenschau eines zutiefst verstörten Charakters. Was einerseits durch Meyerhoffs exaltiertes Spiel aufgefangen wird, andererseits durch Stéphane Laimés Bühne, die Aktionismus vortäuschen kann, wo keine Aktion vorliegt. Und sei es durch das überraschende Auftauchen einer (in ihrer technischen Perfektion beinahe wirklich seetauglichen) Segelyacht als beeindruckender Bühneninstallation.

Gerade diese Yacht zeigt, wie genau hier an Krachts Text gearbeitet wurde: Wir befinden uns in der Schweiz, und kein Verkehrsmittel ist im Binnenstaat so absurd wie ein Schiff. Mit dem mag man vielleicht ein paar Runden auf dem Zürichsee drehen (und wer einmal die Uferregionen Zürichs besucht hat, weiß, dass viele Einwohner:innen der Stadt diese Runden schätzen), aber tatsächlich raus schafft man es mit ihm nicht. Wie aus der Familie.

"Eurotrash" ist als Theater also durchaus ein Gewinn. Ein interessantes Spiel mit intertextuellen wie biographischen Bezügen, dazu gibt es schauspielerische Höchstleistungen sowie den gelungenen Versuch, szenische Lösungen für eine Vorlage zu finden, die keinerlei szenischen Reiz hat. Aber am Ende bleibt der Abend eigenartig leer, wird die Irrfahrt durch eine irrreale Schweiz zur freudianischen Analyse für Arme: Mutter ist an allem Schuld. Sei es drum.

 

Eurotrash
von Christian Kracht
In einer Fassung von Jan Bosse und Bettina Ehrlich
Regie: Jan Bosse, Bühne: Stéphane Laimé, Kostüme: Kathrin Plath, Musik: Arno Kraehahn, Licht: Erich Schneider, Dramaturgie: Bettina Ehrlich, Christian Tschirner.
Mit: Joachim Meyerhoff, Angela Winkler.
Uraufführung am 18. November 2021
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

Von einem sehr besonderen Abend, spricht Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung (20.11.2021). Jan Bosse, dem Regisseur des Abends bescheinigt die Kritikerin, "in den vergangenen Jahren so etwas wie der Theaterexperte für Reisen in die Grenzgebiete zwischen Wahn und Wirklichkeit geworden" zu sein. Besonders das Schauspiel-Duo Angela Winkler und Joachim Meyerhoff wird hochgelobt. "Das störrische, verletzliche, magische Zentrum des Abends" ist aus Sicht der Kritikerin Angela Winkler. 

Aus Sicht von Peterr Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (20.11.2021) verwandeln der "Unterhaltungstheaterprofi" Bosse und "sein Rampensau-Schauspieler" Joachim Meyerhoff die "ratlose Melancholie" des Romans "schwungvoll in eine schwarze Komödie". Die große Angela Winkler, "die immer spielt, als sei sie nie ganz in der Welt der Erwachsenen angekommen, schenkt dieser Mutterfigur bei aller Verschattung und dem unübersehbaren Wahnsinn eine Würde, eine Unschuld und den Rückzug in eine kindliche Unverletzlichkeit, die atemberaubend ist."

Für Christine Wahl im Berliner Tagesspiegel (20.11.2021) sind Joachim Meyerhoff und Angela Winkler "unter den zahlreichen ungleichen Paaren, die das Theater so liebt und in entsprechender Frequenz auf die Bühne stellt, tatsächlich eines der großartigsten seit langem." In diesem "hemmungslosen Schauspielspektakel" sei das Ereignis Angela Winkler. "Wie die Schauspielerin gleichzeitig Tragik und Würde, Altersstarrsinn und eine gänzlich pathosfreie, meilenweit von jedem Weinerlichkeitsverdacht entfernte Verlorenheit spielt, ist schlicht umwerfend."

Meistens erzähle Meyerhoff im Präteritum, was in der Gegenwart der Bühne zugleich nachgespielt wird: In diesen Szenen ist die Inszenierung aus Sicht von Simon Strauß von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.11.2021) ganz bei sich und dem Text, "der ja auf seiner Ausgedachtheit besteht". Manchmal werde dort, wo Kracht Dialoge geschrieben habe, "Slapstick daraus, böses, grausames, extrem lustiges Kammerspiel, mit einer unwiderstehlichen Angela Winkler, die dem Ernsten, dem Halbernsten und dem Albernsten in Krachts Prosa jederzeit gewachsen ist." Dass diese Szenen trotzdem nirgendwohin führen, liegt aus Sicht dieses Kritikers "nicht an Winkler, nicht an Meyerhoff, es liegt noch nicht einmal am Regisseur. Es liegt am Text, aus dem sich dann doch kein Drama machen lässt, schon gar kein Psychodrama: die Konfrontation zwischen Mutter und Sohn läuft auf keinen Showdown hinaus, sie zielt nicht aufs Aufdecken einer Lüge, nicht aufs Aussprechen einer unangenehmen Wahrheit, noch nicht einmal auf eine ödipale Pointe."

