Süßer Nebel

20. November 2021. Ibsen konnte das: die Fassaden-Folklore der "besseren" Gesellschaft ordentlich durch den dramatischen Fleischwolf drehen. In Potsdam richtet Sascha Hawemann die großbürgerliche Abgrundforschung mit einem Strauß Zeit-Problematik an – und serviert eine dicke Suppe.



Von Stephanie Drees

20. November 2021. Zum Schluss also Vernebelung. Die der Bühne, die des Geistes. Oder, präziser: die des Selbstbetruges. Zuvor hatte Konsul Karsten Bernick, seines Zeichens ehrbarer Bürger, provinzielle Führungspersönlichkeit, Werftbesitzer, Unternehmer, Ehemann UND Vater (jaja, eine echte Stütze der, Sie ahnen es…) im wahrsten Sinn die Hosen runtergelassen (die Subtilität hatte in den vorangegangenen Stunden nicht ihre beste Zeit, das sei vorweg gesagt).

Forschung an den großbürgerlichen Abgründen

Nun also steht er da, mit seinen Kniestrümpfen, einem Alu-Kranz auf dem grauen Schopfe, mit dem er sich selbst in seiner krisenkapitalistischen Heilsfigurenposition mehr oder weniger gesegnet hat, und einem Pelzmantel. Verschießt mit der mobilen Mininebelmaschine kleine Hotspots, die sich zu Schwaden auf der großen Bühne des Hans Otto Theaters verbinden. Zusammen mit dem Sermon, den er von sich gibt, ist das eine dicke Suppe: Man solle sich, ach was, man müsse sich, so empfiehlt er dem Publikum nach knapp drei Stunden großbürgerlicher Abgrundforschung, mal überlegen, ob man das selbst könnte: Produzieren und Verantwortung tragen, für Wachstum sorgen, an der Spitze der Gesellschaft stehen – einsam, natürlich. Wer intellektuell ganz oben steht, kann nur geben und nichts bekommen.

Stuetzen Gesellschaft 3 ThomasMJauk uTreffen der sozialen Schichten: Werftbesitzer, Mittelsmann und Schiffbaumeister (Guido Lambrecht, Joachim Berger, René Schwittay) © Thomas M. Jauk

Und dann überlegt man, ach, lassen wir die Hosen runter: Überlegt die Kritikerin, ob der berühmt-berüchtigte Blogger "Don Alphonso", alias Rainer Meyer sich und seine publizistischen Ergüsse ähnlich motiviert, ebenjene vulgärkapitalistischen (Selbst-)Manipulationen tagtäglich in sein Spiegelbild brüllt. Hat er doch seinen Blog nach dem Titel des Stückes benannt.

Worauf die Stützen ruhen

Natürlich ist Konsul Bernick, an diesem Abend wacker und handwerklich solide verkörpert von Guido Lambrecht, längst als narzisstisches Arschloch enttarnt. Sein inneres Kind ist so weit davon entfernt, irgendwo eine Heimat zu finden wie Donald Trump von der US-Präsidentschaft. Denn, das sei zur Güte gesagt: Diese Figuren mit ihren unsichtbaren tragbaren Nebelmaschinen, die gibt es real natürlich. Sie haben die Zeiten überlebt, treten nach wie vor an die Rampe und "stützen" die Gesellschaft (oder überlegen, wie sie der Erde vom All aus beim Sterben zusehen können).

Allein: Wir kennen sie zur Genüge, wir kennen ihre Klischees und die rhetorischen Assistenten ihrer Klischees – und das klischeehafte Sprechen (und Schreiben!) über sie. Regisseur Sascha Hawemann, der das Ibsen-Stück für diesen Abend mit eigenen Texten vernähte, hat sich die Sache schon vom Ansatz her schwer gemacht.

