Orakel auf Zeitreise

5. Dezember 2021. Inmitten einer Pandemie die Zukunft zu beschwören, dazu gehört Power und Courage. In "The Future" an der Berliner Volksbühne schaffen das Constanza Macras und ihre Compagnie Dorky Park, mit Tanz- und Spielfreude, ohne falsches Pathos und doch voll symbolischer Bedeutung.

Von Simone Kaempf

Berlin, 4. Dezember 2021. Sind das Discobeats oder doch Pistolenschüsse? Die Körper sacken jedenfalls zusammen wie Getroffene, einer nach dem anderen bleibt kurz liegen. Das Schlagzeug befeuert eine Choreografie aus Fallen, Aufstehen und Weitertanzen, wieder fallen und wieder tanzen, wie in Wiederholungs-Schleife. Soviel gestorben wurde wohl noch nie in einer Arbeit von Constanza Macras, die wechselt zwischen Utopie und Untergang, Cyborg- und Steinzeit-Phantasien. Eine inhaltspralle Überlagerung von Retro-80er-Stimmung, Disco-Feeling, wüstem mittelalterlichen Kampf-Szenen und wissenschaftlichen Zukunftstheorien, verrückten Kostümen und ironischen Pop-Conversions.

Fundus der Hoffnungen und Ängste

Eine inhaltspralle Überlagerung von Retro-80er-Stimmung, Disco-Feeling, wüstem mittelalterlichen Kampf-Szenen und wissenschaftlichen Zukunftstheorien, verrückten Kostümen und ironischen Pop-Conversions: ein sehenswerter Abend.

Simone Kaempf

"The Future" heißt der Abend, mit dem Macras und ihre Compagnie Dorky Park an die Berliner Volksbühne zurückkehren, in einer Situation, in der – Pandemie! Krisenherde weltweit! – Aussagen über die Zukunft nur kurz haltbar sind. Stattdessen boomen Hoffnungen und Ängste – ein ertragreiches Feld, sind Wünsche an die Zukunft doch so zahlreich und uralt wie die Menschheitsgeschichte. Ein Fundus, in dem sich Macras für diesen Abend wild bedient, durch Szenen, Stimmungen, Zeiten zappt und überraschende Querverbindungen schafft.

Auftritt Fernanda Farah als weißgekleidetes Orakel aus der antiken Mythologie. Die zwei Plastikplanen-Berge im Bühnenhintergrund verwandeln sich flugs in griechische Vulkane, ihre Bühne, auf der sie jetzt ihre Geschichte erzählt: Aus Delphi floh sie vor Jahrtausenden, überlebte das Mittelalter in Verstecken, war im Barock wieder gefragt und eröffnete in den 1980er Jahren ein Tarot-Studio, zunehmend gelangweilt, weil alle die gleichen Fragen stellen.

The Future 2 ThomasAurin u"The Future" im Aufruhr: Miki Shoji, Fernanda Farah, Emil Bordás © Thomas Aurin

Dann geht es in der Zeit wieder zurück. Ein Wikinger im Fellmantel taucht hinter den Bergen hervor. Steinzeit und Mittelalter verschmelzen in einem großen Showdown: ein Keulen-schwingener Neandertaler gegen Römer mit Schwert und Schutzschild, Wikinger gegen griechischen Gelehrte, ein großes Säbelrasseln und Übereinanderherfallen mit Gebrüll. Komisch überzeichnet gerät diese Schlacht, die Botschaft ist klar: Die Geschichte wiederholt sich. In diskursiven Einschüben werden dann Zukunftstheorien erläutert. Ein verschrobener Wissenschaftler (Simon Bellouard) erklärt die These der Quantenphysik, dass Zeit gar nicht linear verläuft, sondern gefaltet und in parallelen Ereignissen.

Der Anfang unserer Gegenwart

"The Future" ist selbst eine große Überlagerung der Zeiten und Themen, und das Ensemble samt drei Musiker:innen trägt den Abend mit großer Spiellust. Hochkomisch, wie ein Götterbote ein Föhnfrisuren-Double ermahnt: "Hast Du schon wieder getrunken, Sue Ellen?" (JRs Ehefrau aus der Serie "Dallas"). Oder wie sich mittelalterliche Käfige zu Club-Accessoires verwandeln. Überhaupt verhelfen die 80er Jahre dem Abend zu seinen Höhepunkten: in einer herrlichen Tanz- und Kostümparodie, in der Kostümbildnerin Eleonore Carrière die schönsten Tutus, Schulterpolster, Jump-suits auffährt und die Tänzer:innen den raumgreifenden Disco-Style imitieren.

