Der Traum vom Kurzschluss

10. Dezember 2021. Das Performance-Trio Swoosh Lieu probt eine Utopie weiblicher Technik – mit einem Stativ in der Hauptrolle und irritierend-mitreißenden Bilderwelten der Magie-Technologie.

Von Grete Götze

10. Dezember 2021. Wie heißen die Kugeln doch gleich, die durch Berührung zuckendes Gas entladen, und wie funktioniert das überhaupt bei diesem mit fünf Kugeln und einem Lautsprecher versehenen Stativ, das gar niemand berührt? Wenn die Kritikerin erstmal verlegen googeln muss, um einen Protagonisten der Aufführung adäquat beschreiben zu können, dann hat "Swoosh Lieu" schon einiges richtig gemacht.

Starring: Das Kugelstativ

Das feministische Performancekollektiv aus Gießen hat die Sehgewohnheiten so unterbrochen, dass die Objekte auf der Bühne fremdartig wirken und in ihrer neuen Anordnung schwierig zu beschreiben sind. "Wir suchen nach einer anderen Ökonomie der Kräfte", erklingt es dazu passend aus einem der Lautsprecher, welche in "Dea Ex Machina" die Rolle der sprechenden Schauspieler übernehmen.

Doch der Reihe nach. Die Aufführung beginnt, in dem sie die alte Ökonomie der Kräfte zeigt. Die Zuschauer sehen auf einer Leinwand, wie in eine Suchmaske unterschiedliche Begriffe eingegeben werden, gefolgt von ihrer filmischen Auflösung: "Familienfreundliches Fernsehen" – ein Filmausschnitt aus der Sendung "Wetten dass" wird gezeigt, in der Thomas Gottschalk sich mehrfach unbekümmert-chauvinistisch gegenüber der eingeladenen Michelle Hunziger äußert, bis das Ladesymbol erscheint und das Bild zu hängen beginnt. "Claudia Neumann" wird eingegeben, danach kann man über die Fußballkommentatorin Kommentare lesen wie "Kotz" oder "Sie soll lieber beim ZDF den Flur wischen statt zu kommentieren."

Im Technikwald

So geht es weiter mit kurzen Videos von Menschen, die sich trans-feindlich und rassistisch oder christlich-fundamentalistisch äußern, bis ein Handydisplay auf der Leinwand erscheint und klingelt. Judith ist dran, erfährt der Zuschauer per Lautsprecher. Nebel zieht über die Leinwand  – "wir träumen von einem Kurzschluss" – und  es erscheint ein Bühnenbild, das eine schöne technische Abstraktion der Idee Wald zeigt. Auf den Boden sind aus Klebeband Schaltkreise von Platinen geklebt, viele Neonröhren hängen im Raum verteilt, rechts ist ein Bildschirm aufgebaut, links steht das sprechende Kugelstativ. In diesem komischen Technikwald gleiten zwei Performerinnen wie auf Rollschuhen scheinbar schwerelos über die Bühne oder schmeißen Steine in einen Nebelbrunnen. "Willkommen bei den Haecksen", begrüßt uns das Kugelstativ. Haecksen? Das Wort beschreibt weibliche Hacker, und ist eine Kreuzung aus Hexen und hacken. Im realen Leben ist es außerdem eine Gruppe, die sich mit Technik, Kultur und Feminismus beschäftigt.

dea ex machina 2 c charlotte bosling Haecks-Haecks! © Charlotte Bösling

"Wir lehnen die Idee von Menschlichkeit durch Lesbarkeit ab“, propagiert das Stativ im Wechsel mit einem anderen Lautsprecher. Während die Performerinnen löten und einander dabei filmen, erhält der Zuhörer nach und nach ein Glossar aus Worten wie "Interface", "Bug"oder Wortschöpfungen wie "Gebärix". "Wir sollen die Geräte nicht kennen. Wer weiß, wie sie wirklich funktionieren, hat die Macht", sagt die Haeckse aus dem Lautsprecher. Oder sie feiert "die Körperteile, die wir uns runterladen und ausdrucken". Den Stimmen geht es um eine Umverteilung, ihre Texte sind ein wütendes Empowerment, sie entwerfen eine Utopie. "Noch können wir etwas bewegen, aber die Zeit ist knapp!"

Das könnte alles ändern

Johanna Castell, Katharina Pelosi und Rosa Wernecke werkeln schon länger an der Entpatriarchalisierung des Theaters. Doch mit dieser Arbeit gelingt es "Swoosh Lieu" nicht nur kritische Gedanken in wortreiche Texte zu packen, die eine andere Gesellschaftsordnung fordern. Parallel dazu haben sie eine eigene, irritierende Bild- und Technikwelt geschaffen, die sich nur schwer entziffern lässt. Mit Scheinwerfern, die wie zwei Vögelchen auf Neonröhren sitzen und über ihren Lichtkegel miteinander technikzwitschern. Metallenen Libellen, die scheinbar von selbst fliegen können (wie funktioniert das?!). Oder beleuchteten Wasserbehältern in den Farben des Regenbogens. Dieser Kurzschluss braucht keine Körper mehr. Er ist gewaltig, anders und zischt. Und könnte alles verändern.

PS: Sie heißen Plasmakugeln.

 

Dea Ex Machina
Von Swoosh Lieu
Uraufführung
Konzept / Licht: Johanna Castell, Konzept / Sound: Katharina Pelosi, Konzept / Video: Rosa Wernecke, Bühne / Kostüm: Magdalena Emmerig, Puppenspiel / Robotik: Frieder Miller, Technische Leitung: Jones Seitz, Fachliche Beratung: Hannah Fitsch, Outside Eye: Friederike Thielmann, Assistenz: Felix Giesler, Ausstattungsassistenz: Katharina Olt, Produktionsleitung: Annett Hardegen / Vierte Welt Produktion, Technische Produktion: Gefährliche Arbeit.
Premiere am 9. Dezember 2021
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.swooshlieu.com


Kritikenrundschau

Swoosh Lieu starten stets mit Technik und "die Spielfläche von 'Dea Ex Machina' sehe futuristisch aus", so Marcus Hladek in der Frankfurter Rundschau (13.12.2021). "Statt narrationsfreundlicher Sichtachsen herrsche ein schaltplanartiges Nebeneinander unter Lichtkegeln. (...) Kurz: eine Welt der Naturwissenschaft und Technophilie." Andererseits wäre da auch die feministisch inspirierte Identifikation mit den "Haecksen" als Urmüttern, die mit dem Körper immer Bescheid wussten. Fazit: "Zu erleben, wie sich der als Gegen-Wissen zum Patriarchat positiv gewendete Hexenglaube via Feminismus in eine Performance schleicht, ist aufschlussreich."

Das sei ganz schön viel gewollt, was sich Swoosh Lieu thematisch vornehmen, schreibt Anna-Sophia Lang in der Frankfurter Allgemeine Zeitung (11.12.2021). Und genau so fühle es sich auch an, als würde man "überrannt werden von Geschichten, Ideen, Sätzen, Gedanken, Theorien des queerfeministischen Kollektivs". Daran könne auch die "unglaublich reiche" Bühne nichts ändern. Aber "es gibt Momente, in denen man ganz dar ist, weil man plötzlich ganz klar sieht." Und an "gutem Stoff und starken Motiven" mangele es dem Kollektiv sicherlich nicht.

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