Sie sind nicht tot zu kriegen

16. Januar 2021. Anna Bergmann macht aus Elfriede Jelineks Stück über einen faschistischen Massenmord in den letzten Weltkriegstagen einen krassen Totentanz. Mit Nazi-Bonzen, Ballerei, Grillparty, Rapmusik, Freischütz-Jägerchor und der ewigen Wiederkehr des Bösen.

Von Reinhard Kriechbaum

16. Januar 2021. Jeder Tanz hat ein Ende, sogar ein Totentanz. Und dann ist's eben Schluss mit Drehungen, mit Ver-Drehungen. Der Vorhang ist gefallen, die Gräfin (SonaMacDonald) wirft ihre grüne Abendrobe ab, streift ein unauffälliges schwarzes Kleid über. Zum ersten Mal in diesen knapp zwei Stunden, in denen sie als Diseuse so etwas wie die Stimmungsmacherin der Ungestimmtheit war, hebt sie zu einem großen Monolog an: "Ertrage mich jetzt, liebes Land", will sie den Zeitzeugen und den Nachgeborenen ins Stammbuch schreiben. Was für ein Ansinnen von einer, die wahrscheinlich an einem der größten Kriegsverbrechen im Land mitbeteiligt war!

Feierlichkeit mit Massenmord

Aber so genau weiß man das ja nicht und will es in Österreich – schon gar nicht vor Ort im südburgenländischen Rechnitz – so genau wissen. Auch nach einem Dreivierteljahrhundert nicht. Ja, es gab dort ein nächtliches Massaker an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern. Eine Abendgesellschaft im Schloss einer Gräfin Batthyàny-Thyssen hat sich, sozusagen als Mitternachtseinlage ihres Fests, ans Morden der Wehrlosen gemacht.gemacht.

Von "hohlen Menschen", ist bei Elfriede Jelinek öfters die Rede, "the hollow men" in Anlehnung an T. S. Eliot: ausgehöhlt, entleert aller Menschenwürde, ausgeronnen in die Nicht-Erinnerung. Das Massengrab der 180 in den allerletzten Kriegstagen Ermordeten ist nicht wieder aufgespürt worden. Die kurz nach dem Kriegsverbrechen einmarschierte Rote Armee hat die Grube zwar geöffnet, es gab einen Prozess, aber Augenzeugen sind rätselhafterweise umgekommen oder hatten sich längst ins Ausland abgesetzt, in die Schweiz, nach Argentinien. Dann war ehernes Schweigen. Es ist im Wortsinn Gras über die Sache gewachsen.

Rechnitz 2 C Philine Hofmann1Gewehr im Anschlag: Robert Joseph Bartl, Tamim Fattal, Dominic Oley, Elfriede Schüsseleder, Michaela Klamminger und Oliver Rosskopf spielen Jelineks "Rechnitz (Der Würgeengel)" © Philine Hofmann

Mit "Rechnitz (Der Würgeengel)" hat die Jelinek so etwas wie die Ur-Parabel über die Täter/Opfer-Lüge geschrieben. "Boten" lässt sie zu Wort kommen, die sich aus unterschiedlichen Perspektiven heranarbeiten an vage Vermutetes oder willentlich Vergessenes, an schönfärberisch zurecht Formuliertes oder besserwisserisch Eingemahntes. Nicht nur die vermuteten Täter, auch die Leichenfledderer mit erhobenem Zeigefinger bekommen ganz besonders ihr Fett ab.

Viel ist hineingepackt in diesen Text, in dem die Jelinek nicht nur mit den für sie typischen Wort-Verdrehungen und Wort-Verbiegungen arbeitet, sondern raffiniert auch mit Vorvergangenheit und Vorzukunft jongliert. Damit stellt sie die Lauterkeit aller Geschichts-Betrachtung grundsätzlich infrage.

Grillparty und Totentanz

Mit diesem hinterhältig Vagen gibt sich Regisseurin Anna Bergmann, scheint's, nicht so gern ab. In ihrer Spielfassung fürs Theater in der Josefstadt sind die Boten zu sehr konkreten Figuren mutiert. Da gibt's einen Waffenmeister, Nazi-Bonzen und dienstbares Personal sonder Zahl. In einer Episode landen sie alle in einer Fernseh-Quasselshow, und gegen Ende begegnet uns die Gruppe, verjüngt, als Garten-Grill-Gesellschaft.