Aber auch diskursiv, weil Macras in den endenden 80ern den Start für unsere Gegenwart benennt: Vorbei die Zeit niedriger Mieten, weniger Raum für Clubs, weniger Zeit fürs Haaremachen und ein Modegeschmack, in dem niemand mehr Doc Martens mit Schulterpolstern mixt. "20 years into the 21st century, rents and property prices will increase", heißt es einmal, "There will be a growing tendency to turn out cultural productions that resembled what was already successful. You will leave your house and head for H&M and GAP and your taste will also be gentrified."

Ohne falsches Pathos

"The Future" angelt sich aus der nahen Vergangenheit eine kulturelle Bestandsaufnahme der Gegenwart. Moralische Anklage oder Aufruf zum Protest sind dem Abend fern. Aber dann streift sich das 10-köpfige Ensemble die Kleidung aus und wirft das hinter die künstlichen Berge, was einem die globalisierte Bekleidungs-Industrie als neuste Mode verkauft. Ein Akt des Aufbegehrens ohne falsches Pathos und doch voll symbolischer Bedeutung. Alles zusammen ein praller, sehenswerter Abend, mit Promi-Faktor im Publikum, der strahlend heraussticht in der von Premieren-Absagen und -Verschiebungen gebeutelten Berliner Theater-Stimmung.

The Future
von Constanza Macras | DorkyPark
Text, Konzept & Regie: Constanza Macras, Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Eleonore Carrière, Musik: Robert Lippok, Dramaturgie: Carmen Mehnert.
Mit: Simon Bellouard, Alexandra Bódi, Emil Bordás, Fernanda Farah, Rob Fordeyn, Johanna Lemke, Sonya Levin, Thulani Lord Mgidi, Daisy Phillips, Miki Shoji. Live-Musik: Tatiana Heuman, Kristina Lösche-Löwensen, Katrin Schüler-Springorum.
Eine Koproduktion von Constanza Macras | DorkyPark und der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Koproduzent: Piccolo Teatro di Milano – Teatro d’Europa
Premiere am 4. Dezember 2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause
www.volksbuehne.berlin

 Kritikenrundschau

"Es wird viel erklärt an diesem Abend, vielmehr doziert", so Sandra Luzina im Tagesspiegel (5.12.21). "Dieser Belehrung stehen Musical-Nummern und ziemlich alberne Szenen gegenüber" – in Eighties-Kostümen. Die "Bad-Taste-Orgie" verliere allerdings schnell den Reiz. Auch die Tanzszenen zündeten meist leider nicht, so die Kritikerin. Unterm Strich: Der Abend "wirkt aufgeblasen und konfus und bringt wenig Erkenntnisgewinn."

In der Berliner Zeitung (5.12.21) berichtet Elena Philipp von einem "an Schauwerten reichen, aber zum Schluss arg ausfasernden Tanz-Theorie-Theater". Dieser sei aber nur bedingt so trocken, wie er klinge – denn "je mehr Theorie, desto mehr Tempo in Macras’ ohnehin schon rasanter Performance, die sich stilistisch aus den Skills der Mitwirkenden von Ballett bis Bollywood speist." Und vom "Clash der Kulturen ebenso wie vom Prinzip des Kontrasts" lebe. "Verhalten ist der Applaus, dabei war es ein guter Macras-Abend!"

"Die ersten Bilder des Abends sind stark", befindet Barbara Behrendt im rbb Kultur (6.12.21). Mit diesen "eindrücklichen, stringenten ersten 20 Minuten" könnten die anderthalb Stunden danach kaum mithalten – ein Potpourri aus Songs, Kostümwechseln, Diskursschnipseln, die disparat nebeneinander stünden. "Ein bunter Gemischtwarenladen" sei das Stück – über das Konzept "Zukunft" habe es aber wenig zu sagen. Achselzuckend werde man in den "pandemieüberschattenden Dezemberabend" entlassen.

Vor allem den hoch engagierten, auf je eigene Art beeindruckenden Tänzer*innen und Performer*innen sei es zu verdanken, dass Macras’ Vision einer vor allem kulturellen Zukunftslosigkeit attraktiv anschaulich werde, schreibt Anna Volkland im nd (9.12.2021). "Eine tragende Rolle spielen ebenso die vielen, permanent und häufig in Höchstgeschwindigkeit zu wechselnden Kostüme von Eleonore Carrière. Diese behaupten oft stärker noch als der englisch- und deutschsprachige Text, der sich nicht grundsätzlich als Sinnvermittlungsinstrument in den Aufmerksamkeitsfokus zu schieben versucht, und vor allem stärker als der über weite Strecken unspezifisch bleibende Tanz eine narrative Qualität des Abends."

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