Ein Märchenprinz als Killer-Kid

20. November 2021. Brüchige Gemäuer künden von einer Welt aus den Fugen in diesem dunkel verhangenen Nimmerland. In der Badewanne wäscht Macbeth den einen Mord von sich ab und plant schon den nächsten. Evgeny Titovs Inszenierung trumpft am Düsseldorfer Schauspielhaus mit abgründiger Bildmacht auf.

Von Andreas Wilink

20. November 2021. Ein Kind wird konfrontiert mit einem zweiten Kind, seinem wahren Bezwinger: das eine kleine Prinzen-Kind in hell-seidener Unschuld auf weißem Blütenfeld, das andere, große Kind, schwarz gewandet und blutverschmiert – Macbeth. Dieser "Macbeth" von Evgeny Titov ist von seinem Ende her zu verstehen, dem freilich kein Zauber inne wohnt, sondern nur wieder ein neuer Anfang. Das Prinzip Hoffnung ist zerschellt. Denn der Nächstfolgende auf Schottlands Thron, Malcolm, der Königssohn (Florian Claudius Steffens), eine Sünden-Diva im Reifrock mit Juwelen-Tand geschmückt, hantiert liebkosend mit dem Kopf des getöteten Mörders seines Vaters, Macbeth, als Spielball. Shakespeares Titelheld hatte sich zuvor mit der Maske seines eigenen abgeschlagenen Konterfeis in inniges Zwiegespräch begeben – wie Hamlet mit Yoricks Schädel.

Die Welt aus den Fugen

Doch zurück zum Anfang, zwei Stunden zuvor. Ein Fels wie ein zersplitterter schwarzer Diamant mit scharfkantigen, spitzeckigen Facetten türmt sich als abstrakte Landschaft auf der Bühne des Düsseldorfer Schauspielhauses. Es könnten auch nächtliche Eisschollen sein wie die auf Caspar Davids Friedrichs Gemälde "Die gescheiterte Hoffnung". Macbeth liegt auf der Fläche im goldenen Wams. Wären das verklebte Blut nicht und sein "tiefer schwarzer Wunsch" (laut Übersetzung von Thomas Brasch), er könnte Prinz sein in einem Märchen aus dem Phantasus. Die Hexen weissagen ihm kommende Triumphe.

Szenenwechsel, die immer von harschen Blacks geschnitten werden, als zucke ein Fallbeil nieder. Risse durchziehen die kalkig graue, schrundige Wand eines hohen Zimmers, an deren Seite eine gewaltige Karyatide unter ihrer Last barst. Wir lesen von dem brüchigen Gemäuer das unsichtbare Mene Mene Tekel Upharsin ab. Die Welt aus den Fugen, Ordnung in Chaos verwandelt. Der Raum selbst – ein vornehmer Salon oder das, was von ihm übrig blieb, ein Saal, wie ihn der traurige Gott Wotan in Walhall bezogen haben könnte – scheint ein Schicksal zu haben und zu spiegeln, was in den Seelen der Menschen vor sich geht.

Schreckliche Kinderspiele

Die Lady – eine herbe, mondäne, zeremonielle Dame (Manuela Alphons) – erwartet ihren Liebling, der wie ein Sohn zur Mutter tritt, niederfällt und ihr den Fuß küsst, gehorsam in Angstlust. Nach dem Meuchelmord an Duncan paaren sich ihre vier Hände zur gemeinsamen Bluthochzeit. Und wieder: Macbeth fast noch Märchenprinz und doch schon Killer-Kid. In einer Zinkbadewanne wusch er sich sauber und plante den Mord. Er hätte auch Schiffe-Versenken spielen können. Es bleiben Funny Games. Schreckliche Kinderspiele, höchstens vom Traum von sich selbst verschönt. Aber "Macbeth tötet den Schlaf", als er Duncan ersticht, und tötet damit seine kindliche, man könnte sagen, seine künstlerische Unschuld.

Macbeth 2 ThomasRabsch uMacbeth und seine Lady: Manuela Alphons und André Kaczmarczyk @Thomas Rabsch

Denn Titov und André Kaczmarczyk als sein Hauptdarsteller erzählen vom Schuldig-werden in Unschuld: ein Künstlerschicksal von jemandem, der im Imaginären zuhause sein will statt im Wirklichen und Faktischen. Als würde es für diesen Macbeth über die Vergangenheit nie hinausgehen, nicht in die Gegenwart und schon gar nicht in die Zukunft. Sein Handeln ist Ausdruck der vielleicht unreflektierten Erkenntnis, dass es Zukunft nicht gibt. Gegen die Melancholie dieser Einsicht braucht es den Kitzel.

