"Ich hasse Phrasen"

23. Dezember 2021. Regisseur Lukas Holzhausen spickt den Dostojewski mit Texten der US-Amerikanerin Ayn Rand und versucht eine vergegenwartete "Hymne an den radikalen Egoismus". Dostojewskis Zutaten werden eher homöopathisch beigemischt.

Von Frank G. Kurzhals

23. Dezember, 2021. Die erste Auslandsreise von Dostojewski ging 1862 nach London. Was er dort sah, war verstörend. Entfesselter Kapitalismus, live. Allenthalben wurde das Machbare allein deswegen umgesetzt, weil es möglich war. Der Londoner Kristallpalast, eine lichtdurchflutete Megaarchitektur, die das Machbare der Zeit konzentriert unter seinem Glasdach versammelte, wurde für Dostojewski zum abschreckenden Symbol der Moderne. Diese Kathedrale des Fortschritts huldigte keinem Menschen-Gott mehr, sondern nur noch der Technik. Aber wo kann der heimatlos gewordene Mensch noch hausen? Zwei Jahre nach dem London-Besuch beantwortet Dostojewski die Frage in seinen "Aufzeichnungen aus dem Kellerloch". Es ist ein provokanter Gegenentwurf zur Palast-Metapher, Existentialismus avant la lettre, und wirkungsmächtig bis in unsere Zeit.

Existentiell gemeinter Feinripp

All das ist in der von Lukas Holzhausen verantworteten Inszenierung im Hannoverschen Schauspielhaus allerdings nur in homöopathischer Dosis zu spüren. Für das Kellerloch steht hier, allzu erwartbar, die nackte Bühne, deren unheroische Technikausstattung die allfällige Rahmung bietet. Ein Stuhl, einige kleine Heizkörper, die dem Keller keine Wärme mehr zu geben vermögen, und eine hochziehbare große Hintergrundleinwand sind die Requisiten des gut anderthalb Stunden kurzen und doch immer wieder lang wirkenden Abends. Die Leinwand stimmt schnell mit flimmernden Menschenbildern aus dem Fernsehen, mit Personen, vielleicht auch Persönlichkeiten, auf das Grundthema des Abends ein. Dann ist ein altmodischer Fernseher auf ihr zu sehen, nur noch griseliger Schnee füllt die Mattscheibe. Die rauschende Schneefläche des Fernsehers wird zunehmend größer und bedeckt schließlich die ganze große Bühne. Das TV-Programm ist zu Ende und es gebiert das Theater.

Nachrichten aus dem Kellerloch. Bei nassem Schneenach der Erzählung von Fjodor DostojewskiSchauspiel Hannover, Ballhof EinsPremiere: 22.12.21Regie: Lukas HolzhausenBühne und Kostüme: Katja HaßVideo: Dimitri HolzhausenDramaturgie: Annika HenrichSzene mit: Fabian Dott, Hajo TuschyKeine Hoffnung auf eine "alles heilende echte Liebe" © Katrin Ribbe

In dem großen Monolog des ersten Teils, den Hajo Tuschy im wohl existentiell gemeintem Doppelripp -Unterhemd mit ebenso weißer Unterhose spielt (Bühne und Kostüm Katja Haß) spielt, entfaltet sich wortreich und gleichzeitig mit Sprache suchend der ganze Konflikt des modernen Menschen, seine Verlorenheit, seine erfolglose Suche nach Halt, seine Zerrissenheit. Es gibt den Menschen der Tat, und es gibt den Zögerliche-Unentschiedenen, der seine Freiheit zur Unvernunft nutzt, den Reflektierenden, also den im Kellerloch, der allerdings von den anderen, denen der Tat, weiß. Was ihn noch mehr zweifeln lässt. In diese angespannte Haltung kommt Hajo Tuschy mit seiner immer leicht belegten Stimme nur langsam. Sein Diener (Wolf List), der zum Ende des Stücks immer mal wieder die Rolle seines Herren einnimmt, ist hier noch sein Gegenpart, reizt seinen Herren, degradiert ihn fast schon zu plakativ. Das wiederum passt zu den ehemaligen Mitschülern seines Herren, die parodierend und persiflierend die Welt der Tat vertreten, singend und tanzend (Choreographie Michèle Stéphanie Seydoux) im Einklang mit den dann im Hintergrund abgespielten Fernsehausschnitten der hedonistischen 1960er Jahre und dem flotten Sound der Hammond-Orgel.

Kellerloch bleibt Kellerloch

Die vier Ehemaligen sind fraglos ganz bei sich, tragen Smoking mit fetzigem Hemd und modisch aufschreienden Sportschuhen, und stellen damit auch ihr in die Welt schreiendes überdummes Angerbertum lustvoll zur Schau. Mit dem der Kellerlochbewohner nicht mithalten kann und will, trotzdem verabredet er sich mit der swingenden Boygroup und gerät stante pede in eine Auseinandersetzung mit ihnen. "Ich hasse Phrasen", das kann er ihnen noch entgegenschleudern, doch da ist schon längst das gesellschaftliche Oben und Unten wieder verteilt. Und Kellerloch bleibt Kellerloch. Das Allerdings mit Ausblick. Denn im Bordell, in das er seinen ehemaligen Mitschülern folgt, trifft er Lisa, faszinierend sensibel und gleichzeitig voller Klischees gespielt von Fabian Dott.

Nachrichten aus dem Kellerloch. Bei nassem Schneenach der Erzählung von Fjodor DostojewskiSchauspiel Hannover, Ballhof EinsPremiere: 22.12.21Regie: Lukas HolzhausenBühne und Kostüme: Katja HaßVideo: Dimitri HolzhausenDramaturgie: Annika HenrichSzene mit: Bernhard Conrad, Léo Mathey, Zabi Tajik, Fabian DottDie vier ehemaligen, "ganz bei sich" © Katrin Ribbe

Doch den Ausblick auf eine alles heilende echte Liebe, den Lisa bieten könnte, zerstört der Kellerbewohner schnell als er merkt, dass auch die junge Prostituierte noch über ihm zu stehen scheint, wenn es um die Einheit von Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl geht. Er fühlt sich erneut degradiert, statt von der überraschende Ehrlichkeit Lisas geehrt zu sein. "Kann ein Mensch wenigstens sich selbst gegenüber ganz und gar aufrichtig sein", das fragt sich der zum Antiheld stilisierte Kellerbewohner immer wieder. Um das Ehrliche in Einheit mit dem Echten, die Suche nach dieser Möglichkeit des Menschseins, um diese hoffnungsvolle Vision geht es. Das Scheitern daran ist der Weg seiner persönlichen Geschichte. Aus den lichten oberen Etagen herab in den Keller der Gesellschaft. Man sollte sich Sisyphus eben doch nicht als glücklichen Menschen vorstellen.

Gravitation in die Gegenwart

Der Regisseur Lukas Holzhausen ist zum Ko-Autor von Dostojewski geworden und hat Texte der US-Amerikanerin Ayn Rand dem Schulfreund-Quartett in den Mund gelegt, eine Hymne an den radikalen Egoismus. Holzhausen möchte Dostojewski damit aktualisieren, seinen "Aufzeichnungen" und deren zweiten Teil "Bei nassem Schnee" mehr Aktualität geben. Tatsächlich wird alles dadurch noch holzschnittartiger. Es gibt aber auch beeindruckende Ausnahmen. Ganz zum Schluss tanzen Lisa und der Diener, dann löst der Kellerbewohner seinen Diener ab, tanzt selber mit Lisa, dann folgen die ehemaligen Mitschüler. Aus dem tastenden Walzer wird ein wilder Todestanz, eine getanzte Vergewaltigung, ein Reigen der sich unendlich schnell drehenden, alle in einen Strudel reißenden verschreckenden Menschen-Verachtung. Das zwischendurch zum Bordell gewordene Kellerloch wird zu einem alles verschlingenden schwarzen Loch. Mit eigentlich starker Gravitation in die Gegenwart. Doch von der berichtet die Inszenierung nur halbgar.

Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Bei nassem Schnee.
Nach der Erzählung von Fjodor M. Dostojewski
Inszenierung: Lukas Holzhausen, Bühne / Kostüm: Katja Haß,Choreographie: Michèle Stéphanie Seydoux, Video: Dimitri Holzhausen, Licht: Uwe Wegner, Dramaturgie: Annika Henrich.
Mit: Hajo Tuschy, Wolf List, Fabian Dott, Bernhard Conrad, Léo Mathey, Zabi Tajik.
Premiere am 22. Dezember 2021
Dauer 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-hannover.de

 

 Kritikenrundschau

Bei längerer Betrachtung bekomme "das scheinbar anachronistische Thema manchmal etwas schwebend Zeitloses," schreibt Stefan Arndt in der Hannoverschen Allgemeinen (24.12.2021). "Das Theater leistet es sich, einen Schritt zurückzutreten und die Dinge aus ungewohnt weit entfernter Perspektive zu betrachten." Gleichzeitig bringe das Ensemble den empfindlichen Text Dostojewskis durch sein Spiel aus dem Gleichgewicht: "Aus der intimen und vielschichtig anregenden Lebensbeichte wird so zu oft ein aufgedrehtes Lehrstück."

"Die Klarheit von Dostojewskis psychologischer Feinzeichnung geht verloren," sagt Stefan Gohlisch in der Neuen Presse (24.12.2021). "Holzhausen hat unlängst, als er in seiner famosen Inszenierung von "Ein Mensch seiner Klasse" ein menschliches Arbeiterdenkmal auf die Bühne stellte, bewiesen, dass am Theater ein guter Regieeinfall immer besser ist als zu viele." Dem gegenüber stünde teilweise grandiose Schauspielkunst des Ensembles.

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