Besser als Sex: der deutsche Aktienindex

15. Januar 2022. Ein ehrgeiziger Lügner und ein scheinnaiver Boomer: die perfekte Kombi für eine Unternehmensgründung. Vom Start-up wird der Zahlungsdienstleister Wirecard zum Global Player – und zu einem der größten Finanzskandale ever. David Gieselmann und Christian Brey überführen die Story in ein Schauspielspektakel mit Musicaltouch.

Von Valentina Tepel

Mainz, 15. Januar 2022. Der Abend beginnt mit einer Lüge. Ein grinsender Typ in Dagobert-Duck-T-Shirt steht am Bühnenrand und lässt seine Mutter (Monika Dortschy) glauben, er verdiene Geld, so dass sie dieses jeden geleisteten Arbeitstag verdoppelt. Es ist der noch junge Jens Marlicek, Hauptfigur des Abends und beeindruckend gespielt von Nachwuchstalent David T. Meyer. Viele Jahre später: Nun steht ein leicht nervöser Mann an der Rampe. Knuffig blickt er ins Publikum und tippt dann etwas tattrig ganz langsam in eine imaginäre Tastatur: "Wie...kauft...man...eine...Bank...?" Markus Schwartz (Klaus Köhler), Vorstand beim Finanzdienstleister Instacard, ist die zweite Hauptperson des Wirecard-Abends von Autor David Gieselmann und Regisseur Christian Brey.

Vom Money Maker zum Money Faker

Es war der Wirtschaftskrimi des Jahres 2020. Groß geworden durch die Abwicklung des Zahlungsverkehrs für Pornoseiten und Glücksspiele, wird der Finanzdienstleister Wirecard zunächst zum Money Maker und Shooting Star, bringt Investor:innen in Wallungen und gibt den aktienbesitzenden Normalos unter uns Hoffnungen auf eine sorgenfreie Zukunft. Als dann allerdings herauskommt, dass das Unternehmen Geld lediglich erfunden hat und nicht wirklich besitzt, wird Wirecard zum meistgehassten Unternehmen Deutschlands – nicht nur im Büro von Olaf Scholz, damals noch Finanzminister und als Aufsichtspflichtiger unter Druck.

Wirecard-Vorstandsmitglied Jan Marsalek, gesucht wegen Geldwäsche, Betrug und Geheimdienstaktivitäten sowie seinen Kompagnon und Wirecard-Vorstandsvorsitzenden Markus Braun im Knast zurücklassend, ist seitdem mit mehreren 100 Millionen echten Euros auf der Flucht.

Villa Alfons2 Kruna Savic Holger Kraft c Andreas Etter uKapitalismus ist Klasse: Kruna Savic und Holger Kraft © Andreas Etter

David Gieselmann setzt in seinem Stück auf einfache und humorvolle Sprache, die auch Laien das Thema verständlich macht. Bei Gieselmann und Brey heißt Wirecard Instacard, die Wirtschaftsprüfer:innen sind nicht von EY, sondern von C & Y. Marsalek und Braun werden zu Jens Marlicek und Markus Schwartz und alle anderen Figuren wechseln schneller ihr Kostüm als Harry Potter "Quidditch" sagen kann.

Tanz den Dax

Generell liegt der Fokus der Inszenierung auf Text und Schauspiel. Elisa Limbergs Kostüme setzten auf einheitliche, knallige Farben, sie sollen die Rollenwechsel erschließen. Und der übergroße Pappmaché-Dachs (oder Dax?) von Bühnenbildnerin Anette Hachmann bleibt auf der sonst leeren Bühne bis zum Ende ein Stillleben. Nur zweimal wird er benutzt: um draufzuklettern und durchzukriechen. Dennoch ist es ein imposantes Bild, wenn er, horrormäßig ausgeleuchtet, den menschengemachten Tragödien vergangener Geldverluste ins Herz zu blicken scheint, während Schwartz auf ihm wie der Joker tanzt. Ein Hingucker ist er garantiert.

Ausgefeilte Ensemblearbeit ist nötig, wenn sieben Schauspieler:innen das Fünffache an Figuren wiedergeben müssen. Da finden sich dann Journalist:innen, die eine hippe Band mit dem Namen "Fuck Money" sein könnten, eine Gurkentruppe von Finanzprüfer:innen, begriffsstutzige Börsenmarkler:innen, gewiefte Ex-Geheimdienstler und Ministerpräsidenten mit politisch nicht ganz korrekten Outfits. Sie grölen und wüten, heulen und singen dabei: "Besser als Sex: Wir sind im deutschen Aktienindex". Das Ganze wird durch eine überdramaturgisierte Geschichte abgerundet: Mit Off-Stimmen, einer Erzählerin, Musikeinlagen und Lichtwechseln werden die vielen Szenenwechsel jedes Mal aufs Neue angekündigt.

