Wie im richtigen falschen Leben

21. Januar 2022. PMA – "Porno mit Adorno" – ist ein Nachrichtensender. Hier wird einer besonderen Form des ästhetischen Widerstandes gehuldigt, zu der All-Star Philosoph Theodor W. Adorno den dialektischen Theorieinput geliefert hat. Oder? Regisseur Felix Rothenhäusler nimmt sich in seiner Pop-Oper der kulturindustriellen Widersprüche 2.0 an.

Von Andreas Klaeui

21. Januar 2022. Adorno? Der Zürcher Singer-Songwriter Faber sagt es im Zeitungsinterview klipp und klar: "Ich kann Adorno nicht lesen". Er empfinde seine Texte als "extrem ausschließend". Handkehrum sind wohl wenige philosophische Merksätze im Alltag so präsent wie eben die Adornos, gerade aus den "Minima Moralia", die diesem Abend zugrunde liegen: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen", "Das Ganze ist das Unwahre", "Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen". Und so weiter. Ein dialektisches Dilemma, das das Neumarkt mit Regisseur Felix Rothenhäusler jetzt überwinden will, indem es Adorno zum philosophischen Popstar erklärt und den Pop – vielmehr die "Hyper-Pop-Oper" – zur Form des ästhetischen Widerstands.

Und wie Hyperpop mehr Mindset ist als wirklich ein Genre, also eine Überwindung, bestätigt das Theater Adorno, indem es ihn mit einer eigenen Erfahrungswelt abgleicht und seine Post-War-Aphorismen in die digitalen Weiten einer pornografisch-prüden Kulturindustrie 2.0 schickt.

Litaneihafte Dringlichkeit

Nicht mehr "Reflexionen aus dem beschädigten Leben" will der Abend folgerichtig bieten, sondern "Nachrichten über das beschädigte Leben". Der Neumarkt-Saal wird zum Newsroom, PMA – Porno mit Adorno – ist ein Nachrichtensender. Eine mächtige Newsbar in Front, Greenscreens, digital eingefügte Hintergrundbilder, Studiobildschirme, über welche fortwährend irgendwelche Headlines laufen, alles wie im richtigen falschen Leben. Den Klangteppich dazu liefern nervöse Signet-Loops, die Speaker in schlecht sitzenden (an den Schultern viel zu breiten) Anzügen verlesen die Meldungen mit der perfekt litaneihaften Dringlichkeit der Nachrichtensprecher.

Porno mit Adorno1 Philip Frowein uNachrichtensprecher:innen bei PMA | Yan Balistoy und Sophie Krauss © Philip Frowein

Unter die Faits divers ("Jugendliches Blutplasma verlängert Leben", "Briten vergraben jedes Jahr Schmuck im Wert von 69 Millionen Dollar") mischen sich Deep-Fake-Interviews mit Stars wie Diego Maradona und Gwyneth Paltrow, und gedankenblitzweise echter Adorno. Nicht unbedingt erstaunlich, aber gleichwohl frappant daran ist, wie nahtlos sich seine Analysen weiterhin auf eine Konsumgesellschaft anwenden lassen, in der Leben (nach einer seiner Formulierungen) nach wie vor nur mitgeschleifter Anhang eines materiellen Produktionsprozesses ist. Es gibt nichts Neues unter der kapitalistischen Sonne.

Keine Sau interessiert sich für dich

"Meine gebleichten Zähne kompensieren mein Innenleben", singt derweil Faber, der nun doch Adorno gelesen hat und auf der Bühne steht, obwohl er dem Neumarkt zur Saisoneröffnung einen geharnischten Brief an das Theater geschrieben hat ("Ich hasse dich, weil du dich fragst, ob du relevant seist, und du zum Schluss kommst, dass du's bist. Aber keine Sau interessiert sich für dich. No front. Dein Publikum sind drei RentnerInnen, acht Szenis und eine Schulklasse, die kommt wegen Deutschunterricht und die scheißt's tierisch an. Fuck it. Weitermachen."). Bei den PMA-News ist er in erster Linie für den Wetterbericht zuständig und prognostiziert mit apokalyptischer Sanftmut einen Hurrikan-plus sowie Tsunami in nie dagewesenem Ausmaß, mithin so was wie den Weltuntergang, aber "kein Grund zur Sorge".

