Baudrillard im Bällebad

20. November 2021. Syrienkrieg und Abschiebepraxis, Transgender und Fatshaming: Emre Akals Siegertext beim Wiener Exildramatiker:innenpreis wälzt gewichtige Themen. Pia Richters Leipziger Uraufführung verpasst ihnen knallbunte Farben.

Von Tobias Prüwer

20. November 2021. Rosa Lackstrapse und Künstliche Intelligenz: Im "Hotel Pink Lulu" darf man sein – wenn man reindarf. Die Einrichtung ist eine Heile-Welt-Anstalt, in der die Besucher jede Identität annehmen können, die sie sich wünschen. Das ermöglichen Roboter in aufreizenden Outfits. Warum sie für ihre Funktion so angezogen sind, ist nur eine der Fragen, die die in Bonbonfarben getränkte Uraufführung am Schauspiel Leipzig offen lässt.

Themen aus der Wunschmaschine

"Relevanz" und "Aktualität" sind Buzzwords des Gegenwartstheaters. In seinem neuen Stück hat Emre Akal versucht, möglichst viele Schlagworte für diese Kategorie einzubauen. Er will den Menschen im Spiegel seiner Maschinen zeigen, also den Frage nach technischer Abhängigkeit und den Fallstricken künstlicher Intelligenz nachgehen. Der Syrienkrieg und Abschiebepraxis werden angerissen. Auch Transgender, Fatshaming und andere Identitätsfragen sind irgendwie Thema genauso wie Klassengesellschaft und Ausbeutung. Und natürlich Corona.

Das versucht der Autor über einzelne Charakter einzubauen, die die Wunschmaschine "Hotel Pink Lulu" besuchen, schneidet ein paar Überraschungen ein und versucht am Ende einen U-Turn auf Meta-Ebene, um noch eine krasse Wende vorzulegen. Das geht allerdings nicht auf, weil sich nichts fügt und jede Figur blass bleibt, weshalb der Text insgesamt zu gewollt relevant wirkt. Das ist vom Reißbrett, der Text beinhaltet alles, was ein Gewinnertext erwarten lässt – und was ihn so erwartbar macht. ("Hotel Pink Lulu" wurde als Gewinnerstück beim Exil-DramatikerInnenpreis 2020 der Wiener Wortstätten ausgezeichnet.) Da helfen auch keine Baudrillard-Zitate im Programmheft.

Quietschiges im Neonlicht

Ist der Text inhaltlich flach und ohne Tiefe oder wirkliche Reflexion auf die vielen hingeworfenen Themen, so hat er immerhin Szenen und Dialoge, also Spielmaterial. Und hier greift Regisseurin Pia Richter in die Vollen. Sie lässt zunächst Julia Nussbaumer ein quietschiges Bühnenbild und ebenso verspielte Kostüme anfertigen. Die Bühne ist ein riesiges, von Neonlicht umgrenztes Bällebad, Rutsche inklusive. Besonders hübsch unter den Outfits sehen sich ein Norweger-Muskelkörper mit Flusen und ein pastell-buntes Candy-Kleid an, das von einer Haube getoppt wird, auf der eine Eistüte klebt.

Hotel Pink Lulu 2 RolfArnold uAlles very futuristisch auf Julia Nussbaumers Bühne und im Licht von Thomas Kalz © Rolf Arnold

Fantasievoll wirft sich das Ensemble in die Rollen – dass einige Frauenfiguren von Männern gespielt werden, erzeugt 2021 eher den Eindruck, hier ein Besetzungsbuzzword bedienen zu wollen. Wirklich mit Wucht sind die Darstellenden bei der Sache und machen die Bühne zu ihrem Spielzimmer. Gut geben Annett Sawallisch und Thomas Braungardt ihrer Robotertypen mit Bewegungen, die an Hydraulikantriebe erinnern. Christoph Müller spielt eine berührende Kassiererin auf dem Abstellgleis, die im Lulu-Hotel eben nicht drankommt. Patrick Isermeyer ist als Möchtergern-Norweger herrlich als zu großer Junge zu sehen, der sich in eine Schaukel zwängt, über den Schnee feixt und mit Rolle vorwärts ins Bällebad springt.

Unterhaltsamer Szenenreigen

Einige kraftvolle Chorszenen gibt ein Latex-Trio mit Hundemasken, dem Paulina Bittner angehört. Sie geht auch in ihrer Solorolle als naschsüchtige 25-Jährige voll auf, hat den Candycrush-Blick voll drauf und legt mal einfach so zwei sehr gute musikalische Nummer hin. Sie scheint besondere Freude am Spiel zu haben. Lässt man sich davon anstecken, dann ist dieser flüchtige Szenenreigen unterhaltsam. Das Tempo ist forsch, schnelle Schnitte halten die Aufmerksamkeit hoch und der Text überfordert an keiner Stelle.

 

Hotel Pink Lulu. Die Ersatzwelt
von Emre Akal
Uraufführung
Regie: Pia Richter, Bühne & Kostüme: Julia Nussbaumer, Dramaturgie: Georg Mellert, Licht: Thomas Kalz
Mit: Eidin Jalali, Denis Grafe, Christoph Müller, Patrick Isermeyer, Paulina Bittner, Annett Sawallisch, Thomas Braungardt
Premiere am 19. November 2021
Dauer: 1 Stunde, 20 Minuten, keine Pause


www.schauspiel-leipzig.de



Kritikenrundschau

"Emre Akal bedient viele Stereotype und reißt von Transgender über Bodyshaming bis hin zu Krieg, Migration und Kapitalismuskritik einen Haufen Themen an, nicht zugunsten der Figurenzeichnung. Aber es steckt in seinem Stück eine Sehnsucht nach analoger Menschlichkeit. Und genau das ist es, was das Theater anderen Medien voraushat: die analoge Menschlichkeit", schreibt Christine Dössel in einem längeren Artikel über Science-Fiction-Stücke in der Süddeutschen Zeitung (30.11.2021), und "mit welch eigenartiger Fantasie die Regisseurin Pia Richter diese VR-Welt in ein Bällebad mit drei Becken und Rutsche verlegt, hat ihre Reize".

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