Rechnitz 3 C Philine Hofmann1Das Josefstadt-Ensemble auf der Bühne von Katharina Faltner © Philine Hofmann

Immer aber sind es Gestalten eines Totentanzes. Diesem Genre eignet seit dem Mittelalter ein Hang zum Überzeichnen, zum Karikieren, und so hält's auch Anna Bergmann. Sie bringt eine kolorierte Holzschnittfolge bildmächtig in Bewegung. Die Drehbühne steht fast nie still. Es wird herumgeballert auf Teufel-komm-raus. Keine Sorge, Erschossene tauchen gleich wieder auf, als Wiedergänger ihrer selbst. Diese Personage ist nicht tot zu kriegen – was eh die Jelinek auch so sieht. Aber der feinen Ambivalenz, der stets lauernden Bosheit ihres Texts wird diese über-turbulente Inszenierung nicht so gut gerecht. Irgendwie wünscht man sich dann doch Jelineks "Boten" herbei, und mit ihnen auch mehr reflexive Ruhe.

Von Rap bis Freischütz

Auf der Habenseite zu verbuchen: Hier ist ein Ensemble am Werk, in dem so gut wie alle das lokale Idiom drauf haben. Jelinek mal ganz "österreichisch" – das passt in die Josefstadt, wo man übrigens mit "Rechnitz (Der Würgeengel)" das erste Mal ein Stück der Literaturnobelpreisträgerin bietet. Ein Kapitel für sich ist die Musik von Moritz Nahold und Heiko Schnurpel. Ein Panoptikum, zugleich Pandämonium vom Rap bis zum Opern-Rezitativ, vom Volkslied bis zum Jägerchor aus dem Freischütz. Und immer Sona MacDonald ganz vorne. Sie trifft in jeder Musik-Lebenslage den rechten Tonfall.

Ihr gehört auch das Ende – und dieses Ende hat's dann doch in sich, weil es sich so entscheidend von der Dauer-Betriebsamkeit zuvor abhebt. Da ist also "Gräfin" allein. In einem Video sehen wir sie am Ort des Geschehens. Sie sammelt Steine ein (Knochen der irgendwo dort unter einem Acker Ruhenden gibt’s ja nicht), sammelt sie in einem Tuch und stimmt für sie das jüdische Totenlied, das Kaddish an. "Das Vergangene ist nicht Musik in unseren Ohren", hat Elfriede Jelinek in einem Essay über Rechnitz geschrieben. Hier ist es doch Musik – fast wirkt es wie eine Wiedergutmachung sträflichen Vergessens.

 

Rechnitz (Der Würgeengel)
von Elfriede Jelinek
Regie: Anna Bergmann, Bühnenbild: Katharina Faltner, Kostüme: Lane Schäfer, Musik: Moritz Nahold, Heiko Schnurpel, Choreografie: Simon Eichenberger, Video: Sebastian Pircher, Licht: Manfred Grohs, Dramaturgie: Barbara Nowotny, Dramaturgie Assistenz: Leonie Seibold.
Mit: Sona MacDonald, Michaela Klamminger, Elfriede Schüsseleder, Götz Schulte, Oliver Rosskopf, Robert Joseph Bartl, Tamim Fattal, Dominic Oley.
Premiere am 15. Januar 2022
Dauer: 1 Stunde 55 Minuten, keine Pause

www.josefstadt.org

Kritikenrundschau

"Keine Macht der Welt kommt gegen das Schweigen von Rechnitz auf, auch nicht Jelineks beispiellose Sprachgewalt," schreibt Ronald Pohl im Standard (16.01.2022). Anna Bergmann und das famose Josefstadt-Ensemble würden zu einer Art Ruhe nach dem Sturm gelangen. "Diese ist trügerisch, weil das Schweigen von Rechnitz unversöhnt weiterdröhnt."

"Eine stimmige Inszenierung mit komplexer Musikalität und eindrucksvollen Visualisierungen," schreibt Norbert Mayer in Die Presse (16.01.2022). Trotz der knappen Aufführungsdauer sei der Abend ein wenig zu lang. Jedoch beeindrucke vor allem "Sona MacDonald als Gräfin in ihrer Rage, mehr aber noch in den stillen Momenten und vor allem auch bei ihren variantenreichen Gesangseinlagen. Ihre Mitspieler und Mitspielerinnen bewiesen in Mehrfachrollen, dass die Josefstadt ein tolles Ensemble hat."

"Anna Bergmann entschied sich für eine radikale Enthistorisierung," schreibt Thomas Götz in der Kleine Zeitung (17.01.2022). Dem Team verlange die grelle Travestie Bergmanns viel ab. Ohne die vielfachbegabte Sona MacDonald fehle ihm der Halt.

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