Das Doppelleben der heiligen Johanna

von Sabine Leucht

München, 16. November 2008. Zugegeben: Der Mann ist klasse, vielleicht gar ein Genie. Aber nach diesem Abend im Münchner Haus der Kunst steht auch fest: Aufs Schreiben sollte er sich nicht verlegen. Andreas Kriegenburg, seit 2001 Oberspielleiter am Hamburger Thalia Theater und sehr viel länger schon einer der anerkannt phantasiebegabtesten, sensibelsten, musikalischsten und umtriebigsten Inszenatoren menschlicher Unergründlichkeit, hat sein erstes Stück geschrieben und es gleich selbst auf eine selbst ersonnene Bühne gebracht. Nun: Dass die Bühne schlicht und schön ist, hat dem Stück nicht viel genutzt.

Die Urform der unter dem Titel "Die Zelle" versammelten Monologe wurde 2004 während Kriegenburgs Arbeit an Schillers "Jungfrau von Orleans" geboren. Damals standen gleich zwei Johannas auf der Bühne des Thalia: Eine moderne Zweiflerin, für die es keine Rettung gab aus dem weißen Turmverlies, in dem sie gefangen war. Und daneben die von Gott gesandte Kämpferin – erdacht von Schiller und hinreichend geborgen in ihrem Glauben an Gott. Und für sie gab es Hoffnung.

Die Enge nach dem Dornröschenschlaf

Die freie, von keinem finanzierte und von vielen unterstützte Produktion im Haus der Kunst scheint nun jener in der Zelle Gestrandeten ein zweites Leben geben zu wollen. Ein Doppelleben genau genommen, denn auch in München treten wieder zwei Frauen an: Bettina Hamel und Julia Jaschke spielen sie als zarte Mädchenwesen am Rande der Hysterie, die ihre besten Jahre mit dem Warten auf das wahre Leben vertrödelt haben. Ganz als seien sie beim kindlichen Versteckspielen in einen Dornröschenschlaf gefallen und schauten sich nach etlichen Jahren verwundert um: "Ich kann mich nicht bewegen, mich nicht umdrehen, sag mir wo ich bin, ich sehe nur weiße Wände, Kalkweiß, Angstweiß, Meterhoch."

Über einem mit schwarzem, knirschendem Sand ausgestreuten Bühnenquadrat liegen Hamel und Jaschke zu Beginn auf ebenfalls quadratischen Brettern, die mit je vier sich überkreuzenden Stahlseilen an der hohen Decke befestigt sind. Erst nur unmerklich schaukelnd, können sich diese Bretter einzeln oder synchron um ihre Mitte drehen, urplötzlich absacken oder wie Schiffsschaukeln mit gewaltiger Dramatik den Luftraum durchschneiden. Der tragischen Heldin am Bug eines sinkenden Passagierdampfers gleich könnte nun dieses doppelte Lottchen aus Einsam- und Empfindsamkeit am Rand seines fliegenden Gefängnisses stehen. Das könnte herrlich sein, bleibt aber in durchaus vorhandenen Ansätzen stecken.

Exegeten der Verlassenheit

Die Namenlose, die eines Tages in einem Gefängnis erwacht und nicht weiß, ob sie träumt oder zum ersten Mal klar sieht, spricht mit zwei Stimmen von Enge und schneidenden Fesseln – und sehr ausufernd von den weißen, hohen Wänden, für die Generationen von Malern ihr Leben opferten. Dass die Schauspielerinnen dabei nichts umschließt als etwas weiße Seide und viel kühle Luft, ist eine der schönsten Ideen dieses kurzen Abends.

Und es ist die einzige Freiheit, die sich der sonst so spielerische Regisseur gegenüber seinem Text erlaubt. Die Schauspielerinnen mögen sich drehen und schaukeln, Zuschauer um Berührungen bitten oder mit bloßen Füßen weiße Spuren in den Sand zeichnen, sie bleiben doch immer vor allem Exegeten eines Textes, der Themen wie Bewegungsunfähigkeit, Verlassenheit und Fremdheit zu einer recht bemühten Studie des modernen Befindens verknüpft.

Klare Verhältnisse

Immer wieder wird ein geliebtes Gegenüber angerufen, immer wieder die eigene Existenz in Frage gestellt. Beides hat unüberhörbar miteinander zu tun – was sich aber philosophisch gibt, ist oft genug erschreckend banal, gnadenlos redundant und manchmal schlicht geschwätzig. Als Autor lässt Kriegenburg seine Protagonisten darüber räsonieren, wo im Körper sich die Kraft ballt, wie die Räume außerhalb der Zelle aussehen oder die Stelle, an der der Strick sich mit der Zellenwand verbindet. Als Regisseur lässt er seine Schauspielerinnen mit fast andächtigem Furor die eigenen, zuweilen reichlich pathetischen Worte rezitieren.

Und gerade, wenn man mit der zweigeteilten Antiheldin in den Grenzbereich zwischen Traum und Wirklichkeit, Ein- und Zweisamkeit abtauchen möchte, plädiert der Autor für klare Verhältnisse: "Es gibt keinen Gott, der mich in diese kleine verfickte Zelle, die mein Leben ist, geworfen hat." Beginnt der Abend noch sanft und träumerisch und so hoffnungsfroh wie ein Menschenleben, so endet er mit einer trotzigen Tirade auf Gott und die Sterblichkeit, die sich sehr darum bemüht, unfein und derb zu klingen. Es scheint fast so, als lege hier einer schreibend eine lockere Schlinge um (seine?) gesammelten Erfahrungen. Er hätte sie aber kräftig zuziehen müssen.

 

Die Zelle (UA)
von Andreas Kriegenburg
Regie und Ausstattung: Andreas Kriegenburg
Mit: Bettina Hamel und Julia Jaschke.

www.hausderkunst.de


Mehr lesen über den Vielinszenierer Andreas Kriegenburg? Im Januar 2008 verhalf er Dea Loher mit seiner Uraufführung ihres Stücks Das letzte Feuer am Hamburger Thalia Theater zu einem Triumph, die mit dem Stück im Mai 2008 den Mülheimer Dramatikerpreis gewann. Im September 2008 inszenierte Kriegenburg Kafkas Prozess in München.

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (18.11.2008) berichtet Christine Dössel von "Innerlichkeits-Phrasen, Einsamkeits-Plattitüden" und rät dem "Regie-Künstler" Kriegenburg, sich zukünftig lieber wieder "auf die Texte anderer Leute zu kaprizieren". Seine inszenatorische "Könnerschaft" jedoch zeige sich auch beim eigenen Stück "in der jede Schaukelbewegung, jede Fußspur im schwarzen Sand, jede Musikzuspielung aus den vier kleinen Bodenboxen zur Verstärkung eines poetischen Soges" beiträgt. Und Bettina Hamel und Julia Jaschke "verleihen den oft prätentiösen Sätzen Natürlichkeit und Empfindung". Wenn es "nicht so verdammt kalt" gewesen wäre, "hätte man sich in diese Angst- und Einsamkeitsparaphrase hineinträumen (können) wie in ein Gemälde von Watteau".

 

 
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