 Aber kurz zurück zum wabernden Konsul. Den Mantel hat er übergezogen beim Theaterspielen mit seiner Frau. Und, als der Wind um ihn herum immer frostiger wurde, gleich anbehalten, denn – Überraschung! – wir sind an diesem großen Premierenabend bei den Enthüllungen einer schrecklich verkorksten Sippe. Henrik Ibsen hat sich für die verschachtelten Verdorbenheiten seiner "Stützen der Gesellschaft" nicht lumpen lassen, hat die Fassaden-Folklore der "besseren" Gesellschaft ordentlich durch den dramatischen Fleischwolf gedreht. Lug und Trug, im Außen wie im Innen, halblegale und illegale Tricks, emotionaler Missbrauch in der Vorzeigefamilie, wir machen es kurz: Natürlich ruht die gesellschaftliche Position dieser Gesellschaftsstützen auf der Ausbeutung von (Arbeits-)Kraft und Psyche der Anderen.

Am Rande des Zusammenbruchs

Ein Guckkasten ohne Rückwand steht da auf der Bühne, oben und an den Seiten mit Leuchtröhren versehen, das Parkett für die feine Gesellschaft. Hier spielen Karsten Bernick und seine Frau Betty im wahrsten Sinne Theater (zum Beispiel Trennungsgespräch à la "Nora oder Ein Puppenheim", auch so ein Ibsen-Klassiker). Oder Betty gibt eine kurze Einlage für ihren süffisanten, sofabequemen Mann, der das Ganze dann ins Publikum hinein kommentiert. Eine Bühne auf der Bühne. Im Hintergrund leuchtet in großen Lettern der Name des Unternehmens: BERNICK.

Stuetzen Gesellschaft 6 ThomasMJauk uDie gute Gesellschaft in arger Auflösung: Nadine Nollau, Katja Zinsmeister, Jon-Kaare Koppe © Thomas M. Jauk

Die meiste Zeit darf Betty (Katja Zinsmeier) an diesem Abend irgendwo an der Grenze zwischen zynischer Selbstoffenbarung und Nervenzusammenbruch wandeln. Dass ihr Mann in ihr das klassische Trophy Wife gesucht und gefunden hat, scheint sie nicht mal mehr vor sich selbst zu verleugnen. Katja Zinsmeier quittiert diese Seelenqualen die meiste Zeit mit lauter Manie. Genau wie einige andere Figuren, die an den Bühnenrand treten und in Monologen das verstrickte innere und äußerliche Elend offenbaren: Da ist Olaf, der Sohn von Bernick, ein Rechtsradikaler, der im Death-Metal-Outfit vom Untergang der Welt, wie wir sie kannten, und einer Erlösung durch den Germanen-Gott Odin träumt. Da ist das Mädchen Dina, dessen sich Familie Konsul angenommen hat, nachdem Bernick eine Affäre mit ihrer Schauspielerinnen-Mutter hatte und diese samt weiteren Vergehen erfolgreich seinem Schwager Johan in die Schuhe schieben konnte. Dina denkt über das qualvolle Sterben der Tiere im ölverseuchten Meer nach (welches der Ziehvater mit seinen Monsterschiffen natürlich befördert), während im Hintergrund Bilderprojektionen von ölverschmiertem Gefieder laufen und Olaf Dinas Tüll-Kleid mit schwarzer Farbe beschmiert. Stichwort: Subtilität.

Notdürftig geflicktes Weltbild

Wir befinden uns gleichzeitig auf verschiedenen Zeitebenen, in Ibsens Gründerära (Eisenbahnstrecken will der Konsul bauen) und mitten in den gesellschaftlichen Problembereichen der Gegenwart. Das scheint einer der zentralen Zugriffspunkte für den Regisseur gewesen zu sein: Die Überzeitlichkeit dieses Molochs dar- und auszustellen, ein Kaleidoskop aus psychologischen und strukturellen Wirkungsmechanismen zu erschaffen. Zu zeigen, wie sich Wirtschaftssysteme bis in die tiefsten Innereien des Privaten fressen. Aber auch, aus welchen individuellen Dispositionen heraus sich diese speisen. Nur: Das Ganze zieht und zieht sich. Schon der gute alte Ibsen war nur bedingt ein Freund der Regel, dass Zeigen in der Erzählkunst oft seliger denn Aussprechen ist. Hawemann klebt dicht an dem Drama, trotz aller Aktualisierungsversuche, die kaum Binnenspannung entwickeln können, um diesen Abend zu halten. Mitunter liegen sie wie Toppings auf einem Dessert, das vor allem süßlich schmeckt.



