Im Brennglas der Illusion

16. Januar 2022. Krieg, Gewalt, Flucht: Nikolaus Habjan nimmt sich der Geschichte eines Neunjährigen an und erzählt seinen Weg raus aus der zerbombten Heimat – mit intensivem Puppenspiel.

Von Steffen Becker

16. Januar 2022. Ein Junge auf der Flucht, drei Pipeline-Rohre im Kammertheater des Schauspiels Stuttgart, ein schmieriger Schlepper – die Zutaten von "Fly Ganymed" von Paulus Hochgatterer klingen nach Anklage, nach Tod und Verderben, nach Blick in die Hölle. Der Stücktitel nach mythologischer Dramatik. Die Inszenierung von Nikolaus Habjan bietet nichts davon – dafür so genannte "lebensgroße Klappmaulpuppen" und den Blick ins Innere eines Kindes in Ausnahmesituationen. Woran liegt es, dass das mehr berührt als die Katastrophenbilder, die einem beim Flucht-Thema zuallererst in den Sinn kommen?

Aktualisierung nicht notwendig

Wahrscheinlich am Hauptberuf des Autors. Der Österreicher Paulus Hochgatterer ist Kinder- und Jugendpsychiater. Mit den Traumata von Kindern, die unbegleitet aus Krisengebieten fliehen mussten, beschäftigt er sich seit Jahren. "Fly Ganymed" erschien auch schon 2012: zu früh für einen Mainstream, der erst 2015 lernte, dass Flucht ein Thema ist. Nicht zu spät für eine deutsche Erstaufführung 2022. Denn: "Es war trauriger Weise nicht notwendig, das Stück zu aktualisieren", sagt Regisseur Habjan in einem Vorab-Interview.

fly ganymed 2 c bjoern klein1Adeline Johanna Rüss belebt den Neunjährigen mit Fluchterfahrung © Björn Klein

Was politisch bedauerlich sein mag, ist die Stärke von "Fly Ganymed". Wir erfahren nichts über das Herkunftsland des Jungen, wenig über den Fluchtgrund (außer exakt gezählte 52 Einschusslöcher in der Wand der Schule). Aber wir hören seinen Großvater, der ihn antreibt, sich alles einzuprägen: Die Form der Ohren des Nachbarmädchens, die Geschichten, die man sich über die verrückte Alte erzählt, die Schlaglöcher der Dorfstraße. Die Mahnungen von Elmar Roloff als geduldiger Opa kommen vom Band – das ermöglicht Regisseur Habjan, ihn auch in anderen Szenen als ständigen Begleiter, als Halt, als Stimme im Ohr des Jungen zu zeigen. Die sanfte wie sorgenvolle Präsenz von Roloff, wie die ganze Unaufgeregtheit der Inszenierung, machen den tiefgreifenden Verlust von Heimat begreifbar.

Puppen, die in Seelen blicken lassen

Dass "Fly Ganymed" sich dem Publikum nicht aufdrängt, sondern sich umso effektiver Schritt für Schritt in die Seele vorarbeitet, liegt auch am Einsatz der Puppen. Sowohl der kleine Junge als auch eine ältere Jugendliche, die zeitweilig die Röhren und die Fahrerkabine des Flucht-LKW nutzt, werden von Schauspieler:innen der Hochschule für darstellende Künste, Studiengang Figurentheater, bewegt. Und sie machen ihre Sache großartig.

fly ganymed 3 c bjoern klein1Leisten sich Trost und Gesellschaft auf ihrer Flucht: Adeline Johanna Rüss und Anniek Vetter als Junge und Jugendliche © Björn Klein

Die Puppen haben keine Mimik. Ihre Emotionen entstehen allein durch die Motorik und die Stimmen der Schauspieler:innen. Anniek Vetter und Adeline Rüss bemalen die Projektionsfläche Puppe in den Köpfen des Publikums mit den Bildern einer mürrisch-gestressten Jugendlichen und eines die Angst überplappernden Jungen. Neben pragmatischen Erwägungen (Woher Kinderdarsteller:innen nehmen?) ermöglichen die Puppen Habjan zudem Bilder, die sonst in ihrer Drastik nicht zum Grundton des Stücks gepasst hätten.

Stärker durch die Illusion

Im Begleitheft spricht der Regisseur davon, dass man ein schauspielerndes Kind nicht schlagen könnte: "Wir konzentrieren uns dann auf die Entlarvung der Illusion, weil wir nicht wahrhaben wollen, dass da ein Kind geschlagen wird. (…) Das Publikum wird sich bei einer Ohrfeige sofort denken: Ah, das ist ein Kinderdarsteller, diese Ohrfeige ist gespielt." Lasse man sich dagegen wissentlich auf eine Illusion ein – da ist eine Puppe, die man als Kind annimmt –, falle die Konzentration auf die Entlarvung weg und die Empfindung werde stärker. Klingt paradox, funktioniert aber.

Die Ohrfeige, das Herumschubsen des Buben bei einer erkennungsdienstlichen Behandlung, die folgende Flucht ins Nacherzählen eines Computerspiels, das Gefühl von Ausgeliefert-Sein trifft das Publikum umso unvermittelter. Das liegt nicht nur am emotionalen Umweg über die Puppe, sondern auch an der gelangweilten Routine, mit der die realen Schauspieler:innen (Jannik Mühlenweg und Therese Dörr als Grenzbeamt:innen, Gábor Biedermann als Schlepper:in) ihre jeweilige Verfügungsgewalt ausüben.

Notwendige Erschütterung

Insofern hat Regisseur Habjan das Stück doch aktualisiert. Was zu seiner Entstehung 2012 ein wenig beleuchtetes Thema war, ist heute Alltag: "Pushback" ist das (Un-)Wort des Jahres 2021. In Europa wuchert der Stacheldraht. In griechischen Lagern nagen Ratten Kleinkinder an. Die Medien berichten. Aber an all diese Gewalt haben wir uns gewöhnt. "Fly Ganymed" gelingt es, diese Gleichgültigkeit zu erschüttern – zumindest für eine Stunde und 30 Minuten.

 

Fly Ganymed
von Paulus Hochgatterer
Regie: Nikolaus Habjan, Bühne und Kostüme: Denise Heschl, Musik: Kyrre Kvam, Dramaturgie: Gwendolyne Melchinger.
Mit: Adeline Rüss, Elmar Roloff, Anniek Vetter, Gábor Biedermann, Jannik Mühlenweg, Therese Dörr, Gabriele Hintermaier.
Premiere am 16. Januar 2022
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspiel-stuttgart.de

 

Kritikenrundschau

Rührend, wenngleich ein wenig zu gesprächig findet Angela Reinhardt im Reutlinger General-Anzeiger (17.01.2022) das Stück, welches 2012 in Wien uraufgeführt wurde. Manches sei auch in der Inszenierung "arg klischeehaft". Aber das bedrohlich-suggestive Bühnenbild von Denise Heschl, die atmosphärische Musik von Kyrre Kvam und manch gute Ideen des Regisseurs sorgten dennoch "für einen nachdenklichen Abend". Faszinierend sei, wie man als Zuschauer:in die eigenen Emotionen auf den Puppen-Jungen projiziere: "Fröhlich wirkt er, scheint zu lachen, dann sieht man die Angst in seinen Augen blitzen, alles im selben, auf geheimnisvolle Weise ausdrucksvollen Puppengesicht."

Autor Paulus Hochgatterer habe Figuren geschrieben, "die alles andere als erwartbar und immer mehr als nur Opfer sind", schreibt Dorothee Schöpfer in der Stuttgarter Zeitung (17.1.2022). Und durch das Zusammenspiel der Puppen- und der Schauspieler:innen sei der Puppen-Junge "ganz fix kein lebloses Ding mehr, sondern ein Kind, dem wir alle seine Ängste, seine Widerborstigkeit und Bedürftigkeit abnehmen". Wenn es für Schöpfer überhaupt eine Schwachstelle in dem "90-Minuten-Drama" gibt, dann "das Ende, wo mit dem Gehakel zwischen Polizei und Sozialarbeit in Deutschland noch ein weiterer Schauplatz eröffnet wird". Aber auch das habe "seinen eigenen Witz".

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Kommentare

Kommentare  
#1 Fly Ganymed, Stuttgart: zu wenigmarkus 2022-02-17 22:14
lieber steffen becker, liebe kritikerinnen,
ich komme da jetzt eben raus aus der vorstellung und ich weiß, die zeiten sind schwer für die theater und ich gebe zu, das ist ein wichtiges thema, das der abend verhandelt. aber jetzt kann man doch mal den inhalt von der form trennen und die moral ausblenden und dann muss man doch relativ nüchtern feststellen, dass es sich um die große bühne am stuttgarter schauspiel handelt, einem zumindest früher mal relativ wichtigen sprechtheater und das sowas nicht geht. das geht nicht. so kann man hier nicht auf- und abtreten, so kann man keine musik auf die bühne bringen, so kann man keine szenen bauen und wechseln, das darf man so hier nicht machen. das finde ich einfach unglaublich traurig und der abend kann in seiner ästhetischen unbedarftheit auch nicht berühren, nicht ein erwachsenes, seherfahrenes publikum, das ist einfach nur langweilig, da sind nur klischees auf der bühne von vorne bis hinten und abgesehen von den puppenspielerinnen ist da einfach keine kunst, keine inszenierung, keine lust und keine phantasie und das stück, also naja, ich kann mich ja selbst nicht mehr hören und hör auf.
#2 Fly Ganymed, Stuttgart: Ganymed didn't flyTheaterfan 2022-02-20 10:22
Leider leider muss ich, müssen wir der Kritik von marcus zustimmen. Das war neben dem guten Puppenspiel überhaupt kein Theaterelebnis, na ja, vielleicht noch die Bühne in gewissen Momenten, wenn die Röhren aus dem Rauch durchschienen, das war eine gewisse Ästhetik. Die Stimmen der Hauptpuppe: enervierend. Die echten Schauspieler_innen: dilletierend, dem klischeehaften Text geschuldet. Leider nichts von dem eingelöst, was das Thema hergeben könnte. Wer im Stuttgarter Theaterhaus die Aufführung "see not rescue" aus Protokollen der seawatch gesehen hat mit authentischen Überlebenden, der hat eine Ahnung vom Leid dieser Menschen. Hier: Fehlanzeige. Ich denke, der Schlussapplaus galt vor allem der Kunst der Puppenspielerinnen und vielleicht noch dem dezent präsenten Elmar Roloff. Einziger Lichtblick für uns: Nach der Vorstellung hörten wir eine Besucherin sagen: "Ich hab gar nicht gewusst, dass das mit den Flüchtlingskindern so schlimm ist." Immerhin was...

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