Venedig oder Venensaft

12. Januar 2022. Von Blut bis Leitartikelbrei, von Diskursverwurschtelung bis Windrad als Gesamtkunstwerk. Martin Gruber und sein aktionstheater ensemble feiern mit "Die große Show" am Werk X in Wien einen alles und alle verwurstenden Großkinder-Geburtstag

Von Theresa Luise Gindlstrasser

12. Januar 2022. Kaum aufgetreten, bekommen sie schon applaudiert, die Michaela und die Susanne. Letzterer 60. Geburtstag soll mit einer, nein, mit "Die große Show" begangen werden. Und das Premierenpublikum aka die Fangemeinde von Regisseur Martin Gruber und seinem aktionstheater ensemble haut rein in die Hände für Szenenapplaus after Szenenapplaus. Es gibt halt aber auch einfach einen Zauberkünstler auf der Bühne. Der Raphael kann zum Beispiel den Flaschentrick. Also Prosecco aus der Jackentasche, dem Luftballon oder sonst woher zaubern. Susanne: "Jetzt geht's mir wieder gut. Jetzt geht's mir wieder besser." Michaela: "Geht's dir wieder gut? Geht's dir wieder besser?." Susanne: "Ja jetzt geht's mir wieder gut. Jetzt geht's mir wieder besser. Wo war ich stehen geblieben?."

Humanismus und Kinderspiel

Von wegen stehen geblieben. Textlich geht’s business as aktionstheater-mäßig rasant assoziativ zu. Das Nibelungenlied als Geburtstagsständchen führt zur Beschäftigung mit dem Begriff "Humanismus" führt zu einem Lob junger Männer, "die auch ein bisschen was können", nämlich der vier Musiker, die davon unbeeindruckt und stur im Bühnen-Hinten stehend an ihren Instrumenten werkeln. Die alles Politische ins Private verwurschtelnden Tiraden stürzen bei Gelegenheit genüsslich in lakonische Pointen ab. "Ja, Venedig, mein Gott", kommentiert die Schauspielerin Susanne Brandt ein gegen Paravents projiziertes Photo ihres eigenen Gesichts. Kollegin Michaela Bilgeri will lieber eine Ziege nach Afrika schenken und kontrolliert unablässig den Sitz des soundsovielten, soundsoopulenten Abendkleids. Und während sie spricht und spricht und spricht, erkunden ihre Finger ihre Brüste. Die aktionstheater-Verwurschtelungen erzählen vielleicht weniger von Erwachsenen-Eitelkeit, als von Kinder-Neugierde, von einer unbefangenen, unbegrenzten, unanständigen Lust an sich selbst und der Welt.

Blut fließt

Apropos! Es ist ja eine Show und also gibt es Show-Einlagen. Ein Kind namens Fridolin sagt ein Gedicht über Fürze auf. Schauspieler Benjamin Vanyek bemitleidet mit Jacque Brel über-betulich "Die Chancenlosen". Und Autor Elias Hirschl propagiert Blutspenden. Wieso? Weil das ist "das Mindeste und gleichzeitig das Wichtigste, was man tun kann, gegen die Spaltung in der Gesellschaft". Blut fließt in den Adern der Geimpften, der Ungeimpften, der Nazis. Möge also diverses Blut in den Adern aller fließen, auf dass sich alle mit allen verbinden.

Blöd nur, dass kurz darauf der ewig offenen Mundes über seine eigene Magie staunende Raphael Macho mit einem ungerecht verlaufenden Trick die beiden Schauspielerinnen spaltet. Die fetzen sich. Und Susanne gibt Michaela eins auf den Kopf mit der Weinflasche. Blutüberströmt moderiert diese den letzten Teil ihrer Show, also der Show für die Susanne.

Es hängt alles zusammen und geht doch zu Bruch

Die Sache mit der Magie, die Sache mit der Verbindung – an einer Stelle ist von "Windrädern als Gesamtkunstwerk" die Rede – ergibt eine, im Vergleich zu gedanklich überraschenderen Arbeiten des aktionstheater ensembles, etwas unergiebige Themenspur. Es hängt alles zusammen und geht doch zu Bruch. So ungefähr.

Außerdem bleibt der Abend, bei allen Einlagen und allem schauspielerisch-virtuosem Körperklamauk, ur-statisch. Es wird sich, im Vergleich zu choreographisch gesetzteren Arbeiten, kaum gemeinsam oder gegeneinander bewegt. Und am Ende zergeht die ganze schöne Show in einen wohl stimmungsvoll gemeinten, deshalb ästhetisch mit Nebel garnierten, musikalischen Brei. Wobei das thematisch, so von wegen alles mit allem, ja stimmig wär. Schmeckt aber nicht. Da ist sie also, die Sehnsucht nach dem distinguierteren "Piccolöchen".

 

Die große Show
von Martin Gruber und aktionstheater ensemble
Konzept, Inszenierung: Martin Gruber, Text: Martin Gruber und Ensemble, Dramaturgie: Martin Ojster, Musik: Kristian Musser, Video: Resa Lut, Maxans.
Mit: Michaela Bilgeri, Susanne Brandt und Raphael Macho sowie Elias Hirschl, Benjamin Vanyek, Jean-Philip Viol, Martin Hemmer, Pete Simpson, Kristian Musser und Fridolin.
Premiere am 11. Januar 2022
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.werk-x.at

 

Kritikenrundschau

Es gehe "in dieser Geburtstagsshow hoch her", berichtet Petra Paterno in der Wiener Zeitung (13.1.2022). "Regisseur Martin Gruber spricht in dieser eher melancholischen Performance manche Aspekte rund um das Älterwerden und damit einhergehender Verluste an, ohne etwas platt auszuerzählen. Zu den Höhepunkten der Aufführung zählen Elias Hirschls Gegenwartsbetrachtungen. Wie der 27-jährige Wiener Autor in seinem Kurzauftritt den Aufruf zum Blutspenden mit einer Anklage der Impfgegner zu verquicken weiß, ist beste Satire."

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