Werk, laß nach!

26. November 2021. Elfriede Jelinek hat für ihr Lebenswerk den Nestroypreis erhalten. Die Gala zur Preisverleihung fand am 21. November im Theater an der Wien ohne Publikum und auch ohne Elfriede Jelinek statt. Die Rede der Nobelpreisträgerin wurde als Audiofile eingespielt. Eine Puppe saß als Jelinek-Double auf der Bühne.

Hier ist Elfriede Jelineks Reflexion über Leben und Werk als Text.

26. November 2021. "Leute von Gewicht erkundigten sich nach Erichs Befinden. Der dichtete." So beginnt "Dienstmädchen und Dichter" von Robert Walser. Was soll ich sagen? Leute von Gewicht haben mein Lebenswerk für preiswürdig befunden und werden mir etwas von Gewicht aushändigen, wofür ich mich herzlich bedanke, und zwar ganz unironisch, eher melancholisch, weil das Leben bald vorbei ist und das Werk mit ihm gehen wird oder auch nicht. Da habe ich lieber jetzt schon diesen schönen Preis. Das Gewicht der Leute, das manchmal schwer auf mir lastet, wenn sie ihre Meinung auf meinen Kuchen draufsprühen, der mir dann wieder im Magen liegen wird, dieses Gewicht spüre ich oft, wenn ich dichten oder schlafengehen will, um mich vom Dichten zu erholen. Ob mein Werk mit mir gehen wird?

"Willst du mit mir gehn, wenn mein Weg ins Dunkel führt, wenn mein Tag schon Nachtwind spürt?", das sang Anfang der siebziger Jahre die Schlagersängerin Daliah Lavi. Niemand kann es wissen. Keine Leute können es wissen, ob mein Lebenswerk oder ein Teil davon bleibt, und selbst wenn es bei einem kleinen Teil bliebe, würde doch vielleicht jeder einen andren kleinen Teil behalten wollen, und so würde sich mein hinterlassenes, dann verwaistes Werk möglicherweise wieder zusammensetzen lassen wie ein Mosaik, wie es in meinem Fall schließlich sehr oft im Theater entsteht. Ist das nicht fein, daß ich mir zumindest Aufzeichnungen davon anschauen kann? Die Technik erlaubt mir diese Freude, der ich selbst nicht mehr nachgehen kann. Ich kann buchstäblich mit meinem Werk nicht mehr mitgehen. Und im Theater ist das Werk das, was jeden Abend neu entsteht, jedesmal ein wenig anders, aber nie: als etwas anderes.

George Tabori hat genau das als die große Stärke des Theaters bezeichnet. Vielleicht will es, will dieses Werkel immer dasselbe, wie viele sagen, wenn ich meine ewiggleiche Leier drehe, nicht barfuß auf dem Eise, sondern in bequemen Haussocken, vielleicht also wird es mir das einmal vergelten und dafür nicht mit mir ins Dunkel (oder, wie manche es sich gern vorstellen: ins Licht) gehen. Und ich habe auch eine Scheu, ihm nachzugehen, vielleicht fühlt es sich dadurch belästigt? Es kann doch schon alleine gehen, man muß es nicht kontrollieren. Am Theater kann es das aber nur, wenn wieder andre, nicht nur ich, ihm sagen, wohin es geht, wo es langgeht, aber nicht zu lang, und es sich auf ihre Schultern laden. Manchmal muß man es auch irgendwo hineinprügeln, aber nach einer gewissen Eingewöhnungszeit fühlt es sich dann meist recht wohl. Ehrlich gesagt, und wenn man schon so anfängt, lügt man vielleicht gerade, aber ich nicht, ich lüge ständig, jetzt aber bin ich außer Dienst und tue es nicht, ehrlich gesagt also ist die Arbeit, die ein Regisseur, eine Regisseurin, Schauspieler und Schauspielerinnen und alle, alle, die an einem Theaterstück Hand anlegen, bis es sich losreißt und allein weitergeht, die schwerste, die mindestens soviel Bewunderung verdient, wie ich sie jetzt mit meinem Lebenswerk-Nestroy bekomme.