Porno mit Adorno2 Philip Frowein uWeltuntergang – aber kein Grund zur Sorge! | Yan Balistoy, Sophie Krauss und Faber © Philip Frowein

Das ist alles sehr geschmeidig und anregend, dramaturgisch dicht und insofern tatsächlich auch "Oper", als der Soundtrack durchkomponiert ist und den Text jeweils kommentiert, mal eher hektisch drängend, mal mehr ironisch distanziert, dann aber auch lyrisch innehaltend bei einem Abschnitt wie "Sur l'eau", der das Nichtstun als widerständigen Entwurf reflektiert. Faber singt betörend, rappt arrogant, spielt Luftklavier am Greenscreen. Die Lebensbeschädigungen somatisieren, das falsche Leben durchzuckt die Speaker und schüttelt sie – ganz ähnlich wie die doch so anders gearteten Entfremdungsspezialisten von Christoph Marthaler. Da helfen auch keine breiten Schulterpolster mehr. Die Studiolichter flackern, die Bildschirme wackeln, die Erde bebt, was nach dem kapitalistischen Tsunami noch bleibt, ist die Utopie vom "Rien faire comme une bête".

Nicht das wahre Ganze 

So kann man die "Minima Moralia" heute lesen. Es bewahrheiten sich allerdings auch manche von Fabers Vorbehalten gegenüber Adorno und dem Theater – wer von Adorno gar nichts weiß, wird hier eher draußen bleiben. Zu bruchstückhaft erweist sich am Ende das philosophische Nachrichten-Bulletin, bei allem zeitgenössischen Esprit, zu zufällig herausgepickt aus dem philosophischen Überfluss. Das wahre Ganze kann der Abend natürlich ohnehin nicht abbilden. Aber immerhin neugierig machen darauf.

 

Porno mit Adorno
Nachrichten über das beschädigte Leben
Eine Hyper-Pop-Oper
von Hayat Erdoğan, Faber, gpt-3 und Felix Rothenhäusler
Regie & Konzept: Felix Rothenhäusler. Dramaturgie & Konzept: Hayat Erdoğan. Musik & Konzept: Faber. Musik, Komposition & Album: Faber, Jo Flüeler, Goran Koč, Janos Mijnssen und Moritz Widrig. Bühne: Sina Knecht. Kostüm: Elke von Sivers. Video: Juan Ferrari. 3D-Animation: Sara Bissen.
Mit: Yan Balistoy, Faber, Sophie Krauss.
Premiere am 20. Januar 2022
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.theaterneumarkt.ch


 

Kritikenrundschau

Fabienne Naegeli berichtet im Schweizer Rundfunk SRF (21.1.2022) aus dem Neumarkt: "Die Inszenierung ist sehr dicht, wenn man Adorno gar nicht kennt – eine Herausforderung, die bestenfalls zum Lesen anregt." Naegli "fand sehr gelungen, wie das Stück die Überforderung, diesen apathischen lämenden Zustand, den Adorno beschreibt, ins Heute übersetzt und durch die Musik miterleben lässt". Der Sänger Faber, der im Strom der negativen Nachrichten und Botschaften zur Kulturindustrie wie ein Zombie auftrete, sei "der Gegenpol in dieser absurden teils auch ins Lustige überdrehten Nachrichtenmaschinerie. Und zwar mit seiner Musik."

Im Freitag (27.1.22) beschreibt Anna Bertram den Abend als die "totale Affirmation, in der alles dermaßen zur Spitze getrieben wird, bis es in einer völligen Überzeichnung stehen bleibt." Dies sei "eine geradezu körperliche Erfahrung, in der keine Zeit für Aufatmen, aber auch nicht für Abschweifen bleibt" und schaffe dabei "eine Ästhetik voller Übertreibung und Aushalten. Diese fordert und tut ein bisschen weh, macht aber in all dem neugierig und vor allem Spaß."

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