Die Weberinnen

31. Dezember 2021. Was in Gerhart Hauptmanns Stück "Die Weber" noch handfest als soziales Unrecht erkennbar und als Klassenfrage manifest wurde, ist in unseren Zeiten des Plattformkapitalismus nur noch schwer dingfest zu machen. Thema von Enis Macis Stück "Bataillon", das Milena Michalak inzenierte? Hier kommt die letzte Nachtkritik des Jahres.

Von Gabi Hift

31. Dezember 2021. "Wir"- skandieren vier Schauspielerinnen lautstark im Chor und brechen sofort ab, zucken zusammen: so geht es nicht, sie haben einen Fehler gemacht. An ihren Körpern wachsen Beulen, die sie mit Grandezza tragen. "Wir" versuchen sie ein zweites Mal zu sagen. Wieder falsch. Das geht eine Weile, bis sie ein ganz leises, beiläufiges "wir" hinkriegen, und aufatmen: das war harte Arbeit.

Enis Maci, die Autorin des Stücks "Bataillion", ist der meistbepreiste Nachwuchs-Shooting-Star unter den Jungautorinnen. Seit sie im Frühjahr 2018, mit gerade 24 Jahren, auf der Szene erschien, hat sie in drei Jahren sieben Stücke und einen Essayband veröffentlicht, war zweimal hintereinander Nachwuchsdramatikerin des Jahres, ist zwischen einer Hausautorinnenstelle in Mannheim und hochkarätigen Aufenthaltsstipendien hin und hergejettet. Trotzdem hat sie es noch geschafft, sich heute Abend im Wiener Schauspielhaus zu verbeugen. Baff vor Staunen fragt man sich, ob ihr nicht irgendwann die Puste ausgehen muss – und leider ist das gerade bei diesem Stück passiert.

Angehäufte Netzfunde

"Bataillion", ein 2019er Auftragswerk aus ihrer Zeit in Mannheim und dort uraufgeführt, ist ein schwaches Sammelsurium von zusammenassoziiertem Material zum Thema Weben/Netzwerk/Web. Abgeliefert mit einer Grundhaltung, die quasi die ganze Welt aufzufordern scheint, ihr den Buckel runterzurutschen. Schließlich ist dass das wilde Springen von einer Assoziation zur nächsten, das scheinbar zusammenhanglose Anhäufen von Netzfunden, ihr Markenzeichen. In einem Interview sagt Enis Maci, die Machtfrage in der heutigen Öffentlichkeit sei: "Bei wem reicht ein Argument, und wer muss eine große Heulstory drum herum machen?".

Eine Heulstory ist "Bataillon" wahrlich nicht, sondern eine ziemlich brave Aneinanderreihung. Man bekommt mehr oder weniger das, was eine Suchmaschine ausspucken würde, wenn man die Anfrage

  • Weben, Netzwerk, web + berühmte Frauen.
  • Nichthierarchische Formen des Zusammenlebens in der Natur + berühmte Frauen

eingäbe – nur sprachlich ein wenig veredelt.

Das Korallenriff als Utopie und Modell

Milena Michalek, die Regisseurin des Abends, hat hier zum ersten Mal einen Fremdtext inszeniert, und wohl deshalb mit viel zuviel Respekt. Zuvor hat sie Stückentwicklungen mit Schauspieler:innen gemacht und dann den Text selbst geschrieben. Das letzte, “Koralli Korallo”, verhandelt ein ganz ähnliches Thema wie “Bataillon”: die Frage, wie man ohne Hierarchie zusammen leben könnte. Auch sie präsentierte das Korallenriff als mögliches Modell für ein nichtzerstörerisches Zusammenleben von Menschen,Tieren und Pflanzen.

Dieses Thema vereint jedoch nicht nur Autorin und Regisseurin. Es liegt in der Luft und hat seinen Ursprung bei Donna Haraway, deren Theorien man gerade in verschiedensten neuen Stücken begegnet. Schwierig wird es, sobald sich die Korallenriff-Utopie von einem symbiotischen, nicht hierarchischen Zusammenleben ganz praktisch im Zusammenspiel der Schauspieler:innen auf der Bühne zeigen soll. Da merkt man schnell, dass unter diesen Bedingungen fast nichts Menschliches mehr möglich ist: keine Leidenschaften, keine Wut, keine Anziehung, keine Konkurrenzkämpfe.

