Ein Glück ist nie da

von Shirin Sojitrawalla

Frankfurt, 15. November 2008. Ursula ist im Herbst ihres Lebens angekommen. Und von Rilke wissen wir, dass das keine gute Zeit ist: Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr und so weiter. Das gilt im wörtlichen wie im übertragenen Sinne auch für Ursula, denn sie ist 60 Jahre alt, alleinstehend, kinderlos, zu dick, bald frühverentet und auch sonst hinreichend frustriert. Der Schauspieler, Autor und Regisseur Jan Neumann stellt sie deswegen und trotzdem in den Mittelpunkt seines Stücks "Herzschritt", das er nun selbst im Kleinen Haus des Schauspiels Frankfurt inszeniert hat.

Ein Jahr lang begleitet Neumann seine Ursula, sieht ihr Monat für Monat bei den Kämpfen mit der Mutter zu, lässt sie arbeitslos werden, auf Kontaktanzeigen antworten und gibt ihr am Ende doch noch die Kraft für einen Aufbruch nach Unbekannt. Zwölf Monate, von Jahresbeginn an, für jede Begegnung ein Kalenderblatt, bis man wieder im Januar landet.

Rondell der Vergeblickeit

Schon als die Zuschauer den Saal betreten, ertönt liebliche Spieldosenmusik und die Drehbühne kreist mit Ursula und ihrer Mutter darauf stotternd voran. Die Requisiten liegen griffbereit am Rande. Ein Rondell der stetigen Vergeblichkeit und eine hübsche Idee, den Mutter-Tochter-Zwist in Gang zu bringen. Ursula ist nämlich ein ausgesprochenes Muttertöchterchen, wenn auch nicht freiwillig. Die nervtötende Alte ruft sie zu jeder Unzeit an, kommt ohne Anmeldung vorbei, rückt ihr auf die Pelle und ist dabei auch noch unverschämt.

Regine Lutz spielt das Mütterchen als zart zähe Person mit leiser Stimme, die genau weiß, wie sie ihre Tochter an den Stellen trifft, an denen es besonders weh tut. Mitleidlos hält sie ihr das angeblich verpasste Leben wie einen zersprungenen Spiegel vors Gesicht. Sie dagegen, findet Mutter, sei nur alt, aber immerhin keine Versagerin. Die meisten ihrer Freundinnen sind freilich längst tot, und wenn sie ihre Tochter nicht piesacken kann, wird's der guten Frau einfach fade. Ursula wiederum rächt sich gekonnt, ist aufbrausend, gemein und gebührend frech. Traute Hoess spielt sie als verwundetes Weibsbild mit schnarrender Stimme und naiver Potenz. Trotz omnipräsenter Mami ist sie mutterseelenallein, und als die Alte dann wahrhaftig stirbt, ist sie das natürlich erst recht.

Traum-Mann mit Eigenschaften

Am liebsten verkriecht sich Ursula vor der Welt auf dem heimischen Sessel und tröstet sich mit ausreichend erotischen Fantasien. Die kommen ihr in Form von Harald in den erschöpften Sinn. Oliver Kraushaar spielt das Fabelwesen als Mann mit hundertundeiner Eigenschaft. Er ist für Ursula nämlich alles in einer imaginären Person: Ritter, Lover und Vater ihrer nie geborenen Kinder.

Man könnte das Stück durchaus als traurige Ballade übers Singledasein begreifen. Dagegen spricht freilich sein Witz und seine Situationskomik, die sich nicht selten in loriotscher Tradition verfängt. Etwa wenn Ursula ihren Kontaktanzeigenmann Schering (Roland Bayer) zum ersten Mal trifft, auf Wolke Neun schwebt, und er ihr von seinen Begegnungen mit zutraulichen Enten im Park beichtet. Oder wenn Ursula von ihrer Arbeitskollegin Sabine ins Reisebüro geschleppt wird und die dollsten Angebote aus der ganzen Welt auf dem Tisch liegen, all inclusive der (leider nicht erfundenen) Sprachwitze der Touristikbranche.

Harakiri-Klamauk

Es darf also gelacht werden, und es wird heftig gelacht in Frankfurt. Das liegt auch an den verknappten Sätzen, die Neumann macht, bayrisch eingefärbt sind sie gutes Pointenfutter. Doch während man bei der Lektüre des Stücks noch Menschen vor Augen hatten, treten hier doch eher Witzfiguren auf.