Meine Zeichen sind meine Zeugen, aus dem Zeugen wird ein Zeigen, mein Zeugerl steht nicht am Graben, es ist recht mobil und kann überall hinfahren, beladen mit den Zeugen meiner Erzeugnisse, die oft lang dran arbeiten müssen, daß überhaupt etwas auf einer Bühne erzeugt werden kann. Meine Zeichen sind, wie die meisten Zeichen, die das fleißige Elektron aufzeichnet, eher klein, aber wenn sie gestemmt werden müssen, können sie ganz schön schwer sein. Gedacht sind sie als Wegzeichen, Flurzeichen, Pflöcke oder Steine, auf denen draufsteht, wem dieser Besitz gehört, den sie umgrenzen oder dem sie freie Fahrt gewähren, in die richtige Richtung natürlich, und die richtige ist selbstverständlich immer die, die ich vorgebe. Jede dieser Wegmarken weist in eine bestimmte Richtung, allerdings jede in eine andre, und sie alle verweisen damit alle andren von ihren Irrwegen auf die richtigen. Und ein Irrweg ist immer der, den ich nicht gehen will und auch andren nicht freigeben will, damit sie sich nicht verrennen. "Willst du mit mir gehn, wenn die Zeit mich nicht mehr heilt?"... Ich bin zwar freigebig, aber alles hat seine Grenzen, nicht wahr. Und meine Grenzen sind die, die alle, die am Theater meine Arbeit zum Leben erwecken, wie man so sagt, wiederum mir setzen und dabei etliche Grenzpfähle versetzen, von der ersten in die letzte Bank und umgekehrt.

Screenshot Nestroy Jelinek weitDie Rede wurde als Audiofile eingespielt. Auf der Bühne saß eine Puppe als Jelinek-Double. Screenshot der ORF-Übertragung der Nestroy-Gala

Die Körper, die Bühne, alles, was der Fall ist, kann fallen oder wird zu einer Falle, in der meine Bühnentexte sich fangen können, was leicht geschehen kann. Sie müssen rechtzeitig ausweichen, damit sie sich nicht verfangen oder ich mich womöglich selber in ihnen fange, sondern daß ich mich eher erfange, im Schreiben erfange vom Leben, dessen Aspekte ich zu zeigen suche, einmal diese, einmal die anderen, je nachdem. Doch daß es mir gutgeht und ich mir nicht wehtue, ist nicht die Aufgabe meiner Arbeiten. Andrerseits aber muß ich rechtzeitig ausweichen, bevor diese Falle zuschnappt. Wenn ich mir meine Stücke, meist allein, auf einem Bildschirm anschaue, schreie ich manchmal auf vor Schmerz, weil es mich erwischt hat, daß etwas, das ich geschrieben habe, der Bühne nicht genügt hat. Je mehr sie, alle Mitwirkenden an dem Theaterabend, der ja immer schon vergangen ist, wenn ich ihn mir anschaue, meinem Text strenge Verweise erteilen, obwohl ich doch auf etwas ganz andres verweisen wollte, desto geglückter scheint mir dieser Verweis, der auch eine Bestrafung sein kann, ja sogar sein soll.

Ich verweise zum Beispiel gern Fetzen der antiken griechischen Dramatiker auf ihre neuen Plätze, die sie bei mir reserviert bekommen haben, obwohl sie wahrscheinlich ganz woandershin wollten. Sie können sich nicht mehr wehren, können nicht sagen, ob sie ausgerechnet dort wieder auferstehen wollen, denn vielleicht wollten ja auch sie mit ihren eigenen Schöpfern mitgehen, wurden aber immer wieder zurückgeholt, wie Orpheus seine Eurydike zurückgeholt hat, sich dann aber leider, im falschen Moment, weil er keine Schritte von ihr hörte, nach ihr umgedreht hat und dafür von den Kritikern zerrissen worden ist, obwohl er doch so schön spielen und singen konnte. Sogar seinem Kopf, der dereinst singend auf dem Wasser dahintreiben sollte, mußte ein Gott extra befehlen, endlich zu schweigen. Das war gemein, aber es war ganz sicher anders gemeint, nicht so böse. Trotzdem. Ich habe mein Leben versaut, schreibt mir eine berühmte Künstlerin. Legionen von Künstlerinnen konnten das auch von sich sagen. Ich nehme mir dafür sofort alles, was ich erwischen kann, auch fremde Leben, und treibe die glitschige Sau dann über die Bühne und hinein in unser Dorf.

Copyright (c) Elfriede Jelinek, 2021, c/o Rowohlt Theater Verlag, Hamburg

 

Mehr zu Elfriede Jelinek auf nachtkritik.de im Lexikon.

 

Kommentare

Kommentar schreiben