Bedrohliche Menschen-Schatten

19. Dezember 2021. Aus Frauen-Perspektive erzählt Marianne Fritz in "Die Schwerkraft der Verhältnisse" von einer Kindmörderin und der Enge der Verhältnisse. Bastian Kraft hat den Roman nun am Akademietheater Wien zur Uraufführung gebracht mit großartigen Schattenspiel-Szenen und einer eng gestapelten Wohnlandschaft.

Von Andrea Heinz

Wien, 19. Dezember 2021. Kindsmörderinnen sind beliebt am Theater, so beliebt, dass einer der größten Dramenklassiker davon handelt. Eher weniger bekannt sind dagegen die aus Frauenperspektive erzählten Geschichten von Kindsmörderinnen. So wie der 1978 von der österreichischen Autorin Marianne Fritz veröffentlichte Debütroman "Die Schwerkraft der Verhältnisse". Mit dem Robert-Walser-Preis ausgezeichnet, ein wirklich bemerkenswertes Buch, von einem Klassiker aber natürlich weit entfernt. Geschweige denn bekannt. 

Zur Uraufführung gebracht hat ihn nun am Wiener Akademietheater Bastian Kraft in einer beklemmenden Inszenierung, die gut passt zu einem Werk, das in vielem erschreckend deutlich zeitgenössischen Texten über isolierte junge Mütter in der Kleinfamilienhölle gleicht (etwa Kyra Wilders Debüt "Das brennende Haus"). So viel hat sich für Frauen halt auch nicht geändert seit den 50er und 60er Jahren.

Besuch im Fronturlaub

"Die Schwerkraft der Verhältnisse“ erzählt von Berta, wohnhaft in Donaublau, die sich von dem auf Fronturlaub weilenden Musiklehrer und Obergefreiten Rudolf erst Walzerklänge vorspielen und dann entjungfern lässt. In dem ausgelassenen Tanz mit Rudolf schimmert kurz durch, wie lebenslustig und fröhlich Berta sein könnte, es ist eine herzzerreißende Szene. Denn sie ist ein Unglücksrabe, wie ihre falsche Freundin Wilhelmine schon immer wusste, und das bestätigt sich, als Berta schwanger wird und Rudolf im Krieg seinen Kopf verliert. Buchstäblich.

Die Nachricht überbringt ihr sein Frontkamerad Wilhelm, ein Chauffeur, der ihr zuerst eine Blechmadonna an der Kette und dann den Ehering ansteckt, womit das Unglück seinen Lauf nimmt. Zu Beginn des Abends befindet sich Berta, nach vollzogenem doppelten Kindsmord und gescheitertem Suizid, bereits in der "Festung", einer kirchlichen Heilanstalt mit Betonung auf Anstalt.

Spiel mit Schattenspiel-Doppelgängern

Kraft inszeniert das mit Elementen des Stummfilms, eingeblendeten Überschriften (die auch den Roman gliedern), Live-Klaviermusik (Nils Strunk als Rudolf, dem es gelingt, seiner Figur in wenigen Szenen klare Konturen zu verleihen) und den Rückblenden in Schattenfiguren an die Rückwand geworfen. Diese Scherenschnitt-Szenen laufen manchmal parallel zum Geschehen im Bühnenvordergrund, manchmal werfen auch die Spieler:innen auf der Bühne ihre Schatten und interagieren in bemerkenswerter Präzision mit ihren Scherenschnitt-Doppelgängern, so wie auch die Zeitebenen sich immer wieder überlappen.

Das nimmt dem Spiel zwar einiges an Lebendigkeit und gibt dieser ersten Hälfte des Abends eine gewisse Schwere, die andererseits aber genau das vermittelt, was Berta erlebt: Die Distanz, in der das Leben an ihr vorüberzieht, die grausame "Schwerkraft der Verhältnisse", wie sie es nennt, die Isolation und Fremdheit.

Suche einer Frau

Katharina Lorenz spielt leise wie eindringlich diese grüblerische und immer zweifelnde, religiös verblendete Frau, die nach Wahrhaftigkeit, Transzendenz, "Innerlichkeit" sucht und von der zupackenden, Zweck- und Rationalitäts-versessenen Nachkriegsgesellschaft gleichsam überrollt wird. Die Namen sind nicht umsonst gewählt, schwarze Pädagogik und Militarismus des Wilhelminischen Zeitalters quellen noch immer an allen Ecken und Enden durch die gepflegte Oberfläche der vermeintlich Neuen Zeit.

Schwerkraft 2 Marcella Ruiz Cruz u Schatten, größer als man selber: Markus Mayer und Stefanie Dvorak in "Die Schwerkraft der Verhältnisse" © Marcella Ruiz Cruz

Wilhelmine jedenfalls (wundervoll verlogen und berechnend: Stefanie Dvorak), die es bereits vom ersten Kennenlernen an auf Wilhelm abgesehen hat, ist nun – wir befinden uns in den 1960ern – mit diesem verheiratet. Wie ein Bulldozer rumpelt sie durch die verschiedenen Zeitebenen, kanzelt Berta hier ab, belehrt sie dort. Wilhelm kommandiert sie herum, und es scheint, als gefiele ihm, von Markus Meyer als opportunistischer, grauer Biedermann gespielt, das weit besser als Bertas Indifferenz. Apropos grau: Die biederen karierten Karo-Röcke, schlecht sitzende Anzüge, die Sand- und Matschfarben dünsten den Mief der Nachkriegsjahre förmlich aus (Kostüme: Inga Timm).