Wenn Ursula wütend ein Huhn vierteilt, wird daraus eine übertriebene Harakiri-Klamaukeinlage, und mancher Satz, der wirklich gleichzeitig zum Heulen und zum Brüllen wäre, ist, überaus forciert hervorgebracht, bloß noch einen Lacher wert. Selbst die wunderbar großmäulige Sabine Waibel in der Rolle der wie aufgezogen durch ihr kleines Leben staksenden Arbeitskollegin Sabine erinnert böse an Beatrice Sketchup Richter.

Diesen Klimbim hätte das Stück streng genommen nicht nötig. Gerade Sabine führt doch bestechend alltagspoetische Sätze im geschwätzigen Mund: "Eine Freiheit gibt's nicht" oder "Ein Glück ist nie da" sagt sie dann. Die sich drehende Bühne symbolisiert auch den Teufelskreis, in dem sich Ursula schon seit Jahren dreht und dreht, bis sie nicht nur ihren Fantasien Einhalt gebietet und zu Neujahr einen Neuanfang startet. Bis dahin vergehen in Frankfurt fast zwei Stunden. Zu viel für das kleine Stück. Und so sehnt man sich denn heimlich schon im Juli nach Silvester.

 

Herzschritt, UA
von Jan Neumann
Regie: Jan Neumann, Bühne: Thomas Goerge, Kostüme: Nini von Selzam.
Mit: Roland Bayer, Traute Hoess, Oliver Kraushaar, Regine Lutz, Sabine Waibel.

www.schauspielfrankfurt.de


Mehr zu Jan Neumann: Esther Boldt schrieb im Januar 2008 ein Porträt. Die Uraufführung von Herzschritt inszenierte Hermann Schmidt-Rahmer in Düsseldorf im September 2008, und Neumann selbst besorgte im Januar 2008 die Uraufführung seines Stückes Kredit in Frankfurt am Main.

 

Kritikenrundschau

Stefan Keim hatte bereits vor der Premiere Jan Neumann auf Welt online (13.11.2008) vorgestellt: In den USA und anderswo in Europa sei es "völlig normal, dass jemand spielt, schreibt und Regie führt". Das "deutsche Stadttheater" dagegen tue sich schwer mit den Allroundern. Erst "langsam" lasse unser System "Mehrfachbegabungen" zu. Keim zitiert das Misstrauen von Jan Neumann ins Regietheater, das er "oft als verbildet" empfinde. "Mein Kernding", schreibt Keim sage Neumann, "ist das Schauspielertheater."  Als Autor sei er "ja Autodidakt", sagt Neumann schreibt Keim, "was in den Studiengängen 'Szenisches Schreiben' gelehrt wird, weiß ich gar nicht."

Über Neumann und seine neueste Regiearbeit beim eigenen Stück "Herzschritt" in Frankfurt am Main schreibt Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (17.11.2008): Da arbeite einer aus dem Bauch raus und ziele aufs Herz. "Wir sollen vor allem etwas spüren, wenn wir im Theater sitzen." Das Problem von "Herzschritt" sei allerdings die "gnadenlose Vorhersehbarkeit, mit der das abläuft". "Man sitzt und seufzt, ach ja, Menschen werden alt, Menschen werden einsam, Menschen werden müde. Und wo bleibt die Würde? Sozialarbeiterdramatik." Während bei Hermann Schmidt-Rahmers Uraufführung in Düsseldorf am Ende alles nach "Haushaltskittel und muffiger Wohnblocksiedlung" gerochen habe, versuche es Neumann in Frankfurt mit der "Poesie des Kalenderblatts vom Abreißkalender". Doch trotz einiger schöner Momente von Traute Hoess und Sabine Waibel, erzähle Neumann sein Drama "so vorhersehbar, wie er es geschrieben" habe. "Irritationen gibt es keine." Selbst Oliver Kraushaar als erotische Phantasie wirke so "zahm und weich, dass man ihm aus der Hand fressen würde".

In der Rhein-Main Zeitung der Frankfurter Allgemeinen (17.11.2008) schreibt Claudia Schülke: "Tiefe Menschlichkeit und das Zusammenspiel von Humor und Melancholie" grundierten Jan Neumanns "schnörkellos einfachen Texte". In "Herzschritt" bleibe Nähe das "Phantasma", "Angst vor Nähe" die "Realität". "Erfüllte Liebe" sei für Ursula unerreichbar, "das Leben ein Traum". Neumanns Ursula wolle nicht "nach Indien oder Kenia davonlaufen". Den Schritt, den sie dann doch tue, "macht sie nicht mit den Beinen, sondern mit dem Herzen und über dieses hinaus".

 

 
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