Eine "geradezu klassische Buddy-Komödie" nennt Wolfgang Höbel im Spiegel (19.11.21) den Kracht-Abend. Und: "eine einzige große Unverschämtheit gegenüber dem Buch, das hier als Entertainmentvorlage benutzt wird." Alles gerate dem "Komikvirtuosen Meyerhoff" an diesem Abend "zum Klamauk, zum Unernst, zur Nummer". Das sei "viel zu viel Thomas-Bernhard-Gezeter und nicht wirklich geschmackvoll austarierte Theaterkunst". Die "Traurigkeit und Doppelbödigkeit, aber auch den Zorn, die in Krachts Text stecken", würden "allein in der Gestalt von Angela Winkler auf der Bühne lebendig". Und so funktioniere der minutenlang bejubelte Theaterabend am Ende doch blendend.

Im rbb24 (19.11.21) vermerkt Cora Knoblauch: Der "Stoff der Geschichte ist tragisch und traurig und wäre ohne die Albernheiten des Joachim Meyerhoff nur schwer zu ertragen." Winkler und Meyerhoff seien "ein Traum-Match als Sohn und Mutter Kracht. Meyerhoff als linkisch-ulkiger Sohn, der versucht mit Würde die verbalen Erniedrigungen seiner Mutter auszuhalten. Winkler als eine Frau am Ende ihres Lebens, fragil und dennoch mädchenhaft-jugendlich." Dabei "umkreisen die beiden große Fragen: Wen vermisst du? Was bereust Du?"

"Das ist doch alles äußerst erfreulich." - so Dirk Peitz in der Zeit (19.11.21). Angela Winkler spiele "die vordergründige Garstigkeit dieser in jedem Sinne hinfälligen Mutter derart perfekt, dass man nie Zweifel bekommt daran, warum der Sohn vor Treffen mit ihr Verstopfung kriegt." Würde "man die mittlerweile 77-jährige Winkler nicht ohnehin lieben, liebte man sie nach diesem Abend noch ein bisschen mehr", schließt der Rezensent. Und "würde man den 54-jährigen Meyerhoff nicht ohnehin lieben, so wüchse nach diesem Abend aber eher der Respekt, den er sich durch seine komödiantische Verausgabung als die jammerläppische Version des Roman-Sohnes verdient."

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Kommentare

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#1 Eurotrash, Berlin: hinter den Erwartungen zurückKonrad Kögler 2021-11-19 09:23
Um diesen Stoff erfolgreich auf die Bühne zu bringen, müsste sich ein künstlerisches Team schon einiges einfallen lassen. Die langen Monologe und Assoziationen des Buchs sind oft redundant, Schauspielerfutter findet sich nur in Spurenelementen. Regisseur Jan Bosse hat bei seinem Schaubühnen-Debüt eine denkbar schwere Aufgabe. Aber er bleibt noch hinter den Erwartungen zurück. In den ersten Minuten kommt der Abend nicht in die Spur. Joachim Meyerhoff spielt Krachts Alter ego genauso schlurfend und unterspannt wie bei seinem letzten Auftritt als „Vernon Subutex“.

Aber auch im Zusammenspiel mit der großen Angela Winkler, die Krachts exzentrische, in die Demenz versinkende Mutter spielt, entwickelt sich nichts. Der Abend versucht erfolglos, sich in faden Rollator-Slapstick zu retten. Den subtileren Ton der Vorlage trifft die Bühnenfassung zu selten. Wesentliche Motive fallen in der Strichfassung ganz weg. Das gesamte Gesellschaftspanorama und Promi-Name-Dropping aus dem Roman ist verschwunden. übrig bleibt das Skelett der neurotischen Mutter-Sohn-Beziehung, das ohne den Kontext der Nazi-Vergangenheit der Familie und der Jet-Set-Bubble, in der Kracht aufgewachsen ist, zu sehr in der Luft hängt. Die beiden Schauspielstars spulen braves Textmassen-Aufsagetheater ab.

Komplette Kritik: daskulturblog.com/2021/11/19/eurotrash-schaubuhne-theater-kritik/
#2 Eurotrash, Berlin: Musik!Theaterliebe 2021-11-19 22:49
Theater ohne Musik wäre kein Theater was man heute sehen mag. Arno Kraehahn hat mal wieder musikalisch gerührt, fein und klug. Sich so herauszunehmen, sehr uneigennützig Töne zu platzieren gibt dem Stück ein understatement was sich gewaschen hat. Hut ab an die klingende Begleitung, ohne dieses das Stück verloren wäre.
Die Kostüme von Katrin Plath waren perfekt geschnitzt und farblich eine Wonne auf der wunderbaren Bühne von Stephane Laime.

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