Kahle Schicksals-Sirenen

Das ist ein ganz und gar anderer "Macbeth", als er an diesem Ort vor 16 Jahren, in einer ungeheuren Aktion auftrat und mit Jürgen Gosch als Regisseur Theatergeschichte wurde: als besudeltes reines Spiel ohne Grenzen. Nun, bei Titov, ist es ein anderes Spiel, ein verzweifelt heilloses. Mit einem aufstampfenden Kind in glänzend schwarzem Satin, das nicht Herr seines Tuns ist (und mit den Todesdolchen ungelenk hantiert wie mit Prothesen), aber doch Manns genug, seine Lady mit Gewalt zu nehmen und sich nach dem sexuellen Zugriff wie mit einem Pssst! stickum aus der Affäre zu ziehen und bei seinen Worten die Hand vor den Mund zu schlagen. Kaczmarczyks Macbeth, der musterhaft zuvorkommend, zartbesaitet, ungezogen, brillant erscheinen kann und als übermütiger Tausendsassa, fällt zwischendurch ins Entgeisterte seines Erwachsenseins, als wolle er nicht fassen, dass das Paradies verloren oder nie eines gewesen ist und sich in ein dunkel verhangenes Nimmerland verwandelt hat. Noch beherrscht er das Spiel, aber hat es als unsinnig erkannt.

Macbeth 4 ThomasRabsch uLady Macduff und die Hexen: Stella Maria Köb, Caroline Cousin, Claudia Hübbecker, Blanka Winkler © Thomas Rabsch 

Die Übrigen treten in der energetischen und schmuck bildmächtigen, aber etwas lose gefügten Inszenierung beiseite oder werden von Titov mit ein paar Genreszenen abgeräumt, bis auf das Hexen-Trio (Caroline Cousin, Stella Maria Köb, Blanka Winkler), die als kahle Sängerinnen des Fatums, Totenvögel, Kanaillen, Krankenschwestern zur Allzweckwaffe aufgerüstet sind.

Vom Grauen restlos satt

Ungerührt nimmt Macbeth den Tod der Lady hin, wohl, dass er ihren Leichnam akkurat zudeckt, um sich dann in einen Tanz mit ihr zurückzuträumen, der sich zum autoerotischen 'Pas de un' und manisch zwanghaften Selbstreinigungs-Solo steigert. Er ist sich selbst genug, “vom Grauen restlos satt“ und müde des “Märchens, das ein Idiot erzählt“. Les jeux sont faits. Kaczmarczyk reibt sich ein mit Blut, wie ein aus dem Mutterschoß geschlüpftes Neugeborenes, und geht in den finalen Kampf mit Macduff, wobei er sich mehr dem eigenen Schädel-Double als Spiegelbild widmet. Die Wahrheit eines Lebens zeigt sich im Tod: Dieser Macbeth ist besser gestorben, als er gelebt hat. "Man muss versuchen, etwas Wichtiges zwischen sich und den Tod zu schieben, sonst kann man es nicht ertragen." Heißt es bei Ingmar Bergman. Titovs und Kaczmarczyks Macbeth Schlüsselwort lautet: Kindheit.

 

Macbeth
von William Shakespeare
Übersetzung: Thomas Brasch
Regie: Evgeny Titov, Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Esther Bialas, Musik: Moritz Wallmüller, Licht: Konstantin Sonneson, Dramaturgie: Janine Ortiz.
Mit: Manuela Alphons, Matthias Buss, Caroline Cousin, Claudia Hübbecker, André Kaczmarczyk, Moritz Klaus, Stella Maria Köb, Rainer Philippi, Florian Claudius Steffens, Sebastian Tessenow, Blanka Winkler.
Premiere am 19. November 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.dhaus.de



Kritikenrundschau

"Ein großer, nachhallender Shakespeare-Abend" ist dies für Claus Clemens in der Rheinischen Post (22.11.2021). Der Kritiker erhebt aber auch Einwände: Das Geschehen laufe "meist im Dunkeln ab, etwas nervig segmentiert durch grell aufleuchtende Bodenblenden", auch "beeinträchtigt der riesige Bühnenraum das akustische Verstehen der großen Monologe. Das ist schade, denn es gibt eindringliche Szenen".

Es liege "viel Harm- und Ratlosigkeit in der nebligen Luft", moniert Lars von der Gönna in der Neuen Ruhr Zeitung und in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (22.11.2021). "Mit fast filmischen Zugriff (rasante Schnitte, Atmo-Musik, Stationen-Technik) ist sie packend und oberflächlich zugleich. Man ertappt sich in diesen zwei kurzweilig pausenlosen Stunden irgendwie schamvoll bei dem Empfinden, schrecklich gut unterhalten zu werden und doch von der Substanz der Tragödie allzu wenig zu spüren."

Martin Krumbholz von der Süddeutschen Zeitung (23.11.2021) lobt Hauptdarsteller André Kaczmarczyk in den höchsten Tönen. Dieser lege die Gemütsschwankungen seines Macbeth großartig hin, "bis an die Grenze des Wahnsinns oder auch knapp darüber hinaus". Und weiter: "André Kaczmarczyk ist eben nicht nur ein begnadeter Schauspieler, sondern auch eine Erscheinung, der man Sympathie kaum entziehen mag. Dass dieser Umstand auf die Figur des Macbeth und auf ihre Tiefe abfärbt, ist das Verdienst der Inszenierung."

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