Durch Schränke hindurch

An Kraft gewinnt der Abend noch einmal deutlich, als die Familienhölle Realität wird und aus dem Bühnenboden eine surreale deutsche Wohnwand auftaucht: Schränke, Küche, Bett und Wählscheibentelefon, Mama, Papa und die zwei Kinder, alles ist in die Vertikale gepresst. Um sich zu bewegen müssen die Figuren durch Schränke und Klappsitze kriechen.

Hier tötet Berta in einer verstörenden, präzisen Szene ihre Kinder (beeindruckend präsent: Lily MacGregor, Florian Benner). In der Anstalt, wo sich ein "weises Mütterchen“ (Barbara Petritsch) ihrer angenommen hat, wird sie Absolution und Frieden finden. Man weiß nur nicht recht, ob das eine gute Nachricht ist. Eine würdige Uraufführung jedenfalls für einen Text, dem man mehr Leser:innen nur wünschen kann.

 

Die Schwerkraft der Verhältnisse
nach dem Roman von Marianne Fritz in einer Fassung von Bastian Kraft
Regie: Bastian Kraft, Bühne: Peter Baur, Kostüme: Inga Timm, Musik: Nils Strunk, Video: Jonas Link, Licht: Friedrich Rom, Dramaturgie: Andreas Karlaganis.
Mit: Katharina Lorenz, Markus Meyer, Stefanie Dvorak, Nils Strunk, Barbara Petritsch, Anna Benner/Lily Macgregor, Beowulf Ziesel/Florian Benner.
Premiere am 18. Dezember 2021 im Akademietheater Wien
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Ronald Pohl schreibt auf standard.at (online 19.12.2021, 11:16 Uhr) die "Fritz-Figuren" lebten in Bastian Krafts "wunderbarer Einrichtung des Stoffes" permanent "über ihre Sprachverhältnisse". Sie trotzten "mit ebenso steilen wie rätselhaften Aussagen" der Kälte einer "für sie unverständlichen Welt". Um die "Hü-Hott-Dramaturgie des Fritz’schen Erzähltextes" zu "bannen" habe Bastian Kraft einen "ingeniösen Trick ersonnen", die Schauspielerinnen agierten mit "ihren 'alten' Schatten um die Wette". "Das Leben ist eine Wunde", viel mehr Einsicht in den "annähernd totalitären Charakter der Nachkriegsordnung" sei von diesen "Menschenkindern, die vor den Besitzenden buckeln und unbeholfen nach unten treten", nicht zu haben. Die schweigsame Katharina Lorenz als Berta sei das Ereignis dieses "gedankenklaren, schlichten und ungemein suggestiven Abends".

Martin Thomas Pesl schreibt in der Welt (online 19.12.2021) einmal im Jahr wage sich das Burgtheater unter seinem Direktor Martin Kušej an die "Wiederentdeckung einer vergessenen österreichischen Autorin". Nach Maria Lazar und Anna Gmeyner werde nun mit Marianne Fitz eine besonders Schwierige aus "ihrer Festung" hervorgelockt. Bastian Kraft bleibe dem Originaltext mit "ungewohnter Strenge" treu. So könne das Publikum "Fritzens unbarmherzig genaue Prosa" hören. Das Konzept des Schattenwurfs sei "technisch aufwändig", aber "visuell eher blass", über die Enge des später auftretenden Wohnungs-Setzkastens, könne man dagegen "nur den Verstand verlieren". Die drastisch Geschichte ziehe das Publikum in ihren Bann. Mucksmäuschenstill sei es, wenn Katharina Lorenz als Berta ihre Kinder ersticke, der "beklemmend stille Vorgang" schaffe einen Theatermoment, "der nachhaltig den Atem zum Stocken bringt". Mit "vollkommener Äußerlichkeit" kämen Kraft und Co. "dieser Innerlichkeit ersehnenden tragischen Figur beeindruckend nahe".

Das Burgtheater, schreibt Bettina Steiner in der Presse (20.12.2021), hebe das Stück auf einen "seltsamen Sockel". Die Schattenspiele erschienen als "handwerklicher Trick", sie lenkten vom Werk ab, der "monotone getragene Singsang", zu dem Kraft seine Schauspielerinnen zwinge, mache die Sache nicht besser. Auch nach dem Wechsel des Bildes, beobachte man die Vorgänge allenfalls mit Interesse, das sei aber zu wenig.

Gert Korentschnig schreibt im Kurier (20.12.2021) über diese "Medea-Geschichte in der Nachkriegszeit". Mindestens so sehr wie um die Fabel gehe es in dem Stück um die Träume der Wiederaufbau-Generation, "um ein Land, das sich erst wieder muss nach der Tragödie". Fabelhaft sei Krafts Fassung des Romans und seine szenische Umsetzung. Das Spiel mit den Schatten ergebe gleichzeitig Abstraktion und Verdichtung und einen "visuell höchst innovativen Theaterabend", der Roman werde zum "Schaubuch".

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentar schreiben