Fleischbeschau unter Frauen

von Wolfgang Behrens

Potsdam, 15. November 2008. Was steht da eigentlich auf dem Spiel, wenn die beiden Königinnen sich begegnen – das eine, einzige Mal im dritten Akt? Geht es, wenn doch die eine die Gefangene der andern ist, noch um Macht? Geht es um Schuld und Gnade? Um den moralischen Triumph des besseren Arguments? Oder geht es vielleicht – um Sex?

In der neuen "Maria Stuart" am Hans Otto Theater Potsdam neigt sich die Waagschale zugunsten des Letzteren, und die Szene ist drastisch: Über herbstlich welkes Laub schreitet eine welkende Frau – mit Sonnenbrille, Pelz, Handschuhen und Make-up verpanzert sie jeden Millimeter ihrer Haut –, und besichtigt das Fleisch einer Jüngeren.

Harte Fassade der Herrscherin

Elisabeth, die Königin von England, entkleidet Maria, ihre schottische Rivalin, bis auf die Unterwäsche, zerrt ihr die Strumpfhose herunter, betatscht ihre Brüste und fährt ihr – abgestoßen und erregt zugleich – mit der Hand in den Slip: Ja, das ist ein Weib, schön und fest. Solchermaßen gedemütigt, klingt es anders, wenn ihr die Stuart wütend "die wilde Glut verstohlner Lüste" vorhält. So verstohlen aber sind Elisabeths Lüste gar nicht. Schon ihr erster Auftritt zeigt sie in unzweideutiger Situation: "Dringt nicht weiter in mich", sagt sie – Schiller beim Wort nehmend –, und der Graf von Leicester (gespreizt männlich: Rainer Wöss) rollt von der Stöhnenden herunter.

Ein Gag ist das, der seine Lacher findet, doch für Petra Luisa Meyers Regie bedeutet er mehr. Denn die Inszenierung zielt vor allem auf das Drama einer alternden Diva ab, für die die sexuellen Ängste und Frustrationen zu einem Hauptmotiv des Handelns werden. Katharina Thalbach ist diese Diva, ist eine Elisabeth, die von Beginn an nur mit Mühe die harte Fassade der Herrscherin aufrecht erhält.

Knatternde Chefin und das blühende Leben

Natürlich kann die Thalbach das besonders gut: krächzend und knatternd die Chefin mimen, resolut ihre Hofschranzen zusammenpfeifen und ein paar durchaus drollige Wutausbrüche hinlegen. Doch wenn sie dann mit Madeleine-Albright-Frisur am Schreibtisch sitzt, lässt sie die Komik der Politikerinnen-Karikatur oft genug hinter sich und macht ihre Figur durchsichtig auf die privaten Nöte hin, die eben nicht nur die einer Herrscherin sind, sondern die einer alten Frau.

Ihr Gesicht fällt dann in sich zusammen, die Augen schweifen hilfesuchend umher, der ganze, eben noch so energisch auftretende Körper wird von Einsamkeit erfasst – oder von zwanghaften Essattacken aus wahrlich wenig königlichen Tupper-Schüsselchen. Die Maria Stuart Anne Lebinskys dagegen ist das blühende Leben – sie ist eine durch und durch selbstbewusste junge Frau, der ihre schuldhafte Verstrickung (immerhin war sie an der Ermordung ihres ersten Mannes nicht ganz unbeteiligt) herzlich egal ist.

Der Chic ihrer hohen Stiefel und der silbernen Handtasche genügen ihr offenbar, um sich ihres Ranges zu versichern. Von Selbstzweifeln weiß sie nichts, und auch nichts von stillem Duldertum – gelegentlich neigt sie sogar zu euphorischen Zuständen und feiert etwa im dritten Akt den Sieg ihres Sex-Appeals über den der Elisabeth mit dem wie berauscht wiederholten Ruf: "Isch bin euer Könisch" (sic!).

Abendmahl der anderen Art

Dass bei dieser Maria das katholische Sakrament, das sie sich – die Hinrichtung vor Augen – erbittet, zur Farce wird, versteht sich von selbst: Sie hat nichts zu bereuen. Entsprechend lässt sie sich das Abendmahl nicht vom Priester, sondern vom umbuhlten Leicester austeilen, dem sie noch lüstern die Finger leckt. Die weitgehende Reduktion auf die sexuelle Konkurrenz zwischen der alternden und der jungen Königin, wie sie sich in Meyers Inszenierung herstellt, funktioniert – so schmal der Ansatz auch sein mag – im Grunde ganz gut.

Und ermöglicht ein starkes Schlusstableau: Von der Widersacherin befreit, glaubt Elisabeth, nun endlich ihr eigenes Bild von sich formen zu können, und verwandelt sich erst jetzt in die bekannte Ikone mit roter Perücke und vornehm bleichem Gesicht. Doch die Ikone gerinnt ihr zur Fratze – die bröckelige weiße Tünche verdeckt die Greisin nicht, sondern kehrt sie noch hervor. Den Frustrationen und der Einsamkeit des Alters wird diese Frau jedenfalls nicht entfliehen.

Unnötige Zeichen für eine entfremdete Welt

Petra Luisa Meyer hat allerdings noch einiges mehr in die Aufführung hineingepresst als diese Grundidee – vor allem sogenannte Atmosphäre –, und das tut dem Ganzen weit weniger gut. Die hohen Loft-artigen, auf der Drehbühne rotierenden Räume mögen als ein modern imaginiertes Machtzentrum noch angehen. Die ständig hinter Milchglasscheiben, an Wänden oder in Türöffnungen lehnenden, lauschenden, rauchenden Männer aber, die aalig-gefährliche Lässigkeit demonstrieren, dazu die sterile Lounge-Musik, das bedrohliche Dröhnen von Hubschrauberrotoren oder das ach so beklemmende Geflüstere in Headset-Mikrofone – das alles sind bis zum Überdruss repetierte Zeichen für eine kalte entfremdete Welt: bedeutungsschwangeres Raunen, das von dem, was hier eigentlich verhandelt werden soll, nur ablenkt.

Maria Stuart
von Friedrich Schiller
Regie: Petra Luisa Meyer, Bühne: Matthias Schaller, Kostüme: Jessica Karge, Musik: Marc Eisenschink.
Mit: Anne Lebinsky, Katharina Thalbach, Rainer Wöss, Roland Kuchenbuch, Michael Scherff, Philipp Mauritz, Peter Pauli, Ulrich Rechenbach.

www.hansottotheater.de

 

 

Mehr zu Petra Luisa Meyer: Im Oktober 2007 inszenierte sie in Potsdam Putin hat Geburtstag und im November 2007 ebenfalls am Hans-Otto-Theater Verbrennungen.

 

Kritikenrundschau

"Von allen Perspektiven, das Drama der beiden Königinnen zu betrachten, interessieren die Regisseurin die politische und religiöse am wenigsten", schreibt Peter Hans Göpfert in der Berliner Morgenpost (17.11.) über Petra Luisa Meyers Potsdamer "Maria Stuart"-Inszenierung. Das "äußerliche Update" banalisiere die politische Handlung nur. Statt dessen werde "Schillers erotische Grundierung zum sexuellen Hauptmotiv". Und am Ende münde "das Drama endgültig in Farce". Katharina Thalbach als Elisabeth entspreche "nicht dem Ideal 'ein gebrechlich Wesen ist das Weib'", sei aber in manchen Momenten als "unkönigliche Dame ganz bei sich". Anne Lebinsky als Maria Stuart sei zumindest anfangs "eine beherrschte, auch darstellerisch mühelos stärkere Gegenspielerin".

Petra Luisa Meyer lote "den Kampf der Königinnen psychologisch aus, macht das alte Trauer- zu einem modernen Kammerspiel der Gefühle", meint Frank Dietschreit in der Märkischen Allgemeinen (17.11.). Dazu habe sie "ihr Personal mit Bedacht ausgesucht": Katharina Thalbach sei "eine ältliche, kleine, dralle Elisabeth", "ein Hausmütterchen der Macht". Anne Lebinsky dagegen sei "eine junge, groß gewachsene, schlanke Maria", "ein Super-Model der Opposition". Von politischer Aktualität halte die Regisseurin wenig, Es gebe keine gegenwärtigen Bezüge: "Statt herbeizitierter, konkreter Heutigkeit herrscht ein ortloses, ungefähres Jetzt. In ihm bricht sich die Banalität des Bösen Bahn."

Die beiden ungleichen Königinnen seien bei Meyer "Schublade pur", schreibt Lena Schneider in der Berliner Zeitung (18.11.). Lebinskys Maria eine Lolita, die die Männer mit entblößter Schulter um Hilfe anbettelt – dass eine zeitgenössische Inszenierung das Klischee-Bild von der Maria Stuart als "Hure" "so ungebrochen" aufnehme, sei "einfach ärgerlich". Thalbachs Elisabeth hingegen ist ganz "Möchtegern-Machtfrau in Hillary-Clinton-Perücke", jedoch verkleinere die Regie auch sie "geradezu denunziatorisch auf Schubladenformat", indem sie sie "schlicht als Neidhammel" zeige, "der lechzend auf die Jugend der Maria blickt". Das Treffen der beiden gerate somit "zum eifersüchtelnden Gerangel zweier Stereotypen: Schlanke, bloße Jugend gegen sich in Pelzen verbarrikadierende alternde Weiblichkeit". Dadurch reduziere die Inszenierung "den Konflikt aufs Hobbypsychologische". Im "holzverkleideten Büro-Realismus des Bühnenbildes" schrumpfe dieser Schiller, "trotz schauspielerisch guter Momente, auch optisch in Richtung TV-Serienformat".

 

 
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