Die Tragödie dieser Komödie

Am Anfang noch amüsant rasant, erlebt der Abend gegen Ende einen Knick. Die Schauspieler:innen spielen sich – teilweise schreiend – um Kopf und Kragen, um den vielen Figuren gerecht zu werden. Zudem schwankt der Text vor allem gegen Ende zwischen auserzählten Witzen und sexistischen Aussagen, die in der Inszenierung zwar gut aufgefangen werden, aber dennoch eventuell einfach verzichtbar sind.

Villa Alfons3 Monika Dortschy Klaus Koehler Katharina Uhland c Andreas Etter uAlle haben so viel Spaß: Monika Dortschy, Klaus Koehler und Katharina Uhland © Andreas Etter

Zusammengehalten wird der Abend von Vincent Doddema, der aus seinen vielen Figuren das Beste herausholt: ob als steppender Quickbank 24-Emoji, eine Bierbank aufbauend, als hysterischer Schauspielstudent oder als cholerischer Chefredakteur im Zwiegespräch mit seiner anderen Figur des Ex-Geheimdienstlers inklusive Faible für Gartenzwerge hetzt er gekonnt von einer Figur zur nächsten.

Während Gieselmann in Wiesbaden, wo er sich 2020 in seinem Stück "Casino" mit einem realen Fall von Intrigen der Kommunalpolitik auseinandergesetzt hat, noch Erfahrungsberichte der ruinierten Menschen eingebaut hatte, fehlen in "Villa Alfons" die Geschichten vernichteter Existenzen, obwohl es sie zu Genüge gibt. Zudem wird zwischen den Figuren kein Unterschied gemacht – sie sind alle nicht ernst zu nehmen in ihren Grandiositäts-Gefühlen. Das ist vielleicht die Tragödie dieser Komödie: Die kritischen Stimmen bleiben leise, denn in der Bank haben offenbar alle Spaß. Gieselmann zieht dies schon in seinem Text konsequent durch und Brey schließt sich dem Motto an: Es ist eben ein Lehrstück ohne Lehre.

Villa Alfons

von David Gieselmann
Regie: Christian Brey, Bühne: Anette Hachmann, Kostüm: Elisa Limberg, Musik: Matthias Klein, Licht: Ulrich Schneider, Dramaturgie: Boris C. Motzki.

Mit: Klaus Köhler, David T. Meyer, Kruna Savić, Holger Kraft, Vincent Doddema, Katharina Uhland, Lisa Eder, Monika Dortschy.
Premiere am 14. Januar 2022
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-mainz.com

Kritikenrundschau

Die Inszenierung belustige sich nicht "an den Opfern des Wirecard-Skandals, sondern am Sein und vor allem Schein der Banker", schreibt Juri Sonnenholzner im SWR Mainz (14.01.2022). "Die Wirecard-Wunde ist noch offen." Trotzdem lasse es sich lachen über das, was sich in der titelgebenden "Villa Alfons" zuträgt. Das sei sehr charmant inszeniert und anders als erwartet. Der Abend bedeute zwei Stunden Lachen und Kopfschütteln. "Danach Wut und Groll. Darüber, dass der Rechtsstaat das alles möglich werden ließ und bis ins ferne China lobbyierte."

Von einer "turbulenten Komödie" und einem gelungenen Spaß schreibt Eva-Maria Magel in der Rhein-Main-Ausgabe der FAZ (18.1.2022). Dem Dramatiker David Gieselmann bescheinigt sie "Wortwitz" und freut sich an "Sophistereien, Klischees. und Kalauern" auf der Bühne. Vieles, was den Skandal ausmache, sei in Text und Spiel "so komödiantisch überzeichnet, dass darunter tatsächlich die Ambivalenz eines Finanzskandals hervorschimmert."

Als sehr unterhaltsam beschreibt Johanna Dupré die Inszenierung im Wiesbadener Kurier (17.1.2022). Gieselmann habe den Aberwitz des realen Falls Wirecard noch einmal zugespitzt. Fazit: "Eine turbulente, kurzweilige Inszenierung", die eigentlich auch ein Musical sei. Zur Kurzweiligkeit trage auch das entfesselte und urkomische Spiel des Ensembles bei.

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