Bloß nicht auffliegen!

27. Januar 2022. Von der Kunst, Schweres leicht wirken zu lassen, Ernst in Tändelei zu verwandeln, Wahrheit in Schönheit, erzählt Thomas Manns spätes Romanfragment "Felix Krull". In Aalen bietet der regieführende Intendant Tonio Kleinknecht für seine Buchadaption eine Riege von Artisten auf, um unbeschwert aufzuspielen.

Von Georg Kasch

27. Januar 2022. Nach der Pause ist er endlich da, der zirzensische Übermut. Da wirbeln die fünf jungen Artist:innen Keulen und Bälle und sich selbst durch die Luft, schlagen Räder und Flic Flacs, räkeln sich an Trapez und Seil, steppen und singen mehrstimmig Kylie Minogues "Can't Get You Out Of My Head". Für etwa zehn Minuten wird nichts erzählt, außer wortlos von der Kunst, schwere Dinge leicht erscheinen zu lassen.

Gleichgewichtskünstler unter sich

Warum das alles in einer Inszenierung von Thomas Manns Romanfragment "Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" über jenen charmanten Verführer, der zu nutzen weiß, dass ihm Frauen- wie Männerherzen zufliegen und sie ihm jede Rolle abkaufen? Weil Krull im dritten Buch, erstes Kapitel, in den Zirkus Stoudebecker geht, dort die Gymnastiker, die Clowns, die Luftnummern bewundert, allen voran die Trapezkünstlerin Andromache. Als Hochstapler ist er naturgemäß selbst ein Gleichgewichtskünstler, der anscheinend schlafwandlerisch sicher durchs Leben geht, auch wenn es ihn mitunter größte Fantasie, Wagemut und Schauspielkunst kostet, nicht aufzufliegen.

Krull 1 Peter Schlipf uNicht zu fassen: Julia Sylvester als Hochstapler Felix Krull mit Diana Wolf und der Artist:innengruppe © Peter Schlipf

Man begreift also, was Tonio Kleinknecht, Intendant eines der kleinsten Stadttheater Deutschlands, dazu bewogen hat, zu seinen drei Schauspieler:innen noch fünf Absolvent:innen der Accademia Teatro Dimitri zu engagieren. Lou Steiger, Larissa Wagenhals, Jeele Johannsen, Lennart Naether und Mayra Bosshard verkörpern pantomimisch den Fahrstuhl, den Krull als Liftboy bedient, Krulls Schulklasse und auch den Tennisball, den sie in Zeitlupe übers imaginierte Netz gleiten lassen. Daneben agieren sie in zahlreichen Nebenrollen, singen, tanzen, musizieren.

Episoden aus dem Leben des Hochstaplers

Man sieht und hört ihnen sehr gerne dabei zu – am liebsten aber, wenn die Artistik reiner Selbstzweck wird. Denn als szenische Elemente dehnen sie die Erzählung eher, statt sie zu beflügeln. Wer den Roman nicht kennt, ist ohnehin ziemlich aufgeschmissen in Kleinknechts Fassung. Statt Linien zeigt er Episoden: ausgiebige Partys im Elternhaus mit Vaterselbstmord, Krulls Krankheitssimulation, seine Erkenntnis in der Garderobe eines Opernsängers, wie weit Schein und Sein auseinanderklaffen können. Das alles vor und auf einem Podest mit Schminktisch darauf, an den Seiten riesige Kleiderstangen für rasche Rollenwechsel. Krulls Leben ist ein Spiel – und eine Frage der richtigen Verkleidung.

Gags statt Ironie

Vielleicht liegt es an der schwierigen Akustik in der riesigen Aalener Stadthalle (später wird die Inszenierung im viel kleineren Kulturbahnhof gezeigt), dass statt der Mann'schen Ironie über weite Strecken ausufernde Gags und szenische Ticks die Bühne beherrschen. Das Raunen und Spreizen und Höhöhön, mit denen Arwid Klaws seine Vater- und Arzt-Nebenrollen versieht, macht sie nicht lustig, nur lächerlich. Die berühmte Musterungsszene, eine der witzigsten der Literaturgeschichte, wird bei ihm zum faden Militärklamauk. Diana Wolf gelingt es nach einigen gröberen Skizzen schließlich als Marquis und Señora Maria-Pia, einprägsame Miniaturen zu entwickeln.

Krull 1 Peter Schlipf uIn Kostümen von Birgit Barth: Julia Sylvester bedrängt von Diana Wolf und den Artistinnen © Peter Schlipf

Lange geht an diesem Abend unter, was an Krull nun so charmant oder interessant sein soll, dass alle auf ihn fliegen oder reinfallen, weil Julia Sylvester keinen Raum zur Entfaltung bekommt. Wenn Krull aber zum Doppelgänger des Marquis de Venosta wird, beruhigt sich nicht nur die Inszenierung, sondern wird auch Sylvesters Hochstapler plastischer, charmanter, undurchsichtiger. Nun spreizen sich auch die Artistik-Szenen nicht mehr selbstgenügsam, sondern fügen sich ein in die Erzählung. Ein Chanson kündigt Paris an, ein Fado Lissabon, das ist schon gut gemacht und zudem ausdrucksstark gesungen.

Solcherart verdichtet, konzentriert, beruhigt, könnte der Abend versöhnlich enden. Allerdings will Kleinknecht seinen Krull nicht mit dem offenen Schluss des Fragments davonkommen lassen. In Aalen scheitert Krull wie ein freidrehender Richard III. unter einer aufblasbaren Krone an sich selbst, verfällt endgültig dem (Größen-)Wahn. Schade. Man hatte sich gerade erst ans Ende der Eindeutigkeiten gewöhnt.

 

Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull
von Thomas Mann
in einer Fassung von Tonio Kleinknecht
Regie und Bühne: Tonio Kleinknecht, Mitarbeit Regie: Jeele Johannsen, Dramaturgie: Tina Brüggemann, Kostüm: Birgit Barth.
Mit: Diana Wolf, Julia Sylvester, Arwid Klaws, Lou Steiger (Artistik), Larissa Wagenhals (Artistik), Jeele Johannsen (Artistik), Lennart Naether (Artistik) und Mayra Bosshard (Artistik).
Premiere am 26. Januar 2022
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, eine Pause

www.theateraalen.de


Kritikenrundschau

"Schauspielkunst gepaart mit Artistik, Tanz, Musik und Varieténummern - Kleinknecht fährt nicht nur das Besteck des Sprechtheaters auf", schreibt Dagmar Oltersdorf in der Schwäbischen Post (28.1.2022). Julia Sylvester zeige einen Krull, der viel nach Außen agiere, aber innerlich in jeder seiner Rollen seltsam unbeteiligt scheint. "Ein Abend, der Spaß macht, für Hirn, Auge und Ohr. Der Applaus des Publikums gilt sicher diesmal nicht dem Blender Krull."

Regisseur Tonio Kleinknecht packe die Geschichte in einen fast schon surreal anmutenden Traum. "Dafür bedarf’s einiger Kunstkniffe. Der beste sei, dass Kleinknecht den Frauenliebling Felix Krull weiblich besetze, schreibt Ansgar König in den Aalener Nachrichten (28.1.2022). "Und Julia Sylvester nutzt diese Steilvorlage." In ihren Monologen dürfe sie sich so richtig austoben.

 

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