Als Gegenparte für die illustre Familien-Gemeinschaft reisen mit dem Schiff Johan und Lona aus Amerika ein, die Geschwister von Betty. Ska-Punker mit Krawatte und personifizierte Schreckensszenarien für Bernick. Nun könnte alles auffliegen. Das Schiff, auf dem sie kommen, ist ein Gerüst, überzogen mit Papier, löchrig und von innen mit Edding beschmiert. Der bemitleidenswerte und tapfere Schiffsbaumeister Aune, den René Schwittay mit bewundernswertem Einsatz spielt, "repariert" im Folgenden vieles mit Gaffa Tape, schlussendlich zurrt er auch den eigenen Rumpf fest. Johan und Lona bilden gemeinsam mit Aune und Odin eine Band, verkörpern – zumindest zeitweise – die große Freiheit und spielen über den Abend verteilt Songs, unter anderem von Nirvana. Klar: Auch die sind angekommen in der Folklore. Here we are now. Entertain us.

 

Die Stützen der Gesellschaft 

von Henrik Ibsen, Deutsch von Angelika Gundlach

Theaterfassung Hans Otto Theater mit Texten u. a. von Sascha Hawemann
Regie: Sascha Hawemann, Bühne: Alexander Wolf, Sascha Hawemann, Kostüme: Ines Burisch, Dramaturgie: Christopher Hanf.
Mit: Guido Lambrecht, Katja Zinsmeister, Paul Sies, Charlott Lehmann, Günther Harder, Nadine Nollau, René Schwittay, Jon-Kaare Koppe, Joachim Berger, Benjamin Warneke.

Premiere am 19. November 2021

Dauer: 2 Stunden, 50 Minuten, eine Pause

www.hansottotheater.de

Kritikenrundschau

"Regisseur Sascha Hawemann zerrt Bernicks dunkle Geheimnisse aus dem nur noch sehr selten gespielten Ibsen-Stück von 1877 in ein grelles Heute mit Drugs & Rock'n'Roll, wie sie die Heimkehrer aus New York City mitgebracht haben", so Ute Büsing im Inforadio (20.11.2021). Doch das hier gezeigte "Verhältnis von Kapital und Arbeit" wirke "arg klischiert". Lobt gibt es hingegen für Bernick-Darsteller Guido Lambrecht, der "tatsächlich toll" sei "als maßgebliche Stütze einer durch und durch maroden Gesellschaft".

"Schuld und Sünde, Sex und Betrug und ein Großprojekt, an dessen Umsetzung die Existenz des Unternehmers Bernick hängt: Ibsens Vorlage hat alle Zutaten für einen Thriller", schreibt Lena Schneider in den Potsdamer Neuesten Nachrichten (20.11.2021). Nicht aber dieser Thriller interessiere Regisseur Sascha Hawemann, sondern "die Menschen, die in diesem Gerüst strampeln". Diese entwerfe er "mit Verve, beinahe Wut: klare, dicke Pinselstriche". Der Abend sei "krachig, furchtlos, rückhaltlos" und "ein Schauspielfest".

"Viele Reizworte fallen: 'Sternchen-Geschlechterdebatte', 'Bullenabsperrung', 'Öko-Spasten', 'linke Querulanten'", gibt Karim Saab in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (22.11.2021) zu Protokoll. Den Schauspielern bereite es "sichtlich Spaß, in die Vollen zu gehen". Aber "dem Zuschauer kann die Dauererregung auch mächtig auf die Nerven gehen, zumal er mit Fremdtexten und umgangssprachlichen Wendungen bombardiert wird, die vieles anschneiden, aber keine Geschichte erzählen", zeigt sich der Rezensent verhalten. Lob gibt es indes für Guido Lamprecht: "Ihm gelingt es, den poppig-schillernden Panzer der Inszenierung zu durchbrechen."

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