Widerstand und Subversion

Die vier Schauspielerinnen sprechen teils chorisch, teils abwechselnd, verkneifen sich nach dem Anfang ein allzubetontes "wir" und verkünden, WER sie sind: mal Kikimora, Geister aus dem slawischen Raum. Dann nordische Nornen, Skuld, Urd und Verdandi, dann Penelope, (hält sich die Freier vom Leib, indem sie sagt, sie könne erst einen von ihnen heiraten, sobald sie das Totentuch für Laertes fertig gestellt habe. Webt den ganzen Tag und trennt in der Nacht heimlich alles wieder auf), oder ukrainische Frauen, die in einem leerstehenden Ladenlokal am Rande Kiews Tarnnetze knüpfen für ihre Söhne an der Front und sich also “Tarnbataillon" nennen.

Bataillon MatthiasHeschl uUnter den blauen Kleidern wuchern enorme Beulen – Kostüme + Bühne: Laura Stellacci  © Matthias Heschl

WO sie sind? In einem Hochhaus, in einem Ladenlokal in der Ukraine, auf der Gefängnisinsel Pandataria. WAS sie tun? Sie weben. Als Widerstand und Subversion. Wogegen oder wovon wird nicht besprochen. In der Mitte der Bühne steht ein antiker riesiger Webstuhl, ein unnützes Monstrum, das nie benutzt wird.

Wahrheit wie Öl 

Die Schauspieler:innen stecken in knielangen Kleidern, unter denen sich monströse Beulen und Auswüchse abzeichnen. Es bleibt unklar, ob das aus den Körpern wächst oder Teil der Kleider ist. Die Schauspielerinnen sind wunderbar, sprechen perfekt, ihre Gesten sind expressiv, sie sind allezeit präsent – haben aber nichts Menschliches miteinander zu schaffen.

So wirken sie wie feine, für alles geeignete Schauspielmaschinen, die jederzeit auch echte Menschen darstellen könnten. Nur einmal befreit die Regisseurin sie aus den leicht hochmütigen Fängen der Autorin. Da sagen sie: "Wie sagt man dazu, wenn die Wahrheit als Ölfleck an der Oberfläche schimmert und man nur nach ihr greifen muss, und doch weiß, dass sie dann in alle Richtungen ... zerstriebt?" Auf einmal sind sie nicht mehr sicher, wie das Wort richtig heißen muss: "Zerstübt? Zerstübt?" Dann kommt eine auf "zerstiebt", erleichtert, sie fühlt: so stimmt es. Die erste (Vera von Gunten) probiert das aus, es kommt ihr aber doch nicht richtig vor. Das steigert sich in eine minutenlange wunderbare Comedynummer. Die Lust, sich an die Kehle zu gehen, wächst spürbar in allen, aber sie reißen sich zusammen bis sie ungeeint resignieren. Das ist eine kleine Insel des Witzes, ein Glücksmoment.

Silikon und Einvernehmen

Ganz zum Schluss findet auch Enis Maci zu ihrem Witz zurück. Ein junges Mädchen erscheint bei den Weberinnen und soll seine Geschichte erzählen. Aber zuerst kriegt es die Haare gewaschen. Die Friseurin heißt Monica Lewinsky und schimpft, dass noch immer niemand akzeptiert, dass die Geschichte eine einvernehmliche Sache gewesen sei. Und während sie das Mädchen mit silikonfreiem Shampoo einschäumt, geht der Beginn der Geschichte, die das Mädchen erzählt, in Musik unter.

Bataillon
von Enis Maci
Regie: Milena Michalek, Ausstattung: Laura Stellacci, Musik/Sound: Alexander Yannilos, Dramaturgie: Lilly Busch, Regieassistenz: Christina Ulrich
Mit: Vera von Gunten, Anne Kulbatzki, Clara Liepsch, Sophia Löffler, Karola Niederhuber
Premiere am 30. Dezember 2021
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

schauspielhaus.at

 

Kritikenrundschau

Erzählen bedeutet die Macht haben, deshalb sollen in Bataillon möglichst viele Frauen zu Wort kommen oder zumindest vorkommen",nfasst Michael Wurmitzer im Wiener Standard (3.1.2022) seinen Eindruck von der Stückintention zusammen. "Engagierte zwei Seiten umfasst das Quellenverzeichnis und eignet sich gewiss als feministisches Nachschlagewerk." Praktisch zerfalle das Stück jedoch leider zur eher disparaten Collage. Die Regie von Milena Michalek macht es aus seiner Sicht nicht besser. "Gewebt wird auf dem Webstuhl (Bühne von Laura Stellacci) jedenfalls den ganzen Abend nicht. So weit, so gut: Er wird als Klischee weiblicher Aufgaben beklettert, getreten. Mit körperlichen Verrenkungen und exzentrischer Artikulation versucht man auch sonst, dem Text Plastizität zu geben. Nur führt das zu nichts."

 

 